Jakob van Hoddis (Hans Davidsohn)

„Mit van Hoddis befinden wir uns an der Spitze der deutschen Poesie, seine Stimme erreicht uns vom höchsten und dünnsten Zweig des vom Blitz getroffenen Baums.“
(André Breton)

Am 16. Mai 1887 kommt Hans Davidsohn, der sich später Jakob van Hoddis nennt, als erstes Kind des jüdischen Arztes und Sanitätsrats Hermann Davidsohn (gestorben 1911) und seiner Frau Doris (geb. Kempner) in Berlin zur Welt. Ein Zwillingsbruder wird tot geboren. Als 15Jähriger schenkt er seiner Mutter ein Heft mit Gedichten. 1906 macht er Abitur. Er studiert Architektur, später klassische Philologie, wird aber „wegen Unfleißes gelöscht“. Er beginnt zu veröffentlichen, sein Gedicht „Weltende“ erscheint 1911. Er wird Mitbegründer des literarischen Expressionismus. Sein eigenes Lebensschicksal fasst er in eine einzige visionäre Zeile: All meine Pfade rangen mit der Nacht. Ab 1912 hat van Hoddis schwere seelische Krisen und wird zwangsweise in einer Heilanstalt interniert. Wochen später gelingt ihm die Flucht, Aufenthalte in Paris und München folgen. Er schreibt einem Freund, sein Judentum breche wieder durch. Van Hoddis kehrt nach Berlin zurück und verbittet sich weitere medicinische Belästigungen. 1914 fällt er in „geistige Umnachtung“, kommt in eine Privatklinik und dann in Privatpflege bei der Familie eines Volksschulrektors. Am 1. August 1915 schreibt er dessen Tochter das letzte überlieferte Gedicht in ihr Poesiealbum. Weitere Gedichte werden veröffentlicht, u.a. die Gedichtsammlung „Weltende“. 1922 bringt ihn seine Familie in eine andere Privatpflege. 1926 wird er auf Antrag seiner Mutter entmündigt und in eine Nervenklinik eingewiesen.

1. April 1933 Hans Davidsohns Schwestern Marie und Anna fliehen wegen des Boykotts jüdischer Geschäfte und Freiberufler mit ihren Familien aus Deutschland nach Palästina.

Anfang August 1933
Seine Mutter besucht ihn letztmals in Göppingen. Sie kündigt ihm an, emigrieren zu wollen. Eine Einreise des psychisch Kranken nach Palästina ist nicht möglich.

29. September 1933 Hans Davidsohn wird in die „Israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke“ in Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt.
Zur gleichen Zeit flieht seine Mutter aus Deutschland und emigriert auch nach Palästina.

2. Januar 1934
Seine Mutter stirbt in Tel Aviv/Palästina.

1937 Seine Schwester Marie Mayer stirbt in Haifa/Palästina.

1939 Hans Davidsohns Vormund, sein Onkel Hermann Kempner, flieht nach London. Neuer Vormund wird Siegfried Gutmann.

1. Dezember 1941 Der Vormund Gutmann wird nach Riga deportiert und dort ermordet.

30. April 1942 Hans Davidsohn wird zusammen mit 104 Juden – davon 98 zuletzt in Bendorf- Sayn gemeldeten - über den Güterbahnhof Koblenz-Lützel nach Izbica (Distrikt Lublin im „Generalgouvernement“) deportiert. Zwischen Anfang Mai und dem 6. Juni 1942 wird er, wie auch die anderen Verschleppten, wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor vergast.



Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut
In allen Lüften hallt es wie Geschrei
Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei
Und an den Küsten liest man steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.