Pfarrer Dr. Friedrich Erxleben

„Mut, Leidenschaft, Heiterkeit - das waren seine Vermächtnisse“

Der „große“ Widerstand gegen Hitler formierte sich (erst sehr spät) um das Attentat am 20. Juli 1944. Gewisse Beziehungen hierzu hatten Mitglieder des sog. Solf-Kreises. Dieser Kreis plante aber keine Attentate und arbeitete keine Entwürfe für eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung aus. In ihm formierte sich bürgerliche Regimekritik und es entstand ein Netz von „Sympathisanten“ für die Zeit nach Hitler.
Zu dem Kreis gehörte auch der Armeepfarrer a. D. und Professor der Philosophie Friedrich Erxleben. Er wurde im Jahre 1883 in Koblenz geboren. Kurz zuvor war sein Vater zugezogen und Teilhaber eines privaten Bankinstituts geworden. Hier besuchte er die Schule bis zum Abitur und ließ sich als Sänger und Violinvirtuose ausbilden. Nach seinem Studium der Theologie und Philosophie in Trier, Wien, Heidelberg, Innsbruck und Rom und anschließender Promotion in beiden Fakultäten war er Priester im Bistum Trier. Als Armee-Oberpfarrer und Divisionspfarrer nahm er am Ersten Weltkrieg teil, wurde zweimal verwundet und war nach dem Krieg in Berlin als Seelsorger tätig. Daneben war er Dozent an den Universitäten Prag und Wien für vergleichende Religionswissenschaften, Professor für alte Sprachen im Jesuitenkolleg in Rom sowie Experte für asiatische Kultur; auch war er ein hervorragender Tenor und Oratoriensänger. Er hatte Freundschaften mit Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, u.a. mit dem „Großstadtapostel“ Carl Sonnenschein, dem Pazifisten Ernst Thrasolt, dem französischen Diplomaten Andre Francois-Poncet, dem liberalen Reichstagsabgeordneten Theodor Heuss und dem Schriftsteller Carl Zuckmayer.
Daneben nahm Friedrich Erxleben regelmäßig an den Teegesellschaften im Hause des ehemaligen Diplomaten Wilhelm Solf teil. Nach Solfs Tod setzte seine Frau Johanna diese Tradition fort. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, der auch vielen Juden und politisch Verfolgten half. Im Laufe der Zeit gelang es der Gestapo, dort einen Spitzel einzuschleusen. Er bezeichnete Erxleben als die „treibende Kraft bei den defätistischen Unterhaltungen im Hause Solf“. Im Mai 1944 wurde er verhaftet, bei Verhören schwer misshandelt und, wie er später einen Freund mitteilte, „wochenlang in einen Käfig gesperrt, in dem er weder sitzen, liegen noch stehen konnte“. Dann verlegte man Erxleben ins KZ Sachsenhausen und schließlich in das Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße in Berlin.
Man machte ihm mit anderen Mitgliedern des Solf-Kreises vor dem Volksgerichtshof den Prozess u.a. wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung; ihm drohte die Todesstrafe. Der Verhandlungstermin wurde wiederholt verschoben, zuletzt - wegen der Bombardierung des Volksgerichtshofs und des Todes seines Präsidenten Freisler, des „Mörders in der roten Robe“ - auf den 28. April 1945. Vier Tage vorher wurde er mit anderen Gefangenen von russischen Truppen aus dem Gefängnis befreit.
1946 kehrte Friedrich Erxleben an Rhein und Mosel zurück und übernahm trotz fortdauernder Schmerzen und Behinderungen im Juni 1946 die Pfarrei in Müden/Mosel. Hier besuchte ihn im Jahre 1949 der erste Bundespräsident der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss offiziell zusammen mit dem Schriftsteller Carl Zuckmayer. Weitere private Besuche folgten. 1951 ließ sich Erxleben in den Ruhestand versetzen und zog nach Linz/Rhein. Er starb 1955 und wurde auf seinen Wunsch im Priestergrab in Müden/Mosel beigesetzt.Das Vermächtnis Erxlebens formulierte sein langjähriger Freund Carl Zuckmayer so: „Mut, Leidenschaft und Heiterkeit“.
Joachim Hennig, in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 23/24. Januar 1999
 

