Pfarrer Paul Schneider

Er lehnte es ab, die Hakenkreuzfahne zu grüßen

 
"Du solltst mein Prediger bleiben". Der Spruch des Jeremia paßt auf Paul Schneider.
Sie nannten ihn den "Prediger von Buchenwald" .
Vor und auch während des "Dritten Reiches" hatte der Protestantismus ein recht enges Verhältnis zur Obrigkeit. Man war dem (protestantischen) preußischen Königs- und Kaiserhaus verbunden und oft patriotisch-national-konservativ eingestellt. Zudem formierten sich die "Deutschen Christen" , die Nationalsozialismus und Christentum zu einer Einheit verschmelzen wollten. Gleichwohl gab es auch Widerständler. Einer der Opfer aus der evangelischen Kirche wurde Pfarrer Paul Schneider.
1897 in Pferdsfeld im Soonwald als Sohn eines Pfarrers geboren, hatte er schon ein bewegtes Leben hinter sich, als er im Jahre 1934 auf Betreiben der NSDAP im Wege der " Strafversetzung" auf den Hunsrück zurückkehrte: 1915 Notabitur, Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, Examina, Nachfolger seines Vaters als Pfarrer im Kirchenkreis Wetzlar, Heirat, mehrere Kinder, 1933 erste öffentliche Auseinandersetzung mit den Nazis und dann... Womrath.
Schneider wurde Mitglied des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche, beides Organisationen "von unten", um den Einfluß des Nationalsozialismus in den kirchlichen Bereich zu mindern. Schon 1935 bezeichnete der Koblenzer Regierungspräsident Schneider als "ausgesprochenen Feind des heutigen Staates".
Anfang 1937 stellte die Gestapo Koblenz fest: "Pfarrer Schneider ist ein fanatischer Anhänger der Bekenntniskirche, der jede Gelegenheit benutzt, um gegen den nationalsozialistischen Staat Stimmung zu machen.."
Am 31. Mai 1937 wurde Schneider zu Hause verhaftet und in das Gestapo-Gebäude ”Im Vogelsang 1” eingeliefert. Nach knapp zwei Monaten ließ man ihn frei, wies ihn aber gleichzeitig aus dem Rheinland aus.
Er ließ sich aber nicht von seinen Gemeinden trennen. Am Erntedankfest desselben Jahres kehrte er nach Dickenschied zurück. Abends, auf dem Weg zum Gottesdienst in Womrath, wurde er wieder in “Schutzhaft” genommen. Da Schneider weiterhin seinen Ausweisungsbefehl nicht akzeptierte, war sein Schicksal bald besiegelt.
Am 27. November 1937 wurde er ins KZ Buchenwald bei Weimar verschleppt. Bald kam es zu einem Zwischenfall, mit dem sein eigentlicher Leidensweg begann: Er lehnte es ab, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Sogleich wurde er auf den Prügelbock geschnallt und mit Stockhieben schwer mißhandelt. Danach kam er in eine Arrestzelle im “Bunker”, den er 14 Monate nicht mehr verließ. Immer wieder rief er von dort aus den auf dem Appellplatz angetretenen Tausenden von Häftlingen Bibelsprüche zu und prangerte die Mißhandlung und Tötung von Häftlingen an. Jedesmal wurde er mit 25 Stockhieben auf dem “Bock” und verschärften Haftbedingungen bestraft, aber der “Prediger von Buchenwald” ( so sein Ehrenname ) ließ sich von seinen Glaubensbezeugungen und Anklagen nicht abbringen.
Am 18. Juli 1939 kam er ums Leben. Seine Beerdigung in Dickenschied war eine machtvolle Demonstration der Bekennenden Kirche, obwohl Paul Schneider mit seinem Mut und seiner Gradlinigkeit auch in ihr ein Außenseiter war.
Pfarrer Schneider ist unvergessen. Dokumentationen und Biographien berichten über ihn, auch halten viele Augenzeugen, vor allem seine heute 94jährige sehr rüstige Witwe Margarete Schneider die Erinnerung an ihn wach.
Außerdem gibt es eine Paul-Schneider-Gemeinde in Weimar und eine Paul-Schneider-Gesellschaft. In Koblenz ist eine Straße nach ihm benannt; in Neuwied trägt eine Schule seinen Namen.
Joachim Hennig, in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 2/3. Januar 1999
 

 

Weiterführende Hinweise :

  • Aichelin, Albrecht: Paul Schneider. Ein radikales Glaubenszeugnis gegen die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus. Gütersloh 1994,
  • Aichelin, Albrecht: Paul Schneider (1897 – 1939), in: Karl-Joseph Hummel/Christoph Strohm (Hg.): Zeugen einer besseren Welt. Christ-liche Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Leipzig/Kevelaer 2000, S. 72 – 86,
  • Foster, Claude: Paul Schneider. Seine Lebensgeschichte. Der Prediger von Buchenwald, Neuhausen 2001,
  • Hennig, Joachim: „Er lehnte es ab, die Hakenkreuzfahne zu grüßen.“, in: Rhein-Zeitung vom 2./3. Januar 1999,
  • Pluhm, Dieter: Kirchenkampf konkret – Der Fall Paul Schneider (jap.), in: Mitsuo Miyata/Kunichika Yagyu (Hg.): Politisches Denken in Nazi-Deutschland (jap.), Tokio 2002, S. 301 – 334.
  • Rickers, Folkert: Widerstehen in schwerer Zeit. Erinnerung an Paul Schneider (1897 – 1939). Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht in den Sekundarstufen und für die kirchliche Bildungsarbeit. Neukirchen-Vluyn 1997,
  • Schneider, Margarete: Paul Schneider – der Prediger von Buchenwald, 4. Aufl., Neuhausen/Stuttgart 1996,
  • Schneider, Thomas Martin/Simone Francesca Schmidt: „Wenn die nordische stolze Rasse dem Jesuskind die Türe weist“ – Dokumente zur Theologie Paul Schneiders, in: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes, 50. Jg., 2001, 345 – 360,
  • Wentorf, Rudolf: Der Fall des Pfarrers Paul Schneider. Eine biografische Dokumentation, Neukirchen-Vluyn 1989.

Videofilm:

  • Steinwender, Sabine: „Ihr Massenmörder – ich klage euch an“. Pfarrer Paul Schneider. Düsseldorf 2000
    (dazu: Folkert Rickers, Textheft: Ergänzende Informationen und Arbeitsvorschläge zum Film, Düsseldorf 2000).