Hannelore Hermann

„Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen!
Eine kurze Spanne Zeit ist uns zugemessen.“

 
Am 12. Juni 1928 kommt Hannelore in Koblenz zur Welt. Ihre Eltern Leo und Johanna Hermann sind Juden. Hannelore hat zwei ältere Brüder: Hans (geb. 1917) und Kurt (geb. 1918). Ihr Vater ist Vertreter, ihre Mutter betreibt ein Geschäft. Eine junge Frau versorgt liebevoll den Haushalt und auch Hannelore selbst. Hannelore besucht den Kindergarten in der Hilde-Schule.

1. April 1933
Beim Boykott jüdischer Geschäfte ist auch der Laden der Mutter betroffen, wenig später kehren die Kunden – und sei es durch die Hintertür - aber wieder zurück.


Ostern 1935 Hannelore besucht die Evangelische Hohenzollernschule (heute: Comenius-Hauptschule).

15. September 1935 Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, ein „Nürnberger Rassengesetz“, verbietet Juden, Hausangestellte unter 45 Jahren zu beschäftigen.

Dezember 1935 Deswegen muss die Hausangestellte die Familie verlassen; Hannelore verliert ihre „zweite Mutter“. Zur gleichen Zeit wandert ihr Bruder Kurt nach Palästina aus.

1936 Die Hermanns tragen sich auch mit dem Gedanken auszuwandern. Sie lernen Hebräisch. Hannelore schreibt an ihren Bruder Kurt:
Ich kann auch schon das jüdische ABC... Bald bekomme ich ja auch Religion.

November 1937 Hannelore wechselt von der Hohenzollern- in die Schenkendorf-Schule. Sie hat noch nette Mitschülerinnen. Einer schreibt sie ins Poesiealbum:
Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen! Eine kurze Spanne Zeit ist uns zugemessen.

Anfang 1938 Vater Leo wird wiederholt von der Gestapo zur Vernehmung einbestellt und im Gestapogebäude „Im Vogelsang“ tagelang verhört. Mutter Johanna und Bruder Hans fahren zu Kurt nach Palästina und sondieren die Übersiedlung der Familie.

Sommer 1938 Die wirtschaftliche Lage spitzt sich für die Familie zu. Vater Leo kann seine Berufstätigkeit nicht mehr ausüben. Die finanziellen Reserven schwinden. Die Auswanderung nach Palästina ist aber kein Thema mehr. Der Vater schreibt an Kurt:
Ein Glück, dass ich betr. Hannelore nicht Deinen Ratschlägen gefolgt bin, sonst wäre das Kind heute auch in Erez (= Palästina), und wir würden vor Reue und Kummer vergehen.
Die Eltern wollen jetzt in die USA auswandern und lernen Englisch.

November 1938
Im Zuge der „Reichspogromnacht“ wird die Wohnung der Familie in der Hohenzollernstraße 82 von SA- und Gestapoleuten verwüstet. Der Vater wird tagelang im Gestapogefängnis festgehalten. Hannelore wird von der Schenkendorfschule verwiesen.

Die Familie ist verzweifelt und möchte am liebsten sofort auswandern – eventuell auf einmal sogar wieder nach Palästina.

Anfang 1939 Bruder Hans wandert nach England aus. Die Hermanns bereiten ihre Ausreise vor. Hannelore soll so schnell wie möglich und auf jeden Fall nach England ausreisen.
Die ganze Familie versucht hektisch noch ein Ausreisevisum zu erhalten – erfolglos.

1940 Das Leben der Juden wird immer schwerer und reglementierter. Die Hermanns müssen in ein „Judenhaus“ umziehen. Hannelore darf aber wieder zur Schule gehen. Allerdings ist es eine nur für jüdische Schüler. Vater Leo schreibt an Kurt in Palästina:
Unsere Absicht, zu Euch zu kommen, lässt sich leider nicht verwirklichen. Ich ... habe die traurige Mitteilung erhalten, dass wir Hannelore nicht nach dorthin mitnehmen könnten, weil Kinder unter 15 Jahren von der Reise ausgeschlossen sind. Man hätte mir das auch schon früher berichten können, aber was soll ich tun?

22. März 1942 Hannelore und ihre Eltern werden mit 335 anderen jüdischen Mitbürgern aus Koblenz und Umgebung vom Güterbahnhof Koblenz-Lützel in Viehwaggons nach Izbiza/Polen deportiert – und mit hoher Wahrscheinlichkeit im Vernichtungslager Sobibor vergast und verbrannt