Hier spricht die SPD:

Die Frau im neuen Staate, von Oberregierungsrat Maria Detzel

Nach der größten militärischen Niederlage aller Zeiten sucht sich unser Volk mühsam den Weg aus dieser unvergleichlichen Katastrophe seiner Geschichte.Dieser Weg ist schwer, unser Leben hart. Der Nazismus hat uns alles genommen, uns bettelarm gemacht. Uns fehlen nicht nur Nahrung, Kleidung, Wohnung, uns fehlt alles! Alle sozialen Errungenschaften sind zerschlagen. Wir müssen ganz neu anfangen. In diesen schwersten aller Zeiten darf die Frau nicht abseits stehen. Sie muss zusammen mit dem Mann den Kampf aufnehmen für ihre Kinder, für ihre Zukunft. Die Frauen sind die Mehrheit des Volkes und damit eine große gesellschaftliche Kraft, selbst wenn sich leider Millionen Frauen dessen noch nicht bewusst sind. Dennoch müssen die Frauen eine starke Kraft des Fortschritts, des Friedens und der Demokratie werden, damit sich niemals mehr eine solche Katastrophe wiederholen kann. Ohne die Mitarbeit der Frau ist der geistige Aufbau Deutschlands nicht möglich. Alle Fragen der Menschlichkeit können nicht gelöst werden ohne die tätige Mitarbeit der Frau. Das mütterliche Gefühl der Frau muss sich mit dem Verstand des Mannes in gemeinsamer Aufbauarbeit paaren und so der Arbeit den richtigen Geist geben. Noch stehen viele Frauen der neuen Zeit ablehnend gegenüber. Sie fürchten neue Enttäuschungen. Sie sind müde und können nicht mehr glauben. So begreiflich diese Haltung nach dieser Tragödie ist, so falsch ist sie auch. Gerade die Demokratie sollte ihnen ein Licht werden, das ihnen nach dem Dunkel der Vergangenheit den Weg in eine neue - wenn auch langsam - heller werdende Zukunft beleuchtet. Ich weiß, dass auch in dieser Hinsicht noch viel zu wünschen übrig bleibt, sie können aber auch nicht verlangen, dass das, was in zwölf Jahren zerstört wurde, in zwölf Monaten wieder vollständig aufgebaut sein soll. Zudem ist nicht nur Deutschland, sondern fast die ganze Welt durch den Hitlerkrieg ins Unglück gestürzt, so dass uns von außen her wenig Hilfe werden kann. Aber eins steht fest: In der Demokratie steht die Frau gleichberechtigt neben dem Mann, in Politik und Wirtschaft. Sie wird den Platz auszufüllen haben, an den sie gestellt wird. Die Zeit, in der sie n u r Hausfrau und Mutter sein konnte, ist endgültig vorbei, ob das uns lieb oder leid ist. Hier sprechen die rauen Tatsachen eine beredte Sprache. Millionen Frauen werden den Kampf ums Dasein allein und selbst führen müssen. Millionen Witwen werden sich und ihre Kinder selbst versorgen müssen, dafür hat der grausamste aller Kriege gesorgt. Die Gestaltung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen darf der Frau daher nicht gleichgültig sein. Die Frau muss wissen und begreifen, dass nur die Demokratie ihr die Voraussetzungen für die politische, wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung mit dem Mann gibt. Die Demokratie verpflichtet aber auch die Frau. Leider hat sich die Masse der Frauen vor 1933 sich nicht oder nur unzureichend um Politik gekümmert, sie haben alles dem Mann überlassen. Sie verstanden deshalb wenig oder gar nichts von den Zusammenhängen im öffentlichen Leben, konnten in der entscheidenden Zeit Spreu von Weizen nicht unterscheiden und liefen in Scharen diesem Gaukler nach. Sie ließen sich von der Propaganda einfangen, wurden sogar kriegsbegeistert und opferten dem Führer in ,,stolzer Trauer" ihre Kinder. Es scheint mir, als ob die meisten Frauen Angst vor der politischen Mitarbeit, vor der Politik überhaupt, haben. Mit Politik verbindet sich für sie Unangenehmes. Lärm, rohes Benehmen usw. Aber das alles hat mit Politik nichts zu tun und