Edgar Lohner

Bündischer Mythos galt als Hochverrat.

Der totalitäre NS-Staat ließ keine autonomen Instanzen und Organisationen zu, nicht einmal nonkonformes Verhalten Einzelner. Dies galt auch und gerade im Bereich der Jugend. Schon 1933 gab der Reichsjugendführer von Schirach das Ziel vor: "Wie die NSDAP nunmehr die einzige Partei ist, so muss die HJ (Hitler-Jugend) die einzige Jugendorganisation sein. " Deshalb verboten die Nazis erst den kommunistischen Jugendverband und dann die Sozialistische Arbeiterjugend. Die Jugendorganisationen der bürgerlichen Parteien lösten sich selbst auf.
Dann schränkten die Nazis die Arbeit der konfessionellen Jugendverbände und der bündischen Jugendgruppen ein. 1936 folgte das Verbot der Bündischen Jugend. Das waren Gruppen, Freundeskreise bürgerlicher Jugendlicher, die ein Recht auf Selbstbestimmung und Selbsterziehung in Anspruch nahmen und eine Gegenkultur pflegten: die autonome Fahrt, das Zelten in Kothen, das Gruppenerlebnis, die Erfahrung mit Gleichaltrigen.
Trotz Verbot bildete sich in Bonn eine illegale Gruppe von Schülern, zu der auch der Andernacher Edgar Lohner gehörte. Sie veranstalteten Lager und Fahrten "nach bündischer Art". In den Sommerferien 1937 - E. L. war 17 Jahre alt - fuhr er mit einem Freund zur Weltausstellung nach Paris. Dort lernten sie zwei jüdische Mädchen kennen, die zum Kreis um den Schriftsteller Karl Otto Paetel gehörten. Paetel war früher ein Führer der Bündischen Jugend gewesen, der wegen seiner sozialrevolutionären Ideen hatte emigrieren müssen.
Er war in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, blieb aber in Paris weiter aktiv.
1938 und nach dem Abitur 1939 fuhren E. L. und andere Schüler der Bonner Gruppe wieder nach Frankreich. Sie vertieften die Kontakte zu Paetel sowie zu den beiden Jüdinnen.
Tagsüber führten sie mit Paetel politische Diskussionen und ließen sich von ihm politisch unterweisen. Abends wurde "ein bündischer Betrieb aufgezogen" und am Lagerfeuer wurden bündische Lieder gesungen. Man kam sich näher und E. L. schlief wiederholt mit einer der beiden Jüdinnen.
Nach der Rückkehr ins "Reich" veranstalteten die Bonner weitere Fahrten und Lager in der näheren Umgebung. Auch hielten sie brieflichen Kontakt zu Gleichgesinnten. Durch die Briefe wurde die Gruppe entdeckt, ihre Mitglieder kamen in Untersuchungshaft.
Die Folge waren zwei Prozesse gegen E. L. und gegen andere Mitglieder der Bonner Gruppe. Zunächst verurteilte sie das Landgericht Koblenz, E. L. u.a. wegen "Rassenschande" zu neun Monaten Gefängnis. Das Gericht setzte sich dabei darüber hinweg, dass die "Rassenschande" in Paris zu einer Zeit begangen worden war, in der sie im Ausland noch gar nicht strafbar war. Damit verstießen die Richter gegen den Grundsatz "Keine Strafe ohne Gesetz" ( “nulla poena sine lege" ), getreu dem NS-Prinzip, dass der Satz "Kein Verbrechen ohne Strafe" die höhere und stärkere Rechtswahrheit sei. Dann verhängte der Volksgerichtshof in Berlin gegen E. L. eine dreijährige Zuchthausstrafe und gegen den "Kopf" der Bonner Gruppe sechs Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Bestraft wurde damit der Kontakt zu dem Emigranten Paetel und die "Förderung seiner politischen Pläne".
Im Nachkriegsdeutschland gingen die Gruppenmitglieder doch noch ihren Weg. E. L. hatte bald promoviert und wurde Lektor an der Harvard University in Massachusetts (USA). Der "Kopf" der Gruppe wurde deutscher Botschafter, zuletzt in Rom, wo er 1984 starb. Seine Doktorarbeit hatte das Thema "Jugendbewegung und Nationalsozialismus. Zusammenhänge und Gegensätze.
Joachim Hennig in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 14. Dezember 2000.

