"Rache" an Gewerkschaftern und Widerständlern


RZ-Artikel (von Joachim Hennig) vom 7. Dezember 2001: Therese Kaiser - für ihren Mann Jakob Kaiser in „Sippenhaft“ in Koblenz


„Sippenhaft“ ist ein Begriff aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Er bezeichnet die (strafrechtliche) Verantwortlichkeit, Einstandspflicht, „Haftung“ von Angehörigen eines „Täters“ für die ihm zur Last gelegten Taten. Es war die Wahnidee der Nazis, die Widerständler des 20. Juli 1944 „bis ins letzte Glied“  zu verfolgen, sich an deren Familien zu “rächen“ und die Widerständler - sofern sie in Freiheit waren - dadurch zur  Aufgabe zu zwingen. Erfolg hatten die Nazis nicht, sie brachten aber über viele Unschuldige zusätzliches schweres Leid.

So auch über die Familie Jakob Kaisers (geb. 1888). Zurzeit der Weimarer Republik war er ein führender Vertreter der christlichen Gewerkschaften. Bald wurde er ein entschiedener Gegner der Nazis, die 1933 die Gewerkschaften zerschlugen und deren Mitglieder in die machtlose Deutsche Arbeitsfront überführten. Zunächst noch in Köln wohnend entwickelte Kaiser zusammen mit dem sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer und Politiker Wilhelm Leuschner (1890 - 1944) und dem Deutschnationalen Max Habermann (1885 - 1944)  in der NS-Zeit Pläne für eine zukünftige Einheitsgewerkschaft. Auch nach einer sechsmonatigen Gestapohaft wegen „Landesverrat“ blieb er im Widerstand und hatte später Kontakt  zu Carl Goerdeler, dem „zivilen Kopf“ des Widerstands. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 konnte Kaiser - anders als Leuschner und Habermann - der Gestapo entkommen und in Berlin untertauchen.   

Zu jener Zeit befanden sich Jakob Kaisers Frau Therese und ihre gemeinsame Tochter Elisabeth in (Neuwied-)Irlich. Sie waren dorthin evakuiert worden, nachdem die Familienwohnung in Köln-Klettenberg von Bomben getroffen war. Anfang August 1944 überschlugen sich die Ereignisse: Jakob Kaiser fuhr nach Westen, um seine Familie zu sehen. Die Tochter Elisabeth war zur gleichen Zeit in Berlin. Sie verpassten sich, trafen sich aber bei Freunden in Bonn. Zusammen fuhren sie nach Irlich. Das Wiedersehen war kurz, Kaiser voller Unruhe. Frau und Tochter begleiteten ihn zum Zug nach Koblenz und kehrten nach Irlich zurück. Schon am nächsten Tag war die Gestapo in Irlich und suchte nach Jakob Kaiser. Da man ihn nicht fand, nahm man seine Frau und Tochter, bald darauf auch den Bruder der Ehefrau und dessen Frau fest und inhaftierte sie zunächst im Gefängnis Neuwied. Dann kamen sie nach Koblenz. Dort waren sie drei Monate im Stadtgefängnis in der Karmeliterstraße in Haft. Sie hatten keinerlei Kontakt zur Außenwelt, wussten nichts vom Schicksal der Familie im Übrigen und mussten selbst um ihr Leben fürchten. In dieser Situation nahmen die alliierten Bombenangriffe auf Koblenz zu und zerstörten Anfang November das Stadtgefängnis. Frau Kaiser und ihre Tochter flüchteten in dem allgemeinen Chaos. Drei Wochen später kam die Gestapo erneut nach Irlich. Wiederum verhaftete sie Frau Kaiser, die Tochter Elisabeth und auch Bruder und Schwägerin von Frau Kaiser. Diese vier kamen „auf Transport“ nach Berlin und waren im Gefängnis Moabit in Einzelhaft. Von dort verschleppte man sie mit anderen „Sippenhäftlingen“ ins KZ Buchenwald. Weiter ging es - die Front rückte näher - über Regensburg ins KZ Dachau, dann nach Innsbruck. Jenseits des Brenners wurden sie dann von den Amerikanern befreit.

Die ganze Familie überlebte, sah sich aber erst im März 1946 wieder. Therese Kaiser hat Haft und Verfolgung nie ganz überwunden und erlag 1952 einem Herzleiden. Jakob Kaiser war Mitbegründer der CDU, parteiinterner Kritiker Adenauers und seiner Politik sowie später Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen.

