Auch ein zweites Mal war der Förderverein Mahnmal Koblenz besonders aktiv beim Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten im Jahr 2008/09. Hier lag allerdings die Hilfe mehr im Vorfeld, im „Finden“ des ganz konkreten Themas. Die Schülerin Ann-Jacqueline Frieser, die selbst Zeugin Jehovas ist, suchte eine Biografie über engagierte Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus. In ihrer Umgebung wurde sie mit Lydia Rickal, geb. Michaelis, bekannt und erfuhr von der Verfolgungsgeschichte deren Eltern Fritz und Liesbeth Michaelis aus Neuwied. Von da war es nicht mehr weit bis zum Kontakt zu dem stellvertretender Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig. Weil er aber selbst vor einigen Jahren eine größere Biografie über die Familie Michaelis geschrieben hatte, riet er ihr, anhand eines Lebensschicksals die vielfach noch unbekannte „Doppelverfolgung“ der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit und in der DDR darzustellen. Daraufhin konnte der Kontakt zu dem Spezialisten auf diesem Gebiet hergestellt werden - zu dem Juristen Dr. Hans-Hermann Dirksen Dieser wiederum machte sie bekannt mit Herrn Thomas Malessa. Mit dessen Hilfe fand Ann-Jacqueline Frieser schließlich „ihren“ Zeitzeugen, den 97-jährigen Richard Rudolf. Um sein Schicksal gründlich erforschen zu können, nahm sie sogar eine mehr als 800 km lange Fahrt auf sich, um nach einer Zwischenstation in der Gedenkstätte KZ Neuengamme Herrn Rudolf in der Nähe von Husum/Schleswig-Holstein einen ganzen Tag lang zu interviewen. Als Resümee ihrer sehr ausführlichen und tief schürfenden Arbeit kommt Ann-Jacqueline Frieser zu dem Ergebnis: „Richard Rudolf ist kein Held. Richard Rudolf ist ein Vorbild.“
Ungewöhnlich ist an Ann-Jacqueline Frieser nicht nur dieses Engagement, sondern auch ihre eigene Biografie selbst. 1992 in Donaueschingen geboren, zog sie mit fünf Jahren mit ihren Eltern, die ebenfalls Zeugen Jehovas sind, nach Estland. Dort ging sie zur Schule und lernte nicht nur perfekt Estnisch, sondern entdeckte auch ihre Liebe zur Musik. Außer Blockflöte spielte sie mittelalterliche Musikinstrumente und spezialisierte sich auf mittelalterliche, Barock- und Renaissancemusik.
Im Jahr 2002 kehrten ihre Eltern nach Deutschland zurück und ließen sich in Wittlich nieder. Seitdem besucht Ann-Jacqueline das Cusanus-Gymnasium in Wittlich. Im März 2010 – im Alter von 17 Jahren - wird sie dort ihr Abitur machen.
Schon früher hat Ann-Jacqueline Frieser an Wettbewerben teilgenommen. Noch in Estland war sie erfolgreich an verschiedenen Estnisch-, Mathematik- und Teamolympiaden. In Wittlich gewann sie mit einem Gedicht den Einzelpreis im Kreativwettbewerb „Apokalyptische Reiter“. Nach dem Abitur möchte sie einige Monate ins Ausland gehen, u.a. nach Estland, um im dortigen Zweigbüro der Zeugen Jehovas mitzuarbeiten. Anschließend möchte Ann-Jacqueline Frieser ein duales Studium als Bankkauffrau/Bachelor of Arts o.ä. aufnehmen.


 

Ganz normale Helden:
Richard Rudolf und die Doppelverfolgung der Zeugen Jehovas

von Ann-Jacqueline Frieser

I. Einleitung


„Wir waren keine Helden!“ Diese Aussage las und hörte ich immer wieder, als ich mich mit Zeitzeugen beschäftigte, die als Zeugen Jehovas in der NS-Zeit und unter der SED-Diktatur verfolgt wurden. Warum kommen die Verfolgten zu diesem Schluss? Kann man diese Aussage so stehen lassen oder war ihr Verhalten vielleicht doch „heldenhaft“?

Heute gibt es eine Vielzahl von Vorstellungen dessen, was ein Held ist. „Google“ liefert unter dem Stichwort „Held“ 388.000.000 Einträge. Darunter fallen Freiheitskämpfer ebenso wie Menschen, die gegen eine Krankheit ankämpfen. Sogar Zeichentrickfiguren werden als Helden bezeichnet.

Wenn nun untersucht werden soll, ob Zeugen Jehovas im Allgemeinen und speziell Richard Rudolf heldenhaft gehandelt haben, muss zuerst eine Definition dessen gefunden werden, was als „heldenhaft“ gelten soll.

Die Definition im Ausschreibungstext dieses Wettbewerbs lautet: „Sie gelten als wagemutig und stark, als Menschen, die etwas Außergewöhnliches geleistet haben, oder sich unerschrocken einer schweren Aufgabe gestellt haben.“

Ich möchte dem noch hinzufügen, dass Helden Menschen sind, die die Überzeugung haben, es gebe etwas Wichtigeres, als ihren eigenen Vorteil, vielleicht sogar als ihr Leben, sei es nun eine Idee, eine Weltanschauung oder das Wohlergehen anderer. Das, was einem als „heldenhaft“ gilt, hängt jedoch stark von den eigenen Vorstellungen und Idealen ab.

Warum möchte ich in dieser Arbeit ausgerechnet untersuchen, ob Jehovas Zeugen, die sowohl unter dem NS-Regime als auch in der DDR trotz Verfolgung ihren Glauben bewahrten, Helden waren?

Das Ziel dieses Wettbewerbs ist es, junge Menschen dazu anzuregen, in ihrem persönlichen Umfeld zu forschen. Da ich heute selbst eine getaufte Zeugin Jehovas bin, fühle ich mich mit meinen Glaubensbrüdern eng verbunden. Einigen von ihnen begegne ich zweimal wöchentlich beim Gottesdienst, anderen bei Kongressen. Außerdem verbringe ich einen Teil meiner Freizeit mit ihnen. Dadurch besteht für mich ein eindeutiger biografischer Bezug. Außerdem handelt es sich bei der Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland um Geschichte, die weder zeitlich noch räumlich weit entfernt ist.

Das NS-Regime hat vor gerade einmal 64 Jahren aufgehört zu existieren, die DDR sogar erst vor nicht einmal 19 Jahren. Somit handelt es sich zwar um Ereignisse, die vor meiner Geburt stattgefunden haben, doch kann sich meine Forschungsarbeit neben schriftlichen Quellen auch noch auf „oral history“ - Quellen stützen. Auch ist die Verfolgung von Jehovas Zeugen unter der Hitler-Diktatur und in der DDR ein Thema, das quasi vor der Haustür liegt.

Doch warum ist dieses Thema von Interesse?

Zunächst einmal handelt es sich bei der Verfolgung der Zeugen Jehovas laut Dr. Detlef Garbe „um einen ganz eigenartigen Vorgang“. Deutsche Zeugen Jehovas waren zwar keine rassischen Feinde des NS-Regimes, doch gehörten sie zu den ideologischen Feinden. Dabei waren sie eine der wenigen Gruppen, die nicht wegen ihrer politischen Überzeugung, sondern wegen ihrer religiösen verfolgt wurden.

Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass berichtet in seiner 2006 erschienen Autobiografie von einem Zeugen Jehovas unter der Hitler-Diktatur:

„Die Ausnahme war ein hochaufgeschossener Junge, der weizenblond, blauäugig und im Profil so langschädlig geraten war, wie ihn sonst nur Lehrtafeln für die Aufzucht der nordischen Rasse beispielhaft ins Bild brachten. Kinn, Mund, Nase, Stirn gaben, mit einer Linie gezeichnet, die Zeugnisnote „rasserein“ ab. ... Kein Fehl haftete ihm an, nicht eine winzige Warze am Hals, an der Schläfe. Nicht, dass er lispelte oder gar stotterte, sobald er auf Befehl Auskunft zu geben hatte. Niemand war ausdauernder beim Dauerlauf und mutiger beim Sprung über modrige Gräben. ... Nichts, kein Tadel trog sein Bild. Doch zur wirklichen Ausnahme wurde er, dessen Vor- und Nachname mir wie ausgelöscht sind, durch Verweigerung. ... Er weigerte sich, Kolben und Lauf der Waffe anzufassen, noch schlimmer: wurde ihm der Karabiner ... in die Hand gedrückt, ließ er ihn fallen.“

Diese feste religiöse Überzeugung, die dieser Zeuge Jehovas, Joachim Alfermann, und viele andere so mutig vertraten, hat mich im Laufe meiner Nachforschungen immer wieder beeindruckt. Dieser Mut war auch der Kommunistin Gertrud Keen, die im KZ Moringen inhaftiert gewesen war, aufgefallen. Sie sagte sogar: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“.

Besonders fiel mir die Tatsache auf, dass Jehovas Zeugen zu den ersten Gruppenverfolgten gehörten – und das obwohl sie 1933 in der deutschen Bevölkerung nur eine relativ kleine Gruppe von 25.000 Gläubigen waren. Für die Nationalsozialisten stellten sie eine solche Ausnahme dar, dass sie als einzige religiöse Gruppe in den Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten ein eigenes Abzeichen zugewiesen bekamen – den „lila Winkel“.

Auch in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) ereilte sie am 31.August 1950 ein Verbot, das 40 Jahre Bestand hatte. Und das obwohl viele Zeugen Jehovas zunächst wegen ihres Verhaltens in der NS-Zeit als Helden gefeiert wurden. In der DDR waren Zeugen Jehovas „die einzige durchgängig und flächendeckend verfolgte gesellschaftliche Gruppe“.

Nach dem Ende beider Diktaturen wurde ihrem Schicksal jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Warum nicht? Zum Einen bestand seitens Außenstehender zunächst kein großes Interesse, die Geschichte der Zeugen Jehovas aufzuarbeiten.
Dies verwundert mich, da die Verfolgung dieser Gruppe so eine Vielzahl von Besonderheiten aufweist.

Als weitere Ursache kann man nennen, dass sich die Religionsgemeinschaft auf Grund negativer Erfahrungen zurück hielt, ihre Archive für Historiker zu öffnen und Dokumente aus den Archiven herauszugeben. Erst dank der von dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. angeregten Forschungsarbeit begann man sich auch in Deutschland näher mit dem Verfolgungsschicksal der Zeugen Jehovas auseinanderzusetzen. Ein Hauptgrund für die späte Aufarbeitung ist sicherlich die Zurückhaltung der Opfer über ihre Erlebnisse in der Öffentlichkeit zu sprechen. Einerseits war es lange Zeit auch in anderen Opfergruppen tabuisiert über das in der NS- oder der DDR-Zeit Durchlittene zu sprechen, andererseits wehrten sich besonders ehemals verfolgte Zeugen Jehovas vehement gegen eine Titulierung als Held. Sie hatten ihren Glauben aus dem Bewusstsein heraus bewahrt, für Gott einzustehen und ihre Situation als gottgegeben hingenommen. Dies geschah nicht in der Absicht, als Märtyrer in die Geschichte einzugehen. Wenn Jesus in dieser Zeit gelebt hätte, davon waren sie überzeugt, wäre auch er verfolgt worden.

Wie konnte es also in zwei direkt aufeinander folgenden Staatssystemen mit so unterschiedlicher Zielsetzung in ein und demselben Land zu einer Verfolgung einer rein religiösen Gruppe kommen, galt doch offiziell der Grundsatz der Religionsfreiheit? Diese Frage ist auch heute für den Umgang mit Diskussionen in Bezug auf die Religionsfreiheit oder die freie Meinungsäußerung von fundamentaler Bedeutung.

Warum habe ich dazu das Beispiel Richard Rudolfs als Held ausgewählt?

Zunächst eignet sich sein Leben hervorragend, um das Thema Doppelverfolgung zu behandeln: Neun Jahre Inhaftierung unter dem NS-Regime, zehn Jahre DDR-Haft! Neunzehn Jahre, in denen er seinem Gewissen treu blieb! Er hat also voll miterlebt, was es bedeutete, von beiden Regimen verfolgt zu werden. Beide Diktaturen hat er nicht als Kind, sondern als Erwachsener erlebt und war sich somit vollkommen über Motive und Konsequenzen seines Handelns bewusst. Durch die lange Haftzeit in DDR-Gefängnissen, konnte er außerdem die Erlebnisse der NS-Verfolgung nochmals in Gedanken durchleben, wodurch diese in seinem Gedächtnis gut verankert sind. Es erstaunte mich im Laufe meines Gesprächs mit ihm immer wieder, welch zuverlässige Angaben über diese Erfahrungen er in seinem Alter von 97 Jahren machen kann.

Das Leben Richard Rudolfs wird zudem durch das Thema des Wettbewerbs äußerst treffend gekennzeichnet. Nachdem er unter dem NS-Regime zweieinhalb Jahre im Gefängnis und sieben Jahre im KZ seinen Glauben bewahrt hatte, bekam er in der DDR zunächst den Ehrentitel „Opfer des Faschismus“ anerkannt. Als bemerkt wurde, dass sich Jehovas Zeugen auch von dem neuen Staat nicht vereinnahmen ließen, verbot man die Religionsgemeinschaft kurzerhand. Mit diesem Verbot im Jahr 1950 änderte sich die Situation grundlegend. Der Titel wurde ihm aberkannt. Mehr noch, Richard Rudolf verbrachte in der DDR zehn Jahre im Gefängnis. Nachdem auch die zweite deutsche Diktatur zusammengebrochen war, wurde sein Schicksal (fast) vergessen.

In meiner Arbeit möchte ich also folgende Fragen klären:

Handelte Richard Rudolf „heldenhaft“? Was veranlasste ihn und seine Glaubensbrüder so zu handeln, wie sie es taten? Wie wurden sie von ihren Zeitgenossen gesehen? Hat sich die Sichtweise im Laufe der Zeit geändert? Nach welchen Maßstäben wurde ihr Handeln dabei beurteilt? Warum konnte dasselbe Verhalten so unterschiedlich bewertet werden, dass es mal als „heldenhaft“ und ein andermal als staatsfeindlich galt? Wie will Richard Rudolf selbst wahrgenommen werden?

Um diesen Fragen nachzugehen, möchte ich zunächst die Rahmenbedingungen herausarbeiten. Wie hatte sich die Organisation der Zeugen Jehovas in Deutschland vor 1933 entwickelt? Welche grundsätzlichen Glaubenslehren prägten ihr Verhalten in der Folgezeit? Wie war ihr Verhältnis zum Staat allgemein?

II. Allgemeine Darstellung der Situation vor 1933

1. Entstehung der Zeugen Jehovas (Bibelforscher)

In den 1870er Jahren begann Charles Taze Russell zusammen mit einigen Bekannten in Allegheny (Pennsylvanien, USA) die Bibel zu studieren. Charles T. Russell stammte aus einem frommen presbyterianischen Elternhaus. Allerdings er war der Überzeugung, dass „obwohl jedes der verschiedenen Glaubensbekenntnisse gewisse Bestandteile der Wahrheit enthielt, sie doch als ganzes irreführend und mit dem Worte Gottes im Widerspruch waren“.

Russell verfolgte das Ziel, das Urchristentum wiederherzustellen.

Um seine Erkenntnisse möglichst weit zu verbreiten, gab Russell ab Juli 1879 die Zeitschrift Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence heraus.

In der Folgezeit wurden außerdem vielerorts sogenannte „Klassen“ oder „Ekklesias“ gegründet, um die kleinen Gruppen Gläubiger zu vereinen. In den Zusammenkünften dieser „Klassen“ wurden die Bibel erklärenden Schriften Russells besprochen. Diese Zusammenkünfte wurden im Laufe der Zeit immer wichtiger.

Im Jahr 1881 wurde die Zion’s Watch Tower Tract Society gegründet, die im Jahr 1884 im Staat Pennsylvanien gesetzlich eingetragen wurde. Charles Taze Russell wurde als Präsident der Gesellschaft eingesetzt.

In London wurde 1914 die International Bible Student’s Association (Internationale Bibelforscher Vereinigung / Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher) gegründet, die fortan der Glaubensgemeinschaft ihren Namen gab.

