Ausstellungseröffnung „Gegen das Vergessen“ – Nicht irgendwo, sondern hier bei uns!


Am vergangenen Donnerstag fand die Eröffnung der Ausstellung „Gegen das Vergessen“ – Nicht irgendwo, sondern hier bei uns! im Sitzungssaal des Rathauses statt. Über 60 Besucher waren gekommen, neben den Vertretern der Gremien und Polizei auch Lehrer der ortsansässigen Schulen und Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums im Kannenbäckerland.
Zu der Ausstellung „Gegen das Vergessen“, die im Rahmen der Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht zum Nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar erinnert, hatten die beiden Kirchengemeinden und die Stadt Höhr-Grenzhausen gemeinsam eingeladen.
In seiner Begrüßungsansprache dankte Bürgermeister Jürgen Johannsen Frau Ilse Schild, Herrn Michael Dombek, Herrn Walter Hess und Herrn Klaus Gerharz, auf deren Initiative und mit deren Engagement die Ausstellung möglich wurde. Ebenfalls dankte er dem Bläserquartett (Dr. Carsten Klinz, Jürgen Heim, Karl-Heinz Herrig und Walter Schmidt) für ihre musikalischen Beiträge.
Sein ganz besonderer Dank galt Herrn Joachim Hennig, dem 2. Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal Koblenz, der als Richter am Oberverwaltungsgericht Koblenz tätig ist und im vergangenen Jahr für seine Gedenkarbeit mit dem Kulturpreis der Stadt Koblenz ausgezeichnet wurde. Herr Hennig ist Autor zahlreicher Bücher, Abhandlungen, Aufsätze, Vorträge und nicht zuletzt Mitorganisator der viel beachteten und inzwischen sehr umfangreichen Ausstellung „Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung.
„Ich danke auch allen Gästen, dass Sie mit ihrer Anwesenheit eine gewisse Solidarität zu den Menschen bekunden, die damals nicht wegschauten, die sich widersetzten und aktiv Widerstand gegen das Unrechtsregime der Nazis leisteten“, betonte Bürgermeister Johannsen. „Ja, es gab sie auch bei uns. Menschen, die sich auflehnten, die sich in Gefahr begaben, um auf das drohende Unheil in unserem Land, in unserer Stadt hinzuweisen und dagegen anzukämpfen. Nicht irgendwo, sondern hier bei uns!“
Diesen Menschen zum Gedenken, den nachfolgenden Generationen zur Erinnerung und uns allen zur Mahnung gegen das Vergessen. Das soll die Botschaft der Ausstellung sein.
„Jeder von uns ist gefordert, rechtzeitig die Gefahren zu erkennen und zu handeln. Die tapferen Menschen, deren Taten und Schicksale auf den Tafeln dokumentiert sind, warnen uns. Sie sagen: Seid wachsam! Haltet die Ohren und Augen auf und macht frühzeitig den Mund auf! So wie es auch jene Bürger aus Höhr-Grenzhausen getan haben: Die Brüder Knieper, Hermann Geisen u. a., deren Lebensläufe dokumentiert sind. Auch wenn ihre Stimmen nicht unmittelbar in unser Ohr dringen, so ist ihre persönliche Geschichte in der Ausstellung doch gegenwärtig.“

Bild von links: Pfarrer Wolfgang Weik, Michael Dombeck, Klaus Gerharz, Ilse Schild, Joachim Hennig, Bürgermeister Jürgen Johannsen, Pfarrer Alfred Much und Dr. Henrich

