Der 27. Januar 2016


An dem diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus hat sich unser Förderverein einer jahrzehntelang vergessenen Opfergruppe angenommen: der inder NS-Zeit Zwangssterilisierten und der NS-"Euthanasie"-Opfer. Erst sehr spät hat sich die Öffentlichkeit dieser Menschen erinnert, erinnern wollen. Aber bis heute wird dieser Opfergruppe eine Entschädigung als NS-Opfer verweigert. Umso nötiger ist es, die Erinnerung an sie wach zu halten und ihnen, den Schwächsten der NS-Opfer, eine Stimme zu geben.
Bereits zum 27. Januar 2002 hatte der Förderverein Mahnmal Koblenz an die Opfer der NS-"Euthanasie" erinnert und dazu eine Ausstellung der heutigen Stiftung Scheuern präsentiert. Zum diesjährigen Gedenktag zeigte unser Verein wiederum die Ausstellung der Stiftung Scheuern - einer Zwischenanstalt in der NS-Zeit auf dem Weg in die Ermordung psychisch Kranker, Behinderter und sozial nicht Angepasster. Anlass hierfür war die 75. Wiederkehr des Beginns der Morde in der Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg am 13. Januar 1941. Die Ausstellung mit dem Titel "'Vergiss mich nicht und komm...' - Zwangssterilisationen und Krankenmorde in Koblenz und Umgebung 1934 - 1945" ergänzte unser Verein mit 14 Biografien von NS-Opfern aus unserer Region. Sie wurde drei Wochen lang in der Citykirche in Koblenz gezeigt. Die Veranstaltungen am Gedenktag des 27. Januar begannen wieder mit einer Statio am Mahnmal für die NS-Opfer auf dem Reichensperger Platz. Daran schloss sich die Gedenkstunde mit christlich-jüdischem Gebet in der Liebfrauenkirche mit anschließendem Rundgang durch die Ausstellung an. Zum Gedenktag am 27. Januar und zu den Veranstaltungen gab unser Verein eine Presseerklärung heraus, die nachfolgend wiedergegeben ist:

Presseerklärung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. zu den Veranstaltungen zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016

Die Veranstaltungen zum diesjährigen internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 in Koblenz erinnern an die Opfergruppe der Zwangssterilisierten und NS-„Euthanasie“-Opfer. Damit greift der Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. nicht nur das Thema auf, unter das der Landtag Rheinland-Pfalz seine diesjährigen Veranstaltungen stellt. Vielmehr erinnert er auch an den Beginn der Krankenmorde in der Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg vor nunmehr 75 Jahren. In der Zeit von Januar bis August 1941 wurden dort im Rahmen der sog. T4-Aktion mehr als 10.000 Menschen mit Giftgas ermordet, weil sie in die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ nicht passten, weil sie psychisch krank oder im Sinne der Nazis sozial nicht angepasst waren. Das war die Vorgeschichte von Auschwitz, an dessen Befreiung am 27. Januar 1945 der Gedenktag erinnert.

Diese Vorgeschichte von Auschwitz ereignete sich nicht irgendwo, sondern hier bei uns. Das zeigt die Ausstellung „Vergiss mich nicht und komm…“ der Stiftung Scheuern, die der Förderverein Mahnmal Koblenz ab dem 13. Januar 2016 in Kooperation mit der Stiftung in der Citykirche in der Altstadt präsentiert. Die damalige Heil- und Pflegeanstalt Scheuern bei Nassau an der Lahn war eine sog. Zwischenanstalt auf dem Weg in den Tod. Dort wurden Menschen mit Behinderungen aus der Umgebung gesammelt, dann mit „grauen“ Bussen nach Hadamar verschleppt und noch am selben Tag ermordet. Die Ausstellung dokumentiert diese Krankenmorde an Patienten aus Scheuern und auch deren Vor- und Nachgeschichte. Dazu gehört die von den Nationalsozialisten schon sehr früh erzwungene Sterilisation psychisch kranker Menschen und die Fortsetzung der Krankenmorde ab August 1942 mit Überdosen von Medikamenten und verhungern Lassen. Sie zeigt aber auch das Aufbegehren der Opfer, von denen manche ihre Angehörigen flehentlich baten: „Vergiss mich nicht und komm…“

Ergänzt wird diese Ausstellung der Stiftung Scheuern durch einen regionalen Teil, den der Förderverein Mahnmal Koblenz eigens aus diesem Anlass erarbeitet hat. Darin dokumentiert er das Schicksal von 14 Menschen. Das sind Männer, Frauen und Kinder, Deutsche und Nichtdeutsche aus Koblenz und Umgebung, die zwangsweise sterilisiert und/oder ermordet wurden – allein deshalb, weil sie anders waren als die Menschen, die die Nazis „züchten“ wollten.

