Josef J.


„ ...ist zu keiner Arbeit zu bewegen.Ein weiteres Verbleiben im Lager soll unmöglich sein.“
(Beratender Arzt des Arbeitsamtes Ahrweiler)

 

 

Josef J. wird am 23. August 1903 in Wilna/Vilnius in dem kleinen baltischen Land Litauen geboren. Er geht zur Schule und wird anschließend Hilfsarbeiter. In den folgenden Jahren erleben Litauen und auch Josef J. eine sehr wechselvolle Geschichte. 1918, gegen Ende des Ersten Weltkrieges, wird Litauen Republik. Schon bald schafft ein Militärputsch aber das parlamentarische System ab, und ein heimischer Diktator beherrscht Litauen.


Sommer 1940 Der Diktator weicht dem Druck des sowjetischen Diktators Stalin. Sowjetische Truppen marschieren in Litauen ein und bringen eine pro-sowjetische Regierung ins Amt. Diese erklärt den Beitritt Litauens zur Sowjetunion.

Sommer 1941 Bei ihrem Überfall auf die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“) marschiert die deutsche Wehrmacht auch in Litauen ein. Die Soldaten werden von der Bevölkerung mehrheitlich als Befreier begrüßt. Einsatztruppen der Sicherheitspolizei und des SD ermorden mit Unterstützung litauischer Hilfswilliger einen Großteil der jüdischen Bevölkerung. Litauen wird ein Grenzbezirk des neu gebildeten Reichskommissariats Ostland.

Frühjahr 1942 Auch in Litauen beginnen die Verschleppungen der Bevölkerung zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich.

1943 Josef J. kommt zur Zwangsarbeit in das Lager Rebstock in den Tunnelanlagen von Dernau und Marienthal an der Ahr. Offenbar fällt er durch Arbeitsunlust auf.

Anfang April 1944 Er wird vom beratenden Arzt des Arbeitsamtes Ahrweiler untersucht. In dessen Bericht heißt es: ...ist zu keiner Arbeit zu bewegen. Ein weiteres Verbleiben im Lager soll unmöglich sein. Das Arbeitsamt schickt ihn in die Heil- und Pflegeanstalt Andernach.

5. April 1944 Josef J. kommt mit Kleiderläusen in die Anstalt; die Aufnahmeabteilung muss seinetwegen entlaust werden. Psychisch ist er unauffällig. In seinem Krankenblatt heißt es u.a: Das bisherige Verhalten des Pat. ließ keine besonderen psychischen Auffälligkeiten erkennen. Liegt ruhig im Bett. Eine Verständigung mit Pat ist unmöglich, weil er kein Wort deutsch spricht. ... Macht einen harmlosen Eindruck… Befolgt willig alle Anordnungen des Pflegepersonals und macht im ganzen den Eindruck eines gutmütigen Trottels.

25. April 1944 Weiter heißt es in der Krankheitsgeschichte: Auch weiterhin psychisch ohne Besonderheiten. Versucht mit anderen Mitkranken in Kontakt zu kommen… Kam heute zu Ref. mit der Bitte, auf seine alte Arbeitsstätte wieder zurückkehren zu können.

6. Mai 1944 Sowie weiter: Seit 8 Tagen psychisch verändert. Steht stundenlang in den Ecken im Tagesraum und murmelt unverständliches Zeug vor sich hin. Kniet sich öfters vor seinen Stuhl, bekreuzigt sich und betet. ….. Häufig völlig verwirrt. Macht alle möglichen Faxen.

Ende Juli 1944 Das Gauarbeitsamt fordert die Anstalt Andernach auf, ihn in die Anstalt Hadamar zu verlegen.

27. Juli 1944 Josef wird aus der Anstalt Andernach als „ungeheilt bei Schizophrenie“ entlassen. Noch am selben Tag trifft er mit einem der „grauen“ Busse in der Anstalt Hadamar ein.

31. Juli 1944 Angeblich erkrankt er an Grippe, Fieber und Herzschwäche.

1. August 1944 Josef J. wird ermordet. Der letzte Eintrag im Krankenblatt lautet: "Erholte sich nicht mehr. Heute Exitus an Grippe.“

 

 Foto mit fr. Genehmigungung LWV-Archiv, Bestand 12 (Hadamar).