Michael Böhmer

Arbeit im Steinbruch im Alter von erst zehn Jahren
Ein ähnliches Schicksal wie die Juden erlitten im "Dritten Reich" die sogenannten Zigeuner, die Sinti und Roma. Obwohl sie in den "Nürnberger Gesetzen" von 1935 nicht ausdrücklich erwähnt waren, galten auch sie schon sehr bald als "rassisch minderwertig" in diesem Sinne. Auch ihr Weg führte zur Deportation und in die Gaskammern von Auschwitz.
Ein solcher Mitbürger von Koblenz war der 1930 in einem Dorf bei Morbach im Hunsrück geborene Michael Böhmer, geb. Reinhardt. Um die Sintis (Roma gab es im Westen kaum) besser überwachen zu können, konzentrierte man die im hiesigen Raum Lebenden in Koblenz. Michaels Familie zog deshalb 1937/38 nach Koblenz in die damals noch existierende Wöllersgasse. Damit hörten für den kleinen Michael Freiheit und Ungebundenheit auf.
Durch "Rassegutachten" wurde die "Zigeuner-Zugehörigkeit" festgestellt, und aufgrund Himmlers "Festschreibungserlasses " vom Oktober 1939 entstanden die ersten Sammellager. Die Sinti in Koblenz konnten aber wenigstens wohnen bleiben, wenn die Erwachsenen eine feste Arbeit nachzuweisen vermochten.
Ungeachtet dieser Maßnahmen hatte Michael doch einige ganz gute Jahre in Koblenz. Er ging gern zur Schule - er besuchte die Volksschule Bassenheimer Hof - und war stolz darauf, lesen und schreiben zu lernen. Gern wäre er Automechaniker geworden - doch dann kam dieser furchtbare 17. Mai 1940, der alles zerstörte.
Ende April 1940 befahl Himmler die Deportation von 2500 "Zigeunern" aus Nord- und Westdeutschland in das von den Nazis besetzte Polen (" Generalgouvernement").
In Ausführung des Erlasses wurden etwa zehn in Koblenz lebende "Zigeuner"familien (77 oder 78 Männer, Frauen und Kinder) aus ihren Wohnungen herausgeholt, in der Thielenschule gesammelt und mit Lastwagen nach Köln transportiert. Dort war die zentrale Sammelstelle für Westdeutschland. Mit den anderen wurde der kleine Michael in Waggons in den Osten deportiert.
Die Familie kam in das Judenghetto nach Chelze. Michaels Vater, sein älterer Bruder und er selbst mussten in einem Steinbruch arbeiten. Sein Bruder und seine Schwester bekamen bald (Hunger-)Typhus und hatten keine Chance, damit im Ghetto zu überleben. Der zehnjährige Michael musste wie ein Erwachsener arbeiten, er litt sehr unter Hunger und der harten und schweren Arbeit. Wahrscheinlich war es aber seine Fähigkeit zu arbeiten, die ihn vor dem Tod bewahrte. Im Winter 1944/5 wurde er von den Russen befreit.
Michael Böhmer kehrte dann nach Koblenz zurück. Während sich seine Verwandten hier wieder niederließen, zog er bald mit seiner Ehefrau nach Darmstadt.
Seine Frau und ihre Familie waren Opfer der zweiten Deportation der Sinti und Roma geworden. Sie wurden wie viele andere auch aufgrund des "Auschwitz-Erlasses" Himmlers vom Dezember 1942 in das KZ Auschwitz deportiert. Dort, in einem Teilbereich des KZ Auschwitz-Birkenau, war ein spezielles "Zigeunerlager" eingerichtet worden. In ihm sind bis zu seiner "Liquidation" im August 1944 etwa 30 000 Sinti und Roma umgebracht worden, darunter auch Frau Böhmers ganze Familie. Dem Tod entrann sie nur, weil die NS- Kriegswirtschaft sie als "Arbeitssklavin" ausbeuten konnte. Man verschleppte sie ins Frauen-KZ Ravensbrück und dann zu Zwangsarbeit bei den "Arado"-Werken in Wittenberg/Elbe. Dort mußte sie Flugzeugteile zusammenbauen.
Michael Böhmer lebt seit vielen Jahren als kranker Mann und mit einer sehr kleinen Rente zusammen mit seiner Frau in Darmstadt. Frau Böhmer bemüht sich zur Zeit um eine Entschädigung für die geleistete Zwangsarbeit.
Joachim Hennig in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 20. Januar 1999

Weiterführende Hinweise :

  • Michael Böhmer: „Ich war zehn Jahre alt. An viele Einzelheiten kann und will ich mich nicht entsinnen.“, in:
    Herbert Heuß: Darmstadt. Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti in Darmstadt, Frankfurt/Main 1995, S. 82 – 85,
  • Joachim Hennig: Arbeit im Steinbruch im Alter von erst zehn Jahren, in: Rhein-Zeitung vom 20. Januar 1999

 
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