 
 
Bericht von Edgar Lohner aus dem Jahr 1946 an Karl O. Paetel über seine Verfolgung

Ende August 1939: Wir leben in der Erwartung, täglich von der Gestapo verhaftet zu werden. Im Juli erhielten wir den letzten Brief von Dir. - Geplante Flucht aus dem R.A.D. nach Holland misslingt, obschon sehr gut vorbereitet. Herr Giesen (ein Freund Edgar Lohners, Erg. d. Verf.) konferiert mit höheren Arbeitsdienstführern. Hierdurch Verhaftung durch die Gestapo abgebogen. Helli wird anschließend ins Sauerland versetzt. Mich und ich erhalten Verbot, weiteren Kontakt zu pflegen. Ende September Entlassungstag für alle Abiturienten aus dem R.A.D. zwecks Aufnahme des Studiums. Bin drei Tage zu Hause. Am 4. Tag erscheint die Gestapo von Stuttgart, um mich zu verhaften. Von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr Hausdurchsuchung. Konfiszierung aller politisch nicht einwandfreien Bücher. Briefe und ähnliches wurde bei mir nicht gefunden (glücklicherweise am Vorabend vernichtet). Kao’s (Paetels, Erg. d. Verf.) Fotografie wird mir vorgelegt mit der Frage, ob ich den Mann kennen würde. Selbstverständlich nicht. ‚Sie werden ihn bei uns kennen lernen’, war die Antwort. Endlich werde ich verhaftet und ins Gefängnis in Stuttgart überführt. Lerne dort Fred kennen. Aufenthalt im Gefängnis in Stuttgart 14 Tage. Verhöre. Schläge. Hunger. Ich lüge unverschämt. Nach 14 Tagen als harmlos entlassen...

Durch die Verhaftung Semesterbeginn versäumt. Arbeit mit Helli und Mich als Werkstudent bei einer Baufirma in Köln. Wohne bei Helli. Am 15. Dezember 39 erscheint ein Unbekannter in der Wohnung des Helli und erkundigt sich nach unserem Verbleib. Gibt vor, uns schon länger zu kennen. Hellis Mutter fordert ihn auf, am Abend wieder zu kommen. Erscheint am gleichen Abend in Begleitung von zwei anderen Herren. Unsere Vermutungen bewahrheiten sich. Selbstverständlich Gestapo Berlin. Vorher hatten wir schon angenommen, es könnte möglicherweise auch eine Nachricht von Dir sein. Um 6 Uhr 10 Minuten werden Helli, Mich, Robert und ich dann endgültig verhaftet. Werden gleich anschließend ins Gestapo-Gefängnis in Köln überführt. (In der Folgezeit werden in Bonn, Köln, Düsseldorf, Koblenz und Freiburg mehrere illegale Bündische Gruppen verhaftet; außerdem sämtliche Leute, mit denen wir je Kontakt hatten).

Nach sechstägigem Aufenthalt im Gestapo-Gefängnis Köln werden Helli und ich per D-Zug, mit Handschellen gefesselt, nach der Gestapo-Zentrale Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, gebracht (alle anderen Kameraden folgen später nach). Bei Helli und mir war der Verdacht der Vorbereitung zum Hochverrat am offensichtlichsten. Bahnhof Friedrichstraße erwarten uns vier Pkws. Guter Empfang. Erster Gefangener, den ich sehe, ist Letsche aus Freiburg. Wenige Tage später sehe ich all die ande-ren Kameraden, die bereits vor uns in den Keller der Gestapo eingeliefert worden waren: Prof. Schmit, Alf, Heinz, Fred, Kolja. Wochen später erscheinen Günther, Robert, Michel, Harry.

Keller der Gestapo hier in Berlin vorzüglich eingerichtet. Sehr saubere Zellen, Federbetten. Drei Monate im Keller der Gestapo. Tag und Nacht Verhöre. Behandlung saumäßig. Fußtritte, Faustschläge, oft tagelang nichts zu essen.

Die anfänglichen Ermittlungen der Gestapo waren gleich Null. Wenig war ihr bekannt über die tatsächlichen Begebenheiten und Verhältnisse in Paris. Wesentliches wurde erst bekannt durch Deine Briefe, die fast ohne Ausnahme bei Fred gefunden wurden. Außerdem Briefe von Sula (Lohners Freundin in Frankreich, Erg. d. Verf.) an mich, die sich allerdings noch in den Händen von Alf befanden. Wiederholt wurden mir ‚Briefe eines Hitler-jugendführers’, die ‚Kommenden’, die ‚Preußische Dimension’ und andere vorgelegt; ebenso zwei schwere und umfangreiche Aktenmappen von Anklagematerial über Thomas Mann.

