Informationen 2010


Ausstellung ab 13. Januar 2010 im Rathaus in Koblenz:

„Standhaft trotz Verfolgung“

 

Aus Anlass des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2010 finden auch wieder Gedenkveranstaltungen in Koblenz statt. Seitdem der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 zum nationalen Gedenktag erklärt hat, ist es eine gute und wichtige Tradition geworden, an diesem Tag der Opfer des NS-Regime zu gedenken. Das geschieht nicht nur in einer Sondersitzung des Deutschen Bundestages und in Gedenkstätten in ganz Deutschland, sondern auch in Rheinland-Pfalz.

 

Seit Jahren ist hier ganz besonders der Landtag mit seinem Präsidenten Joachim Mertes an der Spitze engagiert. Die Veranstaltungen des Landtages zum diesjährigen 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz stehen unter dem Motto: „Christen im Nationalsozialismus – zwischen Verfolgung, Widerstand und Anpassung“. Im Foyer des Landtages in Mainz wird dazu am 13. Januar 2010 eine Ausstellung über den evangelischen Pfarrer Paul Schneider vom Hunsrück eröffnet. Der Titel der Ausstellung des „Predigers von Buchenwald“, so der Ehrentitel des im KZ Buchenwald ermordeten Geistlichen, ist für ihn programmatisch: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“.

Dieses Bibelwort charakterisiert auch die Veranstaltungen zum 27. Januar 2010 in Koblenz. Im Mittelpunkt steht hier – in Ergänzung der Veranstaltungen im Landtag in Mainz - die Ausstellung der Zeugen Jehovas in Deutschland „Standhaft trotz Verfolgung – Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime“. Sie wird ebenfalls am 13. Januar 2010 im Rathaus I (Eingang Jesuitenplatz, Tourist-Information) eröffnet. Präsentiert werden 35 Tafeln der Wanderausstellung der Zeugen Jehovas „Standhaft trotz Verfolgung“, die die Verfolgung der „Ernsten Bibelforscher“, wie die Zeugen Jehovas damals noch hießen, darstellen.

Damit wird an die Menschen dieser damals sehr kleinen Gruppe von Christen erinnert, die ein ganz schweres und bemerkenswertes Schicksal erlitten haben, das lange Zeit unbekannt war. Die „Ernsten Bibelforscher“ waren die erste Gruppe, die aus religiösen Gründen verfolgt wurde. Ihr offizielles Verbot datiert bereits vom 24. Juni 1933. Zudem waren die Zeugen Jehovas die einzige religiöse Gruppe, die in den Konzentrationslagern der Nazis eine eigene Häftlingskategorie erhielt, den „lila Winkel“ der Bibelforscher.

So waren die damals ca. 25.000 Zeugen Jehovas in Deutschland einer sehr frühen, ganz außerordentlichen und erbarmungslosen, sehr oft jahrelangen Verfolgung ausgesetzt: Ungefähr 10.000 von ihnen wurden verfolgt, vor allem – von unterschiedlicher Dauer – inhaftiert. Etwa 2.000 Zeugen Jehovas kamen in den Konzentrationslagern um. Darüber hinaus starben oder wurden ermordet 1.200 weitere Zeugen Jehovas. Zu den letztgenannten gehören allein etwa 250, die als Kriegsdienstverweigerer zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

 

Hinter diesen blanken Zahlen stehen Lebensschicksale der Opfer und auch Schicksale ihrer Familien, denn diese waren von den Verfolgungen auch betroffen. Mit der Verfolgung der einzelnen Zeugen Jehovas wurde die gesamte Gruppe terrorisiert: Jeder von ihnen konnte sich ausrechnen, dass auch er denunziert, erkannt und bestraft werden konnte und ihm „Schutzhaft“, Konzentrationslager und auch der Tod drohten. Trotz allem blieben sehr, sehr viele der Zeugen Jehovas „standhaft trotz Verfolgung“, blieben ihrem Glauben treu und gingen unerschrocken in Haft und Tod.

