Pater Josef Kentenich (Gründer der Schönstatt-Bewegung aus Vallendar)


Pater Josef Kentenich erzählt (1955) von der Verfolgung der Schönstatt-Bewegung in der Zeit des Nationalsozialismus:

„Nun hat ja eigentlich in der gesamten Schönstattgeschichte eine Epoche eine ganz besondere Bedeutung. Sehen Sie, wenn nun die ganze Schönstattgeschichte eine einzige große Liebesgeschichte oder Bündnisgeschichte, Vorsehungsgeschichte ist, dann werden Sie dieses doppelte Merkmal bei der Verfolgungsgeschichte in einzigartiger Weise feststellen können...

Nun kam, das wissen Sie ja, 1933 der Nationalsozialismus in Deutschland ans Ruder, und 1939 hat sich das ganze Hitler-regime Schönstatt genähert. Sie wissen, wie Hitler mit der Zeit ganz Deutschland, wenigstens äußerlich gesehen, erobert hatte. Oben im Haus, wo unsere Jungen studierten, da haben sich auf einmal die Nationalsozialisten eingenistet. Unten im Tal, da ist das Heiligtum. Und nun ist das Empfinden da: Jetzt geht der Kampf los zwischen dem Nationalsozialismus und Schönstatt...

(Wir) haben 1939 zweierlei getan: Auf der einen Seite haben wir der Gottesmutter Blankovollmacht gegeben, das ist der Grad der Hingabe... Zweitens haben wir sie 1939 gekrönt... Wir wollten der Gottesmutter sagen: Du hast die Verantwortung für das Werk übernommen, und wir vertrauen gegen alles Vertrauen, dass du das Werk auch rettest gegenüber dem Nationalsozialismus...

Wir haben nun – 1939/40 – aus der Blankovollmacht gelebt und sind auch über alle Schwierigkeiten hinweggekommen. Der Nationalsozialismus hatte trotzdem die Absicht, das Schönstatt-werk zu vernichten. Und jetzt hat er auf einmal eine neue Methode angewandt. Er hat zunächst nicht die Bewegung verfolgt, sondern hat sich gesagt: Wo ist das Haupt der Bewegung?  Das Haupt schlagen wir, dann bricht die Herde von selber zusammen.

Sehen Sie, nun kam damals der Nationalsozialismus an mich heran. Jetzt hat die ganze Schönstattgeschichte sich zutiefst konzentriert auf ein Stück meiner persönlichen Lebens-geschichte. Das heißt praktisch: Stellvertretend! Meine Lebens-geschichte ist die Geschichte der Familie geworden.

Ja, jetzt müsste ich eigentlich eine ganz große, romanhafte Geschichte erzählen, damit wir das ganze in uns aufnehmen. Der Nationalsozialismus hatte Stück für Stück verboten. Wir durften keine Exerzitien mehr geben. Und die Bewegung als solche hat einen eigenen Namen gesucht. Wir haben nicht mehr Schönstatt-bewegung geheißen, sondern marianische Gebets- und Opfer-gemeinschaft – eine Zeit lang. Aber wir haben trotzdem versucht, getarnt Kurse zu halten, teils in Schönstatt, teils außerhalb Schönstatts...

Es war im September 1941, an einem Sonntag. Unser Haus, das heißt das Bundesheim, wo die Kurse gehalten wurden, war inzwischen schon Lazarett geworden. Sonntags, da kommt die Gestapo und verlangt nach mir... Sie sind nur da gewesen, um mich persönlich einzuladen, ich sollte am nächsten Tag, am Montag, zu ihnen kommen... Ich habe dann gesagt: Heute Abend muss ich anfangen, Priester-Exerzitien zu geben ... Nun gut, dann sollte ich am Samstag kommen.

Gut, dann habe ich den Kursus gehalten und bin am Samstag-morgen dann hinübergegangen. Ich habe die allerältesten Kleider angezogen und die allerältesten Schuhe, bin zur Gestapo gegangen, und dann gab es ein Verhör. Nachher hieß es: Wir müssen Sie hier behalten...

Anstatt sie mich ins Gefängnis gesteckt haben, haben Sie mich einen ganzen Monat lang unter die Erde gesteckt... Da gab’s keine Luft, es war alles unter der Erde. Die Absicht war natürlich, ich sollte innerlich und äußerlich zusammenbrechen... Und nachdem der Monat zu Ende war – das war genau am 18. Oktober, einen Monat war ich unter der Erde -, habe ich damals gemeint, ich käme jetzt heraus. Aber ich kam nicht heraus, es ging nach oben ins Gefängnis. Also: unten unter der Erde, dann ins Gefängnis hinauf...

Als ich nun heraufkam, unten aus der Erde, nach oben ins Gefängnis, habe ich deswegen – sogar als Gestapogefangener – sofort Bedingungen gestellt. Ich habe Bedingungen gestellt. Zunächst einmal habe ich ihnen gesagt: Ich ziehe meinen Habit nicht aus. Ich will im Habit bleiben. Ja, nun war das damals eine böse Geschichte: im Habit. Schon deswegen, weil jedermann dann gesehen hätte, da ist wieder ein Pfaffe, ein Priester eingeliefert. Und der damalige Führer des Gefängnisses, das war an sich ein guter Katholik. Der kam dadurch in große Verlegenheit, dass ich ihm einfach sagte: Ich ziehe den Habit nicht aus...

Kaum (war ich) in meiner Zelle, da hieß es: Ja, jetzt müssen aber Tüten geklebt werden. Das war Pflicht, jeder Gefangene musste jeden Tag ich weiß nicht wie viel Tüten kleben. Da sollte ich also Tüten kleben. Dann habe ich erklärt: Ich klebe keine Tüten... Was keinem geglückt ist, das ist geglückt: sie haben mich freigesprochen, ich brauchte keine Tüten zu kleben...

