Gertrud Roos, geb. Eudenbach

„So ein Schicksal schleppt man mit sich herum.

Das nimmt man mit – bis ins Grab.“



Gertrud Roos ist Jahrgang 1925. Sie entstammt einem sozialdemokratisch orientierten Elternhaus aus Bendorf/Rhein. Während des Zweiten Weltkrieges ist sie noch sehr jung, nimmt ihre Umgebung und das Weltgeschehen aber bewusst und kritisch wahr.

Dazu gehört, dass sie ausländische Radiosender abhört. Das ist verboten, Zuwiderhandlungen können zu einer Gefängnis- und sogar zur Todesstrafe führen.

21. September 1944
Eine Nachbarin schnappt eine Äußerung von Gertrud auf und denunziert sie bei der Gestapo. Sofort wird sie festgenommen und ins Gefängnis von Bendorf gebracht.

Gertrud streitet ab, selbst Radio gehört zu haben, sie behauptet, diese Nachrichten von anderen gehört und dann weiter erzählt zu haben.

23. Oktober 1944
Nach einem Monat bringt die Gestapo sie weiter nach Koblenz. Dort kommt sie in das von der Gestapo überwachte Arbeitslager „Vereinigte Weingutsbesitzer“. Zusammen mit anderen Frauen muss sie schwere Kellerarbeiten verrichten.


9. November 1944
Von Koblenz aus kommt Gertrud „auf Transport“ ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Dort trifft sie Ende

November 1944
ein, erhält die Häftlingsnummer 93.393 und den „roten Winkel“ für politische Häftlinge.

Sie muss Zwangsarbeit in dem nahe gelegenen Rüstungsbetrieb „Faserstoff“ leisten. Die 19jährige arbeitet 12 und mehr Stunden an der Bohrmaschine zur Herstellung von Granaten.

27./28. April 1945
Vor den heranrückenden sowjetischen Truppen wird das Lager evakuiert. Zurück bleiben nur ca. 3.000 Alte, Kranke und Schwache. Gertrud ist eine von ihnen.


Anfang Mai 1945
Bei der Befreiung des Lagers durch die Russen entsteht ein großes Durcheinander. Häftlinge und SS-Leute, alle versuchen zu fliehen. Russen vergewaltigen Frauen. Als Gertrud versucht zu fliehen, schießt ihr ein Soldat ins Bein. Schwer verletzt bringen sie zwei Offiziere in ein kleines Dorf bei Ravensbrück. Eine evangelische Pfarrersfrau versteckt sie; ein russischer Arzt versorgt ihre Wunden.


Sommer 1945
Nach Wochen der Heilung und Stärkung schlägt sich Gertrud nach Westen durch.

Als sie im September 1945 in Bendorf ankommt, will keiner etwas von ihrem Schicksal wissen. Sie heiratet Johann Roos, einen Kommunisten und Spanienkämpfer, der erst kurz zuvor nach jahrelanger Haft aus dem KZ Dachau freigekommen ist.
Eine Wiedergutmachung hat Gertrud nicht erhalten mit der Begründung, ihre Verfolgung sei nicht „politisch“ gewesen. Seitdem ihr Mann vor einigen Jahren gestorben ist, lebt Gertrud erst recht zurückgezogen in Bendorf. An den ihr im KZ zugefügten inneren und äußeren Verletzungen leidet sie heute noch. Sie ist stark gehbehindert und lebt unter dem Trauma der Haftzeit. Sie sagt:
So ein Schicksal schleppt man mit sich herum. Das nimmt man mit – bis ins Grab.
 
 

 

 

 

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