Johann Dötsch

Als SPD-Funktionär kam auch er ins KZ


Mit Hitlers Vorbereitungen auf den II. Weltkrieg nahm der Terror weiter zu. Für die Bevölkerung im „Reich“ schufen die Nazis ein Sonder(straf)recht, das vielfach die Todesstrafe vorsah. Zugleich verlor das Strafrecht seine Bedeutung als Sanktion. Immer mehr ging die Gestapo dazu über, Menschen auch ohne Strafverfahren in Konzentrationslagern in „Schutzhaft“ zu nehmen. Die Nazis hatten es nicht mehr nötig, sich des „Rechts“ als Unrechtsinstruments zu bedienen: sie setzten den Terror unmittelbar ein. Eines dieser Opfer war der SPD-Funktionär und Gewerkschafter Johann Dötsch.
1890 in dem damals noch selbständigen Metternich geboren, absolvierte er eine Maurerlehre. Nach seiner Einberufung zum Militärdienst wurde er Berufssoldat und nahm am I. Weltkrieg teil, zuletzt als Feldwebel-Leutnant. 1919 trat er der SPD bei. Er arbeitete sich über den Ortsverein Metternich bis zum Parteisekretär und Vorsitzenden des Unterbezirks Koblenz hoch. 1927 schied er aus dem inzwischen eingegangenen Beamtenverhältnis beim Hauptversorgungsamt Koblenz aus, um sich ganz der SPD widmen zu können. Von 1929 bis 1933 war er gewähltes Mitglied des Provinziallandtages der Rheinprovinz.
Schon kurz nach dem SPD-Verbot im Juni 1933 kam Dötsch in „Schutzhaft“ in Koblenz. Eine längere Haft blieb ihm aber erspart, allerdings kam er 1933 noch einmal kurz in „Schutzhaft“. Inzwischen waren die Organisationsstrukturen der SPD zerschlagen, viele Funktionäre in der Emigration, Mitglieder resigniert und/oder mundtot gemacht. Dötsch musste für sich und seine Familie eine neue Existenz aufbauen. So wurde er notgedrungen Handlungsreisender in Seifenartikel. Ansonsten durfte er seinen Wohnsitz nicht verlegen und musste unauffällig leben, denn als früherer SPD-Funktionär wurde er überwacht.
Am 1. September 1939 begann der von Hitler entfesselte II. Weltkrieg. Für Dötsch überschlugen sich die Ereignisse: Zum 2. September erhielt er eine Einberufung zur Wehrmacht als Hauptmann der Reserve. Doch zuvor - am 1. September - wurde er in Koblenz überraschend verhaftet und ging von hier aus „auf Transport“ ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Ein solches Schicksal widerfuhr ihm - im Rahmen der „A-Kartei“-Aktion - zusammen mit ca. 850 Parteifunktionären und Gewerkschaftern.
Im KZ erhielt er die Häftlingsnummer 2357 und wurde wie viele andere auch unendlich gequält. Versuche, ihn freizubekommen - und sei es auch nur als Soldat - scheiterten. Er war bis zum Skelett abgemagert, als er mit den anderen Häftlingen kurz vor Kriegsende auf den Evakuierungs-/Todesmarsch geschickt wurde. Die völlig entkräfteten Häftlinge wurden zur Ostsee getrieben; wer nicht weiter konnte, erhielt den Genickschuss. Anfang Mai setzte sich die SS ab, endlich war man frei.
Dötsch blieb noch im Mecklenburgischen, zunächst um wieder zu Kräften zu kommen, später wegen der Nachkriegsverhältnisse. Erst im Oktober 1945 konnte er nach Koblenz zurückkehren.
Er war Mitbegründer der SPD in Koblenz und ab 1.Januar 1946 Präsidialdirektor („Minister“) für Arbeit und Soziales der Provinz Rheinland-Hessen/Nassau. Am 2. Oktober 1946 starb Johann Dötsch an einem Herzleiden, das er sich im KZ zugezogen hatte.