 

 

 

 


 

"Ostarbeiter" ausgebeutet

RZ-Artikel (von Joachim Hennig) vom 5. Dezember 2001: Die ukrainische Zwangsarbeiterin Sofia M. im Kemperhof-

Der nationalsozialistische „Ausländereinsatz“ zwischen 1939 und 1945 ist wie der Völkermord an den Juden in der Geschichte ohne Beispiel. In jenen Jahren waren mehr als 13 Millionen Kriegsgefangene und „Zivilarbeiter“, Männer, Frauen und Kinder, im „Großdeutschen Reich“ beschäftigt. Die meisten von ihnen, mit Sicherheit 80 %, eher noch 90 %, mussten Zwangsarbeit leisten. In der nationalen Hierarchie standen die Polen und vor allem die „Ostarbeiter“ (Russen, Ukrainer u.a.) als „slawische Untermenschen“ ganz unten. Millionen Menschen aus dem Osten entwurzelten die Nazis und ihre zahlreichen Helfer und verschoben sie wie Vieh hierher, um sie auszubeuten. Ihr Elend und die an ihnen begangenen Verbrechen sind weitgehend unaufgeklärt und namenlos.

In Koblenz lässt sich der Schleier der Unwissenheit und des Vergessenwollens nur an ganz wenigen Stellen und auch nur ein bisschen heben. Ein solcher Ort ist vor allem das Städtische Krankenhaus Kemperhof. Von ihm ist bekannt, dass dort hunderte von Zwangsarbeiterinnen ihre Leibesfrucht haben abtreiben lassen müssen. Aus den Akten wissen wir auch ein wenig von den dort beschäftigt gewesenen Hilfskräften.

Eine von ihnen war die Ukrainerin Sofia M. Sie musste zunächst in einer Urmitzer Schwemmsteinfabrik arbeiten. Bald erkrankte sie an einem Gallenleiden und kam deswegen im April 1943 in den Kemperhof. Da sie - wie es hieß - infolge ihrer Krankheit anderwärts nicht mehr leistungsfähig war und ständiger ärztlicher Aufsicht bedurfte, behielt man sie als Hausgehilfin und Dolmetscherin dort, da sich die Stationsärzte ansonsten „mit dem Ostarbeitervolk“ nicht verständigen konnten. Auch entsprach man damit einem Anliegen der Gestapo, die keine Beschäftigung deutscher Hausgehilfinnen in der Ostarbeiterstation wünschte.

Der Kemperhof  war mit Sofia M. offensichtlich zufrieden. Sie galt „als ruhig und gesittet, was sie für den Krankenhausbetrieb besonders geeignet macht(e)“. So gehörte sie zu denjenigen, die schon einmal ein wenig Bekleidung und ein Paar Straßenschuhe erhielten. Im Februar 1944 wurde ihr gar das Privileg einer „Raucherkarte“ zuteil.

Anfang Juni 1944 kommt es dann zu einem Vorfall im Kemperhof. Dieser wird von der Leitung des Krankemhauses nicht weiter gemeldet. Durch Denunziation erfährt der Betriebsobmann der Deutschen Arbeitsfront (DAF) doch davon. In seinem Bericht liest es sich so: „Die NS-Schwester Agnes St. fuhr vor 14 Tagen mit dem Essenwagen über den Flur der Frauenstation II. Dort war die Ostarbeiterin Sofia M. am Putzen. Der Wagen läuft etwas schief und fuhr so über das Geputzte. M. warf den Wagen zur Wand und zugleich bespuckte sie die NS-Schwester St. Ich möchte noch dazu bemerken, dass die M. eine ganz rohe Person ist und sie auch für fähig halte, dass sie andere Ostarbeiterinnen aufhetzt.“

Dieser Bericht bringt dann die bürokratische Maschinerie gegen Sofia M. in Bewegung. Schon zwei Tage später reicht der Kriegskreisobmann der DAF den Bericht an den Stadtrat Fuhlroth weiter mit dem Bemerken: „Eine Bestrafung der Ostarbeiterin durch die Gestapo ist scheinbar nicht erfolgt, da das Krankenhaus für die Zeit der Haft offenbar auf die Arbeitskraft nicht verzichten wollte.“ Wenige Tage später, am 29. Juni 1944, wird Sofia M. in Gestapohaft genommen. Man kann sich ausmalen, was mit ihr, die als Zwangsarbeiterin ohnehin vogelfrei ist, in den Kellerräumen des „Hausgefängnisses“ der Gestapo „Im Vogelsang“ geschieht. Am 11. Juli 1944 wird sie entlassen. Dann verliert sich auch diese flüchtige Spur.
                                                                                             

 

 


  

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