Die Ausstellung wird am Mittwoch, dem 13. Januar 2016, um 18.30 Uhr eröffnet vom Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz Dr. Jürgen Schumacher und Pfarrer Gerd Biesgen, Vorstand der Stiftung Scheuern. Der Kurator des regionalen Teils der Ausstellung Joachim Hennig gibt eine Einführung.

Als Begleitveranstaltung bietet der Förderverein eine Fahrt zur Gedenkstätte Hadamar bei Limburg/Lahn mit Führung am Samstag, 23. Januar 2016 an.

Am 27. Januar 2016 selbst findet die Gedenkstunde der Stadt Koblenz statt. Sie beginnt um 17.30 Uhr mit einer Statio am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz auf dem Reichensperger Platz mit Oberbürgermeister Prof. Dr. Hofmann-Göttig. Sie wird gegen 18.00 Uhr fortgesetzt in der Liebfrauenkirche mit Ansprachen des Oberbürgermeisters und des Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz und dem Christlich-Jüdischen Gebet. Anschließend ist Gelegenheit, die Ausstellung in der Citykirche zu besichtigen.

Hier alle Veranstaltungen auf einen Blick:

  • 13. Januar 2016 um 18.30 Uhr in der Citykirche Eröffnung der Ausstellung: „Vergiss mich nicht und komm…“ – Zwangssterilisationen und Krankenmorde in Koblenz und Umgebung 1934 – 1945. Die Ausstellung ist dort dann bis zum 3. Februar 2016 zu sehen.
  • 23. Januar 2016 um 8.30 Uhr an der Hans-Zulliger-Schule in Koblenz-Lützel, Brenderweg 23 Studien- und Gedenkfahrt in die Mahn- und Gedenkstätte Hadamar bei Limburg/Lahn (Rückkehr gegen 13 Uhr, Unkostenbeitrag 10 €).
  • 27. Januar 2016 um 17.30 Uhr am Mahnmal auf dem Reichensperger Platz Statio
  • 27. Januar 2016 um 18.00 Uhr in der Liebfrauenkirche Gedenkstunde mit christlich-jüdischem Gebet
  • 3. Februar 2016 in der Citykirche Ende der Ausstellung
  • Zu allen Veranstaltungen, deren Besuch bis auf die Fahrt nach Hadamar kostenlos ist, sind alle Interessierten herzlich eingeladen.
  • Führungen sind in Absprache mit dem Förderverein Mahnmal Koblenz möglich.

 

 


 

Auch die Stiftung Scheuern - unser Kooperationspartner bei der Ausstellung - gab hierzu eine Presseerklärung heraus, die ebenfalls nachfolgend wiedergegeben wird:

Pressemitteilung Stiftung Scheuern - Koblenz/Nassau, 07.12.2015:

„Vergiss mich nicht und komm...“ –

Ausstellung zum Gedenken an die Opfer der Zwangssterilisationen und NS-Krankenmorde in Koblenz und Umgebung 1934 - 1945

Die Stiftung Scheuern aus Nassau zeigt in Zusammenarbeit mit dem Verein Mahnmal Koblenz e.V. ihre Dokumentation vom 13.01. bis zum 03.02.2016 in der Citykirche Koblenz zum Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewalttaten. Sie setzt damit ein Zeichen gegen das Vergessen, erinnert an das dunkelste Kapitel ihrer 166-jährigen Geschichte, denn nur wer die eigene Geschichte kennt, kann die Zukunft gestalten.

„Vergiss mich nicht und komm...“ waren die verzweifelten Worte des ermordeten Karl L. in seinem Brief an seine Schwester. Karl L. gelangte mit einem Sammeltransport im April 1941 nach Scheuern und wurde am 16. Mai 1941 nach Hadamar transportiert. Seine Zeilen wurden nie abgeschickt, erinnern aber an das unsagbare Verbrechen, der Vernichtung des sogenannten unwerten Lebens, den brutalen Mord an Menschen mit Behinderung und an eine Zeit in der Einrichtungen der Behindertenhilfe von den Nazis als Zwischenanstalten missbraucht wurden. Unter ihnen war auch die heutige Stiftung Scheuern in Nassau. Fast 1.500 Menschen aus der Zwischenanstalt Scheuern wurden unter der Herrschaft der Nationalsozialisten in Hadamar umgebracht. Viele der getöteten Menschen spürten sehr genau, was sie erwartete. Das belegen nicht nur die Briefe, die sie wie damals Karl L. hinterließen.

