Am 27. Januar 2006 präsentierte der Förderverein die Ausstellung : „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod.” – NS-Opfer aus der Region Koblenz und Neuanfang vor 60 Jahren
Zur Eröffnung der Ausstellung hielt Joachim Hennig die nachfolgend dokumentierte Rede:

 

Einführung in die Ausstellung
„Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“
von Joachim Hennig
am 18. Januar 2006 im Bischöflichen Cusanus-Gymnasium


Sehr geehrte Damen und Herrn!
Die diesjährige Ausstellung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. zum Gedenktag am 27. Januar steht unter dem Motto: „’Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod.’ –NS-Opfer aus der Region Koblenz und Neuanfang vor 60 Jahren“.

Sie sehen hier die zweite selbständige Ausstellung unseres Fördervereins. Wer die Gedenkarbeit in Koblenz seit einiger Zeit verfolgt, weiß, dass der Förderverein Mahnmal Koblenz zu dem Gedenktag schon seit dem Jahr 2003 Ausstellungen in Koblenz präsentiert. Zunächst waren es regionale Ergänzungen zu Wanderausstellungen. So zeigten wir zum 27. Januar 2004 an gleicher hier im Bischöflichen Cusanus-Gymnasium eine Ausstellung zum Thema „Verfolgte Kinder und Jugendliche in der NS-Zeit“ und hatten dafür einen recht umfangreichen regionalen Teil mit Opfern aus Koblenz erarbeitet. Im letzten Jahr haben wir unsere erste selbständige Ausstellung in der Sparkasse Koblenz gezeigt mit dem Motto: „’Es war eine Fahrt durch die Hölle.’ Befreiung des KZ Auschwitz vor 60 Jahren“. Damit porträtierten wir zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz 16 NS-Opfer aus Koblenz und Umgebung.

Die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 war bekanntlich der Anlass für die Proklamation des Gedenktages am 27. Januar. Von daher war der letztjährige Gedenktag zur 60. Wiederkehr der Befreiung des KZ Auschwitz schon sehr herausgehoben. Das macht es schwierig, den diesjährigen Gedenktag – den 61. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz – zu thematisieren. Denn was – so könnte man meinen – was soll schon nach Auschwitz kommen? Ist doch „Auschwitz“ im nationalen und auch internationalen Sprachgebrauch inzwischen das Synonym für Unmenschlichkeit, Völkermord, Rassenwahn und Intoleranz. Verursacht „Auschwitz“ nicht Scham und Sprachlosigkeit, die es verbieten, in der Gedenkarbeit gleichsam routinemäßig fort zu fahren?

Wir vom Förderverein Mahnmal Koblenz haben uns diesen Fragen gestellt. Dabei ist uns bewusst, dass wir am diesjährigen 27. Januar, dem Gedenktag „danach“, eine besondere Verpflichtung und Aufgabe haben bei der Gestaltung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Deshalb haben wir uns entschieden, in diesem Jahr der überlebenden NS-Opfer zu gedenken. Sie waren es, die unmittelbar nach der Befreiung im Jahr 1945/46 das Gedenken an ihre toten Kameradinnen und Kameraden begonnen haben, wach zu halten. Zudem haben sie uns deutlich gemacht, dass wir bei der Erinnerung und Trauer nicht stehen bleiben, sondern das Gedenken als eine Verpflichtung ansehen sollten, unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder und Kindeskinder in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Dieses Wissen und dieses Bewusstsein werden exemplarisch deutlich an dem „Schwur von Buchenwald“, den die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald wenige Tage nach der Befreiung leisteten. Dazu zitiere ich hier aus einem Bericht eines Zeitzeugen, in dem es u.a. heißt:

Am 19. April 1945 fand die Trauerkundgebung für die Toten von Buchenwald statt. Ein großes Ehrenmal war auf dem Appellplatz errichtet. Die Blocks und Baracken waren mit Fahnen und Transparenten geschmückt. Die Fahnen fast aller Nationen wehten im Winde und zeigten, dass die Völker auch friedlich nebeneinander leben können. Unter den Klängen ihrer Nationallieder marschierten die Nationen auf. Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.
Unter den Klängen der „Internationale“ marschierten die gemischten Blocks auf. 21.000 marschierten zum Gedächtnis für 60.000 tote Kameraden. Die Fahnen wurden vor dem Ehrenmal aufgestellt und neigten sich zum Gruß.
Der Vorsitzende des Internationalen Lagerkomitees, Walter Bartel, eröffnete die Kundgebung. Mit entblößtem Haupt gedachten die befreiten Häftlinge der Toten. Dann verlasen Mitglieder des Internationalen Komitees – jeder in seiner Sprache – den Aufruf:

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muss unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!
21.000 Männer streckten die Hand zum Himmel und sprachen: „Wir schwören!“

Der „Schwur von Buchenwald“ zeigt auch, dass sich die Opfer des Nationalsozialismus oft schon kurz nach ihrer Befreiung für den demokratischen Neuanfang und den Wiederaufbau nach dem Krieg engagierten. Dies geschah aus verschiedenen politischen und religiösen Grundhaltungen heraus, vor allem aus den Grundhaltungen heraus, aus denen diese Menschen zuvor zu Opfern des Nationalsozialismus geworden waren. Zudem ergab sich eine Grundhaltung aus den Erfahrungen in den Konzentrationslagern, von denen der zitierte „Schwur von Buchenwald“ eine, wenn auch wichtige Grundhaltung verkörpert. Aber immer geschah dieser Neuanfang und Wiederaufbau aus den Erfahrungen der Verfolgung und des Leidens, die das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus in besonderem Maße über diese Menschen gebracht hatte.