2. Ihre Grundlehren

Um das Verhalten der Bibelforscher zu verstehen, muss man zunächst einige Grundlehren der Religionsgemeinschaft kennen. Dabei soll es im Folgenden nicht darum gehen, jede Grundlehre theologisch und anhand der Bibel zu überprüfen oder werbend dafür einzutreten. Es soll lediglich ein kurzer Überblick gegeben werden, da ohne eine Kenntnis dieser Lehren die Gewissensbildung der einzelnen Gläubigen unverständlich bleibt und somit keine objektive Bewertung ihres Verhaltens erfolgen kann.

Für die ersten Bibelforscher rund um C. T. Russell galt die Bibel als oberste Autorität. Dieser Grundsatz gilt bis heute.

Zeugen Jehovas praktizieren eine monotheistische Glaubenslehre, es gibt keinen dreieinigen Gott. Gott hat den Namen Jehova / Jahwe (JHWH) und ist der oberste Souverän des Universums. Sein Sohn Jesus Christus ist der Heiland, der die Menschen von Sünde und Tod befreit.

Von Anfang an wurde das Missionswerk stark betont. Jehovas Zeugen sahen und sehen es als ihre Pflicht an, dem Auftrag, Gottes Königreich zu verkünden, unter allen Umständen nachzukommen.

Auch die Zusammenkünfte in den verschiedenen Gruppen besaßen von Beginn an einen hohen Stellenwert. Es war wichtig sie beizubehalten, um einander im Glauben zu stärken.

Ihr Bibelverständnis hatte direkte Auswirkungen auf das Verhalten der Zeugen Jehovas unter beiden Diktaturen.

3. Verbreitung der Zeugen Jehovas in Deutschland vor 1933

Im Deutschen Reich erschien der Wachtturm ab 1897 in deutscher Sprache. Daraufhin bildeten sich auch im Deutschen Kaiserreich erste Gemeinden, sogenannte „Versammlungen“. Daher wurde 1902 in Wuppertal-Elberfeld ein eigenes Zweigbüro gegründet. Ab 1903 druckte man den Wachtturm in Deutschland.

Eine Herausforderung stellte der Ausbruch des „Großen Krieges“ – des Ersten Weltkrieges – an die Gläubigen. Wie sollten sie sich in einer Kriegssituation verhalten? Ein derartiges Problem hatte es bisher noch nicht gegeben.

Russell erklärte, Bibelforscher sollten in den Ländern, in denen diese Alternative bestehe, den Kriegsdienst verweigern. Gebe es diese Möglichkeit nicht, solle man sich möglichst zu Sanitätsdiensten o. ä. einteilen lassen, ansonsten könne man zwar in der Front mitmarschieren, jedoch sei es laut der Bibel verboten, seinen Mitmenschen zu töten.

Auf Grund dieser vagen Anweisungen kam es zu unterschiedlichen Verhaltensweisen. In Deutschland gab es keine Möglichkeit, den Wehrdienst aus religiösen Gründen zu verweigern. Daher kam die Mehrzahl der Bibelforscher in Deutschland der Einberufung zunächst nach. Etliche konnten jedoch zum waffenlosen Dienst eingeteilt werden.

Es ist auch bekannt, dass einige in die Schützengräben zogen, jedoch nicht auf Menschen, sondern nur in die Luft schossen. Leider kann historisch auf Grund fehlender Quellen nicht geklärt werden, ob tatsächlich alle der Aufforderung, nicht zu töten, im Ersten Weltkrieg nachkamen.

Gegen Mitte und Ende des Ersten Weltkrieges lehnten jedoch immer mehr Bibelforscher den Wehrdienst ab. Diese Wehrdienstverweigerer wurden entweder zu Gefängnisstrafen verurteilt oder in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Diese Änderung der Einstellung rührte auch daher, dass man nicht mehr nur das Tötungsverbot zur Beantwortung der Frage nach der Kriegsdienstverweigerung zu Grunde legte, sondern auch zu der Einschätzung gelangte, Christen müssten sich wie Jesus in politischen Angelegenheiten „neutral“ verhalten.

So wurden die Kirchen sowie die staatlichen Stellen auf die Bibelforscher in Deutschland aufmerksam. Die zunehmende Verweigerung des Kriegsdienstes zum Ende des Ersten Weltkrieges hin, die öffentliche Missionstätigkeit, kirchenkritische Veröffentlichungen sowie der Zuspruch, den die Religionsgemeinschaft vor allem von desillusionierten Kriegsheimkehrern erhielt, all dies erweckte das Misstrauen kirchlicher und staatlicher Behörden. Hinzu kam noch die Lehre, Jehova Gott werde die irdischen Regierungen beseitigen, was viele als Hinweis auf revolutionäre Tendenzen innerhalb der Bibelforschergemeinde ansahen.

Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik wurde den Bibelforschern vorgeworfen, „im Bunde mit Freimaurern, Juden und Marxisten“ zu stehen. Derartige Behauptungen rührten daher, dass man die Lehren der Bibelforscher (in einigen Fällen sicher absichtlich) missverstand. Wie bereits angedeutet, lehrten die Bibelforscher, Gott werde bald die bestehenden Herrschaftsverhältnisse umstürzen und das messianische Königreich unter Jesus Christus auf der Erde errichten. Unter dieser Regierung werde auf der Erde Gerechtigkeit herrschen. Daraus leitete sich die absurde Anschuldigung ab, die Bibelforscher planten eine Revolution. Die Schaffung einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind, empfand man als Anlehnung an Marx. Dass sich die Internationale Bibelforscher-Vereinigung (IBV) als unpolitisch sowie rein religiös verstand und ihre Auffassungen nur auf die Bibel stützte, wurde ignoriert. Das Fehlen von jeglichem Antijudaismus erschien antisemitischen Bewegungen mehr als befremdlich.

Das Verhalten und die Lehre der Bibelforscher liefen bereits im Kaiserreich und später in der Weimarer Republik den allgemeinen Vorstellungen von Helden zuwider. Im kriegsbegeisterten Deutschen Reich, aber auch in der ersten deutschen Republik wurden Militärs wie Helden verehrt. Eine Gruppierung, die den Krieg ablehnte, konnte dementsprechend nicht als heldenhaft gelten, sondern musste in der Bevölkerung auf Ablehnung stoßen.

III. Allgemeine Darstellung der Situation von 1933-1945

1. Erste Reaktionen auf die Machtübernahme Hitlers

Von Beginn an wurden Jehovas Zeugen von den Nationalsozialisten als unbequem wahrgenommen. Zum Einen wurden Vorurteile aus der Zeit der Weimarer Republik übernommen, laut derer Jehovas Zeugen „im Bunde mit Freimaurern, Juden und Marxisten“ stünden – den größten Feinden das neuen Regimes.

Die neue Regierung erwartete von der Bevölkerung, die Überlegenheit der „deutschen Herrenrasse“ zu verfechten. Helden waren diejenigen, die sich daran beteiligten, andere „nicht arische“ Menschen zu demütigen und zu vernichten. Helden waren diejenigen, die sich voll von dem neuen Staat vereinnahmen ließen und den „Gott“ seines eigenen Kultes, Adolf Hitler, verehrten. Helden waren diejenigen, die die „deutschen Tugenden“ Kraft, Stärke und Mut verkörperten.

Dagegen proklamierten die Bibelforscher, alle Menschen seien vor Gott gleich, was bereits durch den Namen Internationale Bibelforscher-Vereinigung angedeutet wurde. Wie ihre Monatsschrift Das Goldene Zeitalter erläuterte, bezog sich dieser Name keineswegs auf internationale politische Bestrebungen, wie sie dem Kommunismus zu Eigen waren, sondern rein auf das religiöse Werk. Zeugen Jehovas missionierten in vielen Teilen der Erde, waren also nur in religiösem Sinne international ausgerichtet. Natürlich wurden solche Erklärungen nicht akzeptiert. Den Nationalsozialisten war eine Beteuerung, nicht politisch zu agieren, viel zu wenig – jeder in der „Volksgemeinschaft“ hatte sich für das System Hitlers zu engagieren.

Eine Gruppe, die allein in Gottes Königreich die Lösung aller Probleme sah, musste einer Regierung, die sich selbst als „Erlöser“ des deutschen Volkes anpries, ein Dorn im Auge sein. Die Bibelforscher agierten im NS-Sinne nicht heldenhaft. Im Gegenteil – in ihren Zielen liefen sie dem NS-Regime zuwider und weigerten sich entschieden, sich anzupassen. Dadurch wurden sie zu Staatsfeinden.

In der ersten Hälfte des Jahres 1933 bemühte sich der deutsche Zweig der Zeugen Jehovas unter der Leitung von Paul Balzereit den drohenden Konflikt mit den neuen Machthabern abzuwenden.

So wurde zum Beispiel auf einem Kongress am 25. Juni 1933 in Berlin eine Resolution verlesen, in der man sich bemühte, die neuen Machthaber von dem Charakter der Organisation in Kenntnis zu setzten.

2. Das Verbot der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung

Von Beginn an weigerten sich die deutschen Bibelforscher, den Hitlergruß zu gebrauchen, denn das „Heil“ könne nur durch den Heiland, Jesus Christus, und nicht von einem Menschen kommen. Diese Tatsache genügte später in einigen Fällen, Bibelforscher in ein KZ zu überstellen, denn solch ein Verhalten lief der Vorstellung der Nazis von einem Helden komplett zuwider. Nicht nur, dass Zeugen Jehovas es ablehnten, Hitler zu vergöttern, sie setzten ihr Vertrauen auch noch voll und ganz auf Gott – und das obwohl der Gottesglaube bei Nationalsozialisten verpönt war.

Beginnend mit dem Verbot der IBV in Mecklenburg am 10. April 1933 wurde die Organisation in allen deutschen Ländern aufgelöst.

Um die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit nicht zu verletzen, wurden diese Verbote auf den §1 der Reichstagsbrand-Verordnung vom 28. Februar 1933 gestützt. Diese Verordnung sollte laut der Präambel „zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte dienen“ und um diese Verordnung auch auf die Bibelforscher anwenden zu können, wurde folgende, an den Haaren herbeigezogene, Begründung für das Verbot gefunden:

„Die Bibelforscher-Vereinigung und die ihr nahe stehenden Gesellschaften leisten mithin auch auf rein politischem Gebiet dem Kommunismus Vorschub und stehen im Begriff, sich zu einer Auffang-Organisation für die verschiedensten staatsfeindlichen Elemente zu entwickeln. Eine organisatorische und zielbewusste kommunistische Betätigung wird aus den Reihen der kommunistischen Anhänger der Bewegung getätigt. Zur Abwehr kommunistischer Umtriebe und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist daher ihre Auflösung zum Schutz von Volk und Staat geboten.“
Jehovas Zeugen wurden also offiziell nicht als Religionsgemeinschaft verboten. Der amtliche Grund des Verbots war vielmehr ihre angebliche Nähe zum Kommunismus. Damit wurden Jehovas Zeugen mit einem der Hauptfeinde des Nationalsozialismus in einen Topf geworfen und ein besonders hartes Vorgehen der Organisation gegenüber wurde legitimiert.

Wie reagierten Jehovas Zeugen auf das Verbot?

3. Widerstand von Anfang an


Trotz des Verbots behielten die meisten Anhänger der IBV ihr Glaubensleben bei. Es wurden weiterhin Zusammenkünfte in den einzelnen Ortsgruppen, die in kleinere Gruppen aufgeteilt worden waren, abgehalten – jetzt allerdings geheim.

Die Tatsache, dass keine öffentlichen Zusammenkünfte mehr abgehalten wurden, zeigt, dass die Bibelforscher durchaus bemüht waren, den Konflikt mit den staatlichen Behörden nicht weiter zu verschärfen. Dennoch waren sie nicht bereit, ihren Glauben aufzugeben.

Aus diesem Grund wurde auch die Missionstätigkeit nicht nur fortgeführt, sondern, wie auf dem internationalen Kongress vom 7. - 9. September 1934 in Basel unter Beteiligung von ungefähr 1000 Delegierten aus dem Deutschen Reich beschlossen worden war, sogar intensiviert.

Dazu begann man einerseits die nunmehr illegalen Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft, insbesondere den Wachtturm, aus dem Ausland nach Deutschland zu schmuggeln. Zudem wurden diese Publikationen auch in Deutschland selbst vervielfältigt. Diese Abschriften des Wachtturms und anderer Literatur wurden auch in Gefängnisse oder sogar in Konzentrationslager eingeschleust, um die inhaftierten Glaubensbrüder nicht von der Versorgung mit „geistiger Speise“ abzuschneiden. Dabei wurde der außerordentliche Ideenreichtum der freien Zeugen Jehovas unter Beweis gestellt.

Kinder von Zeugen Jehovas, die in der Schule den „Deutschen Gruß“ verweigerten, wurden teilweise vor der ganzen Schule gedemütigt, geschlagen oder sogar der Schule verwiesen. Bibelforscherkinder wurden auch häufig ihren Eltern entrissen und wuchsen in Heimen auf, in denen man versuchte, ihren Glauben zu brechen und ihnen die NS-Ideologie einzutrichtern, was häufig nicht gelang.

Selbst viele Kinder besaßen bereits innere Stärke. Eine innere Stärke, durch die sie es schafften, unter widrigsten Umständen ihre Grundsätze zu bewahren. Eine innere Stärke, wie wir sie heute von Helden erwarten. Ein Held ist für uns heutzutage jemand, der nicht zuerst an seinen Vorteil denkt, sondern bereit ist, Nachteile in Kauf zu nehmen, um anderen zu helfen oder um seine Überzeugung beizubehalten. Dafür benötigt er eine mentale Kraft, wie sie viele Zeugen Jehovas und sogar ihre Kinder im Nationalsozialismus hatten.

Zeugen Jehovas und ihre Kinder traten außerdem keiner der NS-Massenorganisationen wie der „Hitlerjugend“(HJ), dem „Bund Deutscher Mädchen“ (BDM), der „NS-Volkswohlfahrt“ oder der „Deutschen Arbeiterfront“ bei, was oft ebenfalls schwerwiegende Folgen hatte.

Die Weigerung, der „Deutschen Arbeiterfront“ beizutreten, sowie das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ kosteten viele Bibelforscher den Arbeitsplatz und führten so zum Verlust der „wirtschaftlichen Existenz“.

Jehovas Zeugen beließen es jedoch nicht allein dabei, „sich dem nationalsozialistischen Staat bedingungslos“ zu verweigern, im Untergrund weiterzuarbeiten und passiven Widerstand zu leisten, sondern „engagierte[n]“ „sich über die Verteidigung ihrer Interessen hinaus gegen das Unrechtssystem“. Wie?

Am 12 .Dezember 1936 wurde eine Protestresolution als „offener Brief“ in einer nächtlichen Flugblattaktion an rund 100.000 Haushalte verteilt. Diese Aktion wiederholten sie im Juni 1937.

Da Jehovas Zeugen zu den ersten Häftlingen in den Konzentrationslagern gehörten, wurde bereits 1933 in der Zeitschrift Das goldene Zeitalter über das Vorhandensein von Konzentrationslagern berichtet. Dieser und alle folgenden Artikel stützten sich auf Berichte, die von inhaftierten Bibelforschern aus den Lagern geschmuggelt wurden. Im Jahr 1937 veröffentlichte man sogar genaue Skizzen der Konzentrationslager Sachsenhausen und Esterwegen mit Erläuterungen zu den Gräueltaten, die dort vor sich gingen, in dem Buch Kreuzzug gegen das Christentum. Der Literatur-Nobelpreisträger Dr. Thomas Mann beurteilte dieses Buch folgendermaßen: „Auf jeden Fall haben sie ihre Pflicht getan, indem sie mit diesem Buch vor die Öffentlichkeit traten und mir scheint, einen stärkeren Appell an das Weltgewissen kann es nicht geben!“

Als Deutschland am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg begann, spitzte sich die Situation für die Bibelforscher nochmals zu. Zu den bereits ohnehin zahlreichen „Delikten“ kam nun noch das „Verbrechen“ der Kriegsdienstverweigerung hinzu. Noch weiter gefasst wurde dieser Tatbestand mit dem Begriff „Wehrkraftzersetzung“. Darunter fielen nicht nur Wehrdienstverweigerer, sondern auch Personen, die Verweigerer unterstützten, indem sie diese beispielsweise versteckten. Bis zum Ende des Krieges wurden über 320 Zeugen Jehovas wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet, darunter viele Frauen. Die Zahl der hingerichteten Wehrdienstverweigerer übersteigt 250 Opfer.


