Familie Michaelis

„Staatsfeinde und Volksverräter als Zeugen Jehovas“

(Koblenzer Nationalblatt, März 1937)

 
Fritz Michaelis wird 1900 in Breslau/Oberschlesien geboren, seine Frau Liesbeth, geb. Heinrichs, 1912 in Berlin. Beide schließen sich den Ernsten Bibelforschern (wie die Zeugen Jehovas zu dieser Zeit noch heißen) an und sind Ende der 20er Jahre eifrige Verkünder in Neuwied und Umgebung. Den Beruf als Metzger gibt Fritz auf und ist jetzt hauptamtlicher „Pionier“.

12. Oktober 1933
Fritz und Liesbeth Michaelis heiraten in Neuwied.

1934 Nachdem die Zeugen Jehovas als „staats- und volksfeindlich“ 1933 verboten worden waren, kommt es bei den Michaelis erstmals zu Hausdurchsuchungen. Man findet religiöses Material. Das daraufhin gegen Fritz eingeleitete Ermittlungsverfahren wird dann aber aufgrund allgemeiner Amnestie eingestellt.

13. Februar 1935
Geburt des Töchterchens Lydia.

31. August 1936
Verhaftung von Fritz und Liesbeth Michaelis sowie anderer Zeugen Jehovas aus Neuwied und Umgebung durch die Koblenzer Gestapo. Es folgen „Schutzhaft“ und anschließend Untersuchungshaft in Koblenz.

März 1937 Am 2. März ergeht die Anklageschrift und schon am 20. März das Urteil des in Koblenz tagenden Sondergerichts Köln. Wegen Verstoßes gegen das Betätigungsverbot für die Zeugen Jehovas erhält Fritz eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und vier Monaten und Liesbeth eine solche von sechs Monaten. Das Koblenzer Nationalblatt berichtet über das Verfahren mit der Schlagzeile:
Staatsfeinde und Volksverräter als Zeugen Jehovas – Das Kölner Sondergericht verhandelte gegen 21 „Ernste Bibelforscher“ – Gefängnisstrafen für 19 Angeklagte – Erschütternde Auswüchse menschlicher Verirrungen.
Liesbeth ist bei Anrechnung der „Schutz“- und Untersuchungshaft frei, Fritz verbüßt die Reststrafe im Gefängnis in Wittlich.

Januar 1938
Nach der Strafverbüßung kommt Fritz als Zeuge Jehovas nicht frei, sondern wird der Gestapo übergeben und ins KZ Dachau bei München überstellt.

18. April 1939 Fritz Michaelis stirbt angeblich an Ruhr im KZ Dachau.

Liesbeth zieht mit ihrer Tochter Lydia in ihre Geburtsstadt Berlin.

März 1941
Sie heiratet Alfred Seling, auch ein Zeuge Jehovas, der zu dieser Zeit ebenfalls schon ein hartes Verfolgungsschicksal hinter sich hat. Liesbeth schließt sich einer Gruppe von ca. 75 Zeugen Jehovas an und versorgt Häftlinge in Außenkommandos der KZ Sachsenhausen und Ravensbrück mit religiöser Literatur. Auch hilft sie mit, drei Glaubensbrüder, die fahnen- bzw. wehrdienstflüchtig sind, zu verstecken. Einer von ihnen ist Horst Schmidt, der als einziger dieser drei Kriegsdienstgegner trotz Todesurteil überlebt.

28. Dezember 1942
Mit vielen anderen (u.a. Emmy Zehden) wird auch Liesbeth verhaftet. Sie kommt wieder in „Schutz“- und später in Untersuchungshaft.

21. Dezember 1944 Das Kammergericht in Berlin verurteilt Liesbeth wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust.

20. April 1945 Liesbeth wird im Frauenstrafgefängnis Leipzig befreit.

Die Familie findet einige Zeit später in Ostberlin wieder zusammen.
Nach einigen Jahren fliehen alle drei vor der drohenden Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR und kehren nach Neuwied zurück. Am 27. Januar 1990 Tod von Liesbeth Michaelis/Seling. Die Tochter Lydia lebt heute bei Prüm/Eifel.