Am 27. Januar 2005 präsentierte der Förderverein, aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz, erstmals eine eigene Ausstellung mit Opfern des Nationalsozialismus. Unter dem Titel „Es war eine Fahrt durch die Hölle“ porträtierte der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Joachim Hennig 16 NS-Opfer aus Koblenz und Umgebung, die nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. Ergänzt wurde die Ausstellung durch Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern des Eichendorff-Gymnasiums, die im Sommer 2004 eine Studienfahrt nach Auschwitz unternommen hatten. Zur Eröffnung der Ausstellung hielt Joachim Hennig die nachfolgend dokumentierte Rede:

 

Einführung in die Ausstellung „Es war eine Fahrt durch die Hölle“
gehalten zur Ausstellungseröffnung am 17. Januar 2005
von Joachim Hennig, Stellvertretender Vorsitzender des
Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!
„Es war eine Fahrt durch die Hölle“ ist der Titel der ersten eigenständigen Ausstellung des Fördervereins Mahnmal Koblenz. Wer von Ihnen die Aktivitäten des Fördervereins in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass wir jetzt zum dritten Mal eigene Tafeln über Schicksale von Opfern des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Zum 27. Januar 2003 haben wir die Wanderausstellung „Frauen im Konzentrationslager“ im Haus Metternich gezeigt. Zu dieser Ausstellung – als deren regionalen Teil - hatte ich zwölf Porträts von Frauen aus Koblenz und Umgebung erarbeitet. Im letzten Jahr – am 27. Januar 2004 – gab es die Wanderausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ über die Situation und Verfolgung von Kindern und Jugendlichen im Nationalsozialismus. Auch dazu habe ich als regionalen Teil 12 Kinder und Jugendliche aus Koblenz und Umgebung biografiert. Inzwischen haben wir aus diesen Tafeln und weiteren eine Dauerausstellung „Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung“ erstellt. Wir können sie – auch auf längere Sicht – im Kurt-Esser-Haus in unmittelbarer Nähe des Medienladens zeigen. Sehr froh sind wir, dass Frau Schulte-Wissermann die Schirmherrschaft für diese Ausstellung übernommen hat. Ein ganz herzlicher Dank an unsere Schirmherrin Gunhild Schulte-Wissermann. Ihr stetes Engagement bei dieser schwierigen Thematik ist uns eine große Hilfe.
Im Zusammenhang mit dem 27. Januar dieses Jahres zeigen wir zum ersten Mal eine selbständige Ausstellung ausschließlich mit Opfern aus Koblenz und Umgebung. Ich habe sie speziell aus diesem Anlass erarbeitet. Die Tafeln und auch die Lesemappen, die die Tafeln ergänzen, wurden wieder von der Firma Copy Print Service (CPS) in der Stegemannstraße realisiert. Ich freue mich, Sie, Frau Müller und Herrn Schönhofen, von der Firma CPS hier begrüßen zu kön-nen. Einen Zuschuss zur Herstellung der Ausstellung haben wir in diesem Jahr wieder von der Stadt Koblenz und auch von der Sparkasse Koblenz erhalten. Für diese freundliche Unterstützung darf ich Ihnen, sehr geehrter Herr Graulich, und stellvertretend für die Stadt Ihnen, Herr Preußer,sehr herzlich danken.
Mit unserer Ausstellung sind wir aber nicht allein. Die Ausstellung des Fördervereins wird ergänzt durch einen Beitrag von Schülerinnen und Schülern einer Projektgruppe des Eichendorff-Gymnasiums unter Leitung von Frau Schulpfarrerin Stein. Diese Gruppe war im Sommer 2004 anlässlich einer Studienfahrt eine Woche lang in der Gedenkstätte Auschwitz. Die dort gewonnenen Eindrücke versuchen die Schülerinnen und Schüler in Worten, Bildern und in einer Inszenierung „Stolperschienenband“ zu artikulieren und nachvollziehbar zu machen.
Damit ist ein allgemeines Problem angesprochen: Wie nähert man sich „Auschwitz“?
Auschwitz ist der größte Friedhof in der Geschichte der Menschheit. Und dabei gab es drei „Auschwitz“: Das so genannte Stammlager Auschwitz („Auschwitz I“), das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau („Auschwitz II“) und Monowitz, die Buna-Werke in Auschwitz („Auschwitz III“). Nach verschiedenen Schätzungen wurden allein im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1,2 bis 1,6 Millionen Menschen ermordet.
