Familie Michaelis

„Sie standen immer unerschütterlich treu zu Jehova“

– Zeugen Jehovas waren Ziel von Verfolgung durch die Nazis –

Auch als Kriegsdienstverweigerer

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas (früher: Ernste Bibelforscher) in der NS-Zeit war ein einzigartiger Vorgang: Sie wurden als erste Glaubensgemeinschaft verboten. Keine andere Glaubensgemeinschaft hat in ihrer Gesamtheit mit einer vergleichbaren Unbeugsamkeit sich den NS-Nötigungen versagt und sogar entgegengestellt. Von allen christlichen Gemeinschaften wurden die Zeugen Jehovas am weitaus härtesten und unerbittlichsten verfolgt. Von der Verfolgung her kann der Vergleich mit dem Schicksal der Juden in etwa gezogen werden. Sie waren die einzigen Kriegsdienstverweigerer großen Stils. Als einzige religiöse Gruppe wurden sie in den KZs als eigenständige Häftlingsgruppe mit dem „lila Winkel“ gekennzeichnet und innerhalb des Lagers - oft im Strafkommando - isoliert. Sie waren die einzigen Häftlinge, die aufgrund eigenen Zutuns, durch ein schriftliches Abschwören vom Glauben, die KZ-Haft beenden konnten. Von etwa 25.000 Zeugen Jehovas damals waren rund 10.000 unterschiedlich lange inhaftiert, etwa 2.000 von ihnen kamen in KZs um. Weitere 1.200 kamen anderweitig um oder wurden ermordet. Zu diesen Standfesten gehörte auch die Familie Michaelis aus Neuwied.

Die Eheleute Michaelis gehörten seit den 20er Jahren den Zeugen Jehovas an. Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, waren sie in Neuwied gar als hauptamtliche „Pioniere“ tätig. Nach einem für Fritz Michaelis glimpflich verlaufenen Ermittlungsverfahren wurden die Eheleute zusammen mit weiteren Zeugen festgenommen und hier in Koblenz monatelang in Untersuchungshaft gehalten. Man machte ihnen und 19 anderen den Prozess allein deshalb, weil sie Zeugen Jehovas waren, deren Schriften besaßen und sich mit ihnen versammelt hatten. Hierin sahen die Nazis ein staatsfeindliches Verbrechen. Das in Koblenz tagende Sondergericht Köln verurteilte Fritz Michaelis als „Haupt der Zeugen Jehovas im Rheinland“ zu 16 Monaten und seine Frau Liesbeth zu sechs Monaten Gefängnis. Nach der Haft kam er nicht frei, sondern wurde von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau verschleppt. Als Häftling mit der Nummer 13.382 kam er nach offiziellen Angaben am 18. April 1939 dort um.

Seine Frau Liesbeth ging nach der Haft in Koblenz zurück nach Berlin, wo sie geboren war. Sie heiratete wiederum einen Zeugen Jehovas, der ebenfalls ein schweres Schicksal hinter sich hatte und schon bald erneut verfolgt wurde. Frau Michaelis, inzwischen wiederverheiratete Seling, schloss sich in Berlin einer großen Gruppe von Zeugen Jehovas an, die in der Illegalität sehr aktiv war. Sie war u.a. Kurier und stand in Kontakt zu Glaubensbrüdern in den Außenkommandos der KZs Ravensbrück und Sachsenhausen. Auch versteckte sie mit anderen drei fahnenflüchtige junge Zeugen Jehovas vor dem Kriegsdienst. Deswegen wurde sie nach langer Untersuchungshaft wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei Kriegsende wurde sie befreit.

Nach dem Krieg blieben die Michaelis/Selings zunächst noch in Ostberlin wohnen, wichen dann aber vor der auch in der damaligen DDR drohenden Verfolgung der Zeugen Jehovas nach Berlin(West) aus. Anfang der 50er Jahre kehrten sie in den Raum Neuwied zurück. Die Tochter Lydia lebt heute bei Prüm in der Eifel.
Joachim Hennig, in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 22. November 2001
 

Weiterführende Hinweise :

  • Joachim Hennig: “Sie standen immer unerschütterlich treu zu Jehova” Familie Michaelis – Zeugen Jehovas waren Ziel von Verfolgung durch die Nazis – Auch als Kriegsdienstverweigerer, in:
    Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 22. November 2001
  • Joachim Hennig: (Nicht) Vergessene Opfer der Nazis: Die Familie Michaelis aus Neuwied, in:
    Heimat-Jahrbuch 2002 des Landkreises Neuwied, S. 315 – 325.
Zum Seitenanfang