Die drei jüdischen Juristen Brasch

Den Verfechtern des Rechts wurde Recht verweigert

 
Sechs Millionen jüdische Opfer des Holocausts sind ein unvorstellbares Verbrechen. Der Zugang erschließt sich uns Heutigen, wenn überhaupt, durch Einzelschicksale. Sechs Millionen Schicksale, sechs Millionen Gesichter. Eins von ihnen ist das des Koblenzer Rechtsanwalts Dr. Walter Brasch. Er kam im Völkermord um, während Angehörige von ihm angesichts des NS-Terrors schon vorher starben.
Juristen jüdischen Glaubens hatten es immer schwer. Man wollte sie nicht als Rechtsanwälte und schon gar nicht im Staatsdienst. 1872 gab es in der hiesigen Rheinprovinz nur zwei Rechtsanwälte jüdischen Glaubens. Der im Jahre 1864 geborene Vater Walter Braschs, Dr. Isidor Brasch, wurde 1890 Rechtsanwalt in Mayen. Zehn Jahre später erhielt er die Zulassung beim Landgericht Koblenz. Bald darauf verlegte er seinen Wohnsitz nach Koblenz und bewohnte mit seiner Familie, seiner Frau Emma geb. May und den Söhnen Ernst (1891 geboren) und Walter (1896 geboren), eine wunderschöne Villa in der Rizzastraße 40 (heute: Anwesen der Sparkasse). Allseits geachtet erhielt er den Ehrentitel Justizrat verliehen und später die weitere Zulassung beim Amtsgericht KobIenz.
Beide Söhne studierten ebenfalls Jura, obwohl zumindest Ernst lieber Musik studiert hätte. Dies wäre aber nicht standesgemäß gewesen... Die Braschs waren emanzipierte Juden, jüdische Deutsche, die sich ihren Platz in der bürgerlichen Gesellschaft erarbeitet hatten und ihn sich erhalten und ausbauen wollten. Beide Söhne waren nach ihren Examina in Wiesbaden und Frankfurt/Main tätig, Ernst in der Verwaltung, zuletzt als Regierungsrat und Walter zeitweilig als Richter.
Als die Nazis die Macht ergriffen, änderte sich das Leben der drei Juristen und ihrer Familien grundlegend. Der sensible Ernst quittierte den Dienst, um den sich mehrenden Anfeindungen zu entgehen. Walter, inzwischen als Rechtsanwalt in Koblenz zugelassen, wurde förmlich ­ aufgrund des Gesetzes über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft - in der Liste der Rechtsanwälte gelöscht. Allein der Vater konnte als "privilegierter" Alt-Rechtsanwalt weiter praktizieren. Doch die Zeitumstände, die zunehmende Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden, hatten ihn zermürbt. 1935 gab er seine Zulassung zurück, im folgenden Jahr starb er in Koblenz.
Schon vorher war Walter mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern nach Amsterdam geflohen. Allein Ernst war mit seiner Familie und seiner Mutter im Reich geblieben. Im Zuge der "Reichspogromnacht" verschleppte man ihn im November 1938 ins KZ Buchenwald. Nach einigen Wochen kam er frei, als seine Frau für ihn ein Visum nach Shanghai besorgt hatte. Das KZ hatte ihm aber den Lebensmut genommen. Er ließ das Visum verfallen, während seine Familie ins Ausland flüchtete. Seine Frau versuchte noch von dort aus, ihm über den Schwager Walter zu helfen, aber vergeblich. Der drohenden Deportation hat sich Ernst Brasch durch seinen Freitod am 21. Oktober 1941 entzogen. Kurz danach wurde seine Mutter von Frankfurt/ Main aus mit anderen Juden aus Hessen nach Minsk verschleppt und kam dort um.
Selbst Amsterdam war für Dr. Walter Brasch und seine Familie kein sicherer Zufluchtsort. Nach der Besetzung Hollands wurde er mit seiner Familie in dem KZ Westerbork interniert und dann nach Auschwitz verschleppt. Alle starben im Gas.
Joachim Hennig in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 20. November 2001




 
Stolpersteine für die Familie Brasch, verlegt in Koblenz Rizzastraße 40, am 24. November 2007.
(Foto: Mathijs Langkemper, Amsterdam)
 
 


 
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