Robert Oelbermann

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Brief Robert Oelbermanns vom 19.Mai 1936 aus der Untersuchungshaft im Gefängnis Düsseldorf-Derendorf an seinen Zwillingsbruder Karl

Brief Robert Oelbermanns vom 25.Februar 1940 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen an seinen jüngeren Bruder Bernd

Chronik der Nerother Grossfahrten 1920-1938

Weistümer des Nerother Wandervogel (Weistümer waren im Mittelalter Aussagen von rechtskundigen Männern, was rechtens ist)

 



Die letzte Fahrt  Erinnerungen an Robert Oelbermann in Sachsenhausen von seinem damaligen Mithäftling Hermann Schäfer


Pfingsten 1939.
... Seit einem Jahr teile ich (mit Robert Oelbermann) das Brot, den Tag, das Gespräch und die erdrückende Erkenntnis, vom Zirkel des Todes umschlossen zu sein. Er trägt die Häftlingsmütze mit der Herausforderung eines Baretts. Das Gehen fällt ihm schwer. Die Totenkopf-Funktionäre nahmen ihm den Stock, mit dem er die Folgen seiner Kriegsverwundung ausgleichen konnte. Was andere geschwächt hätte, machte ihn nur noch stärker. In der politischen und menschlichen Bruderschaft Sachsenhausens ist die stille und doch so kraftvolle Persönlichkeit (Robert Oelbermanns) eine auffallende Erscheinung. Seine Gefährten rufen ihn Oelb. Es ist Robert Oelbermann, Bundesführer des Nerother Wandervogel, Schutzhäftling No. 1682...

Für ihn ist das Leid immer das Leid des anderen. Der ritterliche Geist mit seinem Sinn für Kameradschaftsnot und Uneigennützigkeit verlieh ihm eine Strahlung, in der sich nahezu von selbst ein Bunde entwickelte. Die Notgemeinschaft der Nerother in Sachsenhausen, die vom Schicksal zum Ritter geschlagen wurden, war Roberts letzte Gründung. Sie konnte nicht mehr verboten, sondern nur noch ausgelöscht werden. Zu seiner Gruppe, die abends den Zustand der Gefangenschaft bekämpfte und Zukunfts- und Freiheitsgespräche führte, zählten Hochschullehrer, Geistliche, Beamte, Journalisten, Ärzte, Jugendführer und Emigranten. Radikale fehlten; der Radikalismus widersprach Roberts Natur.

Er hätte es einfacher haben können. Das Ausland stand ihm 1933 offen. Aber er dachte nicht politisch und war zu fair, um seinen Gegnern eine so konsequente Humanitätslosigkeit zuzutrauen. Er erwachte erst aus seinem Traum, als sich der Mechanismus der Vernichtung seiner bereits bemächtigt hatte. Auch dann war es noch nicht zu spät. Erst als er das Angebot der Staatsjugendführung ausschlug, sich an führender Stelle integrieren zu lassen, unterschrieb er sein Todesurteil. Es wurde in einem fünfjährigen, qualvollen Tötungsprozess vollstreckt...
In Sachsenhausen erst trat der Protest des Wandervogels von Burg Waldeck in seine eigentliche, dramatische Phase. Robert fühlte sich nur noch zur Erfüllung und zum Leitbild verpflichtet. „Wenn ich hier kapituliere“, sagte er, „dann wird der Bund sein Gesicht verlieren und keine Zukunft mehr haben.“ Für den Bund hielt er durch. Im Angesicht der tödlichen Bedrohung fand der Gedanke von Neroth in seinem gefangenen Bundesführer nachträglich seine Inkarnation.

Den Protest gegen das brüchige Zeitalter wusste Robert auf seine Weise zu gestalten. Er protestierte mit der Klampfe; er protestierte mit dem Lied. Wenn alle entmutigt waren, richtete der Troubadour die Erschöpften auf. Er schlug dann die Saiten und sang dem Tod ein Lied ins Gesicht. Und während der Tod vorüberschritt, spottete Robert leise hinterdrein: „Die Gedanken sind frei...“ Wo der Tod programmiert wurde, hielt er immer ein Programm für das Leben bereit. Wenn der „Zug nach Petsamo“ ging, wenn „die Feder am Sturmhut“ oder die „bunten Fahnen wehten“, wenn er fremde Welten, die Freiheit und das tragische Schicksal besang, so verbreitete er Stärkung. Der Troubadour weckte die Imaginationskraft der Gefährten, um sie über die gläserne Brücke hinaus in die Freiheit zu führen, um „jenseits des Tales“ frei und weitab von der Schädelstätte mit ihnen unbedroht auf Fahrt gehen zu können. In diesem Ereignis lag die Bedeutung lag der kurzen Abendstunden mit Robert; sie lag in der Erholung vom Tage und in der Stärkung der Widerstandskraft, damit der Mensch seiner nächsten Treibjagd gewachsen war. Roberts Sinn war schlicht. Er mochte keine Phrasen und blieb immer bei der Wahrheit. Nach der Einlieferung in Sachsenhausen geriet er mit wenigen Gefährten in die Todesmühle. Robert ging nicht zu Boden. Er setzte den Schergen seine Lauterkeit und seine Moral entgegen und schleuderte ihnen das Wort „Verbrecher“ ins Gesicht...