Auch dem Koblenzer Alois G. wurde das Lebensrecht abgesprochen. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in seinem Elternhaus in der Salierstraße. Von da aus kam er nach Scheuern und lebte in der Zwischenanstalt ein knappes Jahr.

Im Alter von 17 Jahren wurde er in Hadamar am 1. Juli 1941 vergast.

In der Ausstellung wird an die vom NS-Regime getöteten Bürger der Stadt Koblenz und an die ehemaligen Bewohner der Stiftung Scheuern gedacht.

So beleuchtet die Ausstellung auch das Schicksal von Katharina H. Sie fiel ebenfalls der Aktion T4 zum Opfer und lebte seit 1911 in der damaligen Anstalt Scheuern. Zwei Tage, am 30.03.1941 vor ihrem Weg in den Tod, schrieb sie an ihre Familie „...muss nur weinen und nichts weiter als weinen...“ und „...behüt mich Gott, dass ich auch noch einmal frohe Stunden erleben dürfe...“.

Ab 1941 wurden Urteile über den Wert menschlichen Lebens gefällt und Scheuern zum Handlanger der Urteilsvollstreckung gemacht. Die Stiftung Scheuern ruft in Erinnerung an die eigene Geschichte zur Wachsamkeit auf und mahnt, dass es niemals mehr ein solch grauenhaftes Zusammenspiel von politischer Ideologie und einer gesund und rein zu haltenden Rasse geben darf. Niemals mehr dürfen Menschen in einer Gesellschaft als „Ballastexistenzen“ unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt für einen Staat eingestuft werden. Diese furchtbaren Gräueltaten dürfen sich nie mehr wiederholen und darum ist die Stiftung Scheuern gegen das Vergessen. Sie setzt sich in der Gegenwart dafür einsetzen, Leben zu schützen, wo immer Leben geschützt werden will.

 

Stiftung Scheuern - Auf einen Blick:

Die Stiftung Scheuern betreut Menschen mit geistiger Behinderung, psychischer Erkrankungen und erworbener Hirnschädigung.

Die Stiftung Scheuern ist eine große diakonische Einrichtung der Behindertenhilfe im nördlichen Rheinland-Pfalz mit Hauptsitz in Nassau. Sie setzt sich für ein selbstbestimmtes Leben und für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein.

Unter dem Leitgedanken von Inklusion und der Achtung des Einzelnen in seiner Würde und Individualität hat die Stiftung Scheuern ein breites Angebot entwickelt. Das Spektrum reicht vom Wohnen, über Bildung und Qualifizierung bis hin zu Arbeit und Beschäftigung. Medizinische, therapeutische Begleitung und Behandlung gehören ebenso dazu wie die Freizeitgestaltung. Auch ambulante Betreuungsformen zählen zu den Dienstleistungen.

Individualität und Leben in der Gemeinschaft versteht die Stiftung Scheuern nicht als Gegensätze, sondern betrachtet sie im Sinne eines abwechslungsreichen und erfüllten Lebens.

Die Stiftung Scheuern ist der größte Arbeitgeber im Rhein-Lahn-Kreis.

Viele hundert Mitarbeitende sind in einer Dienstgemeinschaft zum Wohle der Menschen tätig. Darunter sind pädagogische und pflegerische Fachkräfte, Handwerker der verschiedensten Branchen, Kaufleute und IT-Spezialisten.

Die Stiftung Scheuern ist zudem ein großer Ausbildungsbetrieb für Heilerziehungspfleger und für die genannten Berufsbilder.