Die Befreiung des KZ Auschwitz war vergleichsweise unspektakulär. Am Nachmittag des 27. Januar 1945 betraten Soldaten der Roten Armee Auschwitz. Die Lager waren von den Wachmannschaften verlassen. In Birkenau fand die Rote Armee die Leichen von 600 Gefangenen, die nur Stunden vor der Befreiung des Lagers getötet worden waren. 7.650 kranke und erschöpfte Gefangene wurden fürs erste gerettet: 1.200 im Stammlager Auschwitz, 5.800 in Auschwitz-Birkenau und 650 in Auschwitz III, in Monowitz. In den Lagerhäusern fanden die Befreier 350.000 Männeranzüge, 837.000 Frauenkleider und große Mengen an Kinder- und Babykleidung. Zusätzlich fanden sie Zehntausende Paar Schuhe und 7,7 Tonnen menschliches Haar in Papiertüten, fertig für den Transport verpackt.
Über diese historischen Ereignisse hinaus, die sich in diesen Tagen zum 60. Mal jähren, ist „Auschwitz“ aber noch etwas anderes: Auschwitz ist im nationalen und auch internationalen Sprachgebrauch inzwischen das Synonym für Unmenschlichkeit, Völkermord, Rassenwahn und Intoleranz.
Vor diesem Hintergrund hat das Gedenken für uns eine doppelte Bedeutung:
Zum einen gilt es der Opfer, die durch den Nationalsozialismus verfolgt, gequält und ermordet worden sind, in einer würdigen Form zu gedenken.
Und zum anderen ist dieses Gedenken auch notwendig, damit wir und auch künftige Generationen aus der Geschichte lernen.
„Auschwitz“ ist Vergangenheit, die nicht vergeht. Es ist Erinnerung, Mahnung und Auftrag für uns.
Immer wieder wird man gefragt, ob wir überhaupt das Recht haben, im Namen der Opfer zu sprechen, und ob schweigendes Gedenken nicht angemessener wäre. Ich meine: eindeutig nein. Viele haben Jahrzehnte ihr eigenes Leben verschwiegen. Das war nicht nur bei den Tätern der Fall, sondern auch bei den Opfern, die überlebt haben. Eli Wiesel, selbst Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, fasste das einmal in die Worte: „Man kann es nicht erzählen, aber man darf es nicht verschweigen.“ Wir dürfen es der Toten wegen und auch der Überlebenden wegen nicht verschweigen. Wir dürfen es aber auch nicht wegen der heutigen Generation und auch wegen der künftigen Generationen nicht. Wie wollen wir sonst aus der Geschichte lernen?
Die Darstellung der Schicksale der Opfer ist das beste Gegenmittel gegen die immer wieder anzutreffende „Auschwitz-Lüge“, gegen die Leugnung, Verharmlosung oder Relativierung des Mordes an den europäischen Juden im Nationalsozialismus.
Jedenfalls die Lebensschicksale der Überlebenden und ihrer Angehörigen können – soweit das noch nötig ist – gegen dieses Gift immunisieren. Zugleich sind die Überlebenden eindrucksvolle Persönlichkeiten und Leitbilder für uns alle, die – dem Tode entronnen – ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und oft ganz Beachtliches geleistet haben.
Mit ganz besonderer Freude und Hochachtung begrüße ich Sie, sehr geehrter Herr Dr. Kahn, und Dich, lieber Daweli, zu dieser Ausstellungseröffnung. Ich bin sehr dankbar, dass Sie, Herr Kahn, mit Ihrer Frau hier sind, das gleiche gilt für Dich, Daweli. Ich weiß, dass Du zurzeit große gesundheitliche Probleme hast. Umso mehr freue ich mich, dass Du heute unter uns bist. Beide, Herr Kahn und Daweli Reinhardt, sind Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Heinz Kahn wurde als 20jähriger, weil er Jude ist, von Trier aus nach Auschwitz deportiert. Er ist der einzige Überlebende seiner Familie. Daweli Reinhardt wurde als 11Jähriger mit seiner Familie, die Sinti sind, nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Ein jüngerer Bruder von ihm kam dort ums Leben. An die 80 Angehörige von ihm mussten ihr Leben lassen. Heinz Kahn und Daweli Reinhardt sind Zeitzeugen. Dankenswerterweise haben sie sich nicht nur in vielen Gesprächen und Interviews zur Verfügung gestellt, sondern auch ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben. Beide, Heinz Kahn und Daweli Reinhardt, werden auch in dieser Ausstellung auf einer Personentafel gewürdigt.
