Elisabeth Müller

„In Köln waren ja Hungerrevolten, es gab Erschießungen und Verhaftungen.“



Elisabeth ist am 15. März 1875 in Winningen/Mosel als ältestes von sieben Kindern des dortigen evangelischen Pfarrers Adolph Müller und seiner Ehefrau Caroline geboren. Ostern 1893 schließt sie ihre Ausbildung an der Evangelischen Höheren Mädchenschule in Koblenz mit dem Lehrerinnenexamen für Höhere Schulen ab und ist Volksschullehrerin in Winningen. Bald zieht sie zu ihrer reichen verwitweten Patentante. Beide leben in Köln. Mit dem Tod der Tante 1909 fällt ihr eine große Erbschaft zu. Elisabeth begibt sich auf eine Weltreise. Als das Geld zur Neige ist, wird sie Lehrerin an der Oberrealschule in Gießen. Elisabeth ist eine begeisterte Bergsteigerin. Bei einer Bergtour mit ihrem Bruder am Groß Venediger im Jahr 1920 stürzt sie ab. Die Genesung gestaltet sich langwierig. Anfang der 30er Jahre kehrt sie nach Winningen zurück. Dort ist sie im evangelischen Frauen- und Jungfrauenverein aktiv.


10. April 1938
Bei der „Volksabstimmung“ und „Wahl“ des Großdeutschen Reichstages (mit über 99 % Ja-Stimmen) stimmt sie mit „Nein“. Daraufhin schreit eines Nachts ein SA-Mann vor ihrem Haus: „Hier wohnt das Nein-Schwein!“ - Das Kesseltreiben gegen sie beginnt. Man verbietet ihr, Nachhilfestunden zu erteilen und sammelt - durch die gegen sie verhängte Postkontrolle - eifrig „Beweismaterial“.


Sommer/Herbst 1941 Ihr reger Briefwechsel mit Gleichgesinnten wird ihr zum Verhängnis.

Am 20. Juli 1941 schreibt sie u.a.:
In Köln waren ja Hungerrevolten. Es gab Erschießungen und Verhaftungen.

24. Oktober 1941 Als die Gestapo diese und weitere Zeilen liest, kommt Elisabeth in Koblenz in „Schutzhaft“. Ein Verfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat vor dem Volksgerichtshof wird erwogen; sie wird aber „nur“ wegen eines Verbrechens gegen das „Heimtückegesetz“ vor dem Sondergericht Koblenz angeklagt.

26. Mai 1942 Das Urteil lautet auf acht Monate Gefängnis, die Untersuchungshaft wird angerechnet. Die Strafe ist vergleichsweise „milde“. Das Sondergericht hält ihr den schweren Bergunfall und dessen Folgen zu Gute.

Kaum verbüßt Elisabeth die Reststrafe von einem Monat, fordert die Gestapo Koblenz die Akten des Strafverfahrens an.

25. Juni 1942 Der Gestapo ist die Strafe zu milde. Sie veranlasst, dass Elisabeth nach der Strafverbüßung nicht frei kommt, sondern ihr überstellt wird.

8. September 1942 Die 67jährige wird ins Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt. Sie erhält die Häftlingsnummer 13581 und den „roten Winkel“ einer „politischen“ Gefangenen.

1. Mai 1943 Während Elisabeth im KZ ist, wird am Maibaum in Winningen eine Strohpuppe, die sie darstellt, aufgehängt. Sie trägt das Schild „So stirbt ein Volksverräter“ und wird dann verbrannt.

6. Februar 1944 Nach einer „Jagd“ im gesamten Lager nach „Arbeitsuntauglichen“ wird Elisabeth mit fast 1.000 Häftlingen ins KZ Lublin verschleppt.

Mai 1944 Mit den Überlebenden wird sie weiter ins KZ Auschwitz deportiert.

17. September 1944 Elisabeth schreibt ihrer Familie zum letzten Mal aus dem KZ.

27. Januar 1945 Befreiung des KZ Auschwitz durch russische Truppen.

25. März 1945 Bald danach stirbt Elisabeth im Alter von 70 Jahren an den Folgen der Haft.