Der Weg, auf dem Robert schritt, wurde abenteuerlicher und der Abgrund, in den er täglich hineinsah, wurde immer tiefer. Der Grat unter seinen Füßen war bald so schmal wie der Rücken eines Messers. Der Grat trennte zwei Zeitalter. Beide waten in Robert lebendig. Er war der Überlebende und rang mit dem Übergang. Die eine Epoche umschloss mit ihrer Lauterkeit den Hohen Meissner und Burg Waldeck. Wenn der Troubadour in den Grenzgebieten der menschlichen Existenz die große Freiheit beschwor, so erlebte er sich selbst und beschwor und verwirklichte dabei noch einmal das Bild der alten Zeit. Aber die Gegenwart, die er fortschieben wollte, schob sich nach jeder Abwehrreaktion nur noch näher an ihn heran. Seine Welt stand in Wahrheit hier im Feuer. Ihre Glut härtete die Traditionen für die Zukunft. In der Zeit danach begann die neue Epoche, für die er unentwegt Vorformen entwarf...

Er erinnert sich nun öfter als sonst des Hunsrücks, seiner Burg Waldeck, als wolle aus Sorge um die Zukunft die Vergangenheit in ihm übermächtig werden. Seine Gedanken kreisen um das Letzte, um die wenigen, um die Treuen. Seine Hoffnung ist Karl; der Gedanke an seinen Bruder gibt ihm viel Halt. Sollte sich das Schicksal gegen ihn entscheiden, so wird Karl nach dem Kriege aus Südafrika zurückkehren und das Erbe antreten. Er spricht darüber in der Sprache des Testaments. Aus der Perspektive des Konzentrationslagers 1939/40 ist das alles eine kühne Vision. Aber Robert glaubt daran; er träumt davon. Er lebt hinter dem Stacheldraht so sehr für den Nerother Wandervogel, dass ihm das eigene Schicksal gleichgültig ist. In diese Zeit fällt der besuch seines Bruders Bernd. Bisher durften nur wenige, darunter Pfarrer Niemöller, Freunde oder Verwandte in der Kommandantur sehen. Robert erfährt Näheres über die Waldeck, über die „Elstes“ und über Karl; es beruhigt und stärkt ihn. Aber es ist so, als wäre er nun in anderer Weise mit sich ins reine gekommen. „Die Schergen werden den Krieg verlieren“, meint er danach. „Fraglich ist nur, ob wir hier noch lebend herauskommen. Bevor es zu Ende geht, werden sie wahrscheinlich alle umbringen, um keine Zeugen zu hinterlassen.“ Nach einer Weile fügt er strahlend hinzu: „Aber eines können sie nicht verhindern: die Rückkehr Karls.“

Robert hat seinen Tod geahnt und immer mit seinem Ende gerechnet; das Ende war in Sachsenhausen unberechenbar. Er hat das Wort des Wandervogels Ernst Wurche vom Vorleben und Vorsterben an sich selbst vollstreckt und den mit Schmerz und Leid  gefüllten Kelch bis zur Neige getrunken. Das Vorleben und das Vorsterben waren hier eins. „Das Schicksal ist hart, härter der Mensch, der es trägt“, sagte Robert, bevor er die letzte Fahrt nach Dachau ohne die Gefährten der Sachsenhausener Jahre antrat. Sein Ich ging so sehr in das Ganze auf, dass die Spannungen den Körper des dynamischen Geistes nach und nach schwächten. Im Kampf mit jenen, die das Werk vorübergehend zerstören konnten, ließ Robert sein Leben. Er fiel für die Idee des Nerother Wandervogel im Ringen um seine Auferstehung.

 


 

 



Schreiben von Karl Oelbermann an die Fähnleinführer  des Nerother Wandervogel von Juni(?) 1933  betr. die Auflösung des Bundes


An alle Fähnleinführer!

