Dr. Wilhelm Guske beschreibt im Jahr 1946 seine Situation und die von Koblenz in Briefen :

Brief vom 12. Juni 1946 an den Leiter des Wohnungsamtes der Stadt Bernau:

Heute komme ich endlich dazu, auch Ihnen mal einige Mitteilungen zu geben über den bisherigen Ablauf meiner Reise nach dem Westen. Ich bitte, diese Dinge zunächst vertraulich zu halten, da ich annehme, später wird auch noch in der Presse über mein Auftreten genügend Kenntnis gegeben werden. Mit Unterstützung eines hochgestellten französischen Beamten ist es mir gelungen, den Alliierten-Zug nach Frankfurt zu benutzen und traf am Donnerstag, dem 30. Mai (1946), in Koblenz ein. Das schöne Koblenz ist furchtbar verwüstet durch Bombenangriffe; Kampfhandlungen haben hier sehr wenig stattgefunden. Verkehrsmittel, Brücken usw. sind zum allergrößten Teil in einer geradezu verbrecherischen Leichtfertigkeit durch die Reichwehr vernichtet. Koblenz selbst hatte vor dem Kriege 1939 89.000 Einwohner und zurzeit etwa 60.000; dazu eine ziemlich starke französische Besatzung. Das Einvernehmen zwischen der französischen Besatzung und der deutschen Bevölkerung ist ausgezeichnet, ein ganz anderes Verhältnis wie in Bernau. Haben Sie noch etwas Näheres gehört über die mir gewidmete Überwachung? Nach 13jähriger Trennung habe ich meinen alten Parteifreund Dötsch wieder getroffen. Bisher hatten (welche Stellen mir noch vorläufig unbekannt sind) alle Nachrichten an Dötsch den Empfänger nicht gefunden seit 1933. Dötsch wurde am 1. September 1939 verhaftet und ist bis 1945 im  Konzentrationslager Sachsenhausen festgehalten worden. Beim Wiedersehen haben wir geweint wie kleine Kinder. Auf Bitten der Parteifreunde habe ich mich dann auch entschlossen, die Tätigkeit als Oberbürgermeister der Stadt Koblenz zu übernehmen. Auch in der Rücksprache mit dem Gouverneur in Bad Ems hatte ich den Eindruck, dass meine Amtsübemahme als Sozialdemokrat sehr gerne gesehen wird. Die Aufgaben der Verwaltung der Stadt sind nicht leicht; hinzu kommt eine geistig etwas müde eingestellte Bevölkerung. Im Hintergrund macht sich dann auch der Widerstand gegen den Sozialdemokraten bemerkbar. Ich hoffe aber, mit aller Frische alle Widerstände zu überwinden, so dass es mir gelingt, meine ganzen Kräfte der Bevölkerung der Stadt Koblenz zu widmen. Daneben werde ich mich auch sehr stark in das Parteileben eingliedern. Wie ich hier in Parteikreisen eingeschätzt werde, bitte ich zu ersehen aus der beigefügten Zeitung mit dem Bericht über unseren Unterbezirkstag am 1. Juni in Koblenz. Die SPD ist erst hier ins Laufen gekommen gegen Ende des vorigen Jahres. Die Bewegung ist außerordentlich gut. Sie verfügt über eine große Anzahl wirklicher Köpfe. Einstellung gegen die KPD äußerst scharf ablehnend. Nun kommt die größte Bitte:
... Darf ich Sie bitten, die ... noch vorhandenen Sachen, vor allem Bücher, Broschüren, Zeitschriften usw. in ein oder zwei Kisten packen zu lassen und dann mir zuzusenden nach Koblenz — Oberbürgermeister Dr. Guske, Koblenz, Rathaus -. Wenn ich diese Bitte an Sie richte, so schäme ich mich fast, Sie wieder mit einer neuen Plackerei zu behelligen. Aber ich weiß augenblicklich keinen Ausweg. Einen Teil der Bücher gebrauche ich, weil hier in Koblenz alles an Schrifttum usw. vernichtet worden ist.. ..
Jetzt habe ich meine Frau gebeten, möglichst bald nach Koblenz zu kommen. Zurzeit wohne ich noch in einem kleinen Hotel am Rhein (Hotel zum Kleinen Riesen, Rheinanlagen 18). Die Dienstwohnung soll in der nächsten Zeit in Ordnung gebracht werden....

