Adolf (Addie) Bernd

„Ich wog nur noch 96 Pfund und war sehr schwach.

Nach einer Woche fuhr ich mit dem Fahrrad nach Koblenz

und suchte meine Familie – vergeblich.“

 

Am 10. August 1921 wird Addie Bernd als Sohn der jüdischen Eheleute Sally und Paula Bernd (geb. Wolff) in Koblenz geboren. Sein Vater stammt aus einer alteingesessenen Koblenzer Familie. Die Familie seiner Mutter lebte in Bad Münstereifel. Sowohl Addie Bernds Vater als auch sein Onkel Alfred waren im I. Weltkrieg Soldat. Vater und Onkel betreiben – inzwischen in der dritten Generation – ein Schuhgeschäft in der Balduinstraße/Ecke Goergenstraße, „Das Schuhhaus Gebrüder Bernd“. Die Bernds wohnen zunächst in der Rizzastraße, später in der Roonstraße. Addie geht in die Dr. Arle’sche Höhere Privat-Lehranstalt in der Casinostraße. Sie gilt im Gegensatz zu den anderen Koblenzer Gymnasien als eher weniger antisemitisch. Addie ist ein unternehmungslustiger Junge.

1933
Bald nach der „Machtergreifung“ der Nazis ziehen sich die christlichen Spielkameraden von Addie und seinen jüdischen Freunden zurück.

1937
Addie macht sein „Einjähriges“ (Sekundarabschluss I). Das Klima auf der Schule wird immer frostiger. Er verlässt das Gymnasium und beginnt eine Lehre als Drucker bei der Firma Mayer. Das ist eine Kuvertenfabrik mit 500 Beschäftigten in Koblenz-Lützel, ihre Eigentümer sind Juden. Obwohl er dort der einzige jüdische Lehrling ist , fühlt er sich dort sicher.

März 1938 Er ruft die Ortsgruppe Koblenz der Zionistischen Jugendvereinigung („Jüdischer Jugendbund Habonim noar Chaluzi“) mit 26 Mitgliedern wieder ins Leben. Die Gruppe wird von der Gestapo beobachtet, Addie wird zum Verhör vorgeladen.
Die Firma Mayer wird „arisiert“, d.h. die jüdischen Eigentümer werden gedrängt bzw. gezwungen, den Betrieb an Nicht-Juden günstig abzugeben. Damit ist Addies Ausbildung zu Ende.

10. November 1938
In der so genannten Reichskristallnacht verwüsten Gruppen der SA und SS auch in Koblenz jüdische Geschäfte und Wohnungen, die Synagoge, die Leichenhalle und den jüdischen Friedhof.
Zudem werden jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. Die Wohnung der Bernds wird ebenfalls demoliert, Addies Vater und sein Onkel Alfred kommen ins KZ Dachau. Nach vier Monaten lässt man sie wieder frei.

1939 Addie wird in Köln als Elektroschweißer ausgebildet und in einem Schweißwerk in Köln-Ehrenfeld dienstverpflichtet.

22. März 1942 Die ganze übrige Familie Bernd wird bei der 1. Deportation von Koblenz aus nach Izbica bei Lublin im „Generalgouvernement“ verschleppt. Das sind: Addies Vater Sally, seine Mutter Paula, sein Onkel Alfred, seine Tante Else und die Zwillinge Johanna und Bernhard. Als letztes Lebenszeichen erhält er von ihnen eine Postkarte.

1942 Addie wird von der Gestapo in Köln verhaftet und im Gefängnis „Klingelpütz“ in „Schutzhaft“ genommen. Sechs Monate bleibt er in Einzelhaft. Zusammen mit anderen Gefangenen wird er von Köln nach Auschwitz deportiert.

Dezember 1944 Vor der nahenden Roten Armee wird er mit anderen ins KZ Dachau verschleppt.

April 1945 Als die US-Armee auf Dachau zumarschiert, bringt man ihn in Richtung Österreich.

1. Mai 1945
Auf freier Strecke hält der Zug mit den Häftlingen und sie werden von US-Truppen befreit.
Addie wiegt noch 96 Pfund und ist sehr schwach. Nach einer Woche fährt er mit dem Fahrrad nach Koblenz und sucht seine Familie. Er ist der einzige Koblenzer Jude, der Auschwitz überlebt hat und zurückkehrt.

Weil er die Entnazifizierung für eine Farce hält, wandert Addie Bernd 1950 in die USA aus.

Addie Bernd stirbt im Jahre 2001 in New York