Die hier porträtierten Opfer des Nationalsozialismus sind nicht „vergangene Geschichte“. Sie sind Menschen aus „Fleisch und Blut“, die beispielgebend für uns alle, gerade auch für die heutige Jugend, sein können und sollen. Es sind ausgewählte Biografien, die zeigen, wie Menschen in ganz extremen Situationen – unter jahrelanger Folter, Erniedrigung, Hunger, Verzweiflung, Todesangst – überlebt und den Mut und die Kraft gefunden haben, ein neues Leben zu beginnen oder da anzuknüpfen, wo sie aufgrund der Verbrechen des Nationalsozialismus notgedrungen haben aufhören müssen. Die Ausstellung zeigt auch, wie die Menschen nach vorn geschaut haben – das Motto der Ausstellung lautet ja: „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ – und wie diese Menschen ihr Leben in die Hand genommen haben und Beispielhaftes geleistet haben.

Die hier Biografierten können damit Leitbilder für uns alle sein. Die Gedenkarbeit – so wie wir sie verstehen – soll nicht stehen bleiben in der Todesangst der Opfer, der Trauer der Überlebenden und der Scham der Nachgeborenen über das Geschehene. Sie soll vielmehr auch Mut machen für die eigene Lebensgestaltung. Von daher ist diese Gedenkarbeit zukunftsweisend. Sie gibt uns aktuell auch heute noch etwas und beantwortet zugleich die immer wieder zu hörende Frage, warum denn nicht endlich Schluss sein kann. Es kann nicht Schluss sein – auch nicht um unseretwegen.

Überdies sind die Biografien Mosaiksteine der Geschichte der Nachkriegszeit. Sie machen exemplarisch den schwierigen Neuanfang nach 1945 deutlich. Sie zeigen, wie wir wurden, was wir heute sind. Wie sich unsere Geschichte entwickelt hat und weshalb es nicht anders geworden ist. Porträtiert werden „Männer und Frauen der ersten Stunde“. Sie waren nach 1945 vor allem hier in Koblenz aktiv, war Koblenz doch Sitz des Oberpräsidenten der Provinz Rheinland/Hessen-Nassau und später – nach der Gründung des Landes Rheinland-Pfalz – zunächst der Landesregierung und des Landtages von Rheinland-Pfalz.

Die Geschichte dieser Menschen zeigt aber auch, wie schwer sie es hatten, nach der Befreiung wieder „im normalen Leben“ – also außerhalb des Konzentrationslagers, des Zuchthauses, nach ihrer Rückkehr aus der Emigration oder der Illegalität – zurecht zu kommen. Sie kamen zurück in eine zerstörte Stadt, waren vielfach schwer krank, ihre Familien waren zerstreut, ihre Arbeitsstellen verloren. Lebensmittel waren Mangelware. Nicht selten mussten sie zudem auch noch gegen Vorurteile kämpfen (nach dem Motto: „Es wird schon etwas dran gewesen sein, wenn man im Zuchthaus war.“). Bisweilen sah man sie auch als „Störenfriede“ an – vor allem ganz konkret dann, wenn sie ihr Hab und Gut zurückhaben wollten. Die Geschichte dieser Menschen zeigt auch, wie wenig und spät unsere Gesellschaft etwas getan hat, um diese NS-Opfer zu integrieren und den Schaden wieder gut zu machen. – Und wie sehr diese Menschen kämpfen mussten, um endlich ein menschenwürdiges Leben in gesicherter Existenz und in Achtung und Anerkennung zu führen.

Das Motto der Ausstellung „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ ist ein Wort von Simon Wiesenthal, der vor wenigen Monaten gestorben ist. Wiesenthal ist uns vor allem als der erfolgreiche Nazi-Jäger aus Wien bekannt. Nicht so bekannt ist, dass er Überlebender des Holocaust ist. Als er im September letzten Jahres im 97. Lebensjahr starb, hatte er einen beispielhaften Lebensweg hinter sich. Dieser hatte ihn als Kind jüdischer Eltern aus einem galizischen Schtetl über Ghettos und mehrere Konzentrationslager bis in sein Dokumentationszentrum in Wien geführt und zum berühmten Nazi-Jäger und zu einem Mann der Geschichte gemacht.

In dieser Ausstellung werden 25 Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung porträtiert. Sie kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten und aus den verschiedensten politischen Parteien. Sie sind Kommunisten, aber auch SPD-Leute, Gewerkschafter, Zentrum- und CDU-Männer und Frauen, katholische Priester, Juden, Sinti, Bürgerliche, Menschen aus dem Volk. 12. dieser Porträts habe ich speziell für diese Ausstellung neu bearbeitet. Beispielhaft möchte ich diese 12 NS-Opfer erwähnen:
Ernst Buschmann
Wilhelm Guske
Maria Detzel
Heinrich Roth
Friedrich Wolf
Ernst Biesten
Wilhelm Rott
Alphonse Kahn
Carl Vollmerhaus
Helene Rothländer
Alfred Knieper
Rudolf Steinwand

Soweit, meine Damen und Herren, die zwölf neuen Tafeln von NS-Opfern aus Koblenz, die wir hier in dieser Ausstellung zeigen. 13 weitere Schicksale werden ebenfalls porträtiert. Für alle 25 Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit.

Haben Sie vielen Dank für Ihr Interesse.