Fotos oben: Scheuern in den 20ern, unten: Scheuern heute. Mehr unter: www.stiftung-scheuern.de

 


Aus dem Gästebuch von Mahnmal-Koblenz: Kinderfreuden im Deutschen (Nazi-) Reich

Anders als Erwachsene suchen Kinder überall einen Grund, Lachen zu können, fröhlich zu sein, auch in tiefster Not in der Kinderklinik, im Elend eines Flüchtlingslagers, im Straßengraben, wo die mordende Soldadeska vorbeizieht, im Dreck der Elendsquartiere am Rande der Großstädte. Selbst dürre, hungrige Kinder mit leerem Magen habe ich in Bogotá lachen sehen.
Auch wir damals im 2. Weltkrieg hatten unser Vergnügen. Mein Vater kam als Soldat an der Westfront einmal auf Urlaub und schnitzte mir aus einem Stück Holz ein großes Schießgewehr. Es blieb mein einziges echtes und heiß geliebtes Spielzeug als Kind. Ansonsten hatten wir ja die Wiesen, den Bach mit seinem Dreck, bauten Staudämme und Wasserräder, kletterten im Wettbewerb die Bäumchen hoch, die oben manchmal abbrachen, hantierten mit liegengebliebener Muniton und Handgranaten, einem riss es den Arm ab, und machten jede Menge Unsinn und hatten viel Spaß.
Die Väter waren im Krieg, in Gefangenschaft oder schon tot. Die Mütter sorgten sich ums Überleben, und wir waren allein.
Ein Höhepunkt des Tages aber war die fast tägliche Leerung der schweren hölzernen Müllkästen, mist mit Kohleasche halb gefüllt. Wenn wir am Morgen das Fuhrwerk mit den Gäulen herankommen sahen, freuten wir uns schon, weil daneben die beiden Mülllmänner gingen, der „Äsche-Martin“ und das „Pittchen“. Der umgängliche Äschemartin hatte ein steifes Bein (oder war es ein Klumpfuß) und der Pitt hate neben einer körperlichen Behinderung, nie alles so richtig verstanden. Und wenn sie dann zu zweit unsere schweren Müllkästen in den Wagen wuchteten, zupften wir sie an den Kleidern oder Beinen und kugelten uns vor Lachen, wenn sie Schwierigkeiten hatten, den Müll in den Wagen zu kippen. Und wenn sie dann auch noch versuchten, uns zu fangen, riefen wir boshaft: „Fang mich doch, fang mich doch, du lahmer Plumpssack“ oder sonstwie ein Schimpfwort nach. Hei, war das ein Spaß!
Aber irgendwann hörte der Spaß auf. Äschemartin und das Pittchen kamen nie mehr mit. Wir hofften lange noch vergeblich. Dann fragte ich meine Muter, warum nicht. Sie sagte nur: „Die sind nach Hadamar gekommen“.
Als junger Erwachsener erfuhr ich später von der sogenannten psychiatrischen Klinik in Hadamar, die auch eine Außenstelle in Andernach hatte. In Hadamar machten die Ärzte „wissenschaftliche Versuche“ an behinderten Menschen, die man anschließend mit anderen „***em Leben“, wie etwa „jüdische Mischlingskinder“ vergaste.
Und wir Kinder in unserem kleinen Dorf an der Saar? Wir hatten damals unser „unschuldiges Vergnügen“ mit den beiden Behinderten, die nach Hadamar kamen. Mit Schaudern denke ich oft an diese Kinderfreuden, und bis heute ist für „Hadamar“ ein furchtbares Wort. Aber ich bin dankbar, dass das für die Nachgeborenen nicht mehr gilt.

13. Januar 2016 - G. Hochländer, Vallendar


Hadamar in der NS-Zeit

 

Einen Presseartikel von "Blick aktuell" Ausgabe Koblenz v. 14.01.2016 können Sier HIER lesen

 

 




Das Programmheft zum 27. Januar 2016 des Landtags Rheinland-Pfalz HIER als PDF-Datei herunterladen

 


 

 Zur Eröffnung der Ausstellung veröffentlichte die Stiftung Scheuern einen Bericht, der nachfolgend wiedergegeben ist: 

Bericht zur Ausstellungseröffnung am 13. Januar 2016

Am 13. Januar 2016 eröffnete unser Verein in Kooperation mit der Stiftung Scheuern die Ausstellung:

"'Vergiss mich nicht und komm...' Zum Gedenken an die Opfer der Zwangssterilisationen und NS-Krankenmorde 1934 - 1945" in der Citykirche in Koblenz. Hierzu hat die Stiftung Scheuern einen Bericht veröffentlicht und Fotos gemacht, die wir nachfolgend dokumentieren:

 

