Informationen 2014

Neue Personentafeln: Kindertransport-Kinder

Inzwischen sind die Personentafeln, die unser Verein als regionalen Teil für die Ausstellung im Landtag "Wenn ihr hier ankommt..." dort präsentiert hat,  abgebaut und wieder in Koblenz. Wie man vom Landtag hört, war diese Ausstellung ein großer Erfolg. Allein deutlich mehr als 30 Schulklassen haben die Wanderausstellung und den regionalen Teil besichtigt. Wegen des großen Interesses hatte der Landtag die Ausstellung sogar um eine Woche verlängert.
 
Diese insgesamt sieben Tafeln werden nun in die Dauerausstellung unseres Fördervereins über Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung integriert. Damit besteht die gesamte Dauerausstellung aus nunmehr 105 Porträts von NS-Opfern. Diese sieben Tafeln dokumentieren erstmalig das Schicksal von Kindern, die von ihren Eltern weggeschickt wurden, damit sie überleben konnten. Sechs dieser Porträts zeichnen das Leben von Kindertransport-Kindern nach, die im Frühjahr und Sommer 1939 in einer groß angelegten Aktion britischer Hilfsorganisationen mit dem Zug und mit dem Schiff nach England fliehen konnten. Die allermeisten von ihnen sahen ihre Eltern nicht wieder: diese konnten Deutschland nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht mehr verlassen und wurden drei, vier Jahre später Opfer des Holocaust.  Porträtiert werden in diesem Ausstellungsteil (Button Personentafeln):
 
Rolf, Beate und Hans Bernd (Kinder des jüdischen HNO-Arztes Dr. Hugo Bernd aus Koblenz) - Personentafel 98
Helga Treidel/Helen Carey (Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Isidor Treidel aus Koblenz) - Personentafel 99
Marianne Pincus, geb. Brasch (Tochter des Koblenzer Juristen Ernst Brasch) - Personentafel 100
Günter Stern/Joe Stirling (Sohn des jüdischen Nickenicher/Koblenzer Ehepaares Alfred und Ida Stern)  - Personentafel 101
Margot und Rudolf Kahn (KInder des jüdischen Kottenheimer/Koblenzer Ehepaares Wilhelm und Jenny Kahn)  - Personentafel 102
Irene Futter, geb. Schönewald (Tochter der jüdischen Koblenzerin Bertha Schönewald) - Personentafel 103
Hugo Salzmann junior (Sohn des Bad Kreuznacher Kommunisten Hugo Salzmann) - Personentafel 104


Hinweis in eigener Sache: Die Datenbanken des Personentafelbereichs müssen dringend überarbeitet werden, daher können die Personentafeln vorübergehend nicht erreichbar sein.

Trauer um Dr. Heinz Kahn

Der Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. trauert um sein langjähriges Mitglied Heinz Kahn. Dr. Kahn war in Koblenz und weit darüber hinaus eine Symbolfigur für das Überleben und den Widerstand gegen den Holocaust.

Heinz Kahn wurde am 13. April 1922 in Hermeskeil/Hunsrück als Sohn des dortigen Tierarztes Dr. Moritz Kahn und seiner Frau Elise geboren. Sein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg und erhielt zahlreiche Orden und Auszeichnungen. Schon bald nach der Machtübernahme der Nazis begannen für die Kahns die Schikanen und Diskriminierungen. Dem Vater wurden die Befugnis zur Fleischbeschau und andere amtliche Tätigkeiten entzogen. Sohn Heinz hatte als Schüler Erniedrigungen und Ausgrenzung zu erdulden. Für seine sportlichen Leistungen wurde ihm der Preis nicht ausgehändigt, weil er Jude war. In der Klasse verbannte ihn der Lehrer in die letzte Bank, seine Arbeiten wurden nicht benotet. 1936 musste Heinz die Schule verlassen, damit sie „judenrein“ wurde. Noch in Hermeskeil war die Familie vom Novemberpogrom, der „Reichspogromnacht“, betroffen. Vater Moritz kam einige Tage ins Gefängnis, dann ließ man ihn wieder frei. Dafür musste er aber sein Haus in Hermeskeil unter Wert an die Gemeinde verkaufen.