Fast hätten wir noch eine dritte Überlebende aus Auschwitz-Birkenau hier begrüßen können. Als ich zu Weihnachten mit Frau Salier in den USA telefonierte und ihr von der Ausstellung erzählte, sagte sie mir spontan, sie würde sehr gern nach Koblenz zur Ausstellungseröffnung kommen – leider sei dies im Winter und da scheue sie doch den Weg „über den großen Teich“. Nun, so ist Frau Salier sicherlich mit ihren Gedanken in Koblenz und bei der Ausstellung. Sie hängt ja sehr an Koblenz. Eva Salier, damals noch Eva Hellendag, hat Koblenz 1936/37 verlassen, als ihre Schule, die Hilda-Schule, „judenrein“ gemacht wurde. Sie ging nach Holland und wurde nach der deutschen Besetzung Hollands dort interniert und dann nach Auschwitz deportiert. Auch sie hat ihre Lebenserinnerungen inzwischen veröffentlicht und auch ihr ist eine Personentafel in der Ausstellung gewidmet.
Des Weiteren habe ich insgesamt 13 Personen und Familien auf diesen Ausstellungstafeln porträtiert. Es sind dies:
Addie Bernd, der einzige jüdische Mitbürger aus Koblenz, der Auschwitz überlebt hat und nach der Befreiung nach Koblenz zurückgekehrt ist
Familie Hugo W., eine Sinti-Familie vom Hunsrück, deren Kinder mit der 2. Deportation der Sinti aus Koblenz im Jahre 1943 nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurden. Zuvor hatte man den Vater ins KZ Dachau verbracht und die Mutter ins KZ Auschwitz.
Jakob van Hoddis (Hans Davidsohn), der berühmte expressionistische Dichter, der in der Heil- und Pflegeanstalt in Bendorf-Sayn Patient war. Er wurde über Koblenz in ein nicht näher bekanntes Vernichtungslager im Osten deportiert und dort ermordet. In diesem Zusammenhang möchte ich ganz besonders herzlich Sie, liebe Frau Suderland, begrüßen. Frau Suderland war als Tochter des jüdischen Oberpflegers in Bendorf-Sayn Anfang der 40er Jahre aushilfsweise dort tätig und ist heute die einzige Zeitzeugin zu dieser ehemaligen jüdischen Heil- und Pflegeanstalt in Bendorf-Sayn.
Familie Isaak Hein, eine jüdische Familie aus Cochem. Von fünf zurzeit der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus noch lebenden Kindern dieser Familie überlebte nur ein einziges. Es war Ludwig Kahn. Er wurde mit seiner Frau und seiner Tochter Inge ins KZ Theresienstadt deportiert. Die drei haben überlebt. Die Tochter Inge ist heute unter uns. Es ist Frau Kahn, die Ehefrau von Herrn Heinz Kahn. Auch Ihnen, sehr geehrte Frau Kahn, in diesem Zusammenhang meinen herzlichen Dank für Ihr Kommen. Ich weiß, wie schwer Ihnen das fällt.
Elisabeth Müller, die Tochter eines ehemaligen Pfarrers von Winningen. Sie wurde mit 67 Jahren ins KZ Ravensbrück verschleppt. Von da aus kam sie nach Auschwitz, wo sie am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Zwei Monate später starb sie entkräftet und verbraucht im Alter von 70 Jahren in Auschwitz.
Eheleute Isidor und Erna Treidel. Beide waren Juden. Dr. Treidel war der letzte jüdische Rechtsanwalt hier in Koblenz. Er blieb mit seiner Frau hier, während sie ihre drei Kinder retten konnten. Die Eheleute Treidel wurden von Koblenz nach Theresienstadt deportiert, dann weiter nach Auschwitz und dort vergast.
Familie Hugo Bernd. Dr. Hugo Bernd war lange Jahre HNO-Facharzt hier in Koblenz. Sein Vater Carl war übrigens Gründer des Möbelhauses Bernd in Koblenz, das heute mit den Bernds nur noch den Namen gemeinsam hat. Die Bernds wohnten nicht weit von hier am Kaiser-Wilhelm-Ring 39 (das ist das Haus Ecke Friedrich-Ebert-Ring/Hohenzollernstraße, neben der Handwerkskammer). Die Eheleute Hugo und Senta Bernd wurden von Koblenz aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.