 

Brief vom 22. Juni 1946 an den Landrat a. D. Russel:

Da mir der Boden infolge meiner politischen Tätigkeit in Berlin zu heiß geworden ist wegen meiner Einstellung gegen die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien (gemeint ist die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der sowjetisch Besetzten Zone zur SED) und der dadurch bei der russischen Besatzung ausgelösten Aufmerksamkeit, habe ich mich gezwungen gesehen, den Anregungen meines Parteifreundes Dötsch (gemeint ist der Gewerkschafter und SPDFunktionär Johann Dötsch aus Koblenz-Mettemich) zu folgen und nach Koblenz zu kommen. Unterstützt wurde die Anregung meines Freundes Dötsch auch durch den Wunsch meiner Frau. Mir selbst geht es gesundheitlich sehr gut und ich habe auch den Willen, in der Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse mich mit allen Kräften besonders auf dem politischen Gebiet wieder einzugliedern. Meiner Frau geht es gesundheitlich nicht besonders gut. Sie leidet immer noch sehr unter den Folgen des Verlustes unseres Jungen. Während des Krieges hatte ich fast immer Gelegenheit, sie von Berlin fernzuhalten. Sie hat daher die größten Angriffe auf Berlin nicht miterlebt. Anfang 1945 ist sie zurückgekehrt und hat dann noch den Schluss des politischen Dramas in Berlin auch in der übelsten Art miterleben dürfen. Ich selbst habe alles in Berlin durchgekostet und bin auch aus allen Schwierigkeiten gut herausgekommen.

 

Brief vom 7. Juli 1946 an den Landrat des Landkreises von Wittenberg:

Meine plötzliche Abreise von Berlin machte es nicht möglich, Dir noch einmal nähere Nachricht über das zu geben, was mir vorschwebte. Ich konnte auch nicht durch den russischen Sektor fahren, um Dich in Wittenberg zu besuchen, weil die russische Verwaltungspolizei ein besonderes Interesse zeigte für meine Person. Ich musste meine Abreise so etwas überstürzt durchführen. Mit Hilfe hochgestellter französischer Persönlichkeiten war es mir dann möglich, den Alliierten-Zug nach Frankfurt zu benutzen. Hier habe ich etwas ungeregelte Verhältnisse gefunden. Die Bevölkerung durch den Eindruck der Vorgänge stark ermüdet. Die Haltung der Besetzungs-Dienststelle ausgezeichnet; immer unter der Tatsache, dass wir ja noch unter einem Kriegszustand leben. Aber das persönliche Verhalten der französischen Besatzung gegenüber meinen Erlebnissen in Berlin im russischen Sektor verdient größte Anerkennung. Auch bei meinen wiederholten Rücksprachen mit dem Gouverneur und den höheren Delegationen, Kommandant usw. habe ich überall den sicheren Eindruck gewonnen, dass die heutige französische Staatsführung auch in jeder Hinsicht sich bemüht, ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig zu sichern. Die Verpflegung ist hier reichhaltiger, aber in der Menge geringer als wie in Berlin. Ich finde immer weitgehende Hilfe bei Parteigenossen oder anderen lieben Menschen. Wie geht es Dir? Hast Du viele Freunde im Amt und vor allen Dingen die Hilfe unserer jetzt geeinten Partei? Die Haltung von Grotewohl und Fechner sowie Genossen finde ich skandalös. Das Geschreibsel unseres Genossen Steinoff ist mir unverständlich. Ich hätte erwartet, dass man nach den Erfahrungen der letzten Jahre doch wenigstens in unserem Kreise den Mut aufbringt, sich zu bemühen, die Wahrheit nicht umzubiegen, wie es die Nazi-Verbrecher gemacht haben. Grotewohl und Konsorten hätten doch den Mut haben müssen, sich so verantwortlich gegenüber der Arbeiterschaft zu fühlen, dass die Partei aufgelöst wurde. Dieser lächerliche Schmus, der uns in den so genannten Einigungsversammlungen vorgetragen worden ist, erregt in mir nur Brechreiz.