 

Auch die wenigen von ihnen, die diesen Terror nicht bis zuletzt erduldeten, haben eine brutale Verfolgung erleiden müssen. Ihnen allen zollen wir hohe Anerkennung und Respekt. Die Nichte des späteren französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, Geneviève de Gaulle, die als französische Widerständlerin ebenfalls Häftling der Nazis im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück war, formulierte es aus eigenem Erleben dieser Leidensgenossinnen einmal so: „Ich hatte große Achtung vor ihnen, denn sie hätten ja von heute auf morgen freikommen können, wenn sie durch eine Unterschrift ihrem Glauben abgeschworen hätten... Im Grunde waren die Frauen, die so schwach und ausgemergelt aussahen, stärker als die SS, die die Macht auf ihrer Seite hatte und alle Mittel aufbieten konnte.“

 

Zu dieser bundesweiten Wanderausstellung der Zeugen Jehovas in Deutschland hat der Förderverein Mahnmal Koblenz einen regionalen Teil mit Schicksalen von Zeugen Jehovas aus dem Koblenzer Raum erarbeitet. Er wird zusammen mit der Ausstellung der Zeugen Jehovas im Rathaus präsentiert. Dargestellt werden von dem stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig die Schicksale von insgesamt zwölf Familien bzw. Einzelpersonen. Diese stammen zwar nicht unmittelbar aus Koblenz, da es hier zur damaligen Zeit keine Versammlung und nicht einmal eine Einzelperson dieser Glaubensgemeinschaft gab, wohl aber aus der Region Koblenz..

 

Kleine Versammlungen von Zeugen Jehovas bestanden damals in Neuwied und im Westerwald sowie an der Nahe: Von ihnen werden porträtiert: Die Familie Fritz Michaelis und Friedel Kreier aus Neuwied, Familie Gustav und Helene Meutsch aus Borod/Westerwald und Hermann Kubalski aus Wissen/Sieg, Johanna und Otto Müller sowie Heinrich Herbener aus Idar-Oberstein, Auguste Schneider aus Bad Kreuznach und Luise Thomas und ihre Töchter Anna und Ruth aus Kirn/Nahe. Außerdem gibt es Lebensbeschreibungen von Maria Hombach mit ihrer Schwester Anna aus Bad Ems, Max Hollweg aus Marienfels bei Nastätten und Jakob Stiehl aus Manubach bei Bacharach. All diesen Porträtierten ist gemeinsam, dass sie in der Nähe von Koblenz gelebt haben bzw. in Koblenz verfolgt wurden. Denn Koblenz war damals Sitz von Verwaltungsbehörden, wie der Gestapo(leit)stelle Koblenz, und von Gerichten, wie dem Sondergericht, die maßgeblich an der Verfolgung der Zeugen Jehovas in der Region beteiligt waren. Hier wurden sie in „Schutz“- und Untersuchungshaft genommen. Hier machte man ihnen vor dem Sondergericht den Prozess wegen „illegaler Betätigung für die Internationale Bibelforscher-Vereinigung“. Von hier aus organisierte man ihre Verschleppung in die Konzentrationslager und führte diese dann auch durch. Hier begann ihr Leidensweg, der manche von ihnen bis ins Konzentrationslager Auschwitz und in den Tod führte.

 

Eine ganz besondere Rolle in der Ausstellung spielt die Familie Schürmann. Ein Mitglied der Familie, Heinz Schürmann, lebt seit Jahrzehnten in Mayen. Diese große Familie, von der zahlreiche Angehörige Zeugen Jehovas waren und auch heute noch sind, hat während der gesamten NS-Zeit ein kaum vorstellbares Maß an Verfolgung erlitten. Heinz Schürmann hat dieses Schicksal zusammen mit seinem Sohn Michael jahrelang erforscht und macht es anderen ansatzweise erfahrbar. Heinz Schürmann, der als Kind seiner Familie weggenommen wurde und „umerzogen“ werden sollte, ist damit der einzige noch lebende Zeitzeuge aus dem Koblenzer Raum, der über das Schicksal der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit berichten kann. Er wird auch nach besten Kräften die Ausstellung begleiten.