Die Nachwirkungen dieser Wehrdienstverweigerung dauern bis heute an, denn „wenn heute junge Wehrpflichtige ohne weiteres aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe ablehnen können, sollten sie sich bewusst machen, dass die Möglichkeit des zivilen Ersatzdienstes 1949 wesentlich im Hinblick auf die Kriegsgeneration der Zeugen Jehovas im Grundgesetz verankert wurde“.

4. Gefängnis und Konzentrationslager


Zeugen Jehovas, die weiter für ihren Glauben aktiv blieben, kamen wegen Verstoßes gegen das IBV-Verbot ins Gefängnis. Nach dieser „Strafhaft“ wurden sie häufig sofort in die „Schutzhaft“ der Gestapo, d. h. in ein Konzentrationslager überwiesen.

Die erste nachweisbare Einlieferung einer Zeugin Jehovas in ein KZ war am 9.1.1935. Zeitweise stellten Zeugen Jehovas in manchen KZ sogar die größte Häftlingsgruppe.

In den KZ waren die Zeugen Jehovas zunächst ein besonderes Hassobjekt der SS. Da sie jedoch als fleißig und fluchtsicher galten, wurden sie zum Ende des Krieges hin immer öfter als Funktionshäftlinge, z. B. als Kindermädchen oder Haushaltshilfen in SS-Haushalten, eingesetzt. Sie weigerten sich jedoch auch in den KZ, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten.

Besonders beeindruckend finde ich den Zusammenhalt zwischen den inhaftierten Zeugen Jehovas. So berichtet ein jüdischer Häftling aus dem KZ Neuengamme: „Sie [die Bibelforscher] müssen zur Zeit schwer arbeiten, irgendeine Reparatur an der Wasserleitung machen. In diesem kalten Wetter stehen sie den ganzen Tag im Eiswasser. ... Sie brauchen ihr Brot sehr nötig, denn sie haben Hunger, wie wir auch. Aber was taten sie? Sie trugen alles Brot zusammen, das sie hatten, nahmen sich die Hälfte davon und legten die andere Hälfte den Brüdern hin, ihren Glaubensbrüdern, die jetzt von Dachau kamen. Und sie bewillkommneten sie und küssten sie. Bevor sie aßen, beteten sie und nachher hatten alle glückliche und verklärte Gesichter. Sie sagten, dass keiner mehr Hunger hatte.“

Immer wieder wurde ihnen ein Revers vorgelegt, mit dem sie ihrem Glauben abschwören konnten. Hätten sie diesen unterzeichnet, wären sie freigekommen.



„Während der NS-Zeit waren in Deutschland und in den besetzten Ländern Europas rund 13.500 Zeugen Jehovas Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt, davon waren 11.300 unterschiedlich lange inhaftiert, 4200 davon in Konzentrationslagern.“ Wegen der Weigerung, den eigenen Glauben aufzugeben, starben ungefähr 1500 Zeugen Jehovas.

 

IV. Richard Rudolf in der NS-Zeit – Gefängnis und KZ


Ein Samstagabend im Sommer 1944, Konzentrationslager Hamburg Neuengamme, SS-Küche. Ein Rottenführer im Gespräch mit einem Häftling:

„Du Verbrecher!“
„Ich bin kein Verbrecher!“
„Du Verbrecher!“
„Ich bin kein Verbrecher!“
„Die sind wohl alle unschuldig hier?“
„Wer hier unschuldig ist und nicht unschuldig, hab ich nicht zu entscheiden, aber jedenfalls bin ich kein Verbrecher.“
„Was haste denn ausgefressen, weshalb bist du hier?“
„Ich bin Zeuge Jehovas.“
„Was ist denn das?“
“Haben Sie schon von Bibelforschern gehört? “
„Was? Deshalb bist du hier? Da musst du mir gleich etwas erzählen.“
Was erzählt der Häftling ihm daraufhin?
Er selbst sagt: „Ich habe ihm dann erzählt, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen kann. “

Wer ist dieser Mann, der so mutig seine Überzeugung vertrat? Wie kam es, dass er auf Grund seiner religiösen Überzeugung in das KZ Neuengamme kam?

Vor 1933 - „Lieber Gott, wenn es dich überhaupt gibt, so lass mich deine Wahrheit erkennen, auch wenn es mir irgendwelche Nachteile einbringen sollte.“

Richard Rudolf wurde am 11. Juni 1911 in Rothenbach (Schlesien) als uneheliches Kind geboren. Da seine Mutter weit entfernt in Stellung bei einem Pfarrer arbeitete, wuchs er bei seinen Großeltern auf. Am 1. April 1925 begann er eine Lehre als Bäcker.

Als sein Onkel, eine Art Vaterersatz, im Ersten Weltkrieg fiel, war Richard Rudolf gerade vier oder fünf Jahre alt.

Als junger Mann konnte er nicht verstehen, wie sich Menschen gegenseitig umbringen können, noch dazu, wenn beide Seiten Christen sind. Da die Kirche seiner Meinung nach nicht so handelte, wie sie es lehrte, begann er an die Evolutionstheorie zu glauben. Er beschäftigte sich auch mit den großen Literaten wie Hugo, Shakespeare, Goethe, Schiller und Tolstoi. Dennoch begann er nach einiger Zeit auch an der Evolutionstheorie zu zweifeln.

Im Jahr 1930 betete er daher zu Gott: „Lieber Gott, wenn es dich überhaupt gibt, so lass mich deine Wahrheit erkennen, auch wenn es mir irgendwelche Nachteile einbringen sollte.“

Um diese Wahrheit zu finden besuchte er Gottesdienste der verschiedensten Denominationen. Darunter fielen Methodisten, Pfingstler, Neuapostolen, Adventisten und andere. Doch die Glaubenslehren dieser Gemeinschaften konnten ihn nicht befriedigen, da sie ihm unlogisch erschienen. Zwar hatte man ihn immer vor den Bibelforschern gewarnt, doch wollte er der Vollständigkeit halber auch ihre Glaubenslehren kennenlernen. Also wandte er sich an eine ihm bekannte Bibelforscherin. Diese gab ihm die Broschüre Wohlfahrt sicher! Auf Grund dieser Broschüre besuchte er eine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas. Deren Lehren begeisterten ihn, sodass er sich ihnen im Jahr 1932, im Alter von 21 Jahren, anschloss.

Tätigkeit unter Verbot: "Wenn es einen Gott gibt, dann muss man sich unbedingt für Gott einsetzen“


Als am 31.Januar 1933 Hitler an die Macht kam und die IBV in Deutschland verboten wurde, war das „eine furchtbare Sache.“ Wie sollte man auf diese veränderte Situation reagieren?

Für Richard Rudolf hatte von Anfang an festgestanden: „Wenn es einen Gott gibt, dann muss man sich unbedingt für Gott einsetzen“. Dieser Grundsatz, sich „unbedingt“ „für Gott ein[zu]setzen“ hätte bedeutet, sich nicht von einem Verbot beirren zu lassen. Verhielt er sich jetzt „heldenhaft“, d.h. hielt er an seinen Grundsätzen fest, auch wenn ihm dadurch Nachteile entstehen konnten? Wie bewies er, dass er an diesen festhalten wollte, selbst wenn ihm dadurch die Verhaftung drohte?

Die kleine Gemeinde von ungefähr 60 Gläubigen in Hirschberg (Schlesien) hielt trotz des Verbots weiterhin „fast jede Woche“ Zusammenkünfte ab. Richard Rudolf erklärt ein wenig betrübt, dass manche sich von der Gemeinde zurückzogen und ihr religiöses Leben auf den häuslichen Bereich beschränkten. Doch die meisten ließen den Kontakt nicht abbrechen. So stand es auch für ihn von Anfang an fest, sich weiter mit seinen Mitgläubigen zu treffen – trotz der Gefahr ertappt zu werden. Diese Zusammenkünfte wurden natürlich geheim abgehalten. Oft gab man vor, aus einem anderen Grund, wie zum Beispiel familiären Festen, zusammengekommen zu sein.
Für Richard Rudolf war damit aber seine Pflicht noch nicht getan. Sich „unbedingt“ „für Gott ein[zu]setzen“ bedeutete für ihn, sein Möglichstes zu tun, um das religiöse Werk der Zeugen Jehovas im Gang zu halten. Also begann er zusammen mit einigen anderen, die nunmehr illegalen Zeitschriften der IBV, besonders den Wachtturm, zu schmuggeln, um so den Nachschub zu gewährleisten. Der Leiter dieser „Schmuggelbande“ war Paul Mischuk. Zu den Schmugglern gehörten außer diesen beiden auch Gustav Sterz und einige andere Bibelforscher.

Diese Schmuggelaktionen nützten nicht nur den einzelnen Gläubigen – die geschmuggelten Zeitschriften wurden auch im Missionsdienst benutzt. Dabei vermittelten diese Rat, wie man bestimmte biblische Grundsätze im Alltag umsetzen könne. Darunter zählte, keine Vorurteile anderen Nationen gegenüber zu haben. Es wurde auch die Wichtigkeit dessen betont, Frieden zu fördern.

Wie liefen solche Schmuggelaktionen ab?

Zuerst wurde „Urlaub“ gemacht. Man wanderte also gemeinsam über das Riesengebirge bis nach Tschechien. Solche „Ausflüge“ dienten als Informationsreisen. Man wollte herausfinden, wie man die Schmuggeltouren am besten organisieren konnte.

Die kleine Tochter Paul Mischuks, Christa, wurde dann in einem Rucksack auf dem Rücken transportiert. In diesen Rucksack kam auch die geschmuggelte Literatur. Dadurch, dass das Mädchen in dem Rucksack saß, wurde dieser bei möglichen Kontrollen durch Grenzbeamte nicht so genau untersucht. Die Literatur wurde nun zuerst nach Hohenelbe gebracht und von dort aus mit einem Pferdewagen nach Hirschberg. Dort wurde das Schmuggelgut auf dem Heuboden einer Bibelforscherin versteckt. Willi Buchwald war noch kein offizielles Mitglied der Glaubensgemeinschaft. Trotzdem beteiligte er sich an den Schmuggelaktionen. Wie? Er arbeitete bei einem großen Gemüsehändler. Zu seinen Aufgaben gehörte auch der Warenversand. Diese Gelegenheit nutzte er häufig, um Pakete mit geschmuggelter Literatur nach Berlin aufzugeben. In Berlin hatte ein weiterer Bibelforscher, Paul Grossmann, eine Garage gemietet, in der er die Literatur versteckte.

Verhaftung und Strafhaft: „Richard, es ist Krieg und wir sehen uns sonst nie mehr wieder“

Diese Aktionen blieben natürlich nicht unbemerkt. Am 2. Juli 1936 betraten Beamte der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) die Bäckerei, in der Richard Rudolf als Bäckergeselle arbeitete und nahmen ihn fest.

Wie war die Schmuggeltätigkeit aufgeflogen?
Die Gestapo hatte das Versteck der Literatur in Berlin, die von Paul Grossmann gemietete Garage, untersucht und dabei Pakete aus Hirschberg entdeckt. Pakete mit Literatur von Zeugen Jehovas konnten natürlich nur von anderen Zeugen Jehovas kommen. Da Paul Mischuk schon länger unter der Beobachtung der Gestapo stand, wurde er nun verhaftet. Nach ihm wurden auch Richard Rudolf und Gustav Sterz verhaftet. Diese drei waren die Hauptschmuggler gewesen. Die drei Verhafteten nahmen die ganze Schuld auf sich, „obwohl viele an der Schmuggelei beteiligt waren“.

Richard Rudolf kam nun in Untersuchungshaft in das Gefängnis in Hirschberg. Dort wartete er neun Monate – bis im März 1937 – auf die Gerichtsverhandlung. Das Urteil lautete auf zweieinhalb Jahre Gefängnis wegen illegaler Tätigkeit für die verbotene IBV in Form von Schmuggelei. Diese Strafe verbüßte er im Gefängnis in Breslau.

Die Gestapo ging bei Zeugen Jehovas zu der Praxis über, diese direkt nach Verbüßung der Strafhaft vor der Gefängnistür in Empfang zu nehmen und in sogenannte„Schutzhaft“, das heißt ins KZ zu überstellen – wenn sie nicht den Revers unterschrieben, mit dem sie ihrem Glauben abschworen. Ein junger Gefängnisaufseher war Richard Rudolf und den anderen Bibelforschern wohlgesonnen und wollte ihnen dieses Schicksal ersparen. Daher hatte er vor, die drei Bibelforscher an ihrem Entlassungstag, dem Weihnachtstag 1938, einige Stunden früher zu entlassen, sodass sie bereits in Sicherheit wären, wenn die Gestapo käme. Doch leider wurde diese Aktion verraten und zwei Gestapobeamte verhafteten Richard Rudolf. Seine Familie wartete also vergeblich auf ihn und hat „sicherlich sehr geweint“, vermutet er mit einem traurigen Unterton in der Stimme.

In dieser ganzen Zeit im Gefängnis gab Richard Rudolf seine Überzeugung nicht auf, obwohl er dadurch hätte vorzeitig freikommen können und obwohl man ihn sehr schlecht behandelte.

War er also ein Übermensch, vom Naturell her stärker als andere Menschen und empfand er nicht dieselben Gefühle wie wir?

Ganz im Gegenteil! Die Zeit der Haft bestand für ihn aus Schlägen, Hunger, menschenunwürdigen hygienischen Bedingungen und weiteren täglichen Schikanen. Doch als ich ihn frage, in welcher Lage es am schwierigsten war, seinen Glauben zu bewahren, erzählt er folgende Geschichte:

Im Gefängnis wurde er von seiner Großmutter besucht. Diese hatte ihn aufgezogen und als Kind dachte er lange Zeit, sie sei seine Mutter. In ihrem Beisein wurde ihm nun die Erklärung vorgelegt, mit der er seinem Glauben abschwören konnte. Sie flehte ihn auf Knien an, diese Erklärung zu unterschreiben, denn „es ist Krieg und wir sehen uns sonst nie mehr wieder“. Tatsächlich sah er sie nie wieder. Seine Großmutter zu enttäuschen und zu verletzen, die ihn so inständig bat, ihr und sich selbst diesen Gefallen zu tun, das fiel Richard Rudolf so schwer, dass er die Erklärung unterschrieb. Diese Situation war für ihn schwerer zu ertragen als Hunger, Schläge oder Todesangst. Schließlich handelte es sich um einen schweren Gewissenskonflikt. Einerseits wollte er seine Großmutter nicht verletzen, an der er so hing. Andererseits konnte er nicht die Treue gegenüber Gott brechen. Wie sollte er sich entscheiden? Er musste entweder die eine oder den anderen enttäuschen. Als sie gegangen war und er nochmals über seine Entscheidung nachgedacht hatte, entschloss er sich dazu, sein Versprechen Gott gegenüber, ihm unter allen Umständen zu dienen, nicht zu brechen. Daher zog er die Erklärung am selben Tag wieder zurück.

Diese Episode zeigt, dass Richard Rudolf durchaus ein „normaler“ Mensch war, mit den gleichen Gefühlen wie wir und auch nicht stärker als andere Menschen. Dennoch hielt er an seinen Grundsätzen fest, obwohl sich daraus Nachteile für ihn ergaben.

Das ist für mich ein sehr beruhigender Gedanke, denn er zeigt, dass man als „ganz normaler“ Mensch die Kraft und den Mut aufbringen kann, selbst in so einer extremen Situation nicht einzuknicken, sondern einem Unrechtsregime zu trotzen.

„Schutzhaft“ im KZ Sachsenhausen - „Hier kommt ihr nur durch den Schornstein wieder raus!“


Nach seiner Haftentlassung verbrachte Richard Rudolf zunächst eine Woche in dem Polizeigefängnis in Berlin.

