Für die ,Halbjüdin' hieß es:

"Hart werden! Fest bleiben!”

Maria Terwiel, Mitglied der "Roten Kapelle"

Widerstand gegen den Nationalsozialismus kam nicht nur aus den traditionellen politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen. Vielmehr schlossen sich engagierte, humanistisch gesinnte Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Tradition zu Widerstandsorganisationen und -gruppen zusammen.
Eine solche, sehr bedeutende war die Harnack / Schulze-Boysen-Organisation, die von den Nazis "Rote Kapelle" genannt wurde. Eine der zahlreichen Frauen dieser Organisation war die im Jahre 1910 in Boppard/ Rhein geborene Maria Terwiel. Ihr Vater, Dr. Johannes Terwiel, hatte nach seinem Studium in Bonn eine Stelle als Lehrer am Lehrerseminar in Boppard angenommen.
Die Familie blieb aber nicht lange am Mittelrhein. Kaum war Maria ein Jahr alt, wurde der Vater an Lehrerseminare in der damaligen Provinz Posen versetzt. Nach dem verlorenen Krieg kam er wieder in den Westen zurück und wurde Prorektor am Lehrerseminar in Wittlich. Danach war er Schulrat beim Regierungspräsidium Köln und Regierungsdirektor in Düsseldorf. Schließlich ernannte man ihn zum Vizepräsidenten des Oberpräsidiums in Pommern. Maria Terwiel ging in Wittlich und Düsseldorf zur Schule und machte 1931 in Stettin ihr Abitur. Danach studierte sie in Freiburg im Breisgau und in München Rechtswissenschaft.
Nach der "Machtergreifung" verschlechterte sich die Lage der Familie entscheidend. Wegen seiner Zugehörigkeit zur SPD wurde der Vater wegen "politischer Unzuverlässigkeit" entlassen und in den Ruhestand versetzt. Maria Terwiel - wegen ihrer Mutter "Halbjüdin" - brach ihr Studium ab, als sie feststellen mußte, daß sie im Zuge der "Nürnberger Rassengesetze" nach dem Studium keine Stelle als Referendarin erhalten werde. Sie ging nach Berlin und arbeitete in einem französisch- schweizerischen Textilunternehmen. In der Hauptstadt lebte sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Zahnarzt Helmut Himpel, zusammen. Wegen der Rassengesetze war beiden eine Heirat unmöglich. Durch einen Patienten Himpels erhielten sie Kontakt zur Gruppe um Harro Schulze-Boysen. Beide nahmen dann an unterschiedlichen Aktionen dieser Organisation teil. Im Vordergrund ihrer illegalen Arbeit stand die Verbreitung von Schriften und Flugzetteln.
Besonders wichtig war die von beiden durchgeführte Aktion zur Verbreitung der berühmten Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen ("Hart werden! Fest bleiben! Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboß ... "). Dieser hatte sich 1941 gegen die Unterdrückung der Kirche und gegen die als sogenannte Euthanasie getarnten Morde an Geisteskranken gewandt. Maria Terwiel schrieb diese Predigten auf der Schreibmaschine mit mehreren Durchschlägen ab und versandte sie.
Im September 1942 wurden Maria Terwiel und Helmut Himpel verhaftet und am 26. Januar 1943 wegen "Hochverrat und Feindbegünstigung" vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Helmut Himpel wurde am 13. Mai 1943 getötet.
Maria Terwiel folgte ihm am 5. August 1943 in den Tod. Sie wurde in Berlin-Plötzensee hingerichtet und mit ihr weitere Widerstandskämpferinnen, wie es hieß, "im Interesse der Kostenersparnis". Die Ablehnung des Gnadengesuchs trägt Hitlers eigenhändige Unterschrift.
Maria Terwiel ist, wie auch die anderen Mitglieder der "Roten Kapelle", nicht vergessen.
Neben mehreren (kürzeren) Biographien erinnert unter anderem die Maria-Terwiel-Straße in ihrer Geburtsstadt Boppard an diese christliche Widerstandskämpferin.
Joachim Hennig, in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 7. Januar 1999
 

Weiterführende Hinweise :

  • Joachim Hennig: Maria Terwiel, Mitglied der “Roten Kapelle” - „Hart werden! Fest bleiben!“, in:
    Rhein-Zeitung – Ausgabe Koblenz – vom 7. Januar 1999.
  • Joachim Hennig: Maria Terwiel (1910 – 1943) – Eine Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus aus Boppard/Rhein, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 2002, S. 541 – 557.
  • C.M. Ternes: Maria Terwiel –ein Bopparder Kind Opfer des Widerstandes, in:
    Rund um Boppard vom 3. Januar 1959.
  • Johannes Tuchel: Weltanschauliche Motivationen in der Harnack/-Schulze-Boysen-Organisation („Rote Kapelle“), in: Evangelische Akademie Berlin(West)/Evangelisches Bildungswerk (Hg.):
    Die Widerstandsorganisation Schulze-Boysen/Harnack – Die „Rote Kapelle“ -, Tagung vom 9. – 11. September 1988 im Adam-von Trott-Haus, o.O., o.J. (Berlin 1988), S. 53 – 78).

  • Johannes Tuchel: Maria Terwiel und Helmut Himpel: Christen in der Roten Kapelle, in: Hans Coppi/Jürgen Danyel/Johannes Tuchel (Hg.):
    Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 1994,
    S. 213 – 225.
  • Ursula Pruß: Maria Terwiel, in: Helmut Moll (Hg.): Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20.Jahrhunderts. Paderborn u.a. 1999, S. 146 – 149.