Die Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung“, die vom Förderverein Mahnmal Koblenz in Kooperation mit den Zeugen Jehovas in Koblenz und mit der Stadt Koblenz gezeigt wird, wird am Mittwoch, dem 13. Januar 2010, um 19.00 Uhr im Historischen Rathaussaal durch Oberbürgermeister Dr. Eberhard Schulte-Wissermann eröffnet. Sie ist dann zu besichtigen von Donnerstag, dem 14. Januar, bis Sonntag, dem 7. Februar 2010, jeweils montags bis freitags von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr und samstags und sonntags von 11.00 Uhr bis 16.00 Uhr. Am Gedenktag am 27. Januar ist sie auch noch nach der Gedenkstunde in der City-Kirche zu besichtigen.Während der Öffnungszeiten stehen Ansprechpartner in der Ausstellung zur Verfügung. Auch sind Gruppenführungen möglich. Anmeldungen werden erbeten unter der Telefonnummer: 0261/129-1904 (Herr Thomas Preußer).

Begleitet wird die Ausstellung im Rathaus von drei Veranstaltungen: Am Montag, dem 18. Januar 2010 ist Filmabend. Gezeigt werden zwei Filme: Einmal der Film zur Ausstellung, „Standhaft trotz Verfolgung – Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime“ sowie der Film von Loretta Walz: „“’Wir hatten uns nichts vorzuwerfen’. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus“. Der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig wird dazu eine Einführung geben. Die zweite Begleitveranstaltung findet am Donnerstag, dem 21. Januar 2010, um 19.00 Uhr statt. Es ist ein Zeitzeugengespräch, das Joachim Hennig mit dem Mayener Zeugen Jehovas Heinz Schürmann über die Verfolgung der Familie Schürmann in der NS-Zeit führt. Nach den Gedenkveranstaltungen am 27. Januar 2010 gibt es am Montag, dem 1. Februar 2010, um 19.00 Uhr noch eine Veranstaltung ganz besonderer Art: Die Präsentation der Arbeit einer Schülerin für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2008/09 zum Thema „Helden“, mit der sie einen Zeugen Jehovas porträtiert hat. Mit dieser Arbeit über die „Doppelverfolgung“ der Zeugen Jehovas - sowohl in der NS-Zeit als auch in der DDR - ist die Schülerin Ann-Jacqueline Frieser vor kurzem 3. Bundessiegerin geworden. Ann-Jacqueline wird über ihre Motivation für diese Arbeit sowie deren Entstehung und Folgen berichten und auch aus der Arbeit selbst vorlesen. Ergänzt wird die Präsentation durch einen einführenden Vortrag des Rechtshistorikers Dr. Hans-Hermann Dirksen in die weithin unbekannte „Doppelverfolgung“ der Zeugen Jehovas. Sämtliche Veranstaltungen finden statt im Historischen Rathaussaal, Rathaus I, Eingang Jesuitenplatz (Tourist-Information). Der Eintritt ist jeweils frei.

 
 

Anhang:

Der regionale Teil zur Wanderausstellung der Zeugen Jehovas „Standhaft trotz Verfolgung“, der für den Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. von dessen stellvertretendem Vorsitzenden Joachim Hennig erarbeitet wurde, enthält unter dem Titel: „Trotz allem standhaft! Die Verfolgung und Resistenz der Zeugen Jehovas im Raum Koblenz 1933 – 1945“ 12 Lebensbilder von Zeugen Jehovas (Familien und Einzelpersonen), und zwar von:

  • Familie Michaelis aus Neuwied
  • Max Hollweg aus Marienfels bei Nastätten
  • Auguste Schneider aus Bad Kreuznach
  • Hermann Kubalski aus Wissen/Sieg
  • Johanna Müller aus Idar-Oberstein
  • Familie Schürmann aus Mayen
  • Maria Hombach aus Bad Ems
  • Jakob Stiehl aus Manubach bei Bacharach
  • Familie Meutsch aus Borod/Westerwald
  • Heinrich Herbener aus Idar-Oberstein
  • Luise Thomas und ihre Töchter Anna und Ruth aus Kirn/NaheFriedel Kreier aus Neuwied

 


 
 

 

 
 

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