Joachim Hennig, 2. Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e. V. führte die Anwesenden nach seiner Begrüßung in die Ausstellung „Nicht irgendwo, sondern hier bei uns“ – NS-Opfer aus Höhr-Grenzhausen und Umgebung ein. Er erläutert, dass der seit 12 Jahren bestehende Förderverein Erinnerungsarbeit für und mit den NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung leistet. Im Jahr 2001 wurde auf seine Initiative hin das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz errichtet. Seit dem Jahr 2003 erarbeitet Joachim Hennig Ausstellungen über NS-Opfer aus dem Koblenzer Raum. Mittlerweile verfügt der Verein über 70 Kurzbiografien, die auf Personentafeln angebracht sind.
Zum diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar wird ein Teil dieser großen Ausstellung im Rathaus Höhr-Grenzhausen präsentiert. Dabei habe man sich für 16 Personentafeln entschieden, die eine Gemeinsamkeit aufweisen. Alle 16 Biografierten stammen aus Höhr-Grenzhausen oder dessen Umgebung. Dies mache auch das Motto der Ausstellung deutlich: „Nicht irgendwo, sondern hier bei uns“.
Ausgewählt wurden Menschen mit ganz verschiedenem politischem, gesellschaftlichem und religiösem Hintergrund. Diese Opfer sollen uns allen deutlich machen, wie total und radikal der Nationalsozialismus letztlich jeden verfolgte, der sich nicht – bildhaft gesprochen – in die Marschkolonne der Nazis einreihte, der sich seine Identität bewahren und nicht in der sogenannten Volksgemeinschaft untergehen wollte.
Joachim Hennig zitierte Pastor Martin Niemöller, der nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald sein Empfinden in die Worte „Ich habe geschwiegen“ gefasst hat:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschaftler.
Als sie die Juden holten, habe ich nicht protestiert; ich war je kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der Protestieren konnte.“

Vor diesem Hintergrund verlas Herr Hennig die Namen der in der Ausstellung porträtierten Opfer.
Pfarrer Wolfgang Weik von der evangelischen Kirchengemeinde trug Gedichte u. a. von Häftlingen des KZ Auschwitz vor, die nachdenklich stimmten.
„In jedem ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist.“ Mit diesen Worten von Martin Buber, dem großen jüdischen Religionsphilosophen, begann Frau Ilse Schild ihre Erläuterung zu den Tafeln, auf denen die Namen der Opfer stehen, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben verloren haben.
„Wie viel Kostbares vernichtet worden ist durch den Rassenwahn und einer menschenverachtenden Ideologie, kann gar nicht ermessen werden. Was wir zunächst nur können, ist versuchen, das Andenken an diese Menschen zu bewahren, die in dieser schlimmen Zeit Opfer der Diktaturen wurden.“
Vor einigen Jahren hat Herr Uli Jungbluth die Namen der jüdischen Opfer gesammelt, soweit es ihm möglich war. Von den 38 jüdischen Frauen, Männern und Kindern, die er in seinem Buch „Juden im Westerwald“ dokumentiert hat, sind 24 zu Tode gekommen – in Auschwitz und Theresienstadt, für tot erklärt in Sobibor oder verschollen in Minsk oder vague im „Osten“. Damit wenigstens die Namen der Opfer nicht in Vergessenheit geraten, wurden die Namen derer, die in Konzentrationslagern umgekommen, für tot erklärt oder verschollen sind von den Herren Dr. Henrich und Klaus Gerharz verlesen.
Zum Schluss sprach Frau Schild ihren Dank aus. „Unsere Informationen haben wir zunächst aus den Büchern von Herrn Uli Jungbluth und dem verstorbenen Heribert Fries entnommen, dessen Frau uns auch großzügig sein Archiv geöffnet hat, dem wir die Fotos entnehmen durften. Wir danken aber auch allen Zeitzeugen, mit denen wir gern Gespräche weiterführen möchten. Ein herzlicher Dank gilt auch Herrn Gerharz, der sich schon bisher dafür viel Zeit genommen hat.“ Ihr Dank galt auch allen, die bei der Vorbereitung dieser Ausstellung mitgearbeitet haben, u. a. den geduldigen Damen des kath. Pfarramtes, ganz besonders aber Bürgermeister Johannsen, der sich sofort bereit erklärt hatte, das Rathaus als Ausstellungsort zur Verfügung zu stellen und sich in außergewöhnlichem Maß für diese Ausstellung engagiert hat. Ihr ganz besonderer Dank galt natürlich Herrn Hennig, der die Gesamtausstellung erstellt hat, mit Rat und Tat zur Seite stand und trotz seiner vielfältigen Verpflichtungen sofort bereit war, zu dieser Ausstellung heute Abend zu sprechen.