Im März 1939 zog die Familie Kahn nach Trier. Heinz, der inzwischen in Frankfurt/Main in einer jüdischen Lehrwerkstatt arbeitete, konnte im Jahr 1941 noch der Deportation entgehen, indem er zu seinen Eltern nach Trier floh. Er und seine jüngere Schwester Gertrud wurden aber als Juden dienstverpflichtet und hatten in verschiedenen Betrieben zwangsweise Arbeit zu verrichten. Am 1. März 1943 wurde die Familie Kahn - Vater Moritz, Mutter Elise, Sohn Heinz und Tochter Gertrud - von Trier aus ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der Selektion auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) wurde Heinz von der Familie getrennt. Zum Abschied sagte sein Vater zu ihm: „Heinz, Du kommst zur Arbeit, Du musst überleben!“ So kam es auch. Zum letzten Mal hatte Heinz seine Familie gesehen. Er kam zur Zwangsarbeit nach Auschwitz III – Auschwitz-Monowitz. Aufgrund seiner Geschicklichkeit und Umsicht brachte man ihn wieder nach Auschwitz-Birkenau, diesmal als „Funktionshäftling“. Man übertrug ihm besondere Aufgaben, zeitweise war er Pfleger, Häftlingsschreiber und Lagerläufer in Auschwitz II. Dadurch hatte er gewisse Privilegien und konnte anderen Häftlingen helfen.

Vor der heranrückenden Roten Armee wurde Heinz Kahn mit anderen Häftlingen des Krankenbaus am 18. Januar 1945 von Auschwitz ins KZ Buchenwald verschleppt. Dort arbeitete er im „Selektionskommando“. Das musste die Toten u.a. auf Goldzähne untersuchen, sie ihnen entfernen und das Zahngold für die SS sammeln. Am 11. April 1945 wurde er mit den in Buchenwald überlebenden Häftlingen von den Amerikanern befreit.

Dann kehrte Heinz Kahn nach Trier zurück und versuchte, wieder Fuß zu fassen, auch das Eigentum seiner Familie, wie etwa die Wohnungseinrichtung, wieder zu erlangen. Er wurde erster Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde von Trier, machte sein Abitur nach, studierte Veterinärmedizin, legte sein Examen ab und promovierte. Er heiratete Inge Hein, eine Jüdin aus Cochem, die als 14-Jährige mit ihren Eltern 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert worden war und - anders als ihre Eltern – den Holocaust überlebte.

Heinz Kahn blieb in Deutschland – dem „Land der Täter“. 1954 zogen die Eheleute Kahn nach Polch. Dort betrieb Dr. Kahn bis vor wenigen Jahren eine Tierarztpraxis. Seit 1987 war er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde von Koblenz.

Zeit seines Lebens war Heinz Kahn ein mutiger und – wenn es sein musste – auch kämpferischer Mensch. Dem Holocaust stellte er sich entgegen und leistete unter schlimmsten Umständen Widerstand. Er half seinen Kameraden im Konzentrationslager Auschwitz und machte ihnen das Leben und Überleben dort etwas leichter. Als Häftlingsschreiber im Krankenbau von Auschwitz-Birkenau rettete er vor seiner Verschleppung im Januar 1945 viele Unterlagen, indem er sie in Marmeladeneimer packte, diese verschweißte und sie dann in Wasserlachen versenkte. Deshalb war Heinz Kahn auch Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess vor nunmehr 50 Jahren. Auch gehörte Heinz Kahn zu den Mitwissern des Illegalen Internationalen Lagerkomitees vom KZ Buchenwald und Beschaffer und Verstecker der einen oder anderen Schusswaffe für die Befreiung des Lagers.

