Einführung in die Ausstellung
„Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“

von Joachim Hennig, am 18. Januar 2007 im Landtag Rheinland-Pfalz


Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder der Landesregierung
meine Damen und Herren,
ich freue mich sehr, Sie heute in die Ausstellung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. „’Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod.’ – NS-Opfer aus der Region Koblenz und Neuanfang vor 60 Jahren“ einführen zu dürfen. Der Förderverein Mahnmal, für den ich diese Ausstellung erarbeitet habe, begeht in diesem Jahr sein 10jähriges Bestehen. Seit 10 Jahren leistet er Erinnerungsarbeit für und mit den NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung. Im Jahr 2001 wurde auf seine Initiative hin das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz errichtet. Seit dem Jahr 2003 erarbeitet er Ausstellungen über NS-Opfer aus dem Koblenzer Raum. Begleitet wird dies durch die Publikation von Büchern, wissenschaftlichen Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Vorträgen. Seit dem Jahr 2005 sind wir mit einer sehr umfangreichen Homepage im Internet vertreten und haben mit der Dokumentation über und mit Zeitzeugen begonnen.

Zum diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar präsentieren wir nun unsere Ausstellung „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ hier im Landtag.

Die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 war be-kanntlich der Anlass für die Proklamation des Gedenktages am 27. Januar. Von daher war der Gedenktag zur 60. Wiederkehr der Befreiung des KZ Auschwitz vor zwei Jahren schon sehr herausgehoben. Das macht es schwierig, den diesjährigen Gedenktag – den 62. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz – zu thematisieren. Denn was – so könnte man meinen – was soll schon nach Auschwitz kommen? Ist doch „Auschwitz“ im nationalen und auch internationalen Sprachgebrauch inzwischen das Synonym für Unmenschlichkeit, Völkermord, Rassenwahn und Intoleranz. Verursacht „Auschwitz“ nicht Scham und Sprachlosigkeit, die es verbieten, in der Gedenkarbeit gleichsam routinemäßig fort zu fahren?

Wir vom Förderverein Mahnmal Koblenz haben uns diesen Fra-gen gestellt. Dabei ist uns bewusst, dass wir am diesjährigen 27. Januar eine besondere Verpflichtung und Aufgabe haben bei der Gestaltung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, in diesem Jahr der überlebenden NS-Opfer zu gedenken. Sie waren es, die unmittelbar nach der Befreiung das Gedenken an ihre toten Kameradinnen und Kameraden begonnen haben, wach zu halten. Zudem haben sie uns deutlich gemacht, dass wir bei der Erinnerung und Trauer nicht stehen bleiben, sondern das Gedenken als eine Verpflichtung ansehen sollten, unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder und Kindeskinder in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Dieses Wissen und dieses Bewusstsein werden exemplarisch deutlich an dem „Schwur von Buchenwald“, den die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald wenige Tage nach der Befreiung leisteten. Dazu zitiere ich hier aus einem Bericht eines Zeitzeugen, in dem es u.a. heißt:

Am 19. April 1945 fand die Trauerkundgebung für die Toten von Buchenwald statt. Ein großes Ehrenmal war auf dem Appellplatz errichtet. Die Blocks und Baracken waren mit Fahnen und Transparenten geschmückt. Die Fahnen fast aller Nationen wehten im Winde und zeigten, dass die Völker auch friedlich nebeneinander leben können. Unter den Klängen ihrer Nationallieder marschierten die Nationen auf. Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.
Unter den Klängen der „Internationale“ marschierten die gemischten Blocks auf. 21.000 marschierten zum Gedächtnis für 60.000 tote Kameraden. Die Fahnen wurden vor dem Ehrenmal aufgestellt und neigten sich zum Gruß.
Der Vorsitzende des Internationalen Lagerkomitees, Walter Bartel, eröffnete die Kundgebung. Mit entblößtem Haupt gedachten die befreiten Häftlinge der Toten. Dann verlasen Mitglieder des Internationalen Komitees – jeder in seiner Sprache – den Aufruf:

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österrei-cher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muss unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!
21.000 Männer streckten die Hand zum Himmel und sprachen: „Wir schwören!“

