Hermann Freiherr von Lüninck

 

„Vom Bündnispartner zum ‚Hochverräter’“.

 Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Hermann Freiherr von Lüninck wird 1893 in Ostwig im Hochsauerlandkreis geboren; er entstammt einem alten niederrheinischen Adelsgeschlecht. Nach dem Abitur, Studium und 1. juristischem Staatsexamen beginnt er seine juristische Ausbildung in der Verwaltung. Unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, in dem er Soldat ist, setzt er seine Ausbildung fort und wird nach dem 2. juristischen Staatsexamen zwei Jahre Hilfsarbeiter im preußischen Innenministerium.
Als scharfer Kritiker der zur Weimarer Koalition gehörenden Zentrumspartei  wird er versetzt; er verlässt deshalb den Staatsdienst und wird einflussreicher Verbandsfunktionär der Landwirtschaft. Er ist Mitglied der reaktionären Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und mehrfach als Ernährungsminister einer rechtskonservativen Reichsregierung im Gespräch. Von Lüninck ist verheiratet mit Berta Gräfin von Westerholt und Gysenberg, mit der er fünf Töchter hat.

 

1933  Seine Ablehnung des politischen Katholizismus, des Zentrum und des parlamentarischen Systems führt ihn politisch in die Nähe von Franz von Papen, den Vizekanzler Hitlers.

Mai 1933   Als im Zuge der „politischen Säuberung“ der dem Zentrum angehörende Oberpräsident der (preußischen) Rheinprovinz Hans Fuchs entlassen wird, wird Freiherr von Lüninck dessen Nachfolger. Diese Personalie ist ein Zugeständnis an die deutschnationalen DNVP, die im Reich noch Koalitionspartner Hitlers ist. Von Lüninck tritt der NSDAP bei.

1934/1935   Zwischen von Lüninck und vor allem dem Gauleiter von Essen Josef Terboven gibt es Kompetenzstreitigkeiten. Auch der Kampf der Nationalsozialisten gegen die katholische Kirche stört sein Verhältnis zur Hitler-Regierung.

5. März 1935  Hermann Freiherr von Lüninck wird als Oberpräsident der Rheinprovinz entlassen. Sein Nachfolger ist Gauleiter Terboven, später auch Reichskommissar (Chef der Zivilverwaltung) in Norwegen. Von Lüninck ist nur noch Mitglied des einflusslosen Preußischen Staatsrates.

2. Juni 1937  Von Lüninck scheidet auch als Mitglied des Preußischen Staatsrates aus.

1939   Hermanns älterer Bruder Ferdinand tritt mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wieder in den Militärdienst ein. Als Kommandeur eines Bataillons in Potsdam erhält er Kontakt zu Verschwörern.

Ende 1943  Bruder Ferdinand erklärt sich gegenüber dem zivilen Kopf der Verschwörer Carl Goerdeler bereit, nach einem Umsturz als Beauftragter der Reichsregierung (eine Art Oberpräsident) zu werden. Hermann ist im Gespräch als künftiger Reichs-Ernährungsminister.

Anfang August 1944  Bruder Ferdinand wird im Zuge der Ermittlungen zum „20. Juli“ von der Gestapo verhaftet.

14. August 1944 
Hermann wird verhaftet, als er seinen Bruder in der Untersuchungshaft besucht.


Oktober 1944  Hermann wird „wegen Beteiligung an den Vorgängen des 20. Juli aus dem Verhältnis eines Ruhestandsbeamten ausgestoßen“.  Unter dem Druck zahlreicher und schwerer Verhöre legt er ein Geständnis ab. Dies ist die Grundlage für die Anklage gegen ihn.

16. Januar 1945   Nachdem gegen seinen Bruder Ferdinand am 13. November ein Todesurteil ergangen und er hingerichtet worden ist, beginnt der Prozess gegen Hermann von Lüninck. In der Hauptverhandlung vor dem Volksgerichtshof widerruft er sein Geständnis. Daraufhin vertagt Präsident Freisler die Verhandlung. Zum nächsten Termin am 3. Februar 1945 soll der Lüninck vernehmende Gestapobeamte als Zeuge vernommen werden.

3. Februar 1945  Bei einem Bombenangriff der Alliierten wird Freisler im Gerichtsgebäude getötet. Die Verhandlung kann nicht stattfinden.

20. April 1945  Im nächsten Termin wird Hermann von Lüninck mangels Beweises vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen. Er bleibt weiter im Zellengefängnis in der Lehrter Straße in Gestapohaft.

25. April 1945  Hermann von Lüninck wird zusammen mit anderen Häftlingen aus dem Gefängnis befreit.

Nach der Befreiung ist Hermann von Lüninck Vorsitzender des Garde-Schützen-Bundes, einer Vereinigung ehemaliger Angehöriger des preußischen Garde-Schützen-Bataillons. Zur Wahl des 1. Deutschen Bundestages tritt er erfolglos als Kandidat der rechtskonservativen DKP-DRP an. Hermann von Lüninck stirbt 1975 auf Burg Alsbach bei Engelskirchen.