Bis zuletzt legte Heinz Kahn als Zeitzeuge in Schulen und Veranstaltungen beredtes Zeugnis von der Verfolgung und auch dem (partiellen) Widerstand der Juden im Nationalsozialismus ab. Aus dieser Gedenkarbeit ragen das Zeitzeugengespräch mit ihm zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus 2005 in der Sparkasse Koblenz, das der Förderverein Mahnmal Koblenz auf DVD aufzeichnete, und sein Zeitzeugenbericht in der Plenarsitzung des Landtages von Rheinland-Pfalz am 27. Januar 2007 heraus. „Ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ An Heinz Kahn werden wir lange denken und viele andere auch. Dabei helfen das aufgezeichnete Zeitzeugengespräch mit ihm und auch die für ihn erarbeitete Personentafel in der Dauerausstellung unseres Vereins. Der Text dieser Tafel sowie auch  Berichte über seine Gedenkarbeit sind auf dieser Webseite jederzeit abrufbar.

Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Kindern und besonders seiner Frau Inge. 60 Jahre lang waren die Eheleute, die ihre Familien im Holocaust verloren hatten, in guten und in schlechten Tagen bis zuletzt eng verbunden.

Dazu einen Artikel der Rhein-Zeitung vom 11. Februar 2014 HIER lesen

 


 

Gedenken an junge NS-Opfer im ganzen Land.
Das Thema "Kinder und Jugendliche als NS-Opfer", das der Landtag in den Mittelpunkt seiner Veranstaltungen zum 27. Januar 2014 gestellt hat, wurde auch in anderen Städten von Rheinland-Pfalz aufgegriffen.
 
So wurde in Wittlich am 27. Januar 2014 im Nebengebäude der Synagoge die Ausstellung "Schule unterm Hakenkreuz" eröffnet. In der von einer Schülergruppe vorbereiteten und dann vom Kurator der Ausstellung, dem Gymnasiallehrer Franz-Josef Schmit aus Wittlich, überarbeiteten und erweiterten sehr umfangreichen Ausstellung wird am Beispiel der Cusanus-Schule Wittlich die "Reform" der Schule im "Dritten Reich", die völkisch-rassische Erziehung und die Neuausrichtung an sich "unpolitischer" Fächer wie der Mathematik sehr plastisch und eindringlich dargestellt. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Februar 2014 zu sehen. Zur Eröffnung der Ausstellung hielt auf Einladung des Kulturamtes der Stadt der stellvertretende Vorsitzende unseres Fördervereins Joachim Hennig einen Vortrag zum Thema "Jugend und Jugendwiderstand" mit Bezügen zum Wittlicher Raum.
 
Über den Vortrag berichtete auch die regionale Presse.
 
Lesen Sie HIER den Artikel im Trierer Volksfreund vom 29. Januar 2014

und HIER den Artikel in der Wittlicher Rundschau vom 1. Februar 2014

Bereits einige Tage zuvor, am 16. Januar 2014, wurde in der Volkshochschule in Trier die Ausstellung des Studienkreises deutscher Widerstand "'Es lebe die Freiheit!" - Junge Menschen gegen den Nationalsozialimus" eröffnet. Hierzu boten die Evangelische Studentengemeinde, die Katholische Hochschulgemeinde, die Volkshochschule Trier und die Arbeitsgemeinschaft Frieden zahlreiche und vielfältige Veranstaltungen an. Im Beiprogramm zu der Ausstellung referierte auch unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig über das Thema "Jugend und Jugendwiderstand im Nationalsozialismus am Beispiel des Trierer Raums".
 
Lesen Sie hier einen Bericht über diesen Vortrag:

„…eine grausame Jugend will ich“

Joachim Hennig berichtete über Jugend im Nationalsozialismus

Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden… eine gewalttägige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“  Das Zitat des „Führers“ der nationalsozialistischen Bewegung, war nicht das einzige, was an dem Abend erschreckte.