Joachim Hennig, in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 21. Dezember 2000
 

 
Tagebuch gegen das Vergessen  von Johann Dötsch

(Ergänzungen in kursiv von Joachim Hennig)

21. April 1945. Morgens 4 Uhr plötzlicher Befehl: Das ganze Lager wird heute geräumt. 5.45 Uhr traten zunächst die Polen zum Abmarsch an. Sofortiges Packen. Ich hatte leider meinen Rucksack mit den liebsten Sachen und unsere selbst verfasste Broschüre über Obstbau, Geburtstagsgratulati-onen u.a. mehr auf meinem (Arbeits-)Kommando gelassen, weil kein Mensch mehr mit der Räumung des Lagers rechnete... Wir wurden zu 500 Häftlingen in Marschblocks zusammengestellt und unter strengster Bewachung der SS auch mit Spürhunden in Marsch gesetzt. Unser Marschblock verließ um etwa 3 Uhr nachmittags bei strömenden Regen das Lager. Als Verpflegung bekam jeder 1 1/2 Kilo Brot und je vier Konserven etwa ¾ Kilo Wurst mit... Wir marschierten an der ganz zerbombten Siedlung Sachsenhausen vorbei, durch  Dorf Sachsenhausen, Teerofen bis Sommerfeld. Hier kamen wir zur Hälfte in einer Feldscheune, zur Hälfte im Freien unter.

22. April 1945. Frühmorgens marschierten wir auf der Straße nach Neuruppin weiter. Auf  dieser großen Fluchtstraße vor den Russen ging es nur langsam vorwärts, da die Straße mit endlosen Flüchtlingstrecks, zurück-flutenden Truppen, Panzern und Waffen aller Gattungen sehr verstopft war. Unsere große Sorge galt den Tieffliegern, die uns zwar öfter überflogen, aber keine Bomben warfen... Hinter dem Städtchen Lindow bei starkem Hagel-schauer Mittagsrast, ohne Essen nach verkürzter Rast Weitermarsch auf  Rheinsberg. Hier zeigten sich schon bald die erschütternsten Zeugen der SS-Mordgier. Erst spärlich, dann aber immer häufiger tote Häftlinge im Straßen-graben mit dem berüchtigten Genickschuss. Wer zurückblieb, wurde erbar-mungslos erschossen. Besonders mit den Ausländern machte man kurzen Prozess...

23. April 1945. Gegen 11 Uhr kamen wir an lagernden Truppen vorbei, die uns Kaffee während der Ruhepause gaben. Unser Führer versprach, heute um 14 Uhr den Marsch abzubrechen und ein anständiges Quartier zu besorgen. Tatsächlich kamen wir gegen 15 Uhr auf einem großen Gutshof bei dem Dorf Schweinitz im Kreis Ostprignitz an. In einer riesigen neuen Scheune mit viel Stroh kamen wir gut unter. Abends gab uns das Gut reichlich Pellkartoffeln, die mit Heißhunger verzehrt wurden...

Die Bevölkerung reagierte unterschiedlich auf die Häftlingskolonnen, die bei nasskaltem Wetter 20 und 40 Kilometer am Tag marschierten und oft im Freien übernachteten. Manchmal erhielten sie - wie in Schweinitz – Lebens-mittel, meistens erfuhren sie aber völlige Gleichgültigkeit.

Am folgenden Tag kamen die Häftlinge in ein „Lager“ im „Belower Wald“. Es bestand im Wesentlichen aus einem etwa 40 ha großen Waldstück mit Buchen- und Kiefernbestand in der Nähe des mecklenburgischen Dorfes Below. Während die SS-Lagerführung sich in nahe gelegenen Bauernhöfen einquartierte, suchten die Häftlinge im Waldlager in selbst errichteten Unterständen und Erdlöchern Schutz vor der Witterung und versuchten, ihren Hunger mit Kräutern, Wurzeln und Rinde zu stillen. Es kursierten Gerüchte, die Häftlinge sollten im Wald verhungern.

