Anna K.

„Ich bin nicht krank.“

 

Anna K. ist Russin. Sie wird am 27. Juli 1901 in Sachori, Kreis Stalino (heute: Donetsk, Ostukraine) geboren. Nach ihren Angaben ist sie verheiratet, hat einen 1925 geborenen Sohn und lebt in Witebsk/Vitebsk im Nordosten des heutigen Weißrussland/Belarus. Dort hat die Familie ein kleines Haus.


Sommer 1941 Bei ihrem Überfall auf die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“) marschiert die deutsche Wehrmacht auch in Witebsk ein. Die Stadt wird fast völlig ausgelöscht. Grund dafür ist ihre geostrategische Bedeutung. Außerdem ist die Hälfte der Wohnbevölkerung jüdisch. Es ist u.a. die Geburtsstadt von Marc Chagall. Fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung muss sterben. Nach Annas Angaben hat die deutsche Wehrmacht auch ihr Haus angezündet und zerstört. Ihr Ehemann und ihr Sohn sind Soldaten in der Roten Armee. Anna K. wird zur Zwangsarbeit gepresst. Sie wird ins „Altreich“ verschleppt und muss als russische Zwangsarbeiterin das Kennzeichen „Ost“ an ihrer Kleidung tragen.
Als Hilfsarbeiterin kommt sie zur Firma Wilhelm Klören & Co GmbH in Bad Hönningen/Kreis Neuwied. Das Unternehmen (das heute nicht mehr besteht) ist ein Stahl verarbeitendes Werk. Sie ist in einer Baracke für Ostarbeiterinnen untergebracht.

Anfang 1943 Anna K. hat eine Kopfgrippe und ist vier Monate im Krankenhaus. Danach arbeitet sie fleißig und gut. Drei Ukrainerinnen wollen ihr aber schaden und machen sie schlecht. Die Firma Klören ist - warum auch immer - sehr unzufrieden mit ihr. Es heißt, sie laufe sehr oft von der Arbeitsstelle weg, arbeite sehr unregelmäßig und bleibe über Nacht aus.

Anfang März 1944 Sie wird zum beratenden Arzt des Arbeitsamtes Ahrweiler mit der Erklärung geschickt, sie sei geistesgestört und in dem Betrieb nicht mehr einsatzfähig.

10. März 1944 Der Arzt kann sich mit ihr nicht verständigen, weil sie kein deutsch spricht. Er diagnostiziert einen Verwirrtheitszustand und empfiehlt die Unterbringung in einer „Irrenanstalt“.

17. März 1944 Bei der Aufnahme in der Heil- und Pfleganstalt Andernach gibt Anna K. an, nicht krank zu sein. Sie ist fleißig und unauffällig, Verwirrtheitszustände werden nicht beobachtet. Die Anstalt vermutet einen reaktiven Verstimmungszustand, der im Abklingen begriffen ist.

April/Juni 1944 Sie arbeitet in der Schälküche, setzt aber sehr viel aus. Später geht sie fleißig in die Feldkolonne, ist ruhig und lacht, wenn man sie anspricht.

18. Juni 1944 Im Krankenblatt heißt es: Ist wieder zu keiner Arbeit brauchbar, vollständig stupidiös, dabei negativistisch. Soll in Elektrokrampfbehandlung.

18. August 1944 Und weiter heißt es: Zustand nur tageweise besser. Arbeitet dann etwas. Sonst negativistisch. Es handelt sich um eine endogene Psychose, wahrscheinlich Schizophrenie. Durch Krampfbehandlung keine Besserung. Gelegentlich geringe Arbeitsleistung. Meist gesperrt. Negativistisch.

September 1944 Das Gauarbeitsamt fordert die Anstalt Andernach auf, sie in die Anstalt Hadamar zu verlegen.

Ende Sept. 1944 Anna wird aus der Anstalt Andernach entlassen. Noch am selben Tag trifft sie in Hadamar ein.

23. September 1944 Im Krankenblatt heißt es: Erkrankt an Verfall und Herzschwäche mit Ödemen. Heute morgen Kollaps.

26. September 1944 Anna K. wird ermordet. Der letzte Eintrag im Krankenblatt lautet: Erholte sich nicht mehr. „Heute Exitus an Marasmus“. (Abbau aller Energiereserven und körperlichen Funktionen)


Foto mit fr. Genehmigungung LWV-Archiv, Bestand 12 (Hadamar). 


 

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