Joachim Hennig, Jurist und Gedenkarbeiter aus Koblenz, zeigte, wie die Nazis die Jugend umwarben, um sie als „Soldaten einer Idee“ auszunutzen. Aufgabe des Staates und der Partei war es, die Menschen von der Wiege bis zum Grabe in verschiedenen NS-Gliederungen zu organisieren, „mögen sie sich auch dagegen wehren“, so Robert Ley, Führer der „Deutschen Arbeitsfront“. Von ihm stammt auch der Satz: „Wir fangen schon beim Kinde von drei Jahren an; sobald es anfängt zu denken, bekommt es schon ein Fähnchen zu tragen“. Diese totale Erfassung der Kindheit und Jugend war - nach Hennig – vor allem deshalb möglich, weil zuvor alle konkurrierenden Kräfte und Bünde der Jugendarbeit weitgehend ausgeschaltet worden waren, zuletzt die katholische Jugend.

Doch es gab junge Menschen, die sich dagegen wehrten. Hennig nannte die Trierer Jungkommunisten Willi und Aurelia „Orli“ Torgau, die Flugblätter gegen die Nazis verteilten. Beide wurden zu KZ-Haft verurteilt. Wie es Gruppen erging, die ihre Unabhängigkeit im totalen Staat behalten wollten, schilderte der Referent am Beispiel des „Nerother Wandervogels“ – einer Jugendgruppe, die bei Daun entstand. Die Gruppe wurde 1936 verboten, ihr Leiter – Robert Oelbermann – verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt.

Am längsten wehrte sich die katholische Jugendbewegung gegen die Gleichschaltung. Ein Beispiel war die „Sturmschar“, die 1929 gegründet wurde und bis Anfang 1933 auf 23 000 Mitglieder anwuchs. Ihre Arbeit wurde durch vereinzelte Überfälle, Arbeitsbeschränkungen für ihre Mitglieder und  dauernde propagandistische Angriffe stark behindert. Hennig erinnerte an mutige Sturmscharler wie den Trierer Diözesanwart Hans Renner, der einige Monate in Haft verbringen musste.

Schließlich berichtete Hennig von den beiden jungen Geschwistern Heinz und Gertrud Kahn. Sie mussten als Juden Zwangsarbeit in Trier leisten und wurden 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau depor­tiert. Gertrud wurde sofort umgebracht, Heinz überlebte als Zwangsarbeiter, half im KZ  Mithäftlingen und kehrte nach der Befrei­ung nach Trier zurück. Dort gründete er die Jüdische Kultusgemeinde neu.

Nach diesen eindrucksvollen Biografien schloss Hennig seine Ausführungen mit der Geschichte der Burg Stahleck bei Bacharach, die von den Nazis als „Umerziehungslager“ genutzt wurde. Dort litten im Sommer 1942 183 Luxemburger Schüler im Alter von 16 bis 19 Jahren, die sich an Aktionen gegen die Einführung der deutschen Wehrpflicht  in ihrer Heimat beteiligt hatten.  Einen von ihnen, Lucien Olinger, zitierte Hennig mit den Worten: „Das war demütigende Schikane. Es waren Erniedrigungen, es waren permanente Drohungen, es war eine Entwürdigung ohnegleichen, Angst, Peinigungen, Spott,  Verachtung, ständiger Hunger als heranwach­sende Jugendliche, Entkräftung, Erschöpfung mit einem allmählichen körperlichen Verfall.“

In der anschließenden Diskussion berichtete eine Frau von ihrem Vater, der auch auf die Burg Stahleck deportiert worden war. Er habe niemals über die Gründe sprechen wollen. Ein Zeitzeuge, Dr. Reinhold Bollmus, wandte sich gegen die Idealisierung der „Hitlerjugend“, die bei manchen noch anzutreffen sei. Joachim Hennig stellte klar: Es war eine Erziehung zur NS-Ideologie und zum Krieg.

Der Vortrag, zu dem die AG Frieden eingeladen hatte, fand im Rahmenprogramm der Ausstellung „Es lebe die Freiheit! – Junge Menschen gegen den Nationalsozialismus“ statt. Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Februar im Foyer der Gebäude A/B der Universität Trier zu sehen.

Thomas Zuche

 Hierzu einen Beitrag vom Trierer Volksfreund vom 29.01.2014 HIER lesen


 

Seite 6 von 7

Zum Seitenanfang