Hier ist das politische Leben noch wenig zur Entwicklung gekommen. Die KPD sehr rührig aber ohne Einfluss. SPD etwas müde. Sie wird, wenn entsprechende Haltung geübt wird, gute Erfolge erwarten dürfen. Die führende Partei ist die CDU. Soweit ich Gelegenheit hatte, mit ihren Führern mich zu unterhalten, habe ich auch hier das größte Vertrauen, dass wir sachlich zusammenarbeiten.

 

Brief vom 11. Juli 1946 an einen Gymnasialdirektor a.D. in Detmold:

Seit Ende Mai (1946) habe ich hier in Koblenz die Tätigkeit aufgenommen. Meine Abreise musste ich etwas beschleunigen, weil die russische Verwaltungspolizei sich interessiert hat für meine Tätigkeit in der Ablehnung der Bildung der SEP (später: SED). Ich habe den Eindruck, dass meine Parteigenossen in der jetzt geeinten Partei sehr unaufrichtig und vor allen Dingen feige gehandelt haben. Sie hätten diesen von irgendeiner Seite auf sie ausgeübten Druck abwehren müssen durch Auflösung der Partei. Die Ausführung, dass sie aus freien Entschlüssen für Bildung der Einheitspartei einzutreten sich verpflichtet fühlten zum Kampf gegen die Reaktion, scheint mir völlig vorbei zu gehen an den wirklichen Beweggründen. Nach Koblenz bin ich deswegen gegangen, weil meine Frau sehr stark hierhin neigte und vor allen Dingen, weil einige der alten Parteigenossen wiederholt die Bitte an mich gerichtet haben. Wenn ich völlig unabhängig gewesen wäre, so hätte ich vorgezogen, zur Durchführung des politischen Kampfes gegen die SED in Berlin zu bleiben. In den letzten Monaten habe ich in Berlin auch wieder bestätigt gefunden, dass ein großer Teil selbst meiner Parteifreunde sich immer auszeichnet durch persönliche Feigheit. Die große Begeisterung für die Bildung der Einheitsparte, wie sie Grotewohl, Fechner, Gniffke, die Herren des Zentralausschusses uns immer wieder vorerzählen, ist entweder Irrtum oder beabsichtigter Schwindel. Hier in Koblenz kommt das politische Leben erst langsam wieder in Schwung. Am regsten ist die KPD. Einige ihrer Führer schütteln den Kopf da ich ganz andere Ansichten vortrage, als wie ihnen aus Berlin übermittelt worden sind. Die Stimmung und Führung der SPD ist gut. Parteitätigkeit noch etwas müde, aber ich hoffe, dass wir uns hier sehr gut bei den kommenden Wahlen halten können. Die CDU stark zerspalten wegen der Auftriebskräfte des alten Zentrums und der etwas fahrigen Verschwommenheit der so genannten Führer föderalistischer Bestrebung. Im Ganzen gesehen wird aber die CDU das Rennen auch hier am Mittelrhein machen. Die Führer der CDU, ein großer Teil alter Bekannter von mir, politisch anständige Menschen, die sich aber etwas eingeengt fühlen durch kulturpolitische Rücksichten. Auch die KPD kämpft sehr anständig. Es ist gar kein Vergleich, wie diese Leute in Mitteldeutschland sich aufgeführt haben, als wir 1920 - 1930 gegen den politischen Irrsinn kämpfen mussten. Meine Tätigkeit ist hier nicht sehr einfach, da sie infolge meiner politischen Stellung und auch infolge der allgemeinen politischen Lage hier weit über den Rahmen des Oberbürgermeisters hinausgeht. Das Verhältnis Besatzung - Zivilbevölkerung ist ausgezeichnet. Die Zivilbevölkerung übersieht ja vielfach, dass wir noch in einem Kriegszustand leben. Die Haltung und die Rücksichtnahme auf die Stimmung der französischen Besatzung ist vorbildlich. Ich bin fest überzeugt, dass die maßgebenden Führer der französischen Regierung die Gesamtdinge für Deutschland und Mitteleuropa nicht viel anders als wir beurteilen. Dieses Geschreibsel von Föderalismus, Unitarismus, Berliner Zentralismus, Dezentralismus wie wir in der rheinischen Presse sehr oft feststellen können ist entweder das Erzeugnis eigensüchtiger Absichten oder Unkenntnis.