Am 25. Januar 1939 kam er dann nach einem langen Transport im KZ Sachsenhausen an. Es war „furchtbar kalt“. Der Lagerkommandant Baranowski, der sich selber „Vierkant“ nannte, verspottete die neueingetroffenen Bibelforscher und drohte ihnen, dass sie, wenn sie nicht unterschrieben, „hier nur durch den Schornstein heraus“ kämen.

Ich frage mich, wie die Haftbedingungen im KZ Sachsenhausen waren. In Richard Rudolfs Lebensbericht lese ich: „In diesem kalten Winter mussten wir bei mangelhafter Kleidung, ohne Handschuhe, eiserne Kipploren schieben. Die Haut der Hände blieb an diesen eisernen Loren hängen.“ Dies allein wäre schon unmenschlich genug, doch mussten sie ihre Arbeit „im Laufschritt“ und „unter Schlägen“ verrichten. „Pass nur auf, dass du keinen Frost bekommst“, diese Warnung hörte Richard Rudolf sehr häufig. „ Frost, das sind erfrorene Glieder und Körperteile, die nicht behandelt wurden und anfingen zu eitern und zu stinken, schlimmer als faule Eier.“

Im September 1939 befanden sich rund 400 Zeugen Jehovas in Sachsenhausen. Die Jahrgänge 1910 / 1911 der Bibelforscher wurden nun für den Wehrdienst gemustert. Mich beeindrucken der Mut und die Entschiedenheit, mit der sie in dieser Situation handelten. Denn bei der Musterung erklärten sie, dass sie sich „an diesem Krieg nicht beteiligen werden“. August Dickmann, einer der gemusterten Bibelforscher, wurde nun aus der Gruppe herausgenommen und erschossen, um ein Exempel zu statuieren. Das war die erste Hinrichtung eines Wehrdienstverweigerers im Zweiten Weltkrieg.

In den Monaten nach dieser Exekution wurden noch weitere Bibelforscher hingerichtet, da sie den Wehrdienst fortwährend verweigerten, sodass von den gemusterten Bibelforschern nur zehn übrig blieben. Unter ihnen waren Richard Rudolf, Gustav Sterz, Joseph Rewald, Otto Haarstrang und Hermann Böttcher. Im Frühjahr 1940 wurde diesen Übriggebliebenen angedroht, am Abend nach dem Appell erschossen zu werden.

Wie haben diese zehn auf eine solche Ankündigung reagiert? Waren sie aus Angst bereit jetzt doch ihre Grundsätze aufzugeben und in den Krieg zu ziehen, nur um der Erschießung zu entgehen?
Ich bin überrascht über Richard Rudolfs Aussage: „Wir hatten keine Angst“. Waren sie also doch Übermenschen, da jeder „normale“ Mensch sich angesichts des Todes doch fürchtet?

Nein, sie glaubten einfach fest an eine Auferstehung. Sie bezogen ihren Mut und ihre innere Stärke also nicht aus sich selbst, sondern aus ihrem Glauben.

Wie ging die Situation aus? Normalerweise dauerte der Appell abends mehrere Stunden. An diesem Abend wurde der Appell jedoch nach fünf Minuten beendet. Die Häftlinge waren sich sicher, dass etwas Gravierendes geschehen sei.

Was war denn der Grund? Richard Rudolf erzählt: „Wir dachten, Hitler ist gestorben.“ Leider lagen sie mit dieser Annahme zwar falsch, aber die Lage hatte sich dennoch zu ihren Gunsten verändert. Der Lagerkommandant Baranowski – eben jener, der Richard Rudolf bei dessen Ankunft im KZ gedroht hatte, „hier nur durch den Schornstein“ wieder rauszukommen – hatte einen Schlaganfall erlitten. Da es Baranowski gewesen war, der die Exekution angeordnet hatte, wurde diese an jenem Abend nicht vollstreckt. Einmal noch haben die dem Tode Entronnenen den ehemaligen Lagerkommandanten gesehen, der von den Folgen des Schlaganfalls schwer gekennzeichnet und in einem äußerst unwürdigen Zustand war. Er stand auf zwei Krücken gestützt am Tor, als die Häftlinge morgens zur Arbeit gingen. Während sie stramm und aufrecht an Baranowski vorbeimarschierten, sangen sie das Lied Dem heutigen Tag zur Ehre lasst und singen und fröhlich sein. Baranowski ist an den Folgen des Schlaganfalls gestorben. Als er von dieser Situation erzählt, umspielt ein kleines Lächeln seinen Mund, denn: „Uns hatte er gedroht, dass wir hier nur durch den Schornstein herauskämen und er ist [sinnbildlich, Anm. d. Verf.] durch den Schornstein gegangen.“

Verlegung in das KZ Neuengamme


Baukommando


Noch im Frühjahr 1940, am 1.März, also kurz nachdem er so knapp dem Tode entgangen war, kam Richard Rudolf vom KZ Sachsenhausen ins KZ Neuengamme bei Hamburg. Dort bekam er die Häftlingsnummer 333 und wurde im Block 15 untergebracht.

Richard Rudolf bekam nun einen kommunistischen Kapo, Otto Erdmann, der später auch hingerichtet wurde. Dieser war einer der wenigen Kommunisten, die den Bibelforschern wohlgesonnen waren. Auf Grund dieser positiven Einstellung den Bibelforschern gegenüber veranlasste er, dass Richard Rudolf in ein Baukommando kam. Diese Arbeit war verhältnismäßig leichter als andere Arbeiten. Richard Rudolfs Aufgabe in diesem Kommando bestand darin, Baracken im KZ Neuengamme aufzubauen.

Das KZ Neuengamme war kein Vernichtungslager nach dem Vorbild des KZ Auschwitz, sondern ein Arbeitslager. Trotzdem fanden dort 55.000 Inhaftierte den Tod.

Die Häftlinge wurden zunächst über dem Raum untergebracht, in dem die Ziegel getrocknet wurden. Dort war es zwar einigermaßen warm, aber da die Unterkunft viel zu klein war, mussten sich zwei Häftlinge jeweils einen Strohsack teilen, der als Bett dienen sollte. Es gab nur eine Toilette, die permanent verstopft war, für ungefähr zwei hundert Häftlinge, von denen viele an Durchfallerkrankungen litten. Auch der Waschraum war zu klein, um wirklich genutzt werden zu können, sodass sich viele einfach nicht mehr wuschen – Unmengen von Läusen waren die Folge. Richard Rudolf berichtet außerdem: „Die Unterwäsche wurde im ersten viertel Jahr überhaupt nicht gewechselt. Die Unterhose hatte sich vollständig aufgelöst, das Hemd bestand nur noch aus drei Schnüren.“ Ich bin entsetzt darüber, wie Menschen einander so etwas antun können.

Wenn die SS mit den Bibelforschern in Konflikt geriet, setzte sie diese auf Kostentzug oder verhängte sonstige Repressalien. Kostentzug war eine harte Strafe, denn es bedeutete buchstäblich den Entzug der gesamten Kost, der Häftling bekam also weder Frühstück noch Mittagessen noch Abendessen. Dabei gilt es zu bedenken, dass bereits die normale Kost kaum zum Überleben ausreichte und der Häftling daher bereits geschwächt war. Auch blieb die Arbeit, die der Häftling ohne Nahrung erledigen musste, genau dieselbe wie mit Nahrung.

Normalerweise bekamen die Häftlinge zum Frühstück und zum Abendessen eine Scheibe Brot, die immer dünner wurde, je länger der Krieg dauerte. Das Brot für das Frühstück wurde dabei bereits abends ausgegeben. Wer seinen Hunger also nicht unterdrücken konnte und das gesamte Brot bereits abends aß, der bekam am nächsten Morgen nichts. Dazu gab es eine „schwarze Brühe, was man normalerweise Kaffee nennt“. Mittags gab es eine Suppe, die allerdings mehr aus Wasser als aus Einlage bestand.

Andere beliebte Repressalien waren stundenlanges Stehen am Tor oder sogenannter „Sport“. Dieser „Sport“ bestand zum Beispiel aus Liegestützen, Kniebeugen, das total sinnlose Schleppen von schweren Gegenständen wie Steinen, Rollen oder Robben durch den Schlamm. Die SS machte sich einen Spaß daraus, die ohnehin geschwächten Häftlinge mit solchen „Leibesertüchtigungen“ zu quälen. Da die Bibelforscher – neben den Juden – ein besonderes Hassobjekt der SS waren, wurden solche Strafen oft auch willkürlich verteilt.

Wie ging es nun mit Richard Rudolf weiter?

Bahnhofskommando und Außenlager Fischland


„Wir waren fluchtsicher“

Während er damit beschäftigt war, das Wirtschaftsgebäude für die Häftlinge zu bauen, fragte das Wehrbezirkskommando erneut an, ob er bereit sei, den Wehrdienst aufzunehmen. Richard Rudolf verweigerte diesen jedoch immer noch und daher wurde er in dem Baukommando abgelöst und dem Bahnhofskommando zugeteilt. Die Aufgabe dieses Kommandos bestand darin, Materialien für den Lageraufbau aus Hamburg und der Umgebung zu beschaffen.

Danach kam er in ein Außenkommando nach Fischland / Darß / Zingst (Mecklenburg-Vorpommern). Das war eine für ihn erfreuliche Entwicklung, denn in diesem Außenkommando befanden sich ausschließlich Zeugen Jehovas. Warum? Sie galten als fluchtsicher. Ihr Glauben ließ es nicht zu, dass sie fliehen. Wie das? Richard Rudolf erklärt das folgendermaßen: „Wir waren ja der Wahrheit wegen eingesperrt und wir hätten ja auch entlassen werden können, wenn wir unterschrieben hätten. Deshalb sind wir nicht geflohen. Denn wenn wir geflohen wären, hätten wir ja das Gegenteil dessen bewiesen, was wir sind. Wir wären dann keine Zeugen Jehovas gewesen.“ Die inhaftierten Zeugen Jehovas sahen ihre Situation als gottgegeben an. Für sie war es ihre Pflicht, zu beweisen, dass sie Gott aus Liebe zu ihm auch in solch einer Situation treu bleiben.

Hinzu kam, dass sie der festen Überzeugung waren, ihr Gott Jehova werde sie befreien. Allerdings zu seiner Zeit und wann diese wäre, wussten sie nicht. Dieses grenzenlose Vertrauen in Gott erklärt, warum sie sich so verhielten, wie sie es getan haben. Sie vertrauten darauf, dass Gott zu seiner Zeit allen Schaden wieder beheben würde und diese Hoffnung erhielt sie aufrecht.

Auf dem Darß musste dieses Außenkommando Schilfrohr schneiden. Da es zu wenig Rohr gab, kam er im Januar 1941 wieder zurück nach Neuengamme. Er arbeitete jetzt wieder im Bahnhofskommando.

Im Jahr 1942 musste er unter Rottenführer Wolf in den verschiedenen Stadtteilen Hamburgs Ulmen fällen. Aus diesem Ulmenholz wurden dann Holzschuhe für die Häftlinge hergestellt.

In diesem Jahr erlebte Richard Rudolf auch eine sehr humorvolle Episode, die er mir in dem Zeitzeugengespräch lachend erzählte. Er zersägte zusammen mit drei anderen Häftlingen die gefällten Ulmen auf dem Grundstück eines Admirals. Die Holzklötze wurden dann auf einem kleinen Wägelchen von dem Grundstück wegtransportiert. Genau in dem Moment, in dem der Admiral aus dem Haus trat, fiel ein Holzklotz von dem Wagen hinunter und rollte gegen die Fahnenstange. Die morsche Fahnenstage, auf der eine Hakenkreuzfahne geflaggt war, brach ab. Der Admiral wurde darüber sehr wütend. Richard Rudolf sagte ihm nun: „Sie bekommen eine neue Fahnenstange!“ Allerdings meinte er damit nicht, dass er ihm diese Fahnenstange besorgen würde – das wäre ihm auch unmöglich gewesen. Nach einiger Zeit kam die Anfrage des Admirals, wo seine Fahnenstange bleibe, die der Schutzhäftling Rudolf ihm versprochen habe. Richard Rudolf wurde nun vor die Lagerkommandatur gerufen. Er fragte, wie er denn dem Admiral eine Fahnenstange geben könne. Da die Lagerleitung natürlich wusste, dass dies ein unmögliches Unterfangen war, lachten auch die anwesenden SS-Männer.

Diese Situation gefällt mir sehr gut, da sie zeigt, dass Richard Rudolf auch während der schweren Zeit im KZ seinen Humor nicht gänzlich verlor. Er versprach dem Admiral, er werde eine neue Fahnenstange bekommen, „denn es war ganz egal, wer die aufbaut.“ Auch als er die Geschichte erzählt, merkt man, dass er nicht verbittert ist. Auf die Frage hin, welche Fahne geflaggt gewesen sei, lacht er: „Die Hitlerfahne natürlich – andere gab’s ja gar nicht!“

Strafkommando


„Wenn der kleine Bibelforscher in deiner Kolonne stirbt, dann hängen wir dich auf.“

Da Richard Rudolf 1943 abermals eine Anfrage des Wehrbezirkskommandos ablehnte, wurde er vom Lagerkommandanten Albert Lütkemeyer in ein Strafkommando versetzt.

Dieses Strafkommando war dafür zuständig, eine „Kläranlage“ für das Lager zu bauen. Diese sogenannte „Kläranlage“ war eigentlich ein in die Erde gegrabenes Sammelbecken, in dem die gesamten Fäkalien des Häftlings- und des SS-Lagers zusammenflossen. Eine Versetzung in dieses Strafkommando kam einem Todesurteil gleich. Warum kann man das sagen? Der Kapo des Kommandos wusste, dass ein Häftling, der ihm unterstellt wurde, sterben sollte. Also stellte er den Häftling zur Arbeit an den Rand dieser Jauchegrube. Ihm wurde ein Stoß gegeben, sodass der Häftling in das Becken fiel. Versuchte dieser aus der Grube herauszuklettern, was ohnehin schon schwer genug war, wurde er sowohl von dem Kapo als auch von den SS-Männern mit Stangen zurückgestoßen. Offizielle Todesursache: Ertrinken.

Dieses Schicksal drohte nun auch Richard Rudolf. Doch einige Kapos, denen er sympathisch war, drohten dem Kommandoführer: „Wenn der kleine Bibelforscher bei dir eingeht, dann hängen wir dich auf.“ Aus lauter Angst, dem „kleinen Bibelforscher“ könne tatsächlich etwas zustoßen, versteckte der Kapo Richard Rudolf im Zementbunker. Richard Rudolf war drei Wochen in diesem Strafkommando und er wurde drei Wochen lang jeden Morgen in dem Zementbunker eingeschlossen und abends wieder herausgelassen. Wie empfand er diese Situation?

Richard Rudolf hatte die Möglichkeit sich drei Wochen lang auszuruhen und nachzudenken. Die Versetzung in das Strafkommando hatte ihm eine Art von „Urlaub“ vom alltäglichen Lagerleben beschert.

Als der Lagerkommandant Lütkemeyer 1943 im Urlaub war, kam eine Vertretung aus Sachsenhausen in das Lager. Diese Vertretung wollte „eine gute Tat begehen“ und amnestierte das gesamte Strafkommando.

Der Urlaub des Lagerkommandanten Lütkemeyer brachte noch eine erfreuliche Veränderung mit sich. Inwiefern?

Lagerkommandant Lütkemeyer im Urlaub: Erfreuliche Wende


„Wenn du jemals den Bibelforschern weh tust, dann kannst du was erleben!“

Vor seinem Urlaub 1943 hasste der Lagerkommandant Lütkemeyer die Zeugen Jehovas so sehr, dass er sie sogar mit Gegenständen bewarf, wenn er einen von ihnen sah.