 
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Carl Zuckmayer erinnert sich in seinem Buch  „Als wär’s ein Stück von mir – Horen der Freundschaft“ an den Solf-Kreis und an seinen Freund Friedrich Erxleben


Da gab es die Sonntagsnachmittage im Hause Solf, des ehemaligen Gouverneurs der deutschen Südseekolonie Samoa, des letzten kaiserlichen Außenministers vor Kriegsende, im Kabinett des Prinzen Max von Baden. Er war auch viele Jahre lang deutscher Botschafter in Japan gewesen und einer der größten Sammler und Kenner japanischer Kunst geworden. Wie das oft bei Menschen geht, die ihr Hauptinteresse einer fremden Kultur zugewandt haben, hatte sein an sich durchaus deutscher, graublonder Kopf etwas vom Wesen eines Samurai oder eines von Hokusai gemalten Dichtergestalt angenommen: ein Zug um den Mund, wenn er lächelte, eine Neigung der hohen Stirn, ein Schimmer in seinen klugen, nachdenklichen Augen. Er und seine Frau Hanna versammelten an diesen Sonntagen, zu denen wir manchmal geladen waren, um die Teezeit einen besonderen Kreis von in- und ausländischen Diplomaten, von Künstlern, Schriftstellern, Gelehrten in ihrer Wohnung, es waren Stunden voller Anregung, ohne irgendwelche lähmende Konvention – es war das, was man sich unter einem „Salon“ kultivierter Epochen vorstellt, wie es ihn im damaligen Berlin schon kaum mehr gab, vielleicht noch in Rom oder Paris – also ein Kreis, ein Cercle – keine „Gruppe“, keine Clique, kein Set. Es wurde da nicht „geplaudert“, sondern gesprochen, über Kunst, Literatur, Theater, auch über Politik; und je mehr sich das Gesicht der Zeit ins Bedrohliche und Extreme verzerrte, desto ernster wurden diese Gespräche, die doch immer durch ihre geistige Souveränität einen ermutigenden Charakter behielten. Der alte Geheimrat Solf hat die Zeit der deutschen Schande nicht mehr oder nur noch kurz erleben müssen, aber der Solf-Kreis blieb bestehen, bis er schließlich durch die Gestapo und die Bomben des Zweiten Weltkrieges auseinandergesprengt wurde; Frau Hanna Solf und ihre Tochter mussten grausame Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück durchmachen, aus dem sie erst das Kriegsende erlöst hat.

Dort, im Hause Solf, lernte ich den Dr. Ferdinand Mainzer kennen, einen bekannten Berliner Chirurgen, der – nachdem eine Handverletzung ihn berufsuntauglich gemacht hatte – sich ganz dem Studium der lateinischen und griechischen Literatur widmete: er war an der Entdeckung der „Atticus-Briefe“ des Cicero beteiligt – die die Zeit Cäsars, den Gipfel und die Wende der „Goldenen Latinität“, historisch und menschlich neu erschlossen haben -, und er hat außer vielen Übersetzungen, ein aufsehenerregendes Buch über „Clodia“, die „Freundin bedeutender Männer“, die vergötterte „Lesbia“ des Dichters Catull geschrieben, das ihm literarischen Ruhm einbrachte. Mich verbanden mit ihm übers Literarische hinaus, zoologische Interessen, ich lernte bei ihm viel über Aquarienpflege und hatte meine Freude an seiner großen Voliere, in der er alle einheimischen Singvögel in möglichst naturgemäßer Umgebung hielt und züchtete. Und es war eine Lust zuzuhören, auch wenn man’s nicht ganz verstand, wie er sich mit seinem besten Freund, dem katholischen Pfarrer Friedrich von Erxleben, in klassischem Latein oder Griechisch unterhielt, als sei das die tägliche Umgangssprache zwischen Spree und Havel.