24. April 1945. Gegen 3 Uhr kamen wir in den riesigen Wäldern von Below an. In diese Wälder trieb die SS das ganze Lager Sachsenhausen und etwa  15 000 Frauen des (Frauen-Konzentrations-)Lagers Ravensbrück. Hier war man sich völlig selbst überlassen. Die Postenkette war in weitem Kreis um den Wald gezogen. Ohne jede Verpflegung und ohne Wasser sah unser Lager recht trostlos aus. Am zweiten Tag wurde die Postenkette einfach durchbrochen, um Wasser zu holen. Da in höchster Not kam die Hilfe vom Internationalen Roten Kreuz in Gestalt von Paketen mit ausgezeichnetem Inhalt. Corned Beef, Wurst, Butter, Keks, Schokolade, Zucker, Tee, Kaffee und nicht zuletzt köstliche Zigaretten. Dann hob sich der Lebensmut der Menschen rasch wieder. Für viele kam die Hilfe aber zu spät. Morgens kam mancher aus seiner selbst gebauten Hütte nicht mehr hervor und musste irgendwo im Walde verscharrt werden... In diesem grauenvollen Walde verblieben wir bis einschließlich 29. April. Das Rote Kreuz brachte noch zweimal Pakete dorthin. Die Leitung des Roten Kreuzes muss auch wegen der Erschießungen von Häftlingen interveniert haben, denn der Kommandant machte vor dem Weitermarsch bekannt, dass niemand mehr erschossen werden dürfe. Die Kranken wurden an den Marschstraßen gesammelt und vom Internationalen Roten Kreuz weiter transportiert.

30. April 1945. Früh morgens kam eiliger Abmarschbefehl aus dem Walde von Below in Richtung Lübeck, weil die Herren der SS fürchteten, von den Russen eingeholt zu werden. Davor hatten sie eine höllische Angst. Deshalb wurden wir den Amerikanern in die Arme getrieben. Vor dem Abmarsch gab es nochmals ein Rote-Kreuz-Paket zu fünf Mann. Am ersten Marschtag erreichten wir schon mecklenburgische Orte, kamen dann aber wieder in die Ostprignitz. In einem kleinen Bauernhof von seltener Verwahrlosung kamen wir gegen 14 Uhr in einer Scheune mit reichlich Stroh unter.

1. Mai 1945. Am 1. Mai ein trauriger Maispaziergang. Die meisten mit wunden Füßen, verlaust, seit Tagen nicht gewaschen. Die Verstopfung der Straßen mit Truppen und Flüchtlingen vor den Russen wurde immer ärger. In den Straßengräben massenhaft ausgebrannte Wagen, tote Pferde und Menschen. Die Straßen von Bomben der Tiefflieger stark aufgerissen. Während des Marsches passierten wir Zechlin und Parchim in Mecklenburg. Sechs Kilometer hinter Parchim biwakierten wir im Walde. Spät abends kam nochmals das Rote Kreuz und überreichte jedem ein ganzes Paket mit auserlesenen Sachen. Die sehr nieder gedrückte Stimmung hob sich wieder. Dafür sorgten in erster Linie die im Paket enthaltenen 20 Stück Chesterfield-Zigaretten.

Inzwischen begann die Struktur der Marschblöcke zu zerfallen und zerfiel immer mehr. Einzelne Häftlinge, z. T. auch kleinere Gruppen, konnten sich zunehmend absetzen. Die meisten Häftlinge erhielten ihre Freiheit zwischen dem 2. und 5. Mai in der Nähe von Schwerin, mehr als 200 Kilometer vom KZ Sachsenhausen entfernt. Inzwischen war die gesamte Bewachung verschwunden und die Häftlinge blieben sich selbst überlassen. Die Umstände der Befreiung blieben so für sie eher verwirrend, zumal Kontakte zu den Soldaten der Alliierten erst später zustande kamen.