Im Bild die Familien Knieper, die sich zum Teil nach drei Jahrzehnten wiedergesehen haben, mit Joachim Hennig (links im Bild) und Bürgermeister Johannsen (rechts im Bild)

 

Ein besonderer Anlass für die Ausstellung ist auch der 100. Geburtstag von Alfred Knieper (*1909, + 1973), der ebenfalls zu den Opfern des Nationalsozialismus gehörte und der sich nach der Befeiung aus dem KZ Buchenwald, in dem er fünf Jahre und sieben Monate inhaftiert war, in besonderem Maße für die Opfer des NS-Regimes eingesetzt hat. Er war von 1946 bis 1949 Regierungsvizepräsident in Montabaur, später Oberregierungsrat im Sozialministerium von Rheinland-Pfalz, bis 1971 Regierungsdirektor.
Die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ – Nicht irgendwo, sondern hier bei uns! ist noch bis zum 16. Februar 2009 im Rathaus der Verbandsgemeindeverwaltung Höhr-Grenzhausen, Rathausstraße 48, zu sehen.

 


Die Bläsergruppe unter der Leitung von Karl-Heinz Herrig (Bild von links: Walter Schmidt, Karl-Heinz Herrig, Jürgen Heim und Dr. Carsten Klinz) sorgte mit ihren musikalischen Beiträgen u. a. von J. S. Bach, André Waignein, W. R. Heymann u. Robert Gilbert für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung.

Einen Pressebericht der Westerwaldzeitung Nr.18 vom 22. Januar 2009 finden Sie HIER


Zur Eröffnung der Ausstellung im Höhr-Grenzhausen hat der 2.Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz die folgende Rede gehalten
 

Einführung in die Ausstellung
„’Nicht irgendwo sondern hier bei uns’ – NS-Opfer aus Höhr-Grenzhausen und Umgebung“
von Joachim Hennig, am 15. Januar 2009 im Rathaus in Höhr-Grenzhausen


Sehr geehrter Herr Bürgermeister Johannsen,
liebe Familien Knieper,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie heute in die Ausstellung des Förderver-eins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. „’Nicht irgendwo sondern hier bei uns’ – NS-Opfer aus Höhr-Grenzhausen und Umgebung“ einführen zu dürfen.

Der Förderverein Mahnmal Koblenz, für den ich diese Ausstellung erarbeitet habe, besteht inzwischen 12 Jahre. Seitdem leistet er Erinnerungsarbeit für und mit den NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung. Im Jahr 2001 wurde auf seine Initiative hin das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz errichtet. Seit dem Jahr 2003 erarbeitet er Ausstellungen über NS-Opfer aus dem Koblenzer Raum. Mittlerweile verfügen wir über 70 Kurzbiografien, die auf Personentafeln angebracht sind; dazu gehören jeweils Lesemappen. Begleitet wird dies durch die Publikation von Büchern, wissenschaftlichen Aufsätzen und Zeitungsartikeln sowie Vorträgen. Seit dem Jahr 2005 sind wir mit einer sehr umfangreichen Homepage im Internet vertreten und haben mit der filmischen Dokumentation von Zeitzeugen begonnen.

Zum diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialis-mus am 27. Januar zeigen wir nun einen Teil dieser großen Ausstellung. Unsere Kooperationspartner hier in Höhr-Grenzhausen haben sich für die Präsentation von 16 Personentafeln entschieden. Gemeinsam ist diesen 16 hier Biografierten, dass sie aus Höhr-Grenzhausen oder dessen Umgebung stammen. Das macht auch das Motto deutlich, unter das wir die Ausstellung gestellt haben: „Nicht irgendwo sondern hier bei uns“. Dieses Motto stammt ursprünglich von einem Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten zur deutschen Geschichte von Anfang der 1980er Jahre. Auch gegenwärtig läuft wieder ein solcher Wettbewerb. Er hat das Motto: „Helden: verehrt – verkannt – vergessen“. Auch hier geht es wieder – oder kann es gehen – um Opfer des Nationalsozialismus bzw. Widerständler aus der eigenen Region. Diese Beschäftigung mit der jüngsten Geschichte vor Ort hat seine Ursprünge auch in der „Graswurzelbewegung“ aus Schweden. Sie hatte das Motto: „Grabe da, wo Du stehst.“ All diese Geschichtsarbeit ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Erinnerung an die NS-Opfer und Mahnung, dass sich ähnliches nie mehr wiederholen darf, und zur politischen Bildung. Dabei kommt den Schulen und den Schülerinnen und Schülern vor Ort – etwa angeleitet durch Tutoren – eine besondere Bedeutung zu.