Beschluss

Nach einer Besprechung mit den ältesten Nerothern Führern bin ich zu dem Entschluss gekommen, den Nerother Bund im Deutschen Reiche aufzulösen und die Jungens nach Möglichkeit in das Jungvolk und die Hitlerjugend zu überführen.
Da es von der Sonnenwendfeier am Samstag, den 24. Juni 1933, ab im Deutschen Reiche nur noch eine einheitliche Staatsjugend gibt, bitte ich alle früheren Nerother vor allem im Jungvolk Nerother Bubenbetrieb und Nerother Wandervogelgeist nach besten Kräften und Können zu fördern.

gez. Karl Ölbermann, Bundesführer des Nerother Bundes
Paul Leser, Bernd Ölbermann, Gustav Diedenhofen
Remagen, Kripp am Rhein, Donnerstag, den 22. Juni 1933.

Aufgrund des Beschlusses vom 22. Juni 1933 bitte ich meine Führer nach Möglichkeit geschlossen mit ihren Jungens dem Jungvolk oder der Hitlerjugend beizutreten und dort echten Wandervogelgeist und Wandervogelbetrieb im Sinne des alten Nerother Bundes zu pflegen. Da wir Nerother besonders auf kulturellem Gebiet unsere Fähigkeiten haben, lassen sich wohl innerhalb des Jungvolkes und der Hitlerjugend die Freundes-gemeinschaften in Form von Sing- und Spielscharen zusammen-halten. Wir haben so die Möglichkeit, unsere kulturellen Nerother Gedanken im neuen Staat zu verwerten. In diesem Sinne bitte ich die einzelnen Führer (sich) mit den zuständigen Standortführern, die bereits Anweisung von ihrer obersten Führung besitzen, in Verbindung zu setzen.
Ich selbst bin mit sofortiger Wirkung zum Burgwart der Bann-Burg des Bannes Koblenz-Trier der Hitlerjugend (Burg Waldeck) eingesetzt und führe die Bauhütte als Standortgruppe Waldeck weiter.
Allen Nerothern danke ich für das feste Zusammenhalten unter dem Nerother Schwan und hoffe, dass die treue Freundschaft und innere Verbundenheit auch unter dem Hakenkreuz bestehen bleibt.

Euer treuer Karl Ölb



Schreiben der Hitlerjugend von Juni(?) 1933 an die Führer und Buben des Nerother Wandervogel

Führer und Buben des Nerother Bundes!

Die H. J. begrüßt den freiwilligen Beschluss Eures Bundesführers und freut sich, dass Ihr in Zukunft in der Staatsjugend des Dritten Reiches, die den verpflichtenden Namen unseres obersten Führers trägt, mitmarschieren wollt.

Heil Hitler!
Hitlerjugend im Bann Koblenz-Trier
gez. Karbach, Bannführer

Im Auftrag:
Wilhelm Nagel, Unterbannführer 68  

 
Erneuerung des Verbots der Bündischen Jugend vom 20. Juli 1938



Durch den Reichsführer SS: Verbot der Bündischen Jugend neu gefasst

Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern hat durch eine im Deutschen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger vom 20. Juli 1938 veröffentlichte Verordnung das Verbot der Bündischen Jugend neu gefasst.
Hiernach ist die Fortführung der Bündischen Jugend (Deutsche Freischar, Freischar junger Nation, Großdeutscher Bund, Deutsche Jungenschaft vom 1.11. (d. j. 1.11.), Deutsche Jungentrucht, Österreichisches Jungencorps, Graues Corps, Nerother Bund, Bund zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg, Reichsschaft deutscher Pfadfinder, Deutscher Pfadfinderbund,  Österreichischer Pfadfinderbund, Christliche Pfadfinderschaft, Deutsche Pfadfinderschaft, St. Georg-Pfadfindercorps, Quickborn-Jungenschaft, Deutschmeister-Jungenschaft, Stromkreis, Grauer Orden, Freischar Schill und Eidgenossen, Bündischer Selbstschutz, Navajo usw.) untersagt.
Wer es unternimmt, den organisatorischen Zusammenhalt einer früheren bündischen Vereinigung aufrechtzuerhalten oder eine neue bündische Vereinigung zu bilden, insbesondere wer auf andere Personen durch Weitergeben von bündischem Schrifttum, Liederbüchern und dergleichen in diesem Sinne einwirkt, oder wer bündische Bestrebungen in anderer Weise unterstützt, wird gemäß § 4 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933 (RGBl. I S. 83) bestraft.   




Weiterführende Hinweise zu Robert Oelbermann

Meeth, Klaus-Peter: Die Söhne der Windrose. Teil 1. Heimat-Jahrbuch des Landkreises Daun 1986, S. 242 – 252; Teil 2. Heimat-Jahrbuch des Landkreises Daun 1987, S. 205 - 217
Nerohm: Die letzten Wandervögel. Burg Waldeck und die Nerother. Geschichte einer Jugendbewegung. Baunach 1995 


 

 

 

 

 

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