Diesen Pfarrer Erxleben, dann unser lieber Freund „Petrus“ oder „Onkel Freidrich“ für die Kinder, traf ich gleichfalls bei einem jener Sonntagsnachmittage im Hause Solf. Er trug keine Soutane, auch nicht die kurze, sondern einen dunklen Rock und eine hochgeschlossene Weste, aber man hätte ihm den katholischen Priester auch im Hemd oder in der Badehose angesehen – nicht etwa durch eine zur Schau getragene Würde oder einen Zug von Askese und Entsagung (den spürte man erst heraus, wenn man ihn sehr gut kannte), sondern durch eine Art von immer lebendiger Gottesheiterkeit – ich weiß dafür kein anderes Wort. Sie strahlte aus seinen tiefblauen Augen, war um seinen redelustigen Mund und seine klare, ruhige Stirn, die rechts und links von silbrigweißem Haar gerahmt war – der Scheitel war frühzeitig kahl geworden. Er war damals wohl noch nicht fünfzig, aber er wirkte alters- und zeitlos: einerseits wie das Bildnis eines alten und weisen Erzabtes, andererseits wie ein Mann von jugendlichem Feuer. Ebenso gedoppelt, nicht gespalten, waren sein Temperament und seine Lebensart. Nie habe ich einen Menschen getroffen, in dem sich naive Frömmigjeit, echter, unbeirrbarer Kinderglaube, so sehr mit hoher Intelligenz und geistiger Aufgeschlossenheit verbanden, ohne dass man je einen Bruch oder Zwiespalt bei ihm empfand. Er stammte aus Koblenz, seine Sprache hatte den singenden, moselländischen Tonfall; in seiner Jugend war er Opernsänger gewesen, und er hatte als „Tristan“ auf der Bühne gestanden. Was ihn dann dazu bewogen hatte, der Kunst und der Musik zu entsagen, die seine höchste Passion waren, und die Weihen zu nehmen, war sein persönliches Geheimnis.

An diesem Nachmittag bei Solf kam er mit einem vollen Römer auf mich zu und sagte: „Also Sie haben den ‚Fröhlichen Weinberg’ geschriebne, gegen den hat man gepredigt. Aber ich behaupte“ – und dabei fiel er in seine Mundart – „soviel Lebensfreude, dat is ‚n Daseinsbeweis Gottes! Dat is’n frommes Stück!“ – So etwas hatte mir noch kein Theologe gesagt.

Früher hatte er in Rom gelebt, als Professor für alte Sprachen im Jesuitenkolleg, jetzt bewohnte er ein einstöckiges Häuschen im Norden Berlins, in einer friederizianischen Siedlung, die einst für altgediente Offiziere des Preußenkönigs gebaut worden war und in der es eine kleine katholische Kirche gab. Er versah keine Pfarrgemeinde, er lebte dort als Privatgelehrter und amtierte als Seelsorger für die katholischen Angehörigen der Berliner Schutzpolizei. Dieses Amt brachte ihn später in schwere Konflikte, in denen er sich mit großer Tapferkeit bewährte; denn er hatte, nach 1933, in der ersten zeit der Nazi-Tyrannei, Zutritt zu den Polizeispitälern und Lazaretten, in denen man die von der damals als „Hilfspolizei“ eingestellten SA zusammengeschlagenen und grauenvoll zugerichteten Opfer verwahrte. Das waren meistens Leute, die man ohne Gerichtsverfahren oder legalen Haftbefehl nachts aus ihren betten geholt hatte. Viele hat er in dem Zustand gesehen, in dem sie nach „Vernehmungen“ eingeliefert wurden, vielen von ihnen hat er bei ihrem qualvollen Sterben beigestanden, viele Polizisten der alten, anständigen Beamtenschaft haben ihm ihr Herz ausgeschüttet.