kann nur als etwas wie schlechte Auswüchse bezeichnet werden. Es liegt wirklich nur an uns, auch in die politische Arbeit den richtigen Geist zu bringen. An uns Frauen liegt es ferner zu beweisen, dass es in der Politik um nichts anderes geht, als um die Gestaltung unseres irdischen Lebens, dass wir teilhaben wollen an den Gütern dieser Welt, dass wir auch die Früchte unserer Arbeit ernten wollen, dass wir schon im Diesseits das größtmögliche Maß von Glück genießen und uns nicht auf das Jenseits vertrösten lassen wollen. Es geht in der Politik um Wohnen und Essen, um Arbeit und Lohn, um Frau und Berufe um den Aufbau einer guten, sozialen Gesetzgebung, kurz, um die Sorge für den Menschen von seiner Wiege bis zum Grabe. Es geht um Völkerverständigung und Frieden! Die Frauen müssen mithelfen, aus den Trümmern eine neue Welt auf den Grundlagen der Gerechtigkeit und Vernunft aufzubauen, in der Kriege unmöglich sind.Das ist die Politik, die die Frauen angeht, um die sie sich kümmern müssen. In der Politik üben wir ja letzten Endes eine Tätigkeit für unser Heim und Volk aus, in der Sorge um die Familie, Haushalt und Kinder, die Überwachung ihrer Gesundheit und die Erziehung und die Sicherung ihrer Zukunft. Das alles ist keine Tätigkeit für Fachleute, dem sie beruht nicht auf Fachwissen, sondern auf gesundem Menschenverstand und dem Verständnis für den lebendigen Menschen und seine Bedürfnisse darauf dass man Liebe und Güte unter den Menschen übt und verbreitet. Neben der Politik, die die praktischen Fragen des ,,Diesseits" regelt, steht die Religion, die die metaphysischen Dinge und die Vorbereitungen fürs Jenseits sorgen soll. Beide, Politik und Religion, können und müssen nebeneinander zum Wohle der leidenden Menschheit arbeiten. Auch hier muss die Frau ihren versöhnenden und verbindenden Einfluss geltend machen. Vielleicht hätte die Welt heute ein anderes, heiteres Gesicht, wenn wir uns dieser unserer Aufgaben eher bewusst gewesen wären. Vielleicht hätte die Welt nach der Tragödie von 1914-18 , die etwa 10 Millionen Tote forderte, nicht diesen Hitlerkrieg erleben müssen, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, mit seinen etwa 19 Millionen Toten in der Welt. Wenn sich die Frau früher mehr um Politik gekümmert hätte. Vielleicht würden jetzt einmal die vielen Redereien und Schreibereien von neuen Kriegs- und Zerstörungswerkzeugen verstummen, wenn wir Frauen unsere Stimmen laut werden ließen. Die Frauen und Mütter der ganzen Welt wollen nichts mehr von dem Zerstörungswerk ,,Atombombe" hören. Vielleicht hätte Hitler seinen Aufstieg nicht so leicht gehabt, wenn die Männer und erwachsenden Kinder im Anfang mehr politischen Halt an ihren Frauen und Müttern gehabt hätten. Leider sind oft die Frauen dem Geschwätz der Straße schneller verfallen als die Männer. Die politische Unwissenheit fast aller Frauen — natürlich auch vieler Männer - bildete den Fußschemel für den Aufstieg der braunen Verbrecherbande. In diesem Zusammenhang hat die Frau, die Mutter, eine Riesenaufgabe zu bewältigen, die sie nur dann befriedigend lösen kann, wenn sie sich mehr als bisher um das politische, wirtschaftliche und öffentliche Leben kümmert. Es geht um unsere Jugend. Ich weiß, welch große und schwere Probleme vor der deutschen Jugend stehen. Das furchtbare Drama des Nationalsozialismus hat in den Herzen der Jugend eine gähnende Leere hinterlassen. Sie befindet sich in einer trostlosen seelischen Verfassung. Alle ihre Ideale sind zerbrochen und in den Staub gesunken. Alle die Menschen, die ihnen als Ideale, Vorbilder hingestellt wurden, entpuppten sich als ganz gemeine und niederträchtige Verbrecher. Unsere Jugend