So weit der „Schwur von Buchenwald“. Er zeigt auch, dass sich die Opfer des Nationalsozialismus oft schon kurz nach ihrer Befreiung für den demokratischen Neuanfang und Wiederaufbau nach dem Krieg engagierten. Dies geschah aus verschiedenen politischen und religiösen Grundhaltungen heraus, vor allem aus den Grundhaltungen heraus, aus denen diese Menschen zuvor zu Opfern des Nationalsozialismus geworden waren. Zudem ergab sich eine Grundhaltung aus den Erfahrungen in den Konzentrationslagern, von denen der zitierte „Schwur von Buchenwald“ eine, wenn auch wichtige Grundhaltung verkörpert. Aber immer geschah dieser Neuanfang und Wiederaufbau aus den Erfahrungen der Verfolgung und des Leidens, die das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus in besonderem Maße über diese Menschen gebracht hatte.

Die hier porträtierten Opfer des Nationalsozialismus sind nicht „vergangene Geschichte“. Sie sind Menschen aus „Fleisch und Blut“, die beispielgebend für uns alle, gerade auch für die heutige Jugend, sein können und sollen. Es sind ausgewählte Biografien, die zeigen, wie Menschen in ganz extremen Situa-tionen – unter jahrelanger Folter, Erniedrigung, Hunger, Verzweiflung, Todesangst – überlebt haben und den Mut und die Kraft gefunden haben, ein neues Leben zu beginnen oder da anzuknüpfen, wo sie aufgrund der Verbrechen des National-sozialismus notgedrungen haben aufhören müssen. Die Ausstel-lung mit dem Motto „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ ist ja ein Zitat des bekannten, im Jahr 2005 verstorbenen Holocaust-Überlebenden und „Nazi-Jägers“ Simon Wiesenthal. Sie zeigt wie die Menschen nach vorn geschaut, ihr Leben in die Hand genommen und Beispielhaftes geleistet haben.

Die Geschichte dieser Menschen zeigt aber auch, wie schwer sie es hatten, nach der Befreiung wieder „im normalen Leben“ - also außerhalb des Konzentrationslagers, des Zuchthauses, nach ihrer Rückkehr aus der Emigration oder der Illegalität - zurecht zu kommen. Sie kamen zurück in eine zerstörte Stadt, waren vielfach schwer krank, ihre Familien waren zerstreut, ihre Arbeitsstellen verloren, Lebensmittel waren Mangelware. Nicht selten mussten sie zudem auch noch gegen Vorurteile kämpfen (nach dem Motto: „Es wird schon etwas dran gewesen sein, wenn man im Zuchthaus war.“). Bisweilen sah man sie auch als „Störenfriede“ an – vor allem ganz konkret dann, wenn sie ihr Hab und Gut zurückhaben wollten. Die Geschichte dieser Menschen zeigt auch, wie wenig und spät unsere Gesellschaft etwas getan hat, um diese NS-Opfer zu integrieren und den Schaden wieder gut zu machen. - Und wie sehr diese Menschen kämpfen mussten, um endlich ein menschenwürdiges Leben in gesicherter Existenz und in Achtung und Anerkennung zu führen.

In dieser Ausstellung werden 26 Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung porträtiert. Sie kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten und aus den verschiedensten politischen Parteien. Es sind Kommunisten, aber auch SPD-Leute, Gewerkschafter, Zentrum- und CDU-Männer und Frauen, katholische Priester, Juden, Sinti, Bürger-liche, Menschen aus dem Volk. Insgesamt 26 Schicksale, 26 Biografien. Ich kann hier nicht auf alle eingehen. Beispielhaft möchte ich hervorheben:

Heinz Kahn
Dr. Kahn ist Jahrgang 1922. Als Jugendlicher geriet er, weil er Jude war, schon früh in die Verfolgungsmaschinerie der Nazis. Er wird am 27. Januar in der Plenarsitzung des Landtages als Zeitzeuge sprechen.

Ernst Biesten
Dr. Biesten (1884 – 1953) war als Polizeidezernent und erster Polizeipräsident von Koblenz entschiedener Gegner des aufkommenden Nationalsozialismus und geriet schon vor und erst recht nach der sog. Machtergreifung in das Fadenkreuz der Nazis. Über ihn werde ich am 22. Januar hier im Waffensaal einen Vortrag halten.