2. Mai 1945. Um 7.30 Uhr wurde abmarschiert. Infolge der teilweisen Verstopfung der Straße kamen wir nur langsam vorwärts. Überall tote Pferde und Menschen. In Scharen versuchten die Häftlinge, die Kartoffelmieten zu plündern. Tote Pferde wurden angeschnitten und bis auf das Skelett weggeschleppt... Während des Marsches sickerte die Nachricht durch, dass Hitler und Goebbels gefallen seien, Himmler sich erschossen und Dönitz das Oberkommando übernommen habe. Hinter Crivitz, das tags zuvor von Bomben arg mitgenommen war, machten wir in einem Wald Halt und blieben über Nacht. An dem Tage, dem 2. Mai 1945, waren wir das erste Mal ohne SS-Bewachung. Die hatten ihre Gewehre weggeworfen und überließen uns unserem Schicksal. Mit einbrechender Dunkelheit setzte in den Wäldern eine tolle Schießerei ein, die Soldaten verfeuerten ihre Munition in die Luft. Gewehrpatronen, Handgranaten, Panzerfäuste krachten durcheinander. Unzählige Leuchtpatronen erhellten die Nacht. Mir kam die Knallerei wie der Grabgesang für die deutsche Nation vor. Das also war das Ende des so genannten 1000-jährigen Reiches des politischen Amokläufers Hitler. Traurig, traurig, unsagbar traurig. In Gedanken an dieses traurige Ende des Deutschen Reiches wollte keine rechte Freude über die endliche Befreiung aus den Klauen der SS aufkommen...

3. Mai 1945. Frühmorgens erklärte unser Führer, SS-Hauptsturmführer Wagner, dass wir alle tun könnten und hingehen könnten, wohin wir wollten. Er empfahl uns aber, nicht lange zu warten, sondern recht bald nach Schwerin zu gehen, weil dort die Amerikaner ständen, während die Russen auf  unser Lager im Vorwärtsrücken seien. Gegen 7 Uhr machten wir uns mit fünf Mann ... auf den Weg. Wieder ging es an endlosen Flüchtlingstrecks und Truppen aller Waffengattungen vorbei. Ich hatte sehr an Durchfall und einem schmerzenden Hüftgelenk zu leiden. Unterwegs verlor ich im Gedränge meine Kameraden und humpelte allein weiter. Gegen 11 Uhr kam ich an die amerikanische Demarkationslinie sechs Kilometer östlich von Schwerin. Ein amerikanischer Doppelposten und ein großes Sternenbanner kennzeichneten die Stelle an der Straße. Ich hatte mir unseren Übertritt zu den Amerikanern nicht so friedlich vorgestellt. Von hier aus setzte ein immer lebhafter werdender Verkehr mit Patrouillenfahrzeugen mit Militärpolizei ein, die den Menschenstrom lenkten. Alles ging in größter Ruhe vor sich. Die Amerikaner, alles prachtvoll genährte, gut gekleidete, junge Menschen waren sehr korrekt in ihrem Verhalten gegenüber Truppen, Flüchtlingen und uns Häftlingen. Sehr bald hatten sie heraus, dass die mit dem „roten Winkel“ politische Häftlinge waren. Kurz vor dem Eintritt in die eigentliche Stadt war die Straße gesperrt. Niemand von dem Flüchtlingsstrom durfte in die Stadt. Alle Fahrzeuge wurden rechts und links der Straße in den Wald geschoben, die Soldaten kriegsgefangen abgeführt und die Flüchtlinge und wir uns selbst überlassen. Nun begann ein wildes Ausplündern der Heeresfahrzeuge nach Essbarem. Alle erdenklichen Lebensmittel kamen zum Vorschein. Unterwegs hatte ich mich an zwei andere Kameraden aus dem Lager angeschlossen. Der eine hatte ein riesiges Stück vom Schwein und bald brieten Koteletts in der Pfanne. Und ich durfte sie meinem Magen nicht zumuten. Brot gab es leider gar keins. Aber sonst fast alles. Abends gingen wir in eine große Kaserne in der Nähe zum Schlafen. Überall an den Wänden die nationalsozialistischen Embleme, mitten auf dem Hof ein riesiges Hoheitszeichen, von den Amerikanern kaum beachtet. Nirgends Bilderstürmerei.

4. Mai 1945. Frühmorgens gingen wir an die Hauptstraße, am großen See Kaffee kochen, etwas essen und vor allem, um zu hören, was nun weiter über unser Schicksal von Seiten der Amerikaner beschlossen sei. Nach dieser Richtung war nichts Positives zu erfahren. Zwar schwirrten die wildesten und unsinnigsten Gerüchte in der Luft über Abtransport in die Heimat, Verpflegung usw., doch nichts geschah. Wir blieben uns vollkommen selbst überlassen... Wir überlegten den ganzen Tag, was wir tun sollten: bleiben und der Dinge warten, die da kommen sollten, oder auf eigene Faust in Richtung Heimat marschieren. Zunächst entschieden wir uns fürs Bleiben, da mittags Lautsprecherwagen alle ausländischen Häftlinge aufforderten, sich in einer bestimmten Kaserne einzufinden. Abends gingen wir wieder in die Kaserne schlafen.