Dass ein Mann, der so viel wusste und noch dazu den Mund weder halten konnte noch wollte, auf die Dauer nicht frei herumlaufen durfte und selbst zum Verurteilten wurde, lag auf der Hand. Auch er hat die letzten Kriegsjahre im KZ Ravensbrück durchlitten, und Frau Solf erzählte mir später, dass er jeden Morgen beim „Wecken“ mit lauter Stimme, die durch einen großen Teil des Lagers gehört werden konnte, das „Gloria“ sang, den brutalen Prügeleien und Quälereien trotzend, die er dafür täglich auszuhalten hatte. Er überlebte die Lagerzeit, aber er war dann ein schwerkranker, körperlich gebrochener Mann. In seiner seelischen Haltung, in seinem Glauben, in seiner Welt- und Menschenliebe, in seiner Gottesheiterkeit blieb er ungebrochen bis zu seinem Tod, ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch von 1945. Eine Zeitlang verwaltete er noch eine kleine Pfarrei in einem Moseldörfchen, ich besuchte ihn dort manchmal gemeinsam mit dem Bundespräsidenten Theodor Heuss, mit dem ihn eine warme Freundschaft verband. Dann zog er sich in eine Alterswohnung bei Freunden am Rhein zurück. Ich verbrachte mit ihm, ganz allein, die Silvesternacht 1955/56 in seinem stillen, freundlichen Zimmer. Er kochte für uns beide, wir vertranken, verrauchten, verredeten die Nacht. Irgendwann in den Abendstunden drehte er das Radio auf, es kam ein leichter, beschwingter Mozart, von Bruno Walter dirigiert. „Nein“, sagte er nach einigen Minuten, „das macht mich traurig. Beim Mozart muss ich immer an den Tod denken.“ Dann legte er das Klavierkonzert in c-moll von Chopin aufs Grammophon. „So’n Berufsmelancholiker wie der Chopin“, sagte er, „der macht mich wieder lustig.“

Acht Tage später fand man ihn tot auf seinem Bettrand hockend, die erloschene Brazilzigarre war ihm aus dem Mund gefallen, sein alter Dachshund „Seppel“ schlief zu seinen Füßen.
Mut, Leidensbereitschaft, Heiterkeit – das war sein Vermächtnis.
 


Theodor Heuss und der Fährmann:  Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1949 in Müden


Es war im Herbst 1949. Professor Theodor Heuss war kurz zuvor zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden. Pfarrer von Müden war zur damaligen Zeit Professor Dr. Friedrich von Erxleben, der die Verfolgung in der NS-Zeit lebend, wenn auch mit bleibenden Folterschäden, in einem Konzentrationslager überstanden hatte und der sich nach seinen eigenen Worten nach Kriegsende eine nicht  allzu schwierige Pfarrei von seinem Freund und Bischof Franz Rudolf Bornewasser in Trier als Alterssitz erbeten und erhalten hatte, in der er wieder zu Kräften kommen könne und auch ein Gläschen des von ihm geschätzten guten Weines nicht zu entbehren brauche.

Beide Professoren, den ersten Mann der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, und den Ortspfarrer von Müden, Dr. Friedrich von Erxleben, verband eine lange und enge persönliche Freundschaft aus gemeinsam verbrachten Tagen in Berlin. Was lag also näher, als dass der neue Bundespräsident bei seinen ersten Rundreisen in den deutschen Landen auch seinem Freund Friedrich von Erxleben in Müden einen Besuch abzustatten gedachte.

Der hohe Besucher kam also per Dienstwagen die so genannte Provinzialstraße von Koblenz bis zur Lützbach auf der rechten Moselseite hoch – die jetzige Bundesstraße 416 auf der linken Moseluferseite gab es noch nicht -, um sich mit der Wagenfähre über die Mosel nach Müden übersetzen zu lassen.

Fährmann Anton Müller, von allen „Dunn“ genannt, war ein Original seiner Zeit, der bei seiner harten Arbeit von morgens früh bis abends spät, dem Wind und Wetter ausgesetzt, nicht nur ein robuster Mann in seinem schweren Beruf war; auch die Sprache dieses allseits geschätzten Fährmanns war seiner schweren Arbeit angepasst und konnte zuweilen ziemlich derb sein.