Johann Dötsch
Dötsch (1890 – 1946) war den Nazis als SPD-Funktionär und Gewerkschafter suspekt. Deshalb war er wiederholt in „Schutzhaft“. Zuletzt war er vom 1. September 1939 bis zur Befreiung auf dem Todesmarsch im Mai 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert.

Alfred Knieper
Knieper (1909 - 1973) war Kommunist und wegen seiner politischen Überzeugung viele Jahre in Konzentrationslagern, erst 1 ½ Jahre im KZ Esterwegen, dann vom 1. September 1939 bis zur Befreiung im KZ Buchenwald.

Pater Josef Kentenich (1885 - 1968)
Pater Kentenich war Gründer der Schönstatt-Bewegung, einer Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Wegen seines Glaubens und seines Engagements für die Bewegung kam er 1941 in „Schutzhaft“, zunächst in Koblenz, dann ins KZ Dachau.

Wilhelm Guske
Dr. Guske (1880 – 1957) war Vizepräsident beim Oberpräsidium der Rheinprovinz. Als Sozialdemokrat, Mann des Reichsbanners Schwarz Rot Gold und der Eisernen Front wurde er von den Nazis aus politischen Gründen abgesetzt und kriminalisiert.

Daweli Reinhardt
Der 1932 geborene Daweli (Alfons) Reinhardt wurde als 11-Jähriger zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, weil die Reinhardts „Zigeuner“ waren. Mit Geschick überlebte er dort das „Zigeunerlager“ sowie anschließend Verschleppungen in weitere KZs und auch den Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen.

Daweli Reinhardt war in den 60er Jahren Mitbegründer des Schnuckenack Reinhardt-Quintetts, bis vor zwei Jahren hat er noch öffentlich musiziert. Er ist heute noch Chef der Koblenzer Sinti-Großfamilie der Reinhardts. Dr. Wilhelm Guske war nach dem Krieg vorübergehend Oberbürgermeister der Stadt Koblenz und Ministerialbeamter in Wiesbaden. Pater Josef Kentenich intensivierte nach der Befreiung seine Arbeit für die Schönstatt-bewegung und machte sie zu einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft. Alfred Knieper war Regierungsvizepräsident von Montabaur, weiterhin Mitglied der KPD und erster Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, zuletzt Ministerialbeamter in Koblenz und dann hier in Mainz. Johann Dötsch war Mitbegründer der SPD in Koblenz und Präsidialdirektor der Provinz Rheinland/Hessen-Nassau. Dr. Ernst Biesten war Mitbegründer der CDU in Koblenz, mit Süsterhenn „Vater“ der rheinland-pfälzischen Verfassung, erster Präsident des Oberverwaltungsgerichts und des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz. Dr. Heinz Kahn ist seit 1987 Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Koblenz und stellt sich seit Jahren als Zeitzeuge zur Verfügung.

Die hier Biografierten können damit Leitbilder für uns alle sein. Die Gedenkarbeit – so wie wir sie verstehen – soll nicht stehen bleiben in Todesangst der Opfer, Trauer der Überlebenden und Scham der Nachgeborenen über das Geschehene. Sie soll viel-mehr auch Mut machen für die eigene Lebensgestaltung. Von daher ist diese Gedenkarbeit auch zukunftsweisend. Sie gibt uns aktuell auch heute noch etwas und beantwortet zugleich die immer wieder zu hörenden Frage, warum denn nicht endlich Schluss sein kann. Es kann nicht Schluss sein – auch nicht um unseretwegen.

Überdies sind diese Biografien Mosaiksteine der Geschichte der Nachkriegszeit. Sie machen exemplarisch den schwierigen Neu-anfang nach 1945 deutlich. Sie zeigen, wie wir wurden, was wir heute sind. Wie sich unsere Geschichte entwickelt hat und wes-halb sie so und nicht anders geworden ist. Es ist kein Zufall sondern Absicht, dass die Erinnerung an diese Frauen und Männer am Anfang des Jahres 2007 steht, dem Jahr, in dem das land Rheinland-Pfalz auf seine Gründung vor 60 Jahren zurückblickt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.