Erinnerung an das Unvorstellbare

Vergangenheitsbewältigung: Stiftung Scheuern und Verein Mahnmal Koblenz zeigen in der Koblenzer Citykirche sehenswerte Ausstellung über NS-Euthanasiemorde und Zwangssterilisationen

 

Koblenz/Nassau. Nicht mehr als 20 Stellwände – doch zwischen diesen Stellwänden lässt sich unvorstellbares Leid erahnen: Die vor wenigen Tagen in der Koblenzer Citykirche eröffnete Ausstellung „Vergiss mich nicht und komm… Zwangssterilisationen und Krankenmorde in Koblenz und Umgebung 1934 bis 1945“ beleuchtet eine der schwärzesten Seiten im sicherlich dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Initiiert hat sie der Verein Mahnmal Koblenz, der alljährlich im Umfeld des 27. Januar, des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, mit einer besonderen Veranstaltung der NS-Opfer gedenkt – und diesmal in der Stiftung Scheuern in Nassau, einer der größten Einrichtungen der Behindertenhilfe in Rheinland-Pfalz, einen Kooperationspartner gefunden hat. In der von den Arnsteiner Patres zur Verfügung gestellten Citykirche zeigt die Stiftung Scheuern die Dokumentation zu ihrem Mahnmal für die Opfer nationalsozialistischer Gewalttaten – ergänzt durch 14 eindrückliche Opfer-Biographien aus Koblenz und Umgebung, die der Verein Mahnmal erarbeitet hat.

„Diese Ausstellung beschäftigt sich mit einer ganz besonderen Kategorie von Verbrechen“, leitete der Vereinsvorsitzende Dr. Jürgen Schumacher die Ausstellungseröffnung ein. „Verbrechen, die gezielt die Schwächsten der Gesellschaft getroffen haben.“ Die Einstufung von behinderten und kranken Menschen als ,unnütze Esser‘ habe damals, in der Zeit des Nationalsozialismus, zu deren systematischer Ermordung geführt. „Eine solche Verachtung und Abwertung zeigt ein Höchstmaß an Selbstsucht und Mangel an Empathie“, beschrieb Schumacher das geistig vergiftete Klima jener Jahre, die, obwohl längst vergangen, leider nach wie vor gegenwärtig sind. „Wenn Rechtsradikale heute einen solchen Zulauf finden, wenn Kommunalpolitiker Morddrohungen erhalten und wenn das Internet vor fremdenfeindlichen Hasstiraden überquillt, dann ist es umso mehr unsere Pflicht, daran zu erinnern, wozu menschenverachtende Ideologien führen können“, mahnte Schumacher.

Sehr deutliche Worte fand auch Pfarrer Gerd Biesgen, Vorstand der Stiftung Scheuern, deren Vorgänger-Einrichtung die Nationalsozialisten zur „Zwischenanstalt“ umfunktionierten. Insgesamt fast 1500 Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung deportierten sie von dort in die Tötungsanstalt Hadamar, wo sie bis zum 23. August 1941 durch Giftgas, von da an bis Kriegsende durch Medikamentenüberdosierung oder gezieltes Verhungernlassen einen qualvollen Tod fanden. „Das Vergessen ihrer Vernichtung über Jahrzehnte war lange Teil der Vernichtung selbst. Das ist heute zum Glück endlich anders“, betonte Biesgen, der die Erinnerungskultur dennoch kritisch hinterfragte: „Ist es überhaupt möglich, Erinnerung an solche Verbrechen in einer Art und Weise zu begehen, die nicht schal ist?“