Also Tüten habe ich nicht geklebt, aber Tütenpapier habe ich gebraucht. Da habe ich immer in Form von Gedichten geantwortet (der eine oder andere Aufseher schmuggelte Nachrichten aus der Zelle heraus und wieder hinein, Erg. d. Verf.), weil das dann, so habe ich mir gedacht, wenn das jemand in die Hand fällt, nicht so schlimm ist – was macht man mit einem Gedicht? Später habe ich ganze Abhandlungen und Vorträge geschrieben. Sehen Sie, das ist natürlich sehr gefährlich gewesen... Ich habe mir immer gesagt: Je kühner, je frecher, desto besser!...

Die Kühnheit ist dann gewachsen. Wenn das glückt, j du meine Güte, dann könnte ich mir ja auch Wein und Hostien hereinbringen lassen! Dann habe ich mir Wein und Hostien kommen lassen und habe jeden Morgen zelebriert...

Das Gefängnis war früher ein Kloster gewesen, heißt auch: Zu den Karmeliten. Die Zelle, die lag so angelehnt an die Empore... Und eines Tages saß ich in meiner Zelle, und ich schau dann durchs Fenster heraus. Ja, was sehe ich da draußen? Einen Schwesternkopf! Buchstäblich so einen Schwesternkopf! Das war eine „Vision“... Auf einmal seh’ ich: In der Sakristei, da hebt sich auf einmal der Deckel, da kommt ein Schwesternkopf heraus. Und es dauert nicht lange, da verschwindet der, da kommt wieder ein neuer Schwesternkopf. Sie können sich natürlich meine Überraschung vorstellen...

Was war denn nun passiert? Eine von unseren Schwestern, die hatte – ich weiß nicht, ob das vom Heiligen Geist oder vom Teufel war – die Idee bekommen: Da muss man doch irgendwo mal hineingucken können in das Gefängnis. Da muss doch irgendwie etwas möglich sein. Weil sie nicht gern allein gehen wollte, hat sie einer zweiten Schwester den Plan mitgeteilt. Diese ist mitgegangen. Sie sind dann von Vallendar nach Koblenz und sind dann zunächst mal um das Gefängnis herumgegangen, ob man nicht irgendwo mal hineingucken könnte. Ins Gefängnis, das geht nicht. Dann sind sie in (verschiedene) Häuser hineingestolpert, so als hätten sie sich vertan, damit man von irgendeinem Hause da reingucken könnte.

Sehen Sie, das klingt nun alles so ganz schön, so scherzhaft. Aber dahinter hat ungeheuer viel Mut gesteckt und auch ungeheuer viel Verantwortungsbewusstsein für das Werk.  

Eine Tages, da ist noch mal Untersuchung. Und dann bekomme ich die Nachricht, ich muss ins Konzentrationslager gehen.

Das ist halt so, die (Patres und Schwestern in Schönstatt, Erg. d. Verf.) haben sich dann mit allen Mitteln bemüht, Einfluss auf den untersuchenden Arzt zu gewinnen. Sie haben auch erreicht, dass der Arzt sagte, wenn ich mich noch mal  melden würde  – ich sollte  mich krank melden -, dann wollte er mich lagerunfähig schreiben.

Das ist für mich eine ‚gefährliche Sache’. Ja, weshalb eine gefährliche Sache für mich? – Schauen Sie, jetzt ist für mich die Überlegung: Sollst du dieses natürliche Mittel nun gebrauchen, um vor dem Konzentrationslager bewahrt zu bleiben?...

Ja, und dann habe ich mir gesagt: Nein, ich will keine natürlichen Mittel mehr anwenden; wir haben genug natürliche Mittel angewandt... Ich will ins Konzentrationslager, weil die Bedingung gestellt ist, wir sollen uns ihr ganz hingeben, ... jetzt ihr hingeben bis in den sicheren Tod hinein, sie muss dann das andere machen...

Wissen Sie, was das heißt, Inscriptio machen? Das heißt die Gottesmutter bitten, sie soll uns allen das schwerste Leid schicken, was in den Plänen der Vorsehung steht. Das Liebesbündnis ist wirklich, die Gottesmuter hat sich verpflichtet, und ich habe weiter nichts zu tun, als mich total ihr hinzugeben.

Bin auch nach Dachau gekommen....“

 

 

 

 

 

Weiterführende Hinweise zu Pater Josef Kentenich:

Gube, Dieter: Pater Josef Kentenich: Gründer der „Schönstattbewegung“, Widerstandskämpfer und Überlebender des KZ Dachau, in: Hans-Georg Meyer/Hans Berkessel (Hg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Band 1, Mainz 2000, S. 461 – 467,
Kentenich, Josef: 25. Juni 1955: Die Realität des Liebesbündnisses in der Gefängniszeit, in: ders.: Am Montagabend. Mit Familien im Gespräch, Band 1, Aus dem Liebesbündnis leben, 2. Aufl., Vallendar-Schönstatt 1994,
Menningen, Alexander: Pater Kentenich: Bekenner von Dachau. 3. Aufl., Vallendar-Schönstatt 1982,
Monnerjahn, Engelbert: Karmelzeit 1941/42. Pater Kentenich im Gefängnis Koblenz, 2. Aufl., Vallendar-Schönstatt 1992,
Monnerjahn, Engelbert: Pater Josef Kentenich: Ein Leben für die Kirche. 3. Aufl., Vallendar-Schönstatt 1990,
Monnerjahn, Engelbert: Häftling 29 392: Der Gründer des Schönstatt-werkes als Gefangener der Gestapo 1941 – 1945. 3. Aufl.,Vallendar-Schönstatt 1975.

 





    

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