Auguste Schneider. Sie war eine Zeugin Jehovas aus Bad Kreuznach. Wegen ihres Glaubens wurde sie mehrmals bestraft, bevor sie dann unmittelbar aus dem Gefängnis ins KZ Ravensbrück verschleppt wurde. Später kam sie nach Auschwitz und überlebte.
Hannelore Hermann. Hannelore war ein jüdisches Kind, dem zusammen mit seinen Eltern nicht mehr die Flucht aus Deutschland gelang. Alle drei wurden mit der 1. Deportation von Juden aus Koblenz in den Distrikt Lublin im „Generalgouvernement“ verschleppt und in einem Vernich-tungslager dort vergast.
Gebrüder Julius und Hermann Baruch. Beide waren Ausnahme-athleten aus Bad Kreuznach, Europameister im Gewichtheben und im Ringen. Sie waren aber auch Juden. Deshalb wurden sie in KZs verschleppt und kamen um.
Lydia Gritzenko. Sie war eine junge russische oder ukrainische Frau, die in Koblenz Zwangsarbeit leisten musste. Weil sie sich nicht in das Zwangsarbeiter-System der Nazis einpasste, wurde sie nach Auschwitz verschleppt. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt
Familie Karl Reinhardt. Die Reinhardts waren eine Sinti-Familie, die in der Feste Franz lebte. Obwohl der Vater Karl Soldat war und die beiden ältesten Söhne ebenfalls Soldat bzw. beim Reichsarbeitsdienst tätig waren, wurden die Eltern und neun Kinder – mit der 1. Deportation der Sinti aus Koblenz - ins „Zigeunerlager“ des KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt. Durch Geschick und weil der Vater und ein Sohn Soldat wurden, überlebten die meisten dieser Familie. Aber etwa Karl Reinhardts Bruder, dessen Frau und zehn ihrer Kinder wurden in Auschwitz vergast.
Juristenfamilie Brasch. Die Braschs waren eine jüdische Familie aus Koblenz. Der Vater war Rechtsanwalt. Seine beiden Söhne Ernst und Walter waren ebenfalls Juristen. Ernst, der ältere, wurde Verwaltungsjurist, Walter war mit seinem Vater zusammen in der Kanzlei. Die Kanzlei hatten sie übrigens in der Rizzastraße 40, genau auf dem Areal, auf dem wir hier stehen. Die Braschs wurden schikaniert und deportiert. Der Vater starb noch eines natürlichen Todes in Koblenz. Sohn Ernst nahm sich vor der drohenden Deportation das Leben. Die Mutter wurde nach Riga deportiert und ermordet. Sohn Walter konnte mit seiner Frau und zwei Kindern zunächst nach Holland fliehen. Nach der Besetzung durch die Deutsche Wehrmacht wurden er, seine Frau und ihre beiden Kinder in Holland interniert und jedenfalls die Eltern nach Auschwitz deportiert und vergast.
Besonders dieser Opfer des Nationalsozialismus wollen wir heute gedenken. Sie sollten uns heute und für alle Zeit mahnen und zur Wachsamkeit anhalten.
Das Einmalige und Beunruhigende der NS-Verbrechen ist, dass unser Land mit seinem kulturellen Erbe und auf seinem hohen zivilisatorischen Stand zu derartigen Furchtbarkeiten fähig war. Das fordert immer wieder zu Fragen heraus, zu Fragen wie dieser: Wie sicher ist das Eis heute, auf dem wir stehen? Das sind Fragen nach den Grundlagen unserer individuellen moralischen Existenz und unseres gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenlebens. Das sind Fragen, die schwer zu beantworten sind. Vielleicht gibt es auf sie keine, jedenfalls keine befriedigendere Antwort als die, die wir alle in mit unserem tagtäglichen Leben geben bzw. geben sollten: Indem wir unser Leben verantwortlich führen, indem wir diese kollektive Erfahrung und Mahnung als Leitlinie nehmen für unsere Beziehungen zu anderen Menschen, sie zum Maßstab machen für unsere Arbeit und auch unsere gesellschaftlichen Organisationen und staatlichen Institutionen daran orientieren.