Im Urlaub besuchte er nun seine Mutter. Diese hatte ein kleines Landgut in Schleswig-Holstein. Zu Beginn des Krieges waren alle ihre männlichen Arbeiter zum Wehrdienst eingezogen worden und die weiblichen Arbeiter mussten in den Rüstungsfabriken arbeiten. Da Frau Lütkemeyer ihr Gut nicht alleine bewirtschaften und verwalten konnte, beschwerte sie sich bei Himmler über diese Situation. Dieser stellte ihr daher einige politische Häftlinge aus dem KZ Ravensbrück zur Verfügung, die ihr bei der Verwaltung des Guts helfen sollten. Mit diesen politischen Häftlingen kam sie jedoch nicht gut aus und beschwerte sich daher abermals bei Himmler. Dieser tauschte die politischen Häftlinge gegen Bibelforscherinnen aus. Die Bibelforscher weigerten sich zwar, in den KZ Arbeit zu verrichten, durch die der Krieg unterstützt wurde. Allerdings lehnten sie nicht jede Form von Arbeit ab. So konnten sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren, als Funktionshäftlinge in SS-Haushalten oder wie in diesem Fall auf einem Landgut zu arbeiten. Da sie solche Arbeiten sehr gewissenhaft ausführten, war Frau Lütkemeyer mit ihren neuen Arbeiterinnen sehr zufrieden. Als ihr Sohn sie besuchen kam, sah er die vielen Bibelforscherinnen, die er an dem aufgenähten „lila Winkel“, dem besonderen Stigma der Zeugen Jehovas, erkannte, auf dem Gut seiner Mutter. Darüber ärgerte er sich zunächst sehr, doch seine Mutter war voll des Lobes über ihre Arbeiterinnen. Sie ging sogar so weit, zu sagen: „Das sind die besten Arbeiter, die ich je hatte. Wenn du jemals den Bibelforschern weh tust, dann kannst du was erleben!“

Als der Lagerkommandant nun aus dem Urlaub zurück kam, hatte sich seine Einstellung den Bibelforschern gegenüber zum Positiven geändert und somit verbesserte sich deren Situation in Neuengamme. Wie machte sich das bemerkbar?

Arbeit in der SS-Küche

„Deutschland wird den Krieg nicht gewinnen!“

Gleich nach seinem Urlaub ließ Lütkemeyer alle Köche, Bäcker und Konditoren ans Tor treten. Der beste Freund Richard Rudolfs, Karl Junge, stieß ihn vor, sodass Lütkemeyer ihn sehen konnte. „Kleiner Bibelforscher, was bist du von Beruf?“, fragte dieser. „Bäcker!“ „Morgen trittst du in der SS-Küche an!“

Diese gute Anstellung verdankte Richard Rudolf der neuen Einstellung Lütkemeyers den Zeugen Jehovas gegenüber. Ernst Wauer, der früher besonders unter dem Lagerkommandanten gelitten hatte, bekam eine Anstellung als Sekretär in dessen Privatkontor. Auch für die anderen Zeugen Jehovas verbesserte sich die Situation.

Eines Samstagabends, als Richard Rudolf alleine in der Küche war, kam der zweite Küchenchef, ein Rottenführer, zu ihm und die auf Seite 16 beschriebene Szene spielte sich ab.

Zunächst reagierte Richard Rudolf auf die Anschuldigungen des SS-Manns nur knapp mit: „Ich bin kein Verbrecher!“ Warum? Ein SS-Mann durfte Häftlingen zwar Befehle geben, aber Unterhaltungen mit ihnen – noch dazu über solch ein Thema – waren strengstens verboten. Neben dem Verbot barg ein Gespräch zwischen diesen beiden noch weitere Gefahren in sich. Hätten andere Häftlinge die beiden beobachtet, hätten sie geschlussfolgert, die beiden würden zusammenarbeiten. Auch andere SS-Männer hätten den Rottenführer der Kollaboration mit Richard Rudolf verdächtigen können.

Wie ging diese Situation aus? Den Rottenführer, sein Name war Gustav Arndt, faszinierte der Mut des Kochs und daher bat er Richard Rudolf, ihm mehr zu erzählen. Von da an hatten die beiden ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Leider sorgte der erste Küchenchef dafür, dass Gustav Arndt versetzt wurde.

Es hat mich im persönlichen Gespräch mit Richard Rudolf immer wieder überrascht, wenn er von humorvollen Erlebnissen berichtete, die er in dieser schweren Zeit hatte. Er erzählte diese auf eine Weise, die einen fast vergessen lässt, wie schlimm die zugrundeliegende Situation war. Ich überlege mir, ob das seine Art ist, die Schrecken der KZ-Haft zu verarbeiten.

Eines Tages stand auf dem Küchenplan: 25g Makkaroni. Richard Rudolf war sofort klar, dass das nicht stimmen konnte. „Herr Sturmführer, das muss heißen 250g, das ist ein Druckfehler!“ „Was auf dem Küchenplan steht, wird gekocht!“ An diesem Abend gab es dann für jeden SS-Mann 25g, das sind zwei Stangen, Makkaroni. Das war natürlich viel zu wenig. Daher musste nachgekocht werden. Doch zum Kochen brauchte man Feuer. Der Koch, Richard Rudolf, wies daher den Heizer an, stark zu heizen. Nach einigem Zögern ließ dieser sich dazu überreden. Der Küchenchef kam nun und schlug dem Heizer ins Gesicht, weil dieser so viel Brennmaterial verbrauchte. Auf die Nachfrage hin, wer ihn angewiesen habe, so stark zu heizen, fand man schnell den Drahtzieher dieser Aktion, nämlich Richard Rudolf. Nachdem der Küchenchef auch ihn geschlagen hatte, schickte er Richard Rudolf zu Anton Thumann. Wer war dieser Thumann? Er war der Nachfolger Lütkemeyers in dem Amt des Schutzhaftlagerführers. Unter den Lagerinsassen war er dafür berüchtigt, die Häftlinge so stark zu verprügeln, dass man sie kaum wiedererkennen konnte. Nachdem er jedoch die Hintergründe der Vorgänge in der Küche erfahren hatte, verschonte er den unglückseligen Koch. Ihm wurde aber verboten, am nächsten Tag in der Küche anzutreten. Als der Küchenchef tags darauf nachfragte, wo sein Koch bleibe, lautete die Antwort: „Sie hatten mal einen Koch!“

Doch wurde die Situation für Richard Rudolf dadurch besser?

Kapo für eine Nacht

„Sie haben gerufen: Tolstoi! Tolstoi!“

Nach dieser Situation schickte Thumann ihn im Herbst 1944 nach Watenstett-Salzgitter bei Braunschweig. Dort sollte er als Kapo über 100 russische Häftlinge, die in einer Bombengießerei arbeiteten, eingesetzt werden. Diese Ironie ist bemerkenswert: Russische Häftlinge mussten Bomben gießen, die später über ihrem Heimatland Russland abgeworfen wurden.

Wie verhielt er sich in dieser Situation? Schließlich brachte diese Aufgabe ein Problem mit sich: Richard Rudolf wollte sich auch nicht indirekt am Krieg beteiligen. Als Kapo hätte er jedoch auch in der Bombengießerei arbeiten müssen.

An diesem Abend fragte er zunächst, ob einer der Häftlinge deutsch spräche. Nikolai Gawrilowitsch Joschtschenko, ein junger Student aus Russland, meldete sich, um für Richard Rudolf zu übersetzen. Was hatte ihr neuer Kapo diesen Russen zu sagen? Er berichtet: „Ich hielt ihnen einen Vortrag über Gottes Königreich und habe ihnen gezeigt, warum wir den Wehrdienst verweigert haben und dass ich deshalb bereits acht Jahre in Haft bin!“

Diesen außergewöhnlichen Mut, den er in dieser Situation bewiesen hat, finde ich sehr beachtenswert. Man muss sich die Situation einmal bildlich vorstellen: Richard Rudolf steht allein vor 100 russischen Mithäftlingen und hält einen Rede über seinen Glauben. Er konnte nicht wissen, wie sie reagieren würden: Spott und Hohn wären noch harmlos gewesen, doch sie hätten genauso gut ihre Wut an ihm auslassen und ihn verprügeln können. Er hätte auch von einem dieser Zwangsarbeiter an die SS verraten werden können und hätte dann schwerste Strafen zu erwarten gehabt. Schließlich waren die Bibelforscher gerade deshalb ein besonderes Hassobjekt der SS, weil sie nicht nur an ihrem Glauben festhielten, sondern ihre Missionstätigkeit auch im Lager fortführten.

Wie haben denn die Häftlinge auf seine Ansprache reagiert?

„Nachdem ich fertig war, sind die Russen von ihren Betten gesprungen und haben mich umarmt, mich hochgehoben und gerufen: Tolstoi! Tolstoi!“ Offensichtlich waren sie sehr beeindruckt von seiner Rede. Für sie war er genauso ein Held wie der russische Volksheld Leo Tolstoi. Sie verehrten ihn als Helden, weil sie ihn als guten Menschen ansahen, der unparteiisch war und sich nicht für etwas Besseres hielt, nur weil er Deutscher war.

Zwar wurde er von diesen Häftlingen als Held verehrt, doch beruhte diese Heldenverehrung auf einer Fehlinterpretation seiner Rede. Eigentlich wollte Richard Rudolf nur seine Glaubensgrundsätze darlegen, um ihnen sein Verhalten zu erklären. Er hatte nicht vor, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern wollte über Gott „Zeugnis“ ablegen. Seine Liebe zu Gott war für ihn die Motivation zum Handeln. Die russischen Häftlinge übertrugen jedoch ihre Vorstellungen von einem Helden auf Richard Rudolf. Eine solche Art von Verehrung war allerdings nicht in seinem Sinne. Dennoch kann sein Mut in dieser Situation als heldenhaft gelten.

Wie hat Richard Rudolf weiter gehandelt? Hat er in der Bombengießerei mitgearbeitet und hat er die Stelle als Kapo „angenommen“?

Als die Häftlinge am nächsten Morgen zur Arbeit ausrückten, blieb er in der Baracke. Irgendwann kam eine Lautsprecherdurchsage vom Lagerkommandanten: „Schutzhäftling 333 ans Tor! Schutzhäftling 333 ans Tor!“ Richard Rudolf erklärte, dass er sich als Zeuge Jehovas nicht an der Rüstungsindustrie beteiligen werde.

Doch was war die Folge davon, dass er sich weigerte, den Krieg auf irgendeine Art zu unterstützen?

Zum dritten Mal zum Tode verurteilt

„Hände weg von dem Kerl!“

Seit Richard Rudolf im KZ Sachsenhausen den Wehrdienst verweigert hatte, lautete sein Urteil: Hinrichtung zum geeigneten Zeitpunkt. Seit diesem Zeitpunkt sollte er daher immer wieder hingerichtet werden. Jetzt war durch seine Weigerung in der Bombengießerei zu arbeiten wieder ein Anlass zur Hinrichtung geschaffen worden.

Zunächst kam Richard Rudolf in die Strafkompanie. Am nächsten Tag wurde er abgeholt, da er nun erhängt werden sollte. So wurde er zum zweiten Mal damit konfrontiert, dass er hingerichtet werden sollte. Auch dieses Mal lag es ganz in seiner Hand, sich aus dieser Situation zu befreien. Er hätte „nur“ seine Grundsätze über Bord werfen und die Arbeit in der Rüstungsfabrik aufnehmen müssen. Hätte er seinem Glauben abgeschworen, wäre er sogar frei gekommen. Wie hat er reagiert? Statt einzuknicken bewahrte er seinen Glauben und seine Grundsätze.

Während er neben der Baracke des Kommandanten warten musste, kam ein „alter Bekannter“, Rottenführer Arndt, aus der Baracke. Dieser Rottenführer Arndt war ebenjener Gustav Arndt, den Richard Rudolf bereits in der SS-Küche in Neuengamme kennengelernt hatte. Jener Gustav Arndt, dem Richard Rudolf damals erzählt hatte, Deutschland werde den Krieg nicht gewinnen.

Er hatte von einem Bibelforscher gehört, der sich weigerte in der Bombengießerei zu arbeiten und war neugierig, um wen es sich dabei handelte.

Wie reagierte Gustav Arndt als er Richard Rudolf erkannte? „Mensch Richard, du bist das! Ich hol’ dich da raus!“ rief er, woraufhin er sofort zum Lagerleiter ging und behauptete, den Häftling Nr.333 dringend in der Küche zu benötigen. Man suchte ihn von der Gefährlichkeit dieses Häftlings zu überzeugen: „Ganz gefährlich! Hände weg von dem Kerl!“

Offensichtlich hatte Richard Rudolfs Verhalten den Lagerkommandanten davon überzeugt, dass dieser „Kerl“ an seinem Glauben nicht nur trotz aller Repressalien festhalten würde, sondern auch gefährlich sei, da er seine Missionstätigkeit nicht aufgab.

Für den Lagerkommandanten war Richard Rudolf kein Held, sondern ein Verbrecher. Er hätte das Wohlgefallen des Lagerkommandanten finden können, wenn er seinen Glauben aufgegeben hätte. Er hätte sogar ein „Held“ werden können, wenn er als Kapo die russischen Häftlinge besonders grausam behandelt hätte, wie es einige andere Kapos taten. Doch stattdessen weigerte er sich beharrlich, zu töten – auch nicht indirekt. Für die Nazis galt er somit nicht nur als Feigling und Schwächling, sondern auch als Krimineller, da er den Nationalsozialismus untergrub.

Diese Weigerung sich anzupassen, die innere Stärke, die er dadurch bewies, sowie der Mut seinen Glauben, also seine Grundsätze, zu bewahren trotz der wiederholten Androhung der Todesstrafe, trotz des Elends und der menschenverachtenden Schikanen, die er tagtäglich um sich herum sah, das macht Richard Rudolf für mich zu einem Helden.

Rottenführer Arndt beharrte drei Tage lang auf seinem Entschluss, Richard Rudolf in die Küche zu holen, sodass er sich am Ende durchsetzte. In der Küche musste Richard Rudolf für ungefähr 100 SS-Männer kochen. „Die haben gut gegessen!“

Doch die Angelegenheit war damit noch nicht vergessen.

Nochmals der Hinrichtung entgangen

„Der ist nicht hier, der ist auf Transport!“

Anfang 1945 sprach Richard Rudolf mit Rottenführer Arndt darüber, ob dieser schon seine Kinder in Sicherheit gebracht habe. Denn: „Sie sehen ja, dass der Saftladen hier bald zusammenbricht!“

Während sie sich unterhielten und Richard Rudolf neben Gustav Arndt stand, kam der Henker in die Küche. „Gustav, ist bei dir der Schutzhäftling 333, Bibelforscher?“ „Nein, der ist nicht hier, der ist auf Transport!“

Warum ging diese Aussage durch? Erstens hatte Richard Rudolf ausnahmsweise seine Häftlingsjacke abgelegt. Auf der Häftlingsjacke waren der „Lila Winkel“, das Zeichen für die Bibelforscher, und seine Häftlingsnummer aufgenäht. Richard Rudolf stand außerdem hinter einem Tisch, sodass auch die Häftlingsnummer an seinem Bein verdeckt war. Da der Henker Richard Rudolf nicht kannte und auch seine Häftlingsnummer nicht sehen konnte, bemerkte er nicht, dass der Gesuchte direkt vor seiner Nase stand. Und was hatte es mit dem Transport auf sich? Kurz zuvor war tatsächlich ein Transport mit Häftlingen, die „evakuiert“ werden sollten, auf die Reise gegangen.

Obwohl der Krieg vor seinem Ende und Deutschland kurz vor dem Zusammenbruch stand, verfolgte man den Häftling Nr. 333, Richard Rudolf, auf einem Häftlingstransport mit Häftlingen, die sowieso dem Tod geweiht waren, nur um diesen bestimmten Häftling gesondert hinzurichten. Ein Beispiel für die sinnlose Effizienz und die blinde Skrupellosigkeit, mit der die Befehlsempfänger handelten. Natürlich konnte man ihn dort nicht finden. So hatte Richard Rudolf ein weiteres Mal überlebt, obwohl er hingerichtet werden sollte.

Auch die letzten Gefangenen wurden im Laufe der nächsten Zeit aus dem Lager abtransportiert, um zu den Schiffen an der Ostsee gebracht zu werden, auf denen sie untergehen sollten. Gelagert wurde am Müritz-See. Während sie dort lagerten, kamen zwei Militärpolizisten auf einem Motorrad an, um genau zu sein, auf einer „Victoria“.

Was wollten sie?