So staunte Fährmann „Dunn“ nicht wenig, als in seine Ponte ein vornehmer schwarzer Mercedes-Wagen einfuhr, der vorne den Stander mit den bundesdeutschen Farben Schwarz-Rot-Gold trug. Der wagen und seine beiden Insassen waren etwas ungewöhnlich für unseren Fährmann „Dunn“ und lösten bei ihm Staunen und dann wohl auch ein Gefühl des Vorwitzes aus. Er ging zwei-, dreimal, misstrauisch den Kopf schüttelnd, um den auffallend vornehmen Wager herum und fragte schließlich den Fahrer des Wagens, als dieser ausgestiegen war, indem er auf den im Fond des Wagens sitzenden vornehmen Herrn mit dem Daumen so ganz lässig rückwärts zeigte: „Wat host dou dann loh fier en Vuhl dren?“ (Was hast du denn da für einen Vogel drin?) Der Fahrer wollte wohl weiteren Fragen zuvorkommen und sagte schnell: „Das ist unser Bundespräsident Heuss.“ Darauf die Antwort von unserem „Dunn“: „Leck mich am A....; su e huh Dear honn ech ze Läwe net ieweri foahr.“ (..,; so ein so hohes Tier hab’ ich in meinem Leben noch nicht übergesetzt.).

Wer diese Begebenheit wohl erzählt haben mag? Niemand anders als Bundespräsident Heuss selbst, als er bei seinem Freund, dem Pfarrer Friedrich v. Erxleben im Müdener Pfarrhaus saß. Der Verfasser hat diese Episode selbst aus dem Mundes des Bundespräsidenten gehört, als er nach einem zu Ehren von Theodor Heuss durchgeführten Fackelzug des Junggesellenvereins im Pfarrhaus mit in gemütlicher Runde saß. Der Bundespräsident hatte sehr wohl das Müdener Platt des Fährmanns verstanden und sich köstlich darüber amüsiert. Er konnte die Sätze des Fährmanns fast wortgetreu in Müdener Platt wiedergeben.

Ernst Schmitz  (Aus: Ortsgemeinde Müden [Hg.]: 1400 Jahre Müden/Mosel, 1987)




Brief von Friedrich Erxleben vom 11. März 1954 an   Hermann Leins wegen eines Buchprojekts mit Erxleben

Lieber Herr Leins!

