Karl Heinz Spiegel

„Lebt ohne besondere Anteilnahme an dem Weltgeschehen in den Tag hinein.“

(aus dem Krankenbericht 1942)

Geboren wird Karl Heinz Spiegel am 23. August 1902 in Koblenz in der Pfuhlgasse 6. Seine Angehörigen ziehen dann bald nach Bad Ems. Dort besucht er die Volksschule. Im Alter von acht oder neun Jahren hat er seinen ersten epileptischen Anfall. Nach dem Schulbesuch erlernt er den Beruf eines Polsterers und Tapezierers. Er leidet an Rachitis („Knochenerweichung“), die zu einem verkrümmten Rücken und Beckenschiefstand führt und die Ursache für seinen Kleinwuchs mit einer Körpergröße von 138 cm ist. Gleichwohl ist er Jahr über erwerbstätig. Im Sommer arbeitet er in seinem erlernten Beruf, im Winter ist er mit Erdarbeiten beschäftigt.


14. Juli 1933 Als eines der ersten Gesetze erlassen die Nazis das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Es erlaubt die Zwangssterilisation von Menschen mit bestimmten Behinderungen. Hierüber entscheiden sogenannte Erbgesundheitsgerichte.

1934 Das Erbgesundheitsgericht beschließt, dass Karl Heinz zwangsweise zu sterilisieren sei.

11. Dezember 1934 Karl Heinz wird im Diakonissenheim Bad Ems unfruchtbar gemacht.

1936 Er ist weiterhin erwerbstätig, wird dann aber wegen der epileptischen Anfälle arbeitslos.

Mai 1937 Karl Heinz erleidet einen schweren epileptischen Anfall und wird daraufhin am 14. Mai 1937 in die Landesheilanstalt Hadamar bei Limburg eingewiesen.
Sein Bruder setzt sich sehr für ihn ein und erreicht, dass Karl Heinz zehn Tage später wieder aus der Anstalt Hadamar entlassen wird.
Karl Heinz lebt dann offenbar bei seinem Bruder.

Oktober 1939 Mit einem auf den 1. September 1939 (Beginn des Zweiten Weltkrieges) rückdatierten Ermächtigungsschreiben Hitlers wird die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ eingeleitet. Unter Tarnnamen organisiert die „Kanzlei des Führers“ die Ermordung von ca. 70.000 Geisteskranken und körperlich Missgebildeten im Rahmen der „Aktion T 4“. Die Tötungen erfolgen mit Kohlenmonoxyd in sechs Anstalten im Deutschen Reich, u.a. auch in der Anstalt Hadamar.

24. August 1941 Trotz aller Geheimhaltung bleiben die Morde nicht verborgen. Auf Proteste vor allem
katholischer Bischöfe hin wird die „Aktion T 4“ eingestellt.

1942 Die Morde gehen in den Anstalten aber dezentral mit Medikamenten („Luminal“ u.a.) oder durch „Hungerkost“ weiter.

26. November 1942 Karl Heinz erleidet einen neuerlichen schweren epileptischen Anfall und wird wieder in die Anstalt Hadamar eingeliefert.

5. Dezember 1942 Er wird untersucht und daraufhin ein Krankenbericht erstellt. Darin heißt es, dass bei ihm ab und zu epileptische Anfälle aufträten. Außerdem wird er zu den aktuellen tagespolitischen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges befragt. Er kennt sich ein bisschen aus, weiß aber nichts Näheres. Daraufhin stellt man fest: Lebt ohne besondere Anteilnahme an dem Weltgeschehen in den Tag hinein. Die Diagnose lautet auf angeborene Epilepsie mit Seelenstörung.

16. Dezember 1942
Drei Wochen nach der Einlieferung in die Anstalt Hadamar stirbt Karl Heinz Spiegel. Der letzte Eintrag in seinem Krankenblatt lautet: „In den letzten Tagen Verstimmungen… Fügte sich nicht in die Hausordnung… von Anfällen. Heute exitus im Stat. Epil.“

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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