Erste Phase des Verhörs: Bündische Betätigung. Zweite Phase: Vorbereitung zum Hochverrat. Dritte Phase: § 175. Vierte Phase: Rassenschande. Nach 12 Wochen Haft bei der Gestapo werden Alf, Kolja und ich in das Untersuchungsgefängnis Plötzensee überführt.

In dieser Zeit von Januar bis April 1940 werden sämtliche Pimpfe verhaftet, verhört, drangsaliert und mit Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten bestraft...

Plötzensee bedeutet die schlimmste Zeit meiner Haft, wenn nicht die schlimmste Zeit meines Lebens überhaupt. Hier befand sich die Hinrichtungsstätte für den Großkreis Berlin. Habe gerade das Pech, über der Abteilung der Todeskandidaten eine Zelle zu bekommen. Kann somit den ganzen Verlauf der Hinrichtung mit anhören. Tolle Zustände. Las zu jener Zeit ‚Der Idiot’ von Dostojewski. Angeregt durch das Buch, fange ich an, Vergleiche zu ziehen. War dem Wahnsinnig-Werden sehr nahe. Oft Selbstmordgedanken. In der Zeit von vier bis sechs Uhr morgens durchschnittlich zehn Hinrichtungen. Nächte ohne Schlaf. Zunehmende Nervosität. Haftpsychose, gesteigert bis zur Annahme, dass über kurz oder lang auch ich hingerichtet würde. Vier Monate ohne jede Nachricht von den Eltern, ohne Verbindung zur Außenwelt und ohne Kontakt mit irgendwelchen gerichtlichen Behörden. Tägliche Beschäftigung: Tüten kleben, um mehr Essen zu bekommen. Nach vier Monaten Nervenzusammenbruch, anschließende Überführung nach Moabit. Gelegentliches Wiedersehen mit Helli. Günther und Harry. Werde dem Ermittlungsrichter des Volksgerichtshofs vorgeführt. Rekapitulation meiner gesamten Aussagen bei der Gestapo. Einer der ersten Sätze, die Dr. Giebeler (Ermittlungsrichter) mir sagte, waren: ‚Wenn Sie lügen, lügen Sie so, dass ich es nicht merke.’ (Dr. Giebeler wurde am 20. Juli 1944 mit hingerichtet). Widerrufe einen großen Teil meiner Aussagen bei der Gestapo mit der Begründung, unter seelischen Depressionen gelitten zu haben.

Noch ungefähr 14 Monate in Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis in Moabit. Wartezeit oft unerträglich. Tägliche Beschäftigung: Tüten kleben. Wenig Zeit zum Lesen. Das Furchtbarste die fortwährenden Fliegerangriffe, wo die Gefangenen in den Zellen verblieben. August 1941 erscheint die Anklageschrift. 97 Seiten. Nur drei Tage zur Einsicht. Hauptverhandlung vom 9. bis 11. September 1941. Vorzügliche Anwälte, die besten von Berlin, selbst gewählt. U.a. Justizrat Dr. Dix, der jetzt in Nürnberg Dr. Schacht verteidigt. Anklage: Vorbereitung zum Hochverrat. Vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofs, Vorsitzender Dr. Hartmann...

Unser Prozess, der zweite Prozess überhaupt, vor dem Volksgerichtshof gegen ehemalige Angehörige der Bündischen Jugend. Hohe Parteifunktionäre, Führer der Reichsjugendführung und andere hohe politische Führer zugegen. Nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Drei anstrengende Tage. Von morgens sieben bis abends acht Uhr Verhandlung. Vorzügliche Plädoyers unserer Rechtsanwälte...     
    
Dass ich nur drei Jahre bekam, wesentliches Verdienst meines Rechtsanwalts. Die Nacht, die dem Prozess folgte, wurde Michel in Ketten gelegt, wegen Selbstmordverdacht.

Ein Monat nach der Verhandlung Überführung ins Zuchthaus Siegburg. Helli und ich liegen mit dem Denazifizierungsminister in München H. Schmidt auf einer Zelle. Michel abgesondert, doch bekommen wir drei einen Arbeitsplatz zugewiesen. Später Außenkommandos. Schwere Arbeit in Tongruben. Ausgebeutet. Hunger. Noch ungefähr ein Jahr in Siegburg.

Im November 1942 zur berüchtigten Brigade 999 eingezogen...