Wieder Glück am Ufer des Müritz-Sees

Sie sollten Richard Rudolf abholen. Doch zufälligerweise war er auch dieses Mal zur richtigen Zeit an einem anderen Ort. Da die Häftlinge kein Wasser hatten, mussten sie dieses im nahegelegenen Frauenlager Ravensbrück holen. Sie holten das Wasser mit einem großen Plattenwagen, auf dem ein Fass stand, aus dem Hühnerstall im Frauenlager. Während er also im Frauenlager war, um Wasser zu besorgen, sollte er abgeholt werden. Da die Militärpolizisten von den anderen Häftlingen erfuhren, er sei nicht da, mussten sie unverrichteter Dinge wieder abfahren.

Nach dem Krieg traf Richard Rudolf diese beiden Militärpolizisten wieder. Es waren die Schwiegersöhne eines Glaubensbruders. Einer von ihnen wurde später sogar selbst ein Zeuge Jehovas.

So oder so war Richard Rudolf fünfmal der Hinrichtung entgangen, die er eigentlich sicher glaubte: Nach der ersten Weigerung, sich am Krieg zu beteiligen im Frühjahr 1940 im KZ Sachsenhausen, im Strafkommando, als der Kapo ihn im Zementbunker versteckte, dann nach seiner Weigerung als Kapo in Braunschweig in einer Bombengießerei zu arbeiten, kurz vor der Evakuierung, als der Henker ihm ohne es zu wissen gegenüber stand und nun zum fünften Mal am Müritz-See. Jedes Mal hätte er die Möglichkeit gehabt, sich diesem Urteil zu entziehen, indem er seine Glaubensgrundsätze über Bord geworfen, seinem Glauben abgeschworen und den Wehrdienst angetreten hätte. Doch dazu war er nicht bereit. Er widerstand dem NS-Regime trotz aller Schikanen und war sogar bereit, eher sein Leben zu geben, als sich von diesem System vereinnahmen zu lassen.

Was geschah mit Richard Rudolf, als das NS-Regime zusammengebrochen war?

Als der Krieg vorbei war, floh die SS, die die Häftlinge am Müritz-See bewacht hatte, und diese waren frei. Richard Rudolf wollte nun zunächst in seine Heimat nach Schlesien zurückkehren, doch er erfuhr, dass die Russen dieses Gebiet besetzt hatten. Deshalb ging er nach Mückenberg, zum Haus seines besten Freundes Karl Junge, wo auch dessen Frau, Frieda, bereits auf die Heimkehr ihres Mannes wartete, von dem sie kurz zuvor – im Februar – noch einen Brief erhalten hatte. Karl Junge war jedoch am Ende des Krieges zusammen mit den anderen Häftlingen aus dem KZ Neuengamme evakuiert worden und auf einem Schiff, der Kap Arcona, in der Lübecker Bucht ertrunken. Frieda Junge und Richard Rudolf warteten also vergeblich auf ihren Mann beziehungsweise engen Freund.

Doch schon bald sollte sich die Lage der Zeugen Jehovas in der DDR und somit auch die Richard Rudolfs gravierend ändern. Wie?

V. Allgemeine Darstellung der Situation der Zeugen Jehovas in der SBZ / DDR

1. Als Helden verehrt: 1945-1950

Während man im Westen Deutschlands ehemaligen KZ-Häftlingen mit Vorbehalten begegnete, wurden sie in der SBZ und später in der DDR aus Propagandazwecken zu Helden stilisiert.

Zwar galt diese Heldenverehrung vornehmlich Kommunisten, doch „Jehovas Zeugen wurden von dieser KZler-Heldenwelle mitgetragen.“

Auffallend finde ich, dass einigen Zeugen Jehovas der Titel „Opfer des Faschismus“ (OdF) verliehen wurde. Dieser Titel war eine Art Ehrentitel und ursprünglich dazu eingeführt worden, ehemals verfolgte Kommunisten zu würdigen. Mit diesem Titel waren auch einige Vergünstigungen, wie zum Beispiel ermäßigte Fahrkarten und eine Rente, verbunden, sodass auch viele Zeugen Jehovas, die unter Hitler verfolgt wurden, diesen Titel beantragten.

Zumindest in der öffentlichen Meinung galten Jehovas Zeugen als zu Unrecht Verfolgte und auf Grund ihres Mutes und der inneren Stärke, mit der sie dem NS-Regime widerstanden hatten, sogar als Helden.

Dies wird in einem Schreiben der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an die Religionsgemeinschaft deutlich:

„Eine Diktatur, die die Unterdrückung einer anderen Meinung, oder die Ausübung irgendeiner Glaubensauffassung beinhaltet, wird von uns selbstverständlich abgelehnt. Wir haben die „Zeugen Jehovas“ in Konzentrationslagern als aufrechte Leute und Kämpfer [... gegen den] Faschismus kennen und schätzen gelernt. Ihr Mut und ihre Überzeugungstreue war nicht nur bewunderungswürdig, sondern auch ein Ansporn für andere Leidensgefährten.“

Interessant finde ich die Aussage, eine Diktatur, die die Religionsfreiheit beschränke, stoße auf Ablehnung, denn nur wenige Jahre später sollte sich die DDR zu einer solchen Partei-Diktatur entwickeln.

Doch was erhoffte sich die neue Regierung von „ihren“ Helden?

2. Enttäuschte Erwartungen der Regierung

Die neue sozialistische Regierung erwartete, dass sich alle diese „Helden“ am „Aufbau des Sozialismus“ beteiligen. Doch Jehovas Zeugen ließen sich auch von dem neuen Staat nicht vereinnahmen. Sie hatten sich dem NS-Staat nicht gebeugt, weil sie ihren Glauben nicht aufgeben wollten und jetzt wollten sie ihren Glauben auch nicht für den Sozialismus opfern.

Statt mit allen Kräften den „Aufbau“ zu unterstützen, machten sich Jehovas Zeugen sofort wieder daran, ihr Missionswerk aufzunehmen.

Beeindruckend finde ich einige Berichte, zu Folge derer manche Zeugen Jehovas nach der Befreiung aus dem KZ sofort – noch in Häftlingskleidung – mit dem Missionswerk begannen. Dabei gilt es zu beachten, dass viele Häftlinge keine andere Kleidung mehr besaßen und ihnen somit nichts anderes übrig blieb, als ihre Häftlingskleidung weiter zu tragen. Zudem wurden gegen Ende des Krieges immer mehr Zeugen Jehovas als Funktionshäftlinge in den Privatkontoren der Lagerkommandanten, als Kindermädchen oder Haushaltshilfen in SS-Haushalten oder anderen verantwortungsvollen Positionen eingesetzt, da sie als zuverlässig, fleißig und fluchtsicher galten. Diese Funktionshäftlinge waren oftmals mit gewöhnlicher Alltagskleidung, auf der ein lila Winkel sowie die Häftlingsnummer als Erkennungsmerkmal aufgenäht waren, bekleidet. Dennoch spiegeln diese Berichte die Entschlossenheit und den nach wie vor ungebrochenen Willen vieler Bibelforscher wieder, für ihren Glauben unter allen Umständen einzustehen. Natürlich wurden auch viele aus Dankbarkeit Gott gegenüber dazu getrieben, über ihn zu sprechen. Schließlich waren sie der festen Überzeugung, von Gott gerettet worden zu sein.

Ein solcher Eifer war zwar in der SBZ gern gesehen, doch nur in Verbindung mit dem Voranbringen der sozialistischen Staatsordnung. Ein solcher Eifer in der Verkündigung des Königreiches Gottes als Mittel zur Lösung aller Probleme erschien staatlichen Stellen zumindest suspekt, wenn nicht sogar bedrohlich.

Davon zeugen die zahlreichen Berichte beunruhigter Polizisten aus den einzelnen Informationsbüros im Land. Solche Informationsbüros dienten einer Überwachung der Bevölkerung. Fielen den einzelnen Informationsbüros bestimmte Verhaltensweisen, die ihnen befremdlich oder bedrohlich erschienen, auf, so wurden ab dem Jahr 1947 Berichte darüber an die neu gegründete Zentralverwaltung, an die „deutsche Verwaltung des Innern“, geschickt.

Die Zeugen Jehovas hatten in den ersten Nachkriegsjahren einen beträchtlichen Zulauf. Daher berichteten einige Ortspolizisten besorgt darüber, dass viele Menschen zu den Veranstaltungen der Zeugen Jehovas kämen, wohingegen Veranstaltungen der DDR-Massenorganisationen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

3. Das Verbot der Wachtturm-Gesellschaft am 31.August 1950

Offensichtlich überschätzte die DDR-Regierung den Einfluss der Zeugen Jehovas und hatte Angst, durch die „Agitation und Propaganda“ dieser Gruppe könne der „Aufbau des Sozialismus“ erheblich beeinträchtigt werden.

Da sich Zeugen Jehovas weigerten, an den Wahlen teilzunehmen, befürchtete man, sie könnten versuchen, auch andere davon abzuhalten, was faktisch nicht der Fall war.

Dennoch begann man einen Propagandafeldzug gegen Zeugen Jehovas zu führen. Beinahe täglich wurden nun in verschiedenen Zeitungen der DDR Schmähartikel über Jehovas Zeugen abgedruckt. Auch wurden gefälschte Arbeiterpetitionen veröffentlicht, die den Eindruck entstehen ließen, das Volk wünsche ein Verbot der Zeugen Jehovas.

Somit wurden die „Helden“, die nicht mehr ins Bild passten, da sie sich nicht für propagandistische Zwecke missbrauchen ließen, einfach von ihrem Heldensockel gestürzt. Man bezog sich dabei nicht nur auf ihr verbrecherisches Wesen in der Gegenwart, sondern entschuldigte sich gewissermaßen, Zeugen Jehovas überhaupt jemals für Helden gehalten zu haben. Schließlich hätten sie in Wirklichkeit bereits in der NS-Zeit nicht heldenhaft gehandelt.

Als nächstes wurde ein „Präventivschlag“ gegen das Werk der Zeugen Jehovas in der DDR durchgeführt.

In nächtlichen Aktionen wurden am 29. und 30. August 1950 um die 400 Zeugen Jehovas verhaftet und man plante einen großen Schauprozess in Berlin. Diese Verhaftungsaktionen sind nach Ansicht einiger Experten wahrscheinlich die ersten Aktionen, die das MfS selbstständig – ohne sowjetische Hilfe – durchführte.

Am 30. August 1950 wurde außerdem das Bibelhaus in Magdeburg, von wo aus das Werk der Religionsgemeinschaft in Deutschland koordiniert wurde, von dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) besetzt.

Einen Tage später, am 31. August 1950, folgte das Verbot der Zeugen Jehovas in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Begründung des Verbots lautete wie folgt:

„Die Tätigkeit der „Zeugen Jehovas“ in den letzten 10 Monaten hat klar bewiesen, dass diese den Namen einer Religionsgemeinschaft fortgesetzt für verfassungswidrige Zwecke missbrauchen. Sie haben im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und in Groß-Berlin eine systematische Hetze gegen die bestehende demokratische Ordnung und deren Gesetze unter dem Deckmantel religiöser Veranstaltungen betrieben. Außerdem haben sie fortlaufend illegales Schriftenmaterial eingeführt und verbreitet, dessen Inhalt sowohl gegen die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, als auch gegen die Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens verstößt. Gleichzeitig ist festgestellt, dass die „Zeugen Jehovas“ dem Spionagedienst einer imperialistischen Macht dienstbar sind.“

Solche haarsträubenden Anschuldigungen – Spionage, Hetze gegen die Demokratie und Verstoß gegen die Friedensbemühungen der Regierung – zeigen mir, dass nach einer Begründung für ein Verbot gesucht wurde, das nicht gerecht sein konnte. Die erhobenen Vorwürfe hätten keiner noch so oberflächlichen Prüfung standhalten können. Dennoch nutzte man diese, um das Feindbild, das man von den Zeugen Jehovas zeichnete, zu legitimieren. Ich finde es beinahe beeindruckend, wie schnell – innerhalb weniger Monate – die einstigen Helden zu staatsgefährdenden Feinden der Republik erklärt worden waren.

4. Tätigkeit in der Illegalität

Bis Dezember 1950 wurden etwa 1000 Zeugen Jehovas verhaftet. Darunter waren vor allem diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Leitung innerhalb der Religionsgemeinschaft übernommen hatten. Dadurch ergaben sich zunächst Strukturprobleme und eine Verunsicherung der Gläubigen.

Natürlich gab es „in den 40 Jahren ... auch Entwicklungsprozesse“, das heißt es wurden Organisationsstrukturen entwickelt, die der Situation besser entsprachen. So gab es später auch die sogenannte „Brandmauerregelung“. Die einzelnen Gläubigen wussten nicht, wer außer den Gläubigen in ihrer kleinen Gruppe noch Zeugen Jehovas waren – natürlich nur, sofern sie sich nicht von früher kannten.

Ich möchte wissen, wie die Zeugen Jehovas auf dieses erneute Verbot reagierten? Hatten sie Angst vor einer erneuten Verfolgung? Machte es ihnen nichts aus?

Nicht alle reagierten heldenhaft. „Es gab einige, die ängstlich reagierten“, erinnert sich Richard Rudolf. Auch Dr. Hans-Hermann Dirksen erklärt, dass einige ihr öffentliches Glaubensleben aufgaben. Und wie reagierten die anderen? Richard Rudolf sagt: „Uns gab das Verbot Kraft!“ Wie äußerte sich das?

Es wurden weiterhin Zusammenkünfte in kleinem Kreis abgehalten. Diese Zusammenkünfte waren für die einzelnen Gläubigen sehr wichtig, da sie „die Möglichkeit [boten], Gleichgesinnte zu treffen und Erfahrungen auszutauschen, frei den eigenen Glauben zu bekennen und, was besonders wichtig war, sich mit Literatur einzudecken.“

Um diese Literatur zu erhalten, wurden Kuriere eingesetzt, die Literatur aus dem Ausland einschmuggelten.

Welche Möglichkeiten nutzte man, diese Literatur im Land selbst zu verbreiten? Teile der Zeitschriften wurden von Hand abgeschrieben. Später nutzte man auch Mikrofilme und Kameras, um die Literatur zu vervielfältigen oder abzufotografieren.

Kann man dieses Verhalten als „heldenhaft“ bezeichnen?

Die geschmuggelte Literatur diente den Gläubigen nicht nur dazu, ihren eigenen Glauben aufrechtzuerhalten, sondern wurde auch zum Missionieren genutzt. Dabei vermittelten die Inhalte der Literatur, die sie schmuggelten, ein ganz anderes Bild von dem Wesen der Zeugen Jehovas als die Propaganda. Statt Kriegshetze zu betreiben, forderte der Wachtturm die Gläubigen dazu auf, den Frieden zu fördern. Statt Völkerhass zu predigen, lehrte der Wachtturm, Christen müssten sich vor Vorurteilen anderen Nationen gegenüber hüten.

Ein Held sollte laut der Definition in der Einleitung wagemutig und stark sein. Diejenigen, die sich durch ein Verbot nicht einschüchtern ließen, bewiesen dadurch sicher innere Stärke. Ich frage mich, ob ihr Verhalten Mut erforderte. Welche Konsequenzen konnte es haben, sich weiter zu versammeln oder Zeitschriften zu schmuggeln?

Einerseits wandten die Zeugen Jehovas gewisse Vorsichtsmaßnahmen an (wie die Verkleinerung der Studiengruppen oder die Anpassung der Missionstätigkeit an die Situation), sie waren also nicht darauf aus, absichtlich den Konflikt mit dem MfS zu verschärfen. Andererseits musste jeder, der seinen Glauben beibehielt, zwangsläufig dem MfS auffallen.

Es erforderte Mut, illegale Zeitschriften zu schmuggeln, denn bei einer Kontrolle konnte man jederzeit auffliegen. Langjährige Haftstrafen waren in solchen Fällen die Regel.

Auch den Missionsdienst nicht aufzugeben war mutig, denn diejenigen, denen man von seinem Glauben erzählte, waren nicht mit den Zeugen Jehovas verbunden – nichts hätte sie daran gehindert den Missionierenden zu denunzieren. Wiederum hätte der Denunzierte befürchten müssen, lange Zeit im Gefängnis verbringen zu müssen.

