Daweli Reinhardt

“Musik lässt vergessen und verzeihen”

"Der Buchstabe Z steht für Zigeuner." Daweli Reinhardt, Mitbegründer und ehemaliger Solo-Gitarrist des bekannten Schnuckenack-Quintetts, zeigt auf seine Häftlingsnummer am linken Unterarm. Der 70-Jährige, Oberhaupt der weit verzweigten und alt-eingesessenen Koblenzer Reinhardt-Familie ist vom Konzentrationslager Auschwitz gezeichnet. Nur mit Hilfe seiner Musik und seiner Familie kann der Sinto vergessen und verzeihen. Daweli Reinhardt liegt die Musik im Blut. "Das habe ich von meinem Vater geerbt", sagt er.
Vor 60 Jahren waren die Reinhardts mit weiteren 140 Sinti aus Koblenz nach Auschwitz deportiert worden. Über zwei Jahre durchlitt die Familie mit sieben Kindern die Vernichtungsmaschinerie der Nazis. "Nur knapp sind wir der Gaskammer entronnen. Wir standen schon alle bereit, als ein SS-Mann die Aktion urplötzlich abblies", erinnert sich der 70-Jährige. Sein Bruder Jakob starb in Auschwitz "mit einem Stückchen Brot zwischen den Lippen". "Der Tod war in Auschwitz ein Stück Normalität", sagt Reinhardt mit gesenktem Blick. Die Leichenkarren mit den ausgezehrten Körpern und herunterbaumelnden Armen und Beinen, "kamen täglich in die Blocks".
Das Ausmaß von Menschenverachtung und Quälerei der selbst ernannten "Herrenmenschen" war grenzenlos: "Aus der Kopfhaut von Toten ließen sich die SS-Leute sogar Lampenschirme machen. Die Nazi-Bonzen lebten in Saus und Braus und wir kratzten mit den Fingern die Suppe aus den Holzfässern."
Mit viel Glück überstanden die Reinhardts die Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück, Bergen-Belsen und die Todesmärsche kurz vor Kriegsende. 80 Verwandte der Koblenzer Sinti-Familie sollen von den Nazis vernichtet worden sein. Mut und Pfiffigkeit entwickelte der damals Elfjährige aus dem Willen, "sich niemals unterkriegen zu lassen": Er organisierte Essen aus der Küche und besorgte Milch für die Kinder. Mit seiner Wendigkeit brachte er es bis zum "Lagerläufer" und hatte fast überall Zutritt. Nur einmal wurde er erwischt. Die Prügel steckte er ebenso weg wie die Entwürdigungen und Beschimpfungen. Zum Gefallen der SS-Leute spielte er sogar auf der Gitarre, sang oder tanzte für sie.
Heute spielt Daweli Reinhardt nur noch aus Leidenschaft. Seine Gitarre half ihm über die harten Jahre der Entbehrung nach dem Krieg. Erfolge feierte der "Mann mit den goldenen Fingern" bei Schnuckenack Reinhardt und seinen Sinti-Musikern in den 60er und 70er Jahren. Die Schnuckenack-Virtuosen hielten vor allem den Swing-Jazz des berühmten Django Reinhardt (1910 bis 1953) lebendig. Ob er mit dem legendären Vater des Zigeuner-Jazz verwandt ist, weiß Daweli nicht. Als Idol schätzt er ihn bis heute. Djangos Gitarre hat er originalgetreu nachbauen lassen und einen seiner Söhne nach ihm benannt. Seine Frau Trautchen ist auch eine geborene Reinhardt und hat ihre Familie durch den Nationalsozialismus verloren
Die Reinhardts sind seit gut 50 Jahren ein Paar. Sie haben zehn Kinder, fast 90 Enkel und Urenkel. Alle fünf Söhne spielen in eigenen Bands.
Am Samstag, 28. Juni, geben "Daweli und seine Söhne" ein Open-Air­Konzert auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. Auch die Enkel spielen mit. Zum Festival erscheint die Chronik ,,100 Jahre Musik der Reinhardts - Daweli erzählt sein Leben".

Sabine Schmidt-Gerheim in : DER WEG - Evangelische Wochenzeitung für das Rheinland ( Nr.:26 v. 22.bis28. Juni 2003)

Weiterführende Hinweise :

  • Daweli Reinhardt/Joachim Hennig: Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben. Verlag Dietmar Fölbach. Koblenz 2003 . vergriffen!

  • Reinhardt, Daweli / Joachim Hennig : Hundert Jahre Musik der Reinhardts - Daweli erzählt sein Leben,
    2. Auflage
    (Ergänzung der 1. Auflage um ein Nachwort, in dem erzählt wird, was sich durch die 1. Auflage
    vor 3 Jahren alles verändert hat), Koblenz 2007 ( ca. 6,-€ )