5. Mai 1945. Frühmorgens ging es wieder an den See, Waschen, Kochen, Rasieren waren die Haupttätigkeiten und Warten, warten auf die Dinge, die da kommen sollten. Das Schlimmste war, dass keine Möglichkeit der Nachrichtenübermittlung nach Hause bestand. Die brennende Sehnsucht, den Lieben zu Hause Nachricht zu geben, dass man noch lebt, all das Entsetz-liche, Qualvolle und Bestialische der vertierten SS glücklich überstanden zu haben, lastete schwer auf uns allen, doch daran war nichts zu ändern. Es galt, sich mit Geduld zu wappnen und weiter auf unser Glück zu vertrauen...

Am nächsten Tag traf Johann Dötsch dann wieder die Kameraden, mit denen er einige Tage zuvor nach Schwerin aufgebrochen war. Zusammen beschlossen sie, auf eigene Faust in die Heimat zurückzukehren. Dazu mussten sie die Elbe überqueren. Das erwies sich aber als unmöglich. So gaben sie ihren Plan zunächst auf und blieben im Dorf Dümmer, bei einer Familie Hahn.

7. Mai 1945... Aber schon im nächsten Dorf Dümmer fand unsere Wanderung ein Ende, da vor dem nächsten Dorf die Straße nach Wittenburg auch gesperrt war. Es verlautete, dass an den Elbübergängen die Trecks sich stauten, weil die meisten Brücken zerstört und die noch vorhandenen für den Nachschub gebraucht wurden. Im Dorf lagerten schon einige Trecks mit Flüchtlingen, die alle über die Elbe wollten. Suchau und ich gingen auf die Quartiersuche. Gleich im ersten Haus hatten wir Glück. Bei einer Familie Karl Hahn bekamen wir einen gedeckten Holzschuppen als Nachtquartier. Die nette Frau stellte Stroh und Matratzen zur Verfügung. Sie wartete auch auf ihren Mann, der in Hammerfest in Nordnorwegen bei der Marine stand. Gleich ging’s ans Kochen. Dicht hinter dem Garten unseres Quartiers war herrlicher Buchenholzwald. Dort brutzelten und kochten wir... Das Wetter war herrlich geworden und wir hatten Ruhe. Ruhe, Ruhe, die so lang ersehnte Ruhe. Abends legten wir uns beruhigt und satt schlafen.

Mittlerweile ist der Zweite Weltkrieg durch den Abschluss des Waffenstillstandes auch rein tatsächlich beendet.

8. Mai 1945. Das Leben in unserem Quartier spielt sich ein... Inzwischen haben wir uns angemeldet und konnten Brot, Milch und Butter aus der Molkerei kaufen. Ich habe nur eine Sorge, dass mir mein Hüftgelenk einen Streich spielt. Die Überanstrengung hat anscheinend eine Sehnenzerrung hervorgerufen. Aber wir werden noch einige Tage bleiben müssen, da wird sich die Zerrung wohl geben, ebenso die entsetzliche körperliche Schlaffheit.

9. Mai 1945. Das Leben geht weiter. Sperre noch nicht aufgehoben. Morgens Frühstück. Brot, Butter und jeder ein Ei. Mittags Erbsen mit Speck, abends Eierpfannkuchen mit Tee. Nach dieser Richtung haben wir also keinerlei Klagen. Abends bat uns Frau Hahn zu einem kleinen Schwatz und einer Tasse Tee in die Küche. Zum ersten Mal nach fast sechs Jahren an einem sauberen Tisch mit netten, lieben Menschen zusammen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette. Nach den Jahren des Grauenvollen in den Mörder-händen der SS in überfüllten Baracken mit oft sehr zweifelhaftem Gesindel. Die letzten vier Monate dauernd unter Hunger leidend. Es gab täglich nur einen Liter Steckrübenwassersuppe und 200 Gramm Brot, bei 11stündiger Arbeitszeit und vorher einer Stunde Appell. Und doch kommt jetzt keine himmelstürmende Freude auf. Der Körper ist zu abgehetzt und zum Skelett abgemagert. Ich hoffe sehr, dass mit zunehmender körperlicher Erstarkung auch die Lebensgeister wieder erstarken. Vorläufig heißt es abwarten. Wenn nur erst die Post ginge, damit man endlich Nachricht geben könnte.