 


 

Rede von Oberpräsident Dr. Wilhelm Boden zur Einführung des Oberbürgermeisters Dr. Guske am 4. Juli 1946

Herr Oberst! Herr Stadtkommandant! Meine Damen und Herren von der deutschen Verwaltung!

Es ist mir eine besondere Ehre, mit dieser schlichten Feier im altehrwürdigen Rathaussaale der Stadt Koblenz ein neues Oberhaupt geben zu können (....) Mit Genehmigung des Herrn Gouverneurs Hettier de Boislambert, obersten Delegierten der französischen Militärregierung für Rheinland/Hessen-Nassau habe ich durch Verfügung vom 1. Juli 1946 den firüheren Vizepräsidenten Dr. Wilhelm Guske zum kommissarischen Oberbürgermeister der Stadt Koblenz ernannt. Wenn ich entgegen der früheren Gewohnheit, aber im Einvernehmen mit dem Herrn Regierungspräsidenten von Koblenz, in Gegenwart der Präsidialregierung Ihnen, Herr Oberbürgermeister, diese Verfügung heute persönlich überreiche, so geschieht es einmal, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, welche besondere Bedeutung der Stadt Koblenz heute wieder, ja vielleicht mehr als je als der Hauptstadt von Rheinland/Hessen-Nassau zukommt. Andererseits freue ich mich besonders, in Ihnen, Herr Oberbürgermeister, einen alten Bekannten auf diesen wichtigen Posten erheben zu können, und ich bitte Sie, diese Berufung auch als einen Akt der Wiedergutmachunp zu betrachten für die vielen Verfolgungen und Schmähungen, die auch Sie in den vergangenen 13 Jahren haben ertragen müssen. Sie sind aus Ihrer früheren Tätigkeit mit den Koblenzer Verhältnissen sehr wohl vertraut, und so glaube ich, dass Sie in Ihrem verantwortungsvollen Posten positive Wiederaufbauarbeit leisten können, wollen und werden. Ich habe auch das feste Vertrauen zu Ihnen, dass Sie Ihre vielen und schweren Aufgaben objektiv, d.h. gerecht und über den Parteien stehend, sauber, d.h. selbstlos und unbestechlich, und zielbewusst, d.h. durchdrungen von dem Bestreben, der alten Hauptstadt der Rheinlande auch nach der Neuordnung der politischen Verhältnisse, wie immer sie ausfallen möge, den alten Platz als Mittelpunkt rheinischen Lebens, rheinischer Kultur, rheinischer Wirtschaft, als Knotenpunkt des Verkehrs von Nord nach Süd, von Ost nach West wieder zu geben. In diesem Sinne rufe ich Ihnen zu einem hoffentlich langen und segensreichen Wirken ein herzliches Glückauf!

 


Lesen Sie folgende Dokumente betreffend Dr. Wilhelm Guske:

 

Abschiedsbrief des Nachbarn von Wilhelm Guske, dem Stiftssuperintendenten in Merseburg, Friedrich Wilhelm Bithorn (1859-1928) (Transkription nachfolgend)

Deckblatt die Reform der Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919 und die Reform der inneren Verwaltung in Deutschland unter dem Gesichtspunkt der Demokratie.

Guske wird am 18. Mai 1933 unter der Auflage, sich jeden 2. Tag polizeilich zu melden, aus der Untersuchungshaft entlassen

In Ausführung der ihm erteilten Auflage meldet sich Guske jeden 2.Tag auf dem zuständigen Polizeirevier in Berlin

Dr. Wilhelm Guskes Personalfragebogen zur Entnazifizierung

 


Hier eine Bildersammlung zu Dr. Wilhelm Guske:

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Seitenanfang