Heldenhaft finde ich es auch, wenn ab der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht am 24. Januar 1962 junge Männer aus religiösen Gründen den Wehrdienst verweigerten. Sie wussten, dass sie sich in dieser Situation vor dem MfS als Zeugen Jehovas bekennen und mit Gefängnisaufenthalten von 12 bis 20 Monaten rechnen mussten. Diese Wehrdienstverweigerer gingen keine Kompromisse ein. Obwohl im Moment kein Krieg herrschte, sie also nicht vor der Situation standen, jemanden töten zu müssen, wollten sie „den Krieg nicht lernen“. Diese Art religiöser Verfolgung dauerte bis zum Ende der DDR an.

Mutig war es auch, wegen seiner religiösen Überzeugung nicht wählen zu gehen. Denn dies erregte sofort Misstrauen und man hatte mit Repressalien zu rechnen. Fiel man am Arbeitsplatz durch Missionieren auf, konnte man schnell für zehn Jahre im Gefängnis landen.

Mich beeindrucken wieder vor allem die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Schule weigerten, die Fahne zu grüßen und die nicht der Freien Deutschen Jugend (FDJ) beitraten.

Es erforderte also nicht Mut, „ein Zeuge Jehovas zu sein, sondern seine Religion auszuleben“. Sobald man nämlich seine Religion praktizierte und keine Kompromisse einging, stand man unter Beobachtung des MfS und musste damit rechnen, jederzeit verhaftet zu werden und zu zehn bis fünfzehn Jahren „Zuchthaus“ verurteilt zu werden.

5. Maßnahmen der Regierung und des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)

Zu Beginn der 1950er Jahre, also in den ersten Jahren nach dem Verbot, wandte auch das MfS, genau wie früher die Gestapo, physische Gewalt an, um die Zeugen Jehovas von ihrem Glauben abzubringen. So starben bis 1955 „33 Gläubige, 21 Männer und 12 Frauen in der Haft“.

Doch da diese Taktik wie schon in der Nazi-Zeit ihre Wirkung weitestgehend verfehlte, verlegte man sich auf subtilere Methoden.

Bei verhafteten Zeugen Jehovas legte man nun das Hauptaugenmerk darauf, diese als Geheime bzw. Inoffizielle Mitarbeiter (GM/ IM) anzuwerben. Dazu versprach man ihnen Hafterleichterung, finanzielle Vorteile oder andere Vergünstigungen.

Häufig hatte diese Methode jedoch nur bei Gläubigen Erfolg, die ohnehin bereits Zweifel an der Religionsgemeinschaft hegten oder mit Anweisungen der Leitung nicht einverstanden waren. Es gelang dem MfS jedoch, sogar Zeugen Jehovas aus leitenden Positionen anzuwerben, die fortan jahrelang Informationen lieferten.

Besonders auffallend finde ich den Zentralen Operativen Vorgang (ZOV) „Sumpf“, der im Jahr 1963 begann. Dabei wurden alle aktiven Gläubigen überwacht, „von denen man annahm, dass sie in irgendeiner Weise Funktionen ausübten“, um alle leitenden Funktionäre auf einmal verhaften zu können, sodass die Religionsgemeinschaft auf Grund der aus dieser Verhaftungsaktion resultierenden Strukturprobleme auseinanderbrechen würde. Dieser ZOV schlug jedoch im November 1965 fehl, da sofort nach der Verhaftung der „Führungsebene“ andere Gläubige deren Aufgaben übernahmen.

Einer der letzten Versuche der DDR-Regierung zur Eliminierung der Glaubensgemeinschaft auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik war der Einsatz von abtrünnigen Splittergruppen und besonders die Gründung der Studiengruppe „Christliche Verantwortung“ (CV).

Diese Splittergruppen von ehemaligen Zeugen Jehovas wurden dazu genutzt, Schmähartikel und -briefe über die Religionsgemeinschaft zu verfassen. Solche Briefe wurden an einzelne Gläubige gesandt, um diese von den „Irrlehren“ zu befreien.

Besonders interessant ist dabei die Arbeit der 1965 durch das MfS gegründete Gruppe „Christliche Verantwortung“, deren gleichnamige Zeitschrift besonders für derzeitige Zeugen Jehovas gedacht war und die Glaubensgemeinschaft zersetzen sollte.

Mich interessiert nun, wie erfolgreich diese Zersetzungstaktik war.

Obwohl einige (ehemalige) Gläubige angeworben werden konnten und auch manche sich auf Grund der Propaganda von den Zeugen Jehovas lossagten, konnte dennoch kein „Massenabfall“ erreicht werden. Die Zahl der aktiven Gläubigen blieb in den Jahren der Verfolgung, also zwischen 1950 und 1990 beinahe konstant bei ungefähr 20.000. Darin kann ich keinen übermäßigen Erfolg der Maßnahmen des MfS gegen Jehovas Zeugen feststellen.

Vor dem Hintergrund dieser Verfolgung möchte ich nun das Verhalten und das Schicksal Richard Rudolfs in den Jahren 1945 bis 1960 untersuchen. Handelte er heldenhaft?

VI. Richard Rudolf in der DDR – Zehn Jahre Gefängnis

Reisender Prediger und Verhaftung

In der SBZ wurde Richard Rudolf nun zuerst zum Helden gemacht. Wie? Er bekam den Titel „Opfer des Faschismus“ (OdF) verliehen. Durch die Propaganda galt er als Überlebender des KZ in der Bevölkerung als Held. Allerdings wurde seinem persönlichen Schicksal kaum Beachtung geschenkt. Der Heldenstatus wurde ihm auch nicht auf der Grundlage seiner persönlichen Leistung zugesprochen – die Heldenmacher waren schließlich nicht einmal wirklich überzeugt davon, dass er ein Held war. Ziel dieser Heldenverehrung war es, auch Richard Rudolf für propagandistische Zwecke zu vereinnahmen.

Wurde Richard Rudolf den Erwartungen der Regierung gerecht? Ganz im Gegenteil!

Im Januar 1946 nahm er den Vollzeitdienst auf – das bedeutet, dass er seine gesamte Zeit als Prediger auf den Missionsdienst verwandte. Im Herbst 1948 bat ihn die IBV, die Gemeinden im Kreis Niederlausitz zu besuchen, um seine Glaubensbrüder zu ermuntern.

Statt sich also für den Aufbau des Sozialismus einzusetzen, setze Richard Rudolf sich voll für den Aufbau des religiösen Werks der Zeugen Jehovas ein. Statt zu verkünden, der Sozialismus werde alle Probleme lösen, lehrte er, das Königreich Gottes werde die Probleme der Menschheit in naher Zukunft für immer beseitigen.

Richard Rudolf passte nicht mehr in das Bild, das die DDR-Regierung von einem Helden hatte. Der OdF-Titel wurde wieder aberkannt und Richard Rudolf wurde zum Feind der Republik erklärt.

Als 1950 auch in der DDR die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verboten wurde, wurde er am 11. September – kurz nach dem Verbot vom 31. August – verhaftet.

Wie kam es dazu?

Richard Rudolf war abends bei einer Familie zu einem Bibelstudium gewesen.

Er hatte sich also von dem Verbot nicht beeindrucken lassen und weiter missioniert.

Als er aus der Wohnung kam, hörte er im Gebüsch ein seltsames Rascheln, was für ihn ein Zeichen war, dass er beobachtet wurde. Eigentlich wollte er mit dem Fahrrad nach Ruhland, um dort die nächste Gemeinde zu besuchen. Als er durch einen Ort kam, sah er von Weitem eine Kette von Radfahrern, alles Volkspolizisten, auf sich zufahren. Sofort machte er seinen Dynamo aus und bog in eine Seitenstraße ab. Er wurde zwar verfolgt, aber „ich war schneller“.

Er versteckte sich in einem nahegelegenen Wald, doch da es bereits Frost gab, wurde es sehr kalt und er musste wieder aus dem Wald herauskommen. Die Volkspolizei aber hatte den ganzen Wald umstellt. Als er aus dem Wald herauskam, ging auf einmal ein rotes Licht an. Zwei Polizisten verhafteten ihn und er wurde von vier Polizisten bis nach Ruhland auf die Polizeistelle begleitet. Der Wachmeister, der dort Dienst hatte, war, wie sich herausstellte, Richard Rudolf bekannt.

Ein Jahr vorher hatte Richard Rudolf einen unangemeldeten Vortrag gehalten. Dieser Wachtmeister war damals, in betrunkenem Zustand, in den Saal gekommen und hatte andauernd gestört. Als dieses Verhalten Richard Rudolf irgendwann unzumutbar erschien, fragte er die Zuhörerschaft: „Wünschen Sie den Vortrag weiter zu hören, wie die Menschheit zur wahrem Glück und zur Freude gelangen wird bei dauerhaftem Frieden und Sicherheit? Und wenn Sie das wünschen, möchte ich Sie bitten, sich zu erheben.“ Als sich alle erhoben, begannen die Anwesenden zu rufen: „Schmeißt den Kerl raus!“ Der betrunkene Wachtmeister wurde bleich und verließ den Versammlungsort.

Richard Rudolf handelte in dieser Situation sehr entschlossen, da er sich auch weiterhin „unbedingt für Gott einsetzen“ wollte. Er wusste, dass er Repressalien zu befürchten hatte, da der Vortrag nicht angemeldet gewesen war. Dennoch konnte ihn die Furcht vor eventuellen Strafmaßnahmen nicht davon abhalten, mutig für seinen Glauben einzutreten. Obwohl die anderen Anwesenden sich zunächst furchtsam bedeckt gehalten hatten, wollte er sein Glaubensleben nicht einschränken lassen. Er bewies in dieser Situation einmal mehr heldenhaften Mut und innere Stärke – nicht um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und nicht um nachher von den Zuhörern als Held gefeiert zu werden, sondern weil er Gott verteidigen wollte, den dieser Wachtmeister verhöhnt hatte.

Eben diesem Wachtmeister, den er ein Jahr vorher hinausgeworfen hatte, stand Richard Rudolf jetzt wieder gegenüber. Natürlich hatte er von ihm keine Gnade zu erwarten.

Wie ging es nun weiter?

Verhöre im Polizeigefängnis Dresden

„Sie haben nicht den Frost, Sie haben nicht die Unterdörfer und den Wauer kriegen Sie auch nicht!“

Zunächst kam er von Ruhland in das Polizeigefängnis in Hoyerswerda. Von dort aus kam er nach Dresden.

In Dresden kam er in eine Zelle. In der ersten Nacht hörte er bis zum Morgen die Hunde bellen, sodass er nicht schlafen konnte. Am nächsten Tag durfte er sich nicht ausruhen. In der nächsten Nacht wiederholte sich das Spektakel. In der dritten Nacht bellten die Hunde wieder, diesmal bis um Mitternacht. Dann wurde es ganz plötzlich still. Dafür hörte er jetzt zwei Stimmen. Die eine Stimme war die von Erich Frost, dem damaligen Leiter des deutschen Zweigbüros der Zeugen Jehovas, die andere Stimme gehörte seiner Sekretärin, Else Unterdörfer. Diese beiden beleidigten sich nun gegenseitig mit wüsten Schimpfwörtern. Da Richard Rudolf wusste, dass solcherart Worte nicht zum Wortschatz dieser beiden gehörten, schlussfolgerte er, dass ihre Stimmen imitiert wurden. Wie sich später herausstellte, waren sowohl das Hundegebell, als auch die imitierten Stimmen Tonbandaufnahmen. Diese technische Möglichkeit war ihm damals jedoch noch nicht bekannt. Das Abspielen dieser Aufnahmen war dazu gedacht, ihn mürbe zu machen.

Ein Held braucht innere Stärke, um seinen Weg zu gehen. Durch diese Psychofolter, den Schlafentzug und das Suggerieren dessen, dass verantwortliche Menschen ebenfalls bereits in Haft sind, versuchte die Gefängnisleitung eben diese Stärke zu brechen.

Für ihn war klar, dass er am nächsten Tag verhört werden würde. So kam es auch. Am nächsten Tag wurde er noch vor dem Frühstück zur Vernehmung geführt. „Also, damit Sie Bescheid wissen: wir haben den Frost, wir haben die Unterdörfer und den Wauer kriegen wir auch noch!“

Wie reagierte Richard Rudolf auf diese perfide Lüge?

„Sie haben nicht den Frost, Sie haben nicht die Unterdörfer und den Wauer kriegen Sie auch nicht!“, hielt er mutig entgegen. Allerdings wusste er zu der Zeit nicht, dass diese drei bereits in den Westen geflohen und in Sicherheit waren. Er wurde jetzt aus dem Zimmer geworfen und kam sofort auf Transport.

Statt schwach zu werden und wertvolle Informationen preiszugeben, indem er andere Mitgläubige verriet und sich dadurch zumindest Hafterleichterung, wenn nicht sogar die Freiheit zu erkaufen, stellte er seinen Mut einmal mehr unter Beweis.

Wohin sollte die „Reise“ nun gehen?

Im „Roten Ochsen“ in Halle

„Hier gehen sie nicht lebendig raus, wenn Sie nicht sagen, was wir wissen wollen.“

Die nächste Station sollte der „Rote Ochse“ in Halle (Saale) sein. „Was sie da mit mir angestellt haben, das war grauenhaft. Das zu erzählen, wäre furchtbar.“ Er bekam eine dreckige, finstere, mit Brettern vernagelte Zelle ohne Toilette und ohne irgendwelche Einrichtung. Nur in der Ecke war ein dreckiger Sack, der ihm als Bett dienen sollte. Es gab nicht einmal einen Eimer oder Ähnliches, worin er seine Notdurft hätte verrichten können. Es gab nur eine kleine Büchse, die etwa einen Liter Urin fassen konnte. War diese voll, so versuchte er den Inhalt durch das vernagelte Fenster zu schütten, um die Büchse zu leeren.

Richard Rudolf betete zu Gott, damit er ihm die Kraft gebe, in dieser Situation nicht wahnsinnig zu werden und dass er in der Vernehmung „ein gutes Zeugnis geben“ könne.

Er glaubte nicht, dass er aus sich selbst heraus die Kraft hätte, diesem System zu widerstehen. Für ihn war klar, dass er das nur mit Gottes Hilfe schaffen könnte. Daher sah sich Richard Rudolf auch niemals als Helden an – was er geleistet hatte, hatte er durch Gott geschafft. Sein Motiv war auch niemals gewesen, als besonders stark zu gelten, sondern er wollte einfach nur Gott weiter anbeten und das, so gut er konnte. Daher wollte er auch jetzt im Gefängnis weiterhin „ein Zeugnis geben“.

Ein Wärter sagte zu ihm: „Wissen Sie, warum wir Sie so behandeln? Wir wollen den Beweis für die Evolutionstheorie antreten.“ „Ach so, dann wollen Sie bewirken, dass Menschen unter bestimmten miesen Umständen wieder zum Affen werden.“ Der Wachtmeister knallte die Zellentüre wieder zu.

Ein paar Tage später wurde er nachts zur Vernehmung gebracht. Wie lief diese ab? Bei der Vernehmung waren drei Wachtmeister anwesend. Einer drohte ihm: „Hier gehen Sie nicht lebendig raus, wenn Sie nicht sagen, was wir wissen wollen.“

Auch diesmal bewies Richard Rudolf den heldenhaften Mut, für seinen Glauben einzustehen, indem er entgegnete: „Wissen Sie, ich habe keine Furcht vor dem Tode. Außerdem war ich im KZ und da haben wir das Fürchten verlernt.“ Solch eine Aussage steht einem Helden zu.

Dass Richard Rudolf bereits im KZ inhaftiert gewesen war, wussten die Vernehmenden noch nicht. Daher fragten sie ihn, aus welchem Grund er dies erlitten habe. „Ich habe überall erzählt, dass Christus Jesus 1914 die Herrschaft angetreten hat und dass wir in der Zeit des Endes leben.“ Diese Behauptung sollte er beweisen und dazu wurde ihm sogar eine Bibel zur Verfügung gestellt. Einen der Wachtmeister konnte er mit seiner Argumentation überzeugen, sodass die Vernehmenden begannen, miteinander zu streiten.