Wenn auch der Krieg zu Ende ist und die KZ-Häftlinge befreit sind, so kann Johann Dötsch noch längst kein normales Leben führen - ganz abgesehen davon, dass er in einem Holzschuppen in einem mecklenburgischen Dorf lebt und nicht zu Hause in Koblenz-Metternich. Er ist gezeichnet von der fast sechsjährigen KZ-Haft, dem Hunger, den Qualen, den Demütigungen und zuletzt dem „Todesmarsch“. Er ringt in jenen Tagen und Wochen um Normalität. Dazu gehören eine gesunde und ausreichende Ernährung, Ruhe und Erholung; dazu gehören aber auch eine intellektuelle Verarbeitung, Bewältigung der erlittenen Haft und ihrer Folgen. Hierbei hilft ihm das Tagebuch, mit dem er über den „Todesmarsch“ und die erste Zeit danach berichtet, mit dem er sich „frei schreibt“. Ihm vertraut er auch politische Einschätzungen an, die in ihrer Weitsichtigkeit teilweise auch heute noch überraschen.

16. Mai 1945... Abends gab’s die erste Zeitung. Endlich einmal eine klare Nachricht über das weltgeschichtliche Geschehen. Nie haben wir gieriger nach einer Zeitung gegriffen. Wie man immer erwartet hat, ist die ganze Bande im letzten Augenblick ausgerückt oder hat Selbstmord begangen. Doch die Allermeisten werden ihrer verdienten Strafe nicht entgehen. Oft frage ich mich, warum wir selbst nicht an unseren Peinigern Rache genommen haben, als ihre Macht vorbei war an jenem für uns so denkwürdigen Abend des 2. Mai. Der Grund lag wohl darin, dass wir physisch viel zu erschöpft waren, um Vergeltung zu üben, doch ich bin sicher, die Vergeltung für ihre furchtbaren Verbrechen wird auch den letzten Schuldigen zu finden wissen. Im Gespräch mit den zahlreichen Flüchtlingen hört man immer wieder die panische Angst vor dem „Iwan“ und von den brutalen Untaten an deutschen Frauen. Ganz selten kann ein Flüchtling Selbsterlebtes berichten. In den allermeisten Fällen wird nur vom Hörensagen berichtet. Nie finde ich einen Flüchtling mit reifen politischen Gedanken, nie einen, der auch nur mit einem Gedanken an die grässlichen Untaten der SS in Polen, der Ukraine und in allen besetzten Teilen Europas denkt. Niemand denkt an die Millionen Menschen aus allen Ländern Europas, die von den Nazis als Sklaven nach Deutschland getrieben wurden und dort unter unwürdigsten Bedingungen zur Arbeit gepresst wurden. Niemand denkt an die hunderttausende Kinder von 13 und 14 Jahren, die ebenso wie Erwachsene nach Deutschland verschleppt wurden. Wenn diese Kinder dann vom Heimweh getrieben ausrissen und planlos ostwärts irrten, wurden sie ergriffen und in die KZ gesteckt. Wir hatten über 500 von diesen Kindern im Lager. An all das denkt der deutsche Spießer nicht. Er hat nur Gefühl für seine eigene Not und eine panische Angst vor seiner Verschickung nach Sibirien... Deshalb wollen die Allermeisten nicht in die von den Russen besetzten Gebiete zurück, alles will zu den Amerikanern. Wie das gehen soll und dass das unmöglich ist, bedenkt der Spießer nicht. Er glaubt, wenn er jetzt reichlich auf Hitler schimpft, vollauf seine Pflicht getan zu haben. Das deutsche Volk wird sich noch sehr wundern, die  Strafe der Sieger wird diesmal fürchterlich sein und wir haben kein Recht, uns zu beklagen. Die Schuld des deutschen Volkes ist zu groß.