Wie echtes, sinnvolles Erinnern und Gedenken gelingen kann, demonstrierte Biesgen, indem er aus zwei Zeitzeugenberichten von Menschen zitierte, die damals knapp der Deportation von Scheuern nach Hadamar entkamen. „Ich möchte so Schreckliches in meinem ganzen Leben nicht wieder erleben. Dann möchte ich noch viel lieber tot sein“, heißt es in einem von ihnen. „Neben die Scham über das von Menschenhand damals verübte Ungeheuerliche soll und darf die stellvertretende Bitte um Vergebung treten“, sagte Gerd Biesgen. „Nein, so Schreckliches soll im ganzen Leben keines Menschen wieder erlebt werden. Und ja, wir Heutigen wollen uns nach unseren Kräften dafür einsetzen, dass Schritte hin zu mehr Gerechtigkeit gegangen werden.“ Wer glaube, dass Rassismus heute keine Rolle mehr spiele, irre, mahnte Biesgen, der in diesem Zusammenhang aus dem Buch „Annas Spuren“ zitierte, in dem sich die ehemalige Lehrerin Sigrid Falkenstein mit der Lebensgeschichte ihrer ermordeten Tante auseinandersetzt. „Je leistungsorientierter die Gesellschaft ist, desto größer ist die Gefahr, dass sogenannte Randgruppen – chronisch Kranke, Behinderte, alte Menschen oder Arbeitslose – nur noch als wirtschaftliche Belastung angesehen und aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden“, schreibt Sigrid Falkenstein. „Wir müssen täglich daran arbeiten, dass gerade schwache, oft am Rand der Gesellschaft stehende Menschen in die Mitte zurückgeholt werden, dass sie gleichberechtigt und selbstbestimmt leben können. Das ist unsere Pflicht, kein Akt der Fürsorge oder Gnade.“

Joachim Hennig, federführend an der Organisation und Konzeption der Ausstellung beteiligter stellvertretender Vorsitzender des Vereins Mahnmal Koblenz, wiederum ging ebenso historisch fundiert wie anschaulich auf die Inhalte der Ausstellung ein. „Auf den Tag genau heute vor 75 Jahren begann Hadamar mit den Giftgasmorden“, erinnerte er und schilderte das grauenhafte Geschehen, das sich nach Ankunft der „Patienten“ in der Tötungsanstalt abspielte. Schilderte, wie die Nationalsozialisten durch die Vorspiegelung falscher Todesursachen, aber auch durch die Einrichtung von Zwischenanstalten wie eben der in Scheuern, die übrigens die einzige in Trägerschaft der Kirche war, ihre Verbrechen verschleierten. Neben den insgesamt rund 300.000 Morden an kranken, behinderten und sozial nicht angepassten Menschen thematisiert die Ausstellung aber auch die 350.000 Zwangssterilisationen von psychisch Kranken, die die Nationalsozialisten schon bald nach ihrer Machtergreifung auf der Grundlage des sogenannten Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses nicht minder systematisch betrieben. Kein Irrsinn, der aus dem Nichts entstand, wie Hennig betonte. „Die Ausstellung zeigt auf, dass die Ermordung kranker und behinderter Menschen keine ,Erfindung‘ der Nazis war, sondern dass Wissenschaftler und Praktiker schon in den 1920er-Jahren die ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens‘, die ,Ausmerze‘ von ,Ballastexistenzen‘ befürwortet hatten. Die Nazis griffen diese Vorstellungen auf und setzten sie in ihrer eigenen Art um – viel konsequenter, radikaler und brutaler, als man das vorher auch nur erwogen hatte“, stellte Hennig klar. Und: „Das alles hatte eine Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte fand nicht irgendwo statt, sondern ganz nah, hier bei uns.“

Im Detail nachzulesen ist dies alles in der Ausstellung, die noch bis Mittwoch, 3. Februar, täglich von 7.30 bis 19 Uhr (außerhalb der Gottesdienste) in der Citykirche am Koblenzer Jesuitenplatz zu sehen ist und durch Briefe in der Zwischenanstalt Scheuern lebender Menschen und ihrer Angehörigen noch mehr Plastizität erhält.





Foto oben: Vor der Tafel mit der Biografie von Alois Gaß: Sein Neffe Horst Gaß und rechts neben ihm Pfarrer Gerd Biesgen, Vorstand der Stiftung Scheuern.

Foto in der Mitte: Der Kurator des regionalen Teils der Ausstellung Joachim Hennig bei seiner Einführung in die Ausstellung

Foto unten:(von links nach rechts): die 80-jährige Lore Arnold (die heute in den Heimen Scheuern lebt, dort schon in der NS-Zeit war und als Kind damals die Krankenmorde miterlebt hat - sich aber hat verstecken können und deshalb überlebt hat), eine weitere Patientin von Scheuern, den Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz Dr. Jürgen Schumacher, den Vorstand der Stiftung Scheuern Pfarrer Gerd Biesgen und den Kurator des regionalen Teils der Ausstellung Joachim Hennig).

 


Presseberichte:

Rhein-Lahn-Zeitung vom 19. Januar 2016 HIER lesen

"Blick aktuell" Ausgabe Koblenz Nr. 03/2016 HIER lesen