Ausgewählt haben wir Menschen mit ganz verschiedenem politischem, gesellschaftlichem und religiösem Hintergrund. Diese Opfer sollen uns allen deutlich machen, wie total und radikal der Nationalsozialismus letztlich jeden verfolgte, der sich nicht – bildhaft gesprochen – in die Marschkolonne der Nazis einreihte, der sich seine Identität bewahren und nicht in der so genannten Volksgemeinschaft untergehen wollte. Damit soll sie uns alle zugleich auch sensibilisieren, den Anfängen zu wehren und Solidarität und Brüderlichkeit mit Andersdenkenden, Andersfühlenden, Kranken und Minderheiten zu entwickeln. Damit nicht das passiert, was Pastor Martin Niemöller, selbst persönlicher Häftling Hitlers seit 1938 im Konzentrationslager Buchenwald, nach der Befreiung in die Worte „Ich habe geschwiegen“ gefasst hat:

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
Als die die Juden holten,
habe ich nicht protestiert, ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Vor diesem Hintergrund werden in der Ausstellung porträtiert:

Adolf Reichwein (Reformpädagoge, Sozialist und Mitglied des „Kreisauer“ Kreises aus Bad Ems)
Heinrich Roth (Bürgermeister und Landrat aus Montabaur, vor 1933 Zentrum, nach 1945 CDU)
Maria Hilfrich (Frau der Schönstatt-Bewegung aus Siershahn)
Pfarrer Paul Schneider (Evangelischer Pfarrer vom Hunsrück, „Prediger von Buchenwald“)
P. Josef Kentenich (Gründer der Schönstatt-Bewegung aus Vallendar)
Willy und Horst Strauß (Kinder eines Juden aus Bad Ems)
Charlotte Holubars (Frau der Schönstatt-Bewegung aus Vallendar)
Hans Bauer (SPD-Mitglied und Schulleiter in Bendorf)
Klaus Thielen (KPD-Reichstagsabgeordneter aus Vallendar)
Familie Fritz Michaelis (Zeugen Jehovas aus Neuwied)
P. Franz Reinisch (Ordensgeistlicher der Schönstatt-Bewegung aus Vallendar)
Jakob van Hoddis (= Hans Davidson, jüdischer Dichter, war in der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn)
Gertrud Roos (junge Frau aus Bendorf)
Friedrich Wolf (Jude, Arzt, Schriftsteller, Kommunist und Weltbürger aus Neuwied)
Hermann Geisen (Kommunist und Spanienkämpfer aus Höhr-Grenzhausen)
Alfred Knieper (Kommunist und späterer Verwaltungsbeamter aus Höhr-Grenzhausen)

All dieser NS-Opfer aus Höhr-Grenzhausen und Umgebung wollen wir hier und heute und aus Anlass des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2009 besonders gedenken.

Dieser Gedenktag wurde im Jahr 1995 aus Anlass der 60. Wiederkehr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 von dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog begründet. In der Proklamation des Gedenktages heißt es:

Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form der Erinnerung zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Ich erkläre den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Am Anfang dieser Trauer- und Erinnerungsarbeit und des Kampfes gegen den Faschismus standen auch Widerstandskämpfer aus Höhr-Grenzhausen und Umgebung. Einer von ihnen war Hans Bauer, der Reichsbanner- und SPD-Mann und Schulleiter aus Bendorf. Zwei weitere waren die Brüder Alfons und Alfred Knieper aus Höhr-Grenzhausen. Sie gehörten zu den 21.000 Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald, die wenige Tage nach der Befreiung den „Schwur von Buchenwald“ ablegten. Dazu zitiere ich hier aus einem Bericht eines Zeitzeugen, in dem es u.a. heißt:

