Familie Karl Reinhardt

Trotz eines schweren Schicksals wollen sie Frohsinn und Stimmung verbreiten


Karl Reinhardt ist Sinto („Zigeuner“). Er wird am 23. Oktober 1900 in Lenders/Thüringen geboren. Zu Hause sind sie mehrere Geschwister: die Brüder Deus, Herz, Launi und dessen Zwillingsschwester Launza. Die älteren Brüder sind Soldaten im
I. Weltkrieg, Deus wird schwer verwundet. Bald nach dem Krieg heiratet Karl die drei Jahre jüngere Ottilie, die in Biebernheim bei St. Goar geboren ist. Sie stammt aus der ebenfalls weit verzweigten Sinti-Familie Steinbach.
Karl ist ein sehr begabter Musiker, er spielt Akkordeon, Geige, „singende Säge“, Mundharmonika und singt. Er ist auch Korbflechter. Seine Frau handelt mit Kurzwaren. Von 1920 bis 1941 gehen aus dieser Ehe zehn Kinder hervor. Die meisten der sieben Jungen werden später Musiker. Die Familie wird Ende 1932 in Koblenz sesshaft und lässt sich im Kernwerk der Feste Franz nieder. Dort wohnen noch andere Sinti-Familien.

August 1938 Die Familie Reinhardt wird mit anderen in Koblenz lebenden Sinti und Schaustellern (insgesamt etwa 120 Personen) von Koblenz nach Mitteldeutschland weggeschafft.
Zehn Tage später wird die Aktion von Berlin aus „abgeblasen“. Die Weggeschafften kehren nach Koblenz zurück. Die Stadt quartiert sie in ein Obdachlosenasyl ein. Später kommen sie in das ehemalige Militärarresthaus in der Fischelstraße 32b.
Die Reinhards zieht wieder in die Feste Franz in Lützel und wird dort „festgesetzt“. Sie werden „rassenbiologisch“ untersucht und als „Zigeunermischlinge“ qualifiziert.

28. August 1939 Im Zuge des bald beginnenden II. Weltkrieg wird Karl Reinhardt eingezogen und zur Brückenwachkompanie in Koblenz beordert. Er ist Gefreiter. Bald gehört er zum Stromsicherungstrupp und ist Unteroffizier. Man schätzt auch seine musikalischen Fähigkeiten. Er macht mit seinem Schwager Rejo Musik und das Militär produziert mit beiden eine Schallplatte.

3. November 1941 Karl Reinhardt wird – weil er Sinto ist - aus dem Soldatenverhältnis entlassen. Fast zur gleichen Zeit werden auch seine beiden ältesten Söhne Bernhard („Lullo“, geb. 1920) und Karl („Nusso“, geb. 1921) aus der deutschen Wehrmacht entlassen. Zuvor war Lullo als Panzerjäger im Afrika-Corps des Generalfeldmarschalls Rommel im Einsatz.

Dezember 1942 Der älteste Sohn Lullo wird ins KZ Dachau verschleppt.

10. März 1943 Karl Reinhardt, seine Frau und neun Kinder werden in Koblenz gesammelt und von hier aus ins „Zigeunerlager“ des KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt. 138 andere Sinti erleiden bei dieser 1. Deportation von Koblenz aus das gleiche Schicksal wie sie.
Der zweitjüngste Sohn kommt bald dort um, u.a. der Bruder Deus, dessen Frau und acht ihrer Kinder werden vergast. Insgesamt werden 80 nähere Verwandte umgebracht.

1944 Die Familie wird in Auschwitz-Birkenau selektiert. Der Vater, der zweitälteste Sohn Karl und zwei weitere Söhne sind „arbeitsfähig“. Sie kommen ins Männerlager des KZ Ravensbrück; seine Frau verschleppt man mit den anderen Kindern ins Frauen-KZ Ravensbrück.

Als „letztes Aufgebot“ werden Vater Karl und Sohn Karl aus dem KZ zur SS-Division „Oskar Dirlewanger“ eingezogen - unter dem Versprechen, die anderen Familienmitglieder aus dem KZ zu entlassen. Anstatt sie freizulassen, verschleppt man die beiden älteren Söhne ins KZ Sachsenhausen; die Mutter und die jüngeren Kinder gehen „auf Transport“ ins KZ Mauthausen und dann ins KZ Bergen-Belsen.

1945 Reinhardt erleidet in den Kämpfen um Berlin einen Bauchschuss, der langsam verheilt.Einige Monate nach Kriegsende kehrt er – gestützt auf seinen Sohn Karl – nach Koblenz zurück. Dorthin sind inzwischen auch die Überlebenden der Familie zurückgekehrt. Karl Reinhardt arbeitet zunächst im Zirkus seines Schwagers Karl Laroche. Er macht sich aber bald selbständig mit einem eigenen Zirkus “Reinhardts Reise-Varieté“. Die ganze Familie arbeitet mit und verspricht „Frohsinn und Stimmung“.
Karl Reinhardt stirbt 1953/54. Seine Söhne geben den Zirkus auf und machen Musik.

 
 
 
 
 

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