Zunächst geziemenden Dank für Ihren Besuch – Anregung und Vorschlag. Ich ließ mir alles durch den Kopf gehen: Komme zu folgendem Ergebnis: Ein wissenschaftliches – culturelles Sujet kommt nicht in Frage – da ich seit langem nicht mehr auf dem laufenden bin. Memoiren – bei Lebzeiten herausgegeben sind meist eine Art Indiscretion – später vielleicht Belehrung. Aber – oder wie der Italiener so fett sagt: ma! Es würde mich kitzeln zu schreiben unter dem Gesamttitel Begegnungen mit Päpsten (Leo XIII – Pius XII) Tenören – Medizinmännern – Primadonnen – Philosophen – Zauberern (O. Brahm, M. Reinhard, H. Hilpert u.s.w.) Geigenbauern, Juden, Jesuiten, Winzern, Trinkern, Dichtern, und letztes Kapitel: mit meiner Mischpoke. --- Auf meine Eltern, die die besten der ganzen Welt waren, müsste ich kurz ein Hohes Lied singen. Die Nachkommen – sind alle verdünnte Auflage, und da müsste ich den Refrain citieren, den Curt Bois – Berlin so oft sang: „Fang’ nie – fang nie was mit Verwandtschaft an – denn das geht schief – Sieh’ lieber dir ne schöne Landschaft an – denn die Familie wird gleich so massiv.“
So wie ich es sehe – würde das Buch zu 2/3 ernst – sehr ernst und etwa 1/3 aufgelockert – heiter in gutem Sinn – und etwa 1/20 wohlwollende Verleumdung und Ironie.
Und über allem müsste dominieren das Mitleid – denn vor Gott sind wir alle arme Sünder und der Heiland sagt: nur Gott ist gut. Ich bin manchen bedeutenden Menschen begegnet, die schwer zu ertragen waren, und ich habe mir dann immer geholfen mit dem Gedanken: Gott erträgt ja auch dich – dann musst du u.s.w.
Unter obigem Titel könnte ich Vieles und manchen Lieblingsgedanken (z.B. über Judas Iscariot) unterbringen und selber ganz oder so ziemlich zurücktreten.
Hätte ich die paar tausend Briefe, die ich im leben – z.T. in drei Sprachen – frei aus dem Handgelenk aufs Papier geschmettert habe – vorher concipiert oder hässlich ausgedrückt – ins Unreine gemacht – so wäre es ein Leichtes – das Buch in 1 –2 Monaten zu schreiben. – Vergessen Sie bitte auch nicht – dass ich außer meinen obligaten douleurs ein Peziarthride bin – d.h. medizinisch gesagt: ich leide an einer bösen Peziathritis humero – saepularis, dergestalt, dass ich oft tagelang meine beiden Arme nicht gebrauchen kann – also kein Wort schreiben kann. Auch heute gelingt’s mir nur mühsam.
Selbst wenn ich eine Sekretärin hätte – der ich diktieren könnte – könnte ich Ihnen – lieber Herr Leins keine bindende Zusage machen – da die köstlichsten und ergreifendsten Erinnerungen meistens nachts hochkommen aus ihrer latenten Verborgenheit, denn ich könnte meiner Sekretärin doch nicht zumuten – bei mir zu schlafen.
A. France hat mir einmal gesagt, als ich etwas geschwollen daherredete: junger Mann – vergessen Sie, dass Sie mit dem Öl des bel canto gesalbt sind und machen Sie kurze Sätze, misstrauen Sie zu großen und wohlklingenden Sätzen. Zuerst wiegen sie ein, dann schläfgern sie ein.“
Ich habe nun begonnen – Begegnungen mit Gabriele d’Annunzio – Anatole France – Gerh. Hauptmann – E. Thrasolt – Carl Zuckmayer zu notieren.
Ob mir das Buch gelingen wird – liegt auf den Knien der Götter.
In herzl. Verbundenheit
Ihr erg.
F. Erxleben


Hinweis: Das von Friedrich Erxleben projektierte Buch ist nie erschienen, die von ihm erwähnte Aufzeichnungen existieren nicht mehr. Auf eine Anfrage des Bundespräsidenten Theodor Heuss nach dem Tod Friedrich Erxlebens an dessen Bruder Augustinus schreibt dieser an Heuss:

Ihre Annahme, hochverehrter Herr Bundespräsident, dass mein Bruder die begonnene Aufzeichnung seiner Erinnerungen aus seinem wirklich reichen, begnadeten Leben nicht hat durchführen können, trifft leider zu. Er hat mir wohlgelungene Bruchstücke vorgelesen und wir haben ihn bei jeder Gelegenheit ermuntert zu schreiben. Seine stark wechselnde körperliche Verfassung hinderte ihn leider an der Ausführung des Planes, der ihm zuerst viel Freude gemacht hatte. Nachdem er im November 1954 von mir nach Linz verzogen war, hat er wenige Wochen vor seinem Tode in mehrtägigem Autodafé alles von seiner Hand Stammende verbrannt und dadurch selbst das getan, worum er in seiner letzten Verfügung aus dem Jahre 1953 gebeten hatte: „alles Schriftliche von mir zu verbrennen“.  
 

 

Weiterführende Hinweise :

  • Joachim Hennig: Pfarrer Dr. Friedrich Erxleben „Mut, Leidenschaft, Heiterkeit - das waren seine Vermächtnisse“in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 23/24. Januar 1999
  • Joachim Hennig: Widerständiges Verhalten aus christlichem Glauben -Friedrich Erxleben (1883 – 1955) zum
    50. Todestag, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 2004, S.509-541
  • Die Webseite von Konrad Weber: http://www.arenberg-info.de/htm/Erxleben.htm
 
 
 
 
 
 
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