Siebenwöchige Ausbildung auf dem Heuberg bei Stuttgart. Dann über Antwerpen, Frankreich, Italien zur Massenexekution nach Afrika. Von 3.000 Mann ungefähr 500 Überlebende.

Am 11. Mai 1943 in amerikanische Gefangenschaft. Über Medjes, Constantine, Algier, Oran, Casablanca nach New York. Von dort nach Texas.

 



 

Edgar Lohner nach seiner Rückkehr aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft
(Aus Briefen an Karl O. Paetel aus dem Jahr 1946)

... langsam gewöhne ich mich an die Verhältnisse, d.h. ich muss, da ich die Absicht habe, noch vier Jahre in ihnen zu leben. Es ist oft schwer, schwerer als ich es mir eigentlich vorgestellt habe. Die Schuld liegt wohl auf beiden Seiten: Sosehr ich vielleicht bereit bin, der Menschheit die restlichen 2 % Idealismus, die mir geblieben sind, mit einer ‚großzügigen Geste’ zu opfern – und es wäre dann ein großes Opfer -, so wenig wird der deutsche Mensch oder Deutschland oder Vaterland (nenne es wie Du willst) je wieder Anspruch erheben dürfen, von mir dies oder jenes zu verlangen – jetzt nicht und in alle Zukunft. Oh, es ist kein Hass, kein Ressentiment, keine Rechnung, die ich zu begleichen hätte etwa dafür, dass man mich gequält (physisch und seelisch), eingesperrt und misshandelt hat, nein, es ist etwas viel einfacheres, beinahe etwas simples und verständliches bei einem Menschen, der gezwungen war, acht Jahre lang auf engstem Raum mit Deutschen zusammen zu leben: es ist ein rein physisches Gefühl des Ekels, des Widerwillens vor jeder Äußerung, die jetzt von Deutschen gemacht wird, sei sie politisch, kulturell oder ganz allgemein ‚tagtäglich’. Nie habe ich den Satz Nietzsches besser verstanden, der sagt: ‚Wenn mir ein Wesen vorkommt, dass allen meinen Instinkten zuwider ist, so wird immer ein Deutscher daraus.’

Ich behaupte von mir auch nicht, aus Gefängnissen, Zuchthäusern, Strafkompanien und Krieg mit neuem Mut und ‚Idealismus’ herausgekommen zu sein, wie das etwa Mich oder Günter tun, die sich schon wieder mit Gedanken einer neuen Beglückung der deutschen Jugend herumschlagen (oh, sie mögen es ehrlich und aufrichtig meinen, ich zweifle kaum), ich kann nur sagen, dass ich ganz erbärmlich (seelisch und körperlich), ganz hundeelend diese Totenhäuser verlassen und auch hier das Verständnis verloren habe, mich mit Dingen abzugeben, für die mir vielleicht einmal ein ‚Denkmal’ gestellt werden könnte....
Gewiss, ich werde arbeiten, viel und gründlich, aber in einem Kreis, den ich mir selber schaffe, und wo dann nicht nur über Politik, Literatur, Psychologie, Kunst und Philosophie gesprochen wird, sondern dem vor allem das Wort Lamartines (Alphonse de Lamartine, 1790 – 1869, französischer Dichter der Romantik, Erg. d. Verf.) vorangesetzt ist, das mir so entscheidend dünkt für die Haltung eines jeden Europäers: ‚Ich bin der Mitbürger eines Jeden, der denkt. Mein Vaterland ist die Freiheit.’ Eine europäische, abendländische Einstellung scheint mir so unendlich richtig heute, dass einfach nicht genug getan werden kann, damit sie möglichst vielen bewusst werde. Und hier möchte ich arbeiten, in diesem Sinne: die Jugendbewegung überlasse ich denen, die sich heute noch dazu berufen fühlen.      

Weiterführende Hinweise :

  • Horst-Pierre Bothien: Die Jovy-Gruppe. Münster 1995,
  • Horst-Pierre Bothien: Edgar Lohner: Ein Schüler des Beethoven-Gymnasiums gerät in Konflikt mit dem NS-Staat, in:
    Unser ganzer Schulunterricht hinkt hinter dem Leben her. Jahresbericht Beethoven-Gymnasium Bonn, Bonn 1989
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  • Joachim Hennig: Bündischer Mythos galt als Hochverrat, in: Rhein-Zeitung vom 14. Dezember 2000.
 
 
 
 
 
 

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