Am 19. April 1945 fand die Trauerkundgebung für die Toten von Buchenwald statt. Ein großes Ehrenmal war auf dem Appellplatz errichtet. Die Blocks und Baracken waren mit Fahnen und Transparenten geschmückt. Die Fahnen fast aller Nationen wehten im Winde und zeigten, dass die Völker auch friedlich nebeneinander leben können. Unter den Klängen ihrer Nationallieder marschierten die Nationen auf. Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.
Unter den Klängen der „Internationale“ marschierten die gemischten Blocks auf. 21.000 marschierten zum Gedächtnis für 60.000 tote Kameraden. Die Fahnen wurden vor dem Ehrenmal aufgestellt und neigten sich zum Gruß.
Der Vorsitzende des Internationalen Lagerkomitees, Walter Bartel, eröffnete die Kundgebung. Mit entblößtem Haupt gedachten die befreiten Häftlinge der Toten. Dann verlasen Mitglieder des Internationalen Komitees – jeder in seiner Sprache – den Aufruf:

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muss unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!
21.000 Männer streckten die Hand zum Himmel und sprachen: „Wir schwören!“

Dieser Schwur der 21.000 Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald ist auch heute noch aktuell. Und er bleibt aktuell, solange es uns allen, uns Demokraten und Antifaschisten, nicht gelungen ist, Neonazis und neonazistische Tendenzen aus dem öffentlichen Leben hinausdrängen und Minderheiten und Andersdenkenden Sicherheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu gewährleisten.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerk-samkeit und wünsche Ihnen einen Gewinn beim Besuch der Ausstellung!


 

Zeitzeuge:

Am diesjährigen Gedenktag war auch der Zeitzeuge Wout Hoyng aus den Niederlanden Gast der Ausstellung. Hier seine persönlichen Erlebnisse in Kurzform:

Ich, Wout Hoyng (Foto) aus den Niederlanden, heute 87 Jahre alt, studierte während des 2. Weltkrieges an der Keramischen Fachschule in Höhr-Grenzhausen.
Im September 1943 war ich Zeuge des Absturzes eines kanadischen Flugzeuges gegenüber der „Villa Friede“ in Höhr.

Der Pilot konnte sich retten und wurde sofort von Personen angegriffen. Spontan habe ich mich, ohne mich heute als Held zu fühlen, dazwischen gestellt, bis der Pilot von offizieller Stelle in Kriegsgefangenschaft genommen wurde, die er über lebt hat.

Ich bin in meine Heimatstadt Gouda zurückgereist.

Bei meiner Rückkehr nach Höhr-Grenzhausen, nach drei Tagen, wurde ich verhaftet und habe einen dreimonatigen Gefängnissaufenthalt im Gestapo-Gefängniss in Frankfurt „überlebt“.
Allerdings habe ich, neben vielen Qualen, in dieser Zeit mehr als die Hälfte meines Gewichtes verloren.

Diese Erlebnisse haben mich mein Leben lang, auch nachts, bis heute verfolgt.

Ich weiß, dass dies nicht das normale Erscheinungsbild von Deutschland war und empfinde keinen Hass.
Heute freue ich mich lediglich darüber, wenn die Niederlande im Fußball gegen Deutschland gewinnen.
Meine Frau in gleichem Alter und ich leben heute auf unserem Bauernhof in Oosterhout und freuen uns über unsere große Familie.
Die aktuelle Ausstellung „Gegen das Vergessen“ begrüße ich.

-Oosterhout, Januar 2009





Pressebericht:


Ausstellungseröffnung "Gegen das Vergessen" -
Nicht irgendwo,
sondern hier bei uns!

Kannenbäckerland-Kurier Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen,
Samstag, 24. Januar 2009
Ausgabe: KW 4/09, Jahrgang: 42
Im Original HIER zu lesen , sollte der Link nicht mehr funktionieren bekommen Sie HIER einen lesbaren Screenshot


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