Richard Christ

Wir sind die Moorsoldaten....


Kaum waren die Nazis an die Macht gekommen, verfolgten sie ihre politischen Gegner. Als erste, äußerst brutal und hartnäckig, bekämpften sie die Kommunisten. Den Vorwand hierzu lieferte ihnen der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933. Die daraufhin erlassene "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" ("Reichstagsbrand - Verordnung") war die scheinlegale Grundlage, um reichsweit Kommunisten in “Schutzhaft" zu nehmen. Die Koblenzer Polizei nahm etwa 80 "Funktionäre" der KPD fest. Einer war der Koblenzer Buchhändler Richard Christ.
Er war Kandidat der KPD für die Kommunalwahlen am 12. März 1933 und wurde auch zum Stadtverordneten gewählt. Sein Mandat konnte er aber nicht antreten, blieb er doch wie die anderen in Schutzhaft. Die Häftlinge wurden im damaligen Stadtgefängnis in der Karmeliterstraße festgehalten und mussten tagsüber renovieren - im SA-Heim an der Pfaffendorfer Brücke, in der Langemarckkaserne oder in der SS-Kaserne am Schlossplatz. Im Juni 1933 verschärfte sich ihre Lage. Zu Vernehmungen und Misshandlungen kamen sie in die SS-Kaserne. Besonders brutal gebärdete sich der SS-Obersturmführer Emil Faust. Ein Schutzhäftling berichtet: "Nach 24-stündiger menschenunwürdiger Behandlung...kam...der SS-Mann Emil Faust, traktierte uns mit Gummiknüppel, Faustschlägen und Fußtritten und sprang zuletzt wie eine Hyäne auf Richard Christ mit den Worten: “Da ist er ja, der intellektuelle Vogel!” Er schlug stundenlang auf ihn ein. Ich selbst war Augenzeuge dabei und kann beeiden, dass er Christ mit dem Gummiknüppel nicht nur auf die Brillengläser in der Absicht schlug, ihm das Augenlicht auszulöschen, sondern ihm auch fortgesetzt Nierenschläge versetzte (ebenfalls mit dem Gummiknüppel) wie es nur fachkundige Sadisten in den Konzentrationslagern und in den SS-Höhlen taten, die es auf das Leben der Gefangenen absahen."
Mitte August 1933 wurde Christ mit etwa 40 anderen Schutzhäftlingen aus Koblenz in das Konzentrationslager Esterwegen, einem der "Emslandlager", verschleppt. Dort trafen sie erneut auf Emil Faust. Er begrüßte sie mit den Worten:
"Wer sind die Koblenzer? Hände hoch!", um sich gleich auf sie zu stürzen und sie zu verprügeln. Dann stellte er sich ihnen vor: “Das Herz im Leibe lacht mir, wenn ich euch sehe; ihr werdet die Heimat nie wiedersehen! " Trotz aller oder gerade wegen dieser Drangsalierungen und Quälereien entstand in den "Emslandlagern" zu Weihnachten 1933 das "Lagerlied von Börgermoor", das erste KZ-Lied überhaupt. Es ist ein Überlebenszeugnis aus den KZs der Nazis und in leicht veränderter Melodie als "Die Moorsoldaten" und in Bearbeitung von Folkmusikern wie Pete Seeger ein Aufruf für Menschlichkeit, gegen Unterdrückung und Krieg. Die erste Strophe lautet im Original:
"Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum. Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm. Wir sind die Moorsoldaten...
Richard Christ wurde 1934 aus dem KZ Esterwegen entlassen. Er emigrierte dann nach Frankreich und starb bald darauf in Toulouse an Nierenbluten. Zeitzeugen führen dies auf die Misshandlungen durch Emil Faust zurück. Faust selbst wurde - als einer der wenigen Täter - zu lebenslanger Haft verurteilt.
Joachim Hennig in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 17. November 2000
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