Informationen 2008 bis 2005

Justizstaatssekretärin Beate Reich würdigt die Arbeit des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.

Am 10. November 2006 fand erstmals in der 60jährigen Geschichte der rheinland-pfälzischen Justiz eine landeseigene, justizinterne Tagung zur NS-Justiz mit dem Titel statt: „Justiz und Recht im Dritten Reich“. Zustande kam die ganztägige Tagung im Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz auf Initiative des stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz e.V., der als Richter am Oberverwaltungsgericht tätig ist. Diese Idee fand von Anfang an Unterstützung bei der neuen Spitze des rheinland-pfälzischen Justizministeriums.
Zur Tagung begrüßte Frau Staatssekretärin Reich in Vertretung des verhinderten Justizministers über 30 Richter und Staatsanwälte sowie Rechtsanwälte aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz. In ihrer Rede, in der sie die Teilnehmer ermunterte, die Justizgeschichte der Region kritisch aufzuklären, führte sie u.a. aus:
„Die Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel unserer Justizgeschichte, nämlich des verhängnisvollen Wirkens von Richtern und Staatsanwälten im Dritten Reich, ist eine schmerzvolle und gleichzeitig fundamental wichtige Herausforderung für die Justiz von heute. Auch wenn unsere Gerichte und Staatsanwaltschaften heute fest auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung stehen, so halte ich es für unerlässlich, uns mit dem Versagen vieler Verantwortungsträger in der Justiz während der unheilvollen Zeit des NS-Regimes auseinander zu setzen.
Die schonungslose Aufklärung unserer eigenen Geschichte ist vor allem deshalb so wichtig, weil gerade die Justiz von jeher als Wahrerin des Rechts verstanden und angesehen wurde. Richtern und Staatsanwälten sind vom Gemeinwesen besondere Autorität und Machtbefugnisse verliehen. Sie sind daher auch in besonderer Weise aufgerufen, mit dieser Macht verantwortungsvoll, transparent und dienend umzugehen“, betonte die Staatssekretärin. Die justizgeschichtliche Forschung habe zwischenzeitlich mit großem Engagement und Mut viel Licht in diese dunklen Ecken der Geschichte gebracht. Auch in Rheinland-Pfalz sei viel im Bereich der Gedenk- und Erinnerungsarbeit getan worden, so Reich weiter. Die Staatssekretärin hob die Aufklärung durch den Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. und die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit im heutigen Rheinland-Pfalz stellvertretend für viele zeitgeschichtliche Initiativen hervor und dankte besonders Herrn Richter am Oberverwaltungsgericht Joachim Hennig für sein unermüdliches Engagement in diesem Bereich.
„Schuld ist immer eine persönliche Kategorie: Sie ist geknüpft an individuelles Entscheiden und Handeln und Folge individuellen Versagens. Es ist daher unerlässlich und höchst aufschlussreich, sich den Biografien der Täter zuzuwenden, sie zu erforschen. Genauso wichtig ist es, die Geschichte der Opfer aufzuzeigen, ihre Schicksale bekannt zu machen und zu würdigen. Es sind immer individuelle Menschen, denen Unrecht geschah, deren Lebensentwürfe zerstört und deren einmalige Existenz unwiederbringlich vernichtet wurde“, so Reich.
Die Staatssekretärin unterstrich die Bedeutung justizinterner Fortbildungen zum Thema NS-Justiz und zeigte sich erfreut, dass in Koblenz eine wichtige Ergänzung und Vertiefung der entsprechenden Veranstaltungen der Deutschen Richterakademie angeboten würde. Sie ermutigte die Teilnehmer zur offenen und kritischen Auseinandersetzung und betonte abschließend: „Der kritische Blick auf den politischen Kontext, in dem wir als Juristinnen und Juristen arbeiten, darf uns nie verloren gehen.“
Justizrat Dr. Norbert Westenberger, Präsident der mitveranstaltenden Rechtsanwaltskammer beim Oberlandesgericht Koblenz, sprach ein Grußwort an die Teilnehmer und zeigte sich sehr erfreut, dass auch in Koblenz wie inzwischen an zahlreichen anderen Orten Deutschlands die Schicksale jüdischer Juristen, insbesondere jüdischer Rechtsanwälte, erforscht und dokumentiert würden.
Anschließend fand die ganztägige Tagung im großen Sitzungssaal des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz statt. Themen waren u.a.: Die Demontage des Rechtsstaats, Erbgesundheitsgerichte und Euthanasieaktion T 4, Sondergerichte und Volksgerichtshof sowie die Biografie der jüdischen Juristenfamilie Brasch. Referenten waren neben Joachim Hennig die Dres. Wolfgang Stein und Jost Hausmann, beides Archivare beim Landeshauptarchiv in Koblenz. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit der Vorführung zweier Filme, einem Stadtrundgang sowie einer Ausstellung des Fördervereins Mahnmal Koblenz e.V. über Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung mit Justizhintergrund. Beigetragen zum Erfolg der Tagung haben auch andere Mitarbeiter des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz. Wegen der ausgesprochen guten Resonanz der Veranstaltung erwägt das Justizministerium eine weitere Tagung dieser Art im südlichen Rheinland-Pfalz, etwa in der Gedenkstätte KZ Osthofen.
Einen Eindruck von der Tagung und der Ausstellung des Fördervereins Mahnmal Koblenz vermitteln auch die Fotos, die vom Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt wurden:




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Lustig war das Zigeunerleben nie
Joachim Hennig stellte sein Erinnerungsbuch über Daweli Reinhardt in Lehnitz vor
ROTRAUD WIELAND

LEHNITZ. "Was für eine Veranstaltung!", zeigte sich am Samstagnachmittag Cornelia Berndt, die Leiterin der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte, beeindruckt. Nicht nur, dass die Buchvorstellung fast drei Stunden beanspruchte, sondern dass sie aus einer Geschichtsstunde, einer Lesung und einer Filmvorführung bestand. Und damit die etwa fünfzehn Besucher dieser Mammutstrecke gewachsen waren, gab es eine Pause, in der Kaffee und. kalte Getränke bereitstanden. Außergewöhnlich war auch der Referent des Nachmittags, der zusammen mit seiner Frau aus Koblenz angereist war.
Als Richter am Oberverwaltungsgericht stellte sich Joachim Hennig vor und als jemand, der sich als stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins "Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus Koblenz" dafür einsetzt, dass die Schrecken dieser Zeit nicht vergessen werden. So entstand die Dauerausstellung " Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung", in der fünfzig Einzelschicksale dokumentiert werden und in der auch der in Neuwied, geborene Friedrich Wolf aufgenommen werden sollte.
Also rief Joachim Hennig vor etwa einem Jahr in der Lehnitzer Friedrich-Wolf-Gedenkstätte an und bat Cornelia Berndt um entsprechendes Material. Sie wiederum erfuhr in diesem Zusammenhang von dem Erinnerungsbuch "Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben", das Joachim Hennig aus Gesprächen mit der Titelfigur verfasst und zu einem beeindruckenden Ausschnitt jüngster deutscher Geschichte aufgearbeitet hat.
Daweli Reinhardt, der heute 74 Jahre alt und nicht mehr gesund ist, stammt aus einer weit verzweigten Musiker-Familie. Eine nahe Verwandtschaft zu dem legendären Ausnahmegitarristen Django Reinhardt, so erzählt Daweli in dem Buch, sei ebenso wenig feststellbar wie zu Schnuckenack Reinhardt, in dessen bekanntem Swing-Quartett er jahrelang die Sologitarre spielte.
Denn der Name "Reinhardt" wäre sehr verbreitet unter den Sinti. Und damit ist das Stichwort gefallen, das zum Schicksal von Daweli Reinhardt wurde.
Als Zehnjährigen deportierte man ihn 1943 zusammen mit 148 Koblenzer Sinti nach Auschwitz-Birkenau, da das Leben von "Zigeunern" unter den Nazis ebenso wie das der Juden und anderer Gruppen als unwert galt.
Vor diesem Hintergrund schilderte Joachim Hennig zunächst die Geschichte der Sinti und Roma, die er bis 1407 zurückverfolgte, als sie das erste Mal, vermutlich aus Indien kommend, in der Nähe von Hildesheim auftauchten. Das Leben der Zigeuner sei stets von Verfolgungen geprägt gewesen, die unter dem NS-Regime ihren Höhepunkt erreichten. Der junge Daweli Reinhardt mit der eintätowierten, noch heute lesbaren Häftlingsnummer "Z 2252", überlebte die Schrecken von Ravensbrück, von Sachsenhausen und die des Todesmarsches. Nach Koblenz zurückgekehrt, sind es seine Gitarre und die Musik, die ihm seine Lebensfreude zurückgeben. Schon 1953 mit einer Reinhardt Combo oder in den sechziger Jahren mit einem Reinhardt Trio machte er Tanzmusik, aber mit dem 1967 gegründeten Schnuckenack-Reinhardt-Quintett erlebte er seine größten Erfolge. Und das, obwohl er, wie seine Brüder und später seine Söhne sowie Enkel nie eine Ausbildung, sondern ganz einfach Musik im Blut hat.
Presseartikel von Neue Oranienburger Zeitung und Märkische Allgemeine jeweils vom 24. Juli 2006


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