Margot und Rudolf Kahn

 

„Wir alle lebten ständig in Angst.“

 

 

Margot und Rudolf (Rudi) sind die Kinder von Wilhelm und Jenny Kahn, geb. Salomon. Die jüdischen Eltern stammen aus der Osteifel, der Vater aus Kottenheim, die Mutter aus Kruft. Wilhelm Kahn, im Ersten Weltkrieg als Unteroffizier schwer verwundet, betreibt in Koblenz ein Großhandelsgeschäft für Mehl. Margot, Jahrgang 1920, und Rudi, geboren 1922, gehen in Koblenz zur Schule

 

1. April 1933 Im Zuge des sogenannten „Judenboykotts“ verliert der Vater immer mehr Kunden. Die „arischen“ Bäcker haben Angst, mit Juden die Geschäftsbeziehungen aufrecht zu erhalten.

 

1934/35 Vater Wilhelm muss das Geschäft aufgeben.

 

1937 Mutter Jenny erhält eine Konzession für einen Gastbetrieb, sie wird aber zurückgenommen.

Margot ist eine gute Schülerin. Ihre Leistungen an der Ursulinenschule in Koblenz lassen infolge der Diskriminierungen und Schikanen, die sie, ihre Eltern und viele andere Juden erleben müssen, nach. Sie gibt aber nicht auf, ist in der Oberprima (13. Klasse) und will ihr Abitur machen. Rudi ist in Frankfurt am Main auf einer Technikerschule.


10. November 1938 Morgens um 6.00 Uhr stürmen SA-Leute die Wohnung der Kahns in Koblenz. Mit Äxten zertrümmern sie Spiegel, Bilder und Möbel; nur wenige Teller bleiben verschont.

Margot, ihre Eltern und ein zufällig anwesender Freund der Familie werden auf die Straße gezerrt und zur Gestapozentrale in Koblenz gebracht. Margot und ihre Mutter werden bald wieder freigelassen. Die Männer bleiben in Haft. Ein jüdischer Nachbar, der die Zerstörungen und Verhaftungen mitbekommt, erleidet einen Herzschlag und ist sofort tot.

Spätabends kommt ihr Bruder Rudi aus Frankfurt. Aus Angst, ebenfalls verhaftet zu werden, hat er den Hut tief ins Gesicht gezogen; er hat nur das Nötigste dabei.

 

11. November 1938 Als Margot zur Schule gehen will, wird sie wieder nach Hause geschickt. Das ist ihr allerletzter Schultag – drei Monate vor dem Abitur.

 

15. November 1938 Vater Wilhelm wird von der Gestapo entlassen, weil er „Frontkämpfer“ im I. Weltkrieg war und Träger des Eisernen Kreuzes ist.

 

März 1939 Margot reist mit hilfe der Organisation „Domestic Permit“ nach England aus. Sie arbeitet in London eine Zeitlang als Dienstmädchen und als „Mothers Helper“.

 

Juni 1939 Rudi flieht mit einem Kindertransport nach England und kommt ebenfalls nach London.

Über Holland, die USA und sogar über Südamerika halten die Kahns Briefkontakt.

 

22. März 1942 Die Eltern Wilhelm und Jenny Kahn werden mit der 1. Deportation von Koblenz aus nach Izbica bei Lublin im Generalgouvernement verschleppt.

 

22. April 194 Das letzte Lebenszeichen ist eine Karte der Eltern aus Izbica: „Liebste Kinder! ... Sind gesund. Ersehnen nur Eurer Wiedersehen. Herzlichste Grüße, Küsse.“ Die Eltern werden bald darauf in ein Vernichtungslager im Osten – Sobibor oder Belzec – weiter verschleppt und dort noch am Tag der Ankunft mit Giftgas ermordet.

Margot wird in England Krankenschwester. 1947 übersiedelt sie in die USA. Dort heiratet sie 1948 einen deutschen Juden. Die Eheleute haben zwei Mädchen.

Rudi baut nach dem Krieg einen Gebrauchtwagenhandel auf. Seit 1949 besucht er immer wieder Koblenz. Zum letzten Mal ist er im Rahmen des „Heimatbesuchs“ jüdischer ehemaliger Koblenzer 2006 in seiner Geburtsstadt. Er stirbt im selben Jahr in London.

In Koblenz erinnern zwei „Stolpersteine“ an die Eltern Wilhelm und Jenny Kahn.

 


 

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