Johann Dötsch blieb dann noch weiter in Dümmer, zunächst um wieder zu Kräften zu kommen, später wegen der schwierigen Nachkriegsverhältnisse. Sein Tagebuch, das in der Folgezeit nicht mehr so ausführlich ist, endet im August 1945:

August 1945. Jede Woche fuhr ich einmal nach Schwerin. Das so genannte Häftlingskomitee hat sich als völlig unbrauchbar erwiesen für unseren Heimtransport. Jetzt setze ich meine Hoffnung auf ein französisches Hilfslazarett, das zurückgebliebene Ausländer, meist Franzosen, heim befördert. Der Leiter will versuchen, für uns politische Häftlinge aus dem Westen, Ausländerpässe zu beschaffen. Hoffen wir, dass es glückt.

Erst im Oktober 1945 konnte Johann Dötsch nach Koblenz zurückkehren. Er wohnte wie in den Jahren zuvor in der Neugasse 22 in Metternich. Politisch knüpfte er sofort dort wieder an, wo er wegen der Nazis hatte aufhören müssen. Er war Mitbegründer der SPD in Koblenz und ab 2. Januar 1946 Präsidialdirektor („Minister“) für Arbeit und Soziales der Provinz Rheinland-Hessen/Nassau. Am 2. Oktober 1946 starb Johann Dötsch nach langer schwerer Krankheit an einem Herzleiden, das er sich im KZ Sachsenhausen zugezogen hatte.    
                                   



 Abschied von Präsidialdirektor Dötsch


Eine große Trauergemeinde geleitete am Montagnachmittag den am 2. Oktober nach langer und schwerer Leidenszeit verstorbenen Präsidialdirektor Johann Dötsch auf dem Metternicher Friedhof zur letzten Ruhe. In dem Trauergefolge schritten als Vertreter der Militärregierung Kommandant Steubner und Oberst Matter, ferner Oberpräsident Dr. Boden, die Regierungspräsidenten von Koblenz und Montabaur, die Mitglieder der Präsidialregierung, Bürgermeister Schnorbach und die Vertreter der Parteien und Behörden. Die Grabrede hielt ein Freund des Toten, Robert Görlinger, Bürgermeister in Köln, der vor allem seinen edlen Charakter und die lautere Gesinnung hervorhob, die sich selbst in der Zeit der Inhaftierung im KZ-Lager Sachsenhausen, in dem Präsidialdirektor Dötsch als treues Mitglied der SPD und Gegner aller faschistischen Folgen lange Jahre verbringen musste, nicht unterdrücken ließen. Er blieb seiner demokratischen und sozialen Anschauung treu und war allen Mitgefangenen, ob Deutsche oder Ausländer, ein Freund, der ihnen stets zu helfen und ihr Schicksal zu erleichtern wusste. Als Johann Dötsch im Oktober 1945 in die Heimat zurückkehrte, war es für ihn selbstverständlich, dass er sich sofort der Verwaltung zur Verfügung stellte. Auch in den Kreisen der anderen Parteien wusste man Präsidialdirektor Dötsch zu schätzen; denn man sah in ihm den charaktervollen Menschen und Kämpfer für die Demokratie.
(aus: Rhein-Zeitung vom 9. Oktober 1946)



 


 
 
 


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Weiterführende Hinweise :

  • Joachim Hennig: Das Tagebuch vom „Todesmarsch“, in: Rhein-Zeitung vom 24. April 2001
  • Joachim Hennig, Johann Dötsch: Als SPD-Funktionär kam auch er ins KZ, in:
    Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 21. Dezember 2000
  • Redmer, Kurt: Es geschah 1945 und 1946 bei und in Schwerin. Tagebücher, Berichte, Artikel:
    Plau am See 2003 (darin das vollständige Tagebuch von Johann Dötsch vom 21. April bis August 1945).

 

 

 

 


 
 
 
 
 
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