Helga Treidel/Helen Carey

 

„Bei meinem letzten Besuch in Koblenz habe ich das Grab meines Großvaters besucht;

Schüler hatten es wieder hergerichtet.“

(Helen Carey 2005)

 

Helga ist das jüngste Kind der jüdischen Eheleute Dr. Isidor und Erna Treidel, geb. Hecht. Der Vater ist Rechtsanwalt, im I. Weltkrieg „Frontkämpfer“ und wird mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Ihre Eltern sind Mitglieder des jüdischen Kulturbundes. Ihre Wohnung in der Mainzer Straße 10a ist ein Treffpunkt von Gästen, die Theater und Dichtung lieben. Die Treidels haben drei Kinder: die 1915 geborene Tochter Lore, den 1918 geborenen Sohn Fritz und die 1923 geborene Tochter Helga. Die drei gehen in Koblenz zur Schule: Fritz in das Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium (heute: Eichendorff-Gymnasium) Lore und Helga in die Hildaschule (heute: Hilda-Gymnasium). 1932 verlässt Lore die Schule mit der mittleren Reife.

 

April 1933 Vater Treidel bleibt als „Frontkämpfer“ davon verschont, seine Zulassung als jüdischer Rechtsanwalt zu verlieren. Fritz ist wie seine Eltern im Kulturbund.

 

1934 Lore ist inzwischen „Korrespondentin“. Sie sieht keine Perspektive mehr in Deutschland und wandert nach Frankreich aus. Die Gestapo vermutet sie in Palästina.

 

September 1935 Im Zuge der „Nürnberger Rassengesetze“, mit denen die Juden auch formal Staatsbürger zweiter Klasse werden, steht Dr. Treidel auf der „Judenliste von Koblenz“. Die Nazis rufen zum Boykott seiner Kanzlei auf. Treidel kämpft mit den Mitteln des Rechts gegen die zunehmende Entrechtung der Juden.

 

Ostern 1937 Fritz macht als letzter Schüler an seiner Schule Abitur. Unmittelbar danach verlässt er Deutschland. Er geht nach Genf/Schweiz und studiert an der dortigen Universität Chemie.

 

Ostern 1938 Als Helga die Hildaschule verlässt, ist sie die letzte jüdische Schülerin dort.

 

9. November 1938 In der „Reichspogromnacht“ überfallen Männer von SA, NSDAP und Gestapo die Wohnung der Treidels, verwüsten sie und misshandeln den Vater.

 

30. November 1938 Dr. Treidel wird die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft entzogen. Er ist jetzt nur noch als „Konsulent“ zur rechtlichen Beratung und Vertretung von Juden zugelassen.

 

21. Juni 1939 Helga flieht mit einem Kindertransport nach London und besucht ein Secretarial-College.

 

27. Juli 1942 Die Großmutter der Kinder, Lina Hecht, wird mit 77 Jahren bei der 4. Deportation von Juden aus Koblenz in das KZ Theresienstadt verschleppt. Ihr Schwiegersohn Isidor Treidel ist „auf jüdischer Seite“ für den Transport verantwortlich.

 

16. Juni 1943 Isidor und Erna Treidel werden von Koblenz aus in das KZ Theresienstadt gebracht.

 

15. Oktober 1944 Unter der Bezeichnung „Arbeiter“ und „Haushalt“ werden die Eltern vom Konzentrationslager Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und kurz darauf in den Gaskammern ermordet.


Lore wandert von Frankreich weiter nach Kalifornien/USA. Sie stirbt dort im Jahr 1976.

Fritz, inzwischen nennt er sich Fred, übersiedelt nach Frankreich. 2005 lebt er in Paris.

Helga nennt sich jetzt Helen, zieht nach dem Krieg nach New York/USA und heiratet dort. Sie studiert Psychologie. Im Jahr 1959 zieht sie mit ihrem Mann nach Nordirland. Helen Carey ist noch bis in die 2000er Jahre Gast beim „Heimatbesuch“ in Koblenz.