Johanna (Hanna) Hellmann


Sie ging ihren Weg in einer Weise, in der er zur   
Vollendung des Menschen führen kann.“

(Eine langjährige Freundin)
 

Johanna (Hanna) Hellmann wird am 31. Oktober 1877 in Nürnberg geboren. Sie ist das zweite von drei Kindern von Lazarus Hellmann und seiner Ehefrau Rosalie, geb. Hüttenbach. Ihr Vater ist Inhaber einer Handelsfirma für Holzschnitzereien. Ihre Mutter stammt aus einer begüterten Wormser Familie, die ihren Stammbaum in Deutschland bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen kann.  Die Familie ist jüdisch. Johanna wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. In den 1890er Jahren macht sie zwei Lehrerinnenexamen. Anschließend studiert sie u.a in Zürich. Dort wird sie 1910 mit dem Thema „Heinrich von Kleist: Das Problem seines Lebens und seiner Dichtung“ promoviert.   
 
1911  zieht sie nach Frankfurt/Main, in die Nähe ihrer jüngeren Schwester Lilly. Sie veröffentlicht weitere literaturwissenschaftliche Aufsätze und Studien. Außerdem lehrt sie am Seminar für soziale Berufsarbeit. Im Jahr 1926 erfährt sie eine Persönlichkeitsveränderung. Sie zieht sich von ihrer Familie und ihren Freunden zurück und löst sich von der jüdischen Religion. Im selben Jahr stirbt ihre Mutter, die nach dem Tod des Ehemannes und Vaters zu Hanna nach Frankfurt gezogen war.
 
1936  Hannas Bruder Julius, bei dem sie in Frankfurt/Main wohnt, wird von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.                          

Bei Hanna verschlimmert sich die Krankheit. Sie gerät gelegentlich in Exstase, spricht und singt in Versen, dabei schreitet sie rhythmisch im Raum hin und her. Manchmal hält dieser Zustand zwei Stunden an. Seitdem malt sie auch viel, kraftvolle und geniale Skizzen.  
 
25. Mai 1938  Hanna wird – wahrscheinlich aufgrund einer Anzeige eines Nachbarn, der nicht mit einer Jüdin unter einem Dach leben will, als „Fall“ gemeldet. Sie kommt in die städtische Nervenklinik.  
 
21. September 1938  Hannas Schwester Lilly erreicht ihre Verlegung in ein Sanatorium bei Freiburg im Breisgau.
            
1939  Bruder Julius kommt im Konzentrationslager Buchenwald um. Hanna kann als Jüdin nicht mehr im Sanatorium bleiben. Ihre Schwester Lilly nimmt sie zu sich nach Frankfurt.  
 
31. Juli 1939  Lilly sorgt dafür, dass Hanna in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf-Sayn aufgenommen wird. Ihr Aufenthalt dort ist nur dem Antisemitismus der Nazis geschuldet. Medizinisch und pflegerisch notwendig ist er nicht. Trotz ihrer Erkrankung verhält sich Hanna immer still und rücksichtsvoll.  
 
14. Juni 1942  Die Deutsche Reichsbahn hat für den Transport von Patienten aus der Anstalt einen Zug eigens aus 15 Personen- und neun Güterwagen auf  dem ehemaligen Bahnhof Bendorf-Sayn bereitgestellt. Dort wird er mit Hanna und ungefähr 250 Patienten, sowie ca. 80 Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten der Anstalt beladen. Anschließend hält er auf dem Güterbahnhof Koblenz-Lützel. Dort müssen einige weitere Juden aus Koblenz zusteigen. Auf seiner Fahrt „in den Osten“ nimmt der Zug weitere Juden auf, so vor allem in Köln, Düsseldorf, Duisburg und Essen.  
 
19. Juni 1942  Auf dem Bahnhof in Lublin im „Generalgouvernement“ angekommen, wird der Zug auf einem Nebengleis selektiert. Etwa 100 Männer im Alter zwischen 15 und 50 Jahren – sicherlich keine Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn – werden als arbeitsfähig ausgesucht. Sie werden zur Zwangsarbeit in das im Aufbau befindliche „Lager Majdanek“ in Lublin verschleppt.  
Mit den anderen Deportierten fährt der Zug weiter in das Vernichtungslager Sobibor. Sie werden noch am selben Tag mit Abgasen in den Gaskammern ermordet.  

Hannas Schwester Lilly wird in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Anders als Hanna überlebt sie den Völkermord an den deutschen und europäischen Juden.

 


 

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