steht wirklich zwischen zwei Welten. Die eine ist in Krieg und Bomben, in Schutt und Asche schmählich untergegangen, die andere muss sich die Jugend selbst bauen. Ihr dabei zu helfen, vor allem ihr den inneren seelischen Halt zu geben, ist Aufgabe der Frau. Vor allem müssen wir der Jugend den Glauben an ihre Zukunft wiedergeben. Wie viel Verständnis, wie viel Liebe und wie viel Güte müssen hier von uns aufgebracht werden, um die Jugend erst wieder einzugliedern in ein geordnetes, demokratisches Leben. Ganz neue Wege müssen beschritten werden bei dieser meist frühreifen Jugend. Wir alle müssen der Jugend ein besseres Leben vorleben wie sie es aus der Vergangenheit kennen. Glauben Sie nicht, dass es möglich sein wird, die jungen Menschen für das Abenteuer des Wiederaufbaues ebenso zu begeistern, wie sie sich für das Abenteuer des Krieges haben begeistern lassen? Glauben Sie nicht, dass man die deutsche Jugend für die Geschichte der Völkerverständigung und des Völkerfriedens ebenso begeistern kann wie man sie früher für die Heldengeschichten der Kaiser, Könige und der Kriege begeistert hat. Ich glaube es, denn ich liebe die Jugend und denke gut von ihr, obgleich manche Erlebnisse, z.B. die randalierenden Studenten, mich hoffnungslos stimmen könnten. Sie sehen, wie viel Arbeit auch in dieser Hinsicht auf uns Frauen wartet. Aber sie wird und muss mit Geschick und gütiger Strenge zu meistern sein. Noch nie in der Geschichte unseres Volkes haben wir einen so schmerzlichen Anschauungsunterricht genossen wie eben jetzt. Und jetzt kommt es darauf an, ob das deutsche Volk, die deutsche Frau, die Zeichen der Zeit erkannt hat, jetzt kommt es darauf an, uns unseren demokratischen Staat zu bauen mit wirklichem sozialen Inhalt. Der Kampf ums Dasein wird in den nächsten Jahren schwer sein, und eine solche Zeit übersteht ein Volk nicht gut, wenn seine Frauen nicht aktiv mitmachen, und zwar im wirtschaftlichen und politischen Leben des Staates, im Haushalt und der Erziehung der Jugend. Darüber hinaus aber auch im Blick auf die anderen Völker. Dann müssen die Frauen sich schulen und Stellung nehmen zu den politischen Tagesfragen, sie müssen wissen, wohin sie gehören, sie müssen mitarbeiten im Beruf, im öffentlichen Leben, in der Gewerkschaft usw. Die Welt blickt auch auf uns deutsche Frauen. Wir wollen uns ihre gute Meinung über unseren Fleiß, unsere Tüchtigkeit, unsere Ausdauer zu erhalten suchen. Wir wollen wünschen und hoffen, dass die Welt dann bald ein Einsehen hat und uns bald noch um mehr wie bisher, durch tätige Hilfe unterstützt. Wir wollen hoffen und wünschen, dass bald die Feinde von gestem unsere besten Freunde werden. Und wenn uns die Welt nun fragt, ob wir es schaffen, werden wir Frauen laut und deutlich antworten: Ja, wir schaffen es. Wir Frauen gemeinsam mit den Männern!

 


Lesen Sie folgende Dokumente betreffend Maria Detzel:

 

Dienstausweis des Arbeitsministeriums für Maria Detzel (1947)

Ausweis für Maria Detzel als Leiterin des Landesversorgungsamtes (1948)

Die Freiheit, Mainz, vom 5. April 1957

Maria Detzel liegt ihr Stadtratsmandat nieder (Rhein-Zeitung vom 1. Oktober 1960)

Verabschiedung Maria Detzels im Koblenzer Stadtrat (Rhein-Zeitung vom 20. Dezember 1962)

Maria Detzel zum 70 Geburtstag (Rhein-Zeitung vom 5. April 1962)

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Maria Detzel (Rhein-Zeitung vom 6. April 1962)

Urkunde für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Maria Detzel

Nachruf auf Maria Detzel (Rhein-Zeitung vom 8. Juli 1965)



Hier eine Bildersammlung zu Maria Detzel:





 


 

 

 

 

 

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