Nach einiger Zeit kam ein weiterer Wachtmeister herein. Ihm wurde erzählt, dass Richard Rudolf bereits im KZ inhaftiert gewesen war. Dieser vierte Wachtmeister glaubte Richard Rudolf jedoch nicht. Schließlich war Richard Rudolf ein „Staatsfeind“ und die ehemaligen KZ-Häftlinge galten als Helden. Das passte im Weltbild des Wachtmeisters nicht zusammen und daher rief er den Fahrer, der die Vernehmenden nach den Verhören nach Hause fuhr. Dieser war auch im KZ Neuengamme inhaftiert gewesen. Mehr noch, er hatte sogar mit den Zeugen Jehovas im Lager die Bibel studiert. Als er Richard Rudolf dort sitzen sah, erkannte er ihn sofort wieder und drohte den Wachtmeistern, wenn sie das Verhör nicht sofort beenden würden, müssten sie zu Fuß nach Hause gehen. Und so wurde diese Vernehmung beendet.

Richard Rudolf freute sich nun sehr, dass er den Wachtmeistern „ein Zeugnis geben“ konnte. Sein Eifer war nach wie vor ungebrochen und er nutzte jede Gelegenheit, die sich ihm bot, um zu missionieren.

Schauprozess und Verurteilung

„Ich kenne den Herrn [Stalin] nicht persönlich, ich kann mir kein Urteil erlauben.“

Im Frühjahr 1951 sollte dann ein Schauprozess gegen ihn geführt werden.

Der vorsitzende Richter fragte Richard Rudolf: „Angeklagter, was halten Sie von Stalin?“ „Wissen Sie, ich kenne den Herrn persönlich nicht, ich kann mir da kein Urteil erlauben.“ Diese Antwort veranlasste die Anwesenden vor Wut aufzuspringen. Die nächste Frage lautete: „Wer sind die, die die Erde verderben?“ „Alle die, die vom Frieden reden und das Gegenteil tun.“ Das waren sehr mutige, wenn nicht sogar wagemutige Antworten. Richard Rudolf hielt sich nicht zurück, mutig seine Überzeugung zu vertreten, obwohl er als Angeklagter in einer äußerst ungünstigen Position war, in der er nach solch einer Antwort nicht mehr auf ein mildes Urteil hoffen durfte. Diese Antwort könnte man daher als heldenhaft bezeichnen. Jetzt wurde Richard Rudolf aus dem Gerichtssaal geführt und der Prozess lief ohne ihn weiter. Das Urteil hatte sowieso von Anfang an festgestanden, sodass es keinen Unterschied machte, ob der Angeklagte der Verhandlung beiwohnte oder nicht.

Zur Urteilsverlesung durfte Richard Rudolf den Saal wieder betreten. Das Urteil lautete auf 15 Jahre Zuchthaus.

Diese Haft verbüßte er zuerst in Waldheim und dann in Torgau. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 wurde seine Haftzeit auf 10 Jahre heruntergesetzt.

Haftbedingungen im DDR-Gefängnis Torgau


Wie waren die Haftbedingungen in den DDR-Gefängnissen? Und wie hat man hier versucht, die Zeugen Jehovas zur Aufgabe ihres Glaubens zu bewegen?

Die Methoden unterschieden sich von denen der Nazis. In der DDR setzte man nicht so sehr auf körperliche Gewalt oder Schikane als vielmehr auf die Zersetzung der Psyche. Dazu wurden zeitweise bis zu sechs Zeugen Jehovas zusammen in eine Einzelzelle gesperrt. Man hoffte, dass sie sich durch dieses Zusammengepferchtsein zerstreiten würden und so ihr Glaube geschwächt würde oder sie diesen sogar aufgeben würden. Zwar lief in diesen Zeiten nicht alles glatt und es gab auch kleinere Streitereien, doch im Großen und Ganzen hielten sie zusammen und somit ging diese Taktik nicht auf.

Die inhaftierten Zeugen Jehovas hielten sogar ihre wöchentlichen Zusammenkünfte im Gefängnis ab und vor allem feierten sie das Abendmahl. Normalerweise wird dabei in einer einfachen Zeremonie ein Vortrag gehalten und es werden die Symbole herumgereicht, die auch Jesus laut dem Bibelbericht bei seinem „letzten Abendmahl“ benutzte, ungesäuertes Brot und Rotwein. Dieser Tag ist für Zeugen Jehovas der höchste Feiertag im Jahr. Daraus erklärt sich, warum die Häftlinge es für so wichtig hielten, diesen Brauch beizubehalten. Natürlich hatten sie weder Rotwein noch ungesäuertes Brot zur Verfügung und so benutzten sie stattdessen Knäckebrot und Kaffee. Diese „Symbole“ hatten sie aus Hilfspaketen Angehöriger oder von Glaubensbrüdern erhalten.

Überhaupt wurde der Inhalt solcher Pakete stets unter allen aufgeteilt und war es noch so wenig, was dabei übrig blieb. Warum? Dieses Verhalten hatte zwei Gründe: Erstens wurde somit verhindert, dass diejenigen, die nichts erhielten, neidisch auf ihre Glaubensbrüder wurden. Zweitens brauchte derjenige, für den das Paket bestimmt war, kein schlechtes Gewissen den anderen gegenüber zu haben. Diese Pakete enthielten jedoch nicht nur Nahrungsmittel, sondern gut versteckt auch „geistige Speise“ wie zum Beispiel Ausschnitte aus dem Wachtturm.

Wie konnten diese Ausschnitte die Kontrolle überstehen? Das war gar nicht so einfach, denn selbst Käse, Brot, Kuchen oder Wurst wurden in Scheiben geschnitten oder durchbohrt, um zu kontrollieren, dass darin nichts „Illegales“ versteckt war.

Eine findige Zeugin Jehovas arbeitete jedoch in einer zahnmedizinischen Firma. Sie benutzte die feinen Bohrer, um Würfelzuckerstücke anzubohren. In den so entstandenen Löchern versteckte sie einzelne Sätze, die sie aus dem Wachtturm ausgeschnitten hatte. Dann verschloss sie die Löcher wieder mit etwas Zucker. Diese Idee blieb von den Kontrolleuren unbemerkt. Selbst die inhaftierten Zeugen Jehovas bemerkten die so eingeschmuggelte Literatur erst, als bei ihnen plötzlich Papierstreifen im Kaffee schwammen. Die einzelnen Sätze wurden zusammengesetzt und so konnten sie Botschaften von ihren nicht inhaftierten Glaubensbrüdern erhalten.

Da der starke Zusammenhalt unter den Zeugen Jehovas natürlich nicht unbemerkt blieb, wurden sie nun auch mit Nicht-Zeugen auf eine Zelle gelegt. Doch auch diese Taktik brachte nicht den erwünschten Erfolg, denn die Zeugen nutzten die Gelegenheit, um ihr Missionswerk fortzuführen.

So wurde Richard Rudolf in Torgau zum Beispiel einmal mit einem ungefähr 25-jährigen Mann zusammengelegt. Dieser hatte gerade einen Selbstmordversuch hinter sich. Nachdem Richard Rudolf ihn einigermaßen gesund gepflegt hatte, erzählte er ihm von Gottes Königreich. Dieser Mann, der nie mit Zeugen Jehovas in Kontakt kommen wollte, war Richard Rudolf nun so dankbar, dass er, als er entlassen werden sollte, nicht gehen, sondern bei ihm bleiben wollte.

Einige Wochen später wurde Richard Rudolf wieder mit einem Mann zusammengelegt, der versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Auch bei diesem 45-jährigen Mann setzte Richard Rudolf seine Missionierung fort und auch dieser wollte gerne bei ihm bleiben.

Da also auch diese Methode nicht erfolgreich, sondern im Gegenteil sogar eher kontraproduktiv war, versuchte man es mit der Einzelhaft.

Diese war Richard Rudolf auch am liebsten, denn „dann konnte ich mich konzentrieren“. Die Zeit der Einzelhaft nutzte er dazu, nachzudenken und die Erlebnisse der NS-Haft aufzuarbeiten.

Am 21. September 1960 wurde er aus der Strafvollzugsanstalt Torgau entlassen und ging nach Gera.

VII. Richard Rudolfs Leben nach der Haft bis heute


Nach seiner Haftentlassung versuchte Richard Rudolf, aus der DDR zu fliehen, was ihm beim zweiten Versuch im Jahr 1961 auch gelang.

In Eberbach am Neckar traf er auf die Witwe seines verstorbenen Freundes Karl Junge, Frieda Junge, die ihn während seiner Haftzeit mit Lebensmitteln unterstützt und ihm geschmuggelte Literatur hatte zukommen lassen. Dies war ihr gelungen, da Richard Rudolf sie als seine Verlobte ausgab. Sie war 1958 wegen einer drohenden Verhaftung zu ihrem Sohn in den Westen geflohen.

Im Jahr 1961 heiratete Richard Rudolf Frieda Junge. Sie verstarb 94-jährig im Jahr 1993. Nach der Wende im Jahr 1990 wurde er in der Bundesrepublik Deutschland rehabilitiert und ihm wurde für die in der DDR erlittene Haft eine Haftentschädigung gezahlt.

Am 16. Februar 2006 heiratete er im Alter von 94 Jahren Irmgard Kriebel. Dies ist für mich ein schöner Beweis für seine nach wie vor ungebrochene Lebensfreude. Auch erkenne ich daraus, dass er keineswegs ein Mensch ist, der nur im Hinblick auf das „Jenseits“ lebt, sondern vollkommen im Hier und Jetzt verankert ist.

Keineswegs hat er „mit der Welt abgeschlossen“, lebt also auch nicht in der Vergangenheit. Nach dem Tod seiner ersten Frau hat er sich einen Computer gekauft, um Briefe zu schreiben, durch die er seine Missionstätigkeit aufrecht erhalten kann. Im Moment, im Alter von 97 Jahren, überlegt er, ob er sich nicht einen Laptop anschaffen sollte, da dieser praktischer als sein Computer wäre.

In meinem Gespräch mit Richard Rudolf vermittelte er den Eindruck eines Menschen, der mit seinem Handeln und seinem Leben zufrieden ist. Er nahm seine Situation stets hin ohne mit ihr zu hadern.

Auch jetzt, wo er auf Grund seines Alters, einer Gehbehinderung und Schwerhörigkeit nicht mehr so aktiv wie früher sein kann, beklagt er sich nicht über seine Lage, sondern versucht das Beste daraus zu machen. Er kocht noch immer gerne und wenn man ihm beim Essen zusieht, entdeckt man in seinem Gesicht die pure Lebensfreude.

Zwar nahm er immer schon Gelegenheiten wahr, Glaubensbrüdern von seinen Erlebnissen zu berichten, aber außerhalb der Religionsgemeinschaft wurde er kaum wahrgenommen. Erst als sich in den 1990er Jahren Historiker verstärkt mit dem Verfolgungsschicksal von Jehovas Zeugen in Deutschland beschäftigten, wurde er als Held „wiederentdeckt“. Heute nutzt er gerne seine Möglichkeiten, um auch jungen Menschen wie mir von seinem Schicksal zu erzählen, damit eine solche Situation – Verfolgung um des Glaubens willen – nie wieder entstehe. Zudem möchte er ein Zeugnis davon ablegen, dass es Menschen gab, die sich sowohl dem totalitären NS-Regime als auch der SED-Diktatur verweigerten.

VIII. Schlussfolgerung


Wer ist ein Held? Heute sehnen wir uns nach Menschen, die bewiesen haben, dass man dem NS-System trotzen konnte. Wir wünschen uns Menschen, die nachdenken, statt einfach Propaganda in ihr Gedankengut aufzunehmen. Wir erwarten, dass Menschen ihren Weg, von dem sie überzeugt sind, gehen, selbst wenn sich dadurch Nachteile ergeben sollten. Solche Menschen sind für uns Helden. Richard Rudolf ist einer davon.

Er widerstand dem NS-Regime, indem er trotz Verbots für seinen Glauben aktiv blieb. Er schmuggelte Zeitschriften, die nicht nur seinen Glaubensbrüdern zu Gute kamen, sondern auch den Menschen, die damit im Missionsdienst erreicht wurden. Denn diese Literatur vermittelte Grundsätze aus der Bibel, die die Menschen dazu anregen sollen, friedlich zu leben und keine Vorurteile aufkommen zu lassen. Niemals wurde in diesen Zeitschriften der Eindruck vermittelt, eine Rasse sei besser als die andere.

Natürlich hat Richard Rudolf auch Fehler gemacht – in einem Moment der Schwäche schwor er formell seinem Glauben ab, indem er die Erklärung, die ihm im Beisein seiner Großmutter in Breslau vorgelegt wurde, unterzeichnete. Doch aus dieser Handlungsweise kann ich auch erkennen, dass er ein „ganz normaler Mensch“ ist. Diesen Fehler versuchte er außerdem sofort wiedergutzumachen, indem er die Erklärung noch am selben Tag zurückzog.

In der DDR ließ er sich weder durch psychische Gewalt noch durch unmenschliche Haftbedingungen von seinem Glauben abbringen.

Warum handelte er so?

Er sagt ohne zu zögern: „Weil es die Wahrheit ist.“ Er wollte Gott „unter allen Umständen“, „selbst, wenn sich daraus Nachteile für ihn ergeben sollten“, treu bleiben. Und das hat er auch getan.

In der SBZ und DDR wurde er zunächst als Held verehrt – jedoch nur zu eigenen propagandistischen Zwecken.

Nachdem er die Erwartungen der Regierung nicht erfüllte, stieß man ihn von seinem Heldensockel und seine Leistung, die er in der NS-Zeit vollbracht hatte, wurde verkannt.

In der DDR durchlitt er dieselbe Schikane, die ihm auch schon in der NS-Haft zuteil geworden war, nur unter völlig umgekehrten Vorzeichen. Der Grund war jedoch derselbe: Er ließ sich nicht von seiner Überzeugung abbringen. Nach seiner Haftentlassung in der DDR und der Flucht nach Westdeutschland interessierte sich zunächst kaum jemand für sein Schicksal – sein heldenhaftes Verhalten wurde fast vergessen.

So wurde er einmal als Held angesehen, dann wieder nicht. Wie kann man sein Verhalten heute beurteilen?

Mir fällt auf, dass es auf Grund seines Charmes schwer fällt, bei der Beschreibung seines Lebens und der Bewertung seines Verhaltens objektiv zu bleiben. Richard Rudolf zog mich, als ich ihn zum ersten Mal sah, sofort in seinen Bann.

Aus meiner Sicht erfüllt er alle Voraussetzungen, um als Held bezeichnet zu werden. Dadurch, dass er trotz Verfolgung an seiner Überzeugung festhielt, bewies er innere Stärke. Diese Überzeugung beinhaltete, dass er den Hitler-Gruß, die Vergötterung des Führers und den Wehrdienst ablehnte. Er weigerte sich auch, Vorurteile zu übernehmen. Millionen Deutscher stimmten dem NS-Regime dagegen offen zu, indem sie Befehle blindlings ausführten oder in einer Art von vorauseilendem Gehorsam selbst Gräueltaten verübten. Selbst wenn einige mit dem NS-System nicht einverstanden waren, so leisteten doch die wenigsten – im Gegensatz zu Richard Rudolf – Widerstand.

Er zeigte, dass es möglich war, in beiden deutschen Diktaturen nicht mit dem Strom zu schwimmen, sondern nachzudenken und seinen eigenen Weg zu gehen – auch wenn scheinbar alle anders handelten. Dabei ließ er sich nicht verbittern, sondern bewahrte sich seine Freude in allen Lebenslagen.

Doch wie sieht er sich selbst?

Ich frage ihn, ob er sich als Helden bezeichnen würde und die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Nein! Wir waren keine Helden!“ Aber er war doch mutig? „Mutig bin ich nicht“, behauptet er, „ich habe die Sache genommen, wie sie kam.“

Richard Rudolf ist ein Mann, der, wenn man ihn als Helden verehrte, nur instrumentalisiert wurde. Ein Mann, den man nach all dem, was er erlebt hat, nicht als Helden anerkannte, da man sein Verhalten nicht verstand. Ein Mann, der selbst nicht als Held wahrgenommen werden möchte, sondern nur als jemand, der seinen Glauben bewahren wollte – komme, was da wolle. Dennoch ist er auch ein Mann, dessen Verhalten zu Recht als beispielhaft gelten kann. Denn er gibt uns ein gutes Beispiel, wenn es darum geht, fest für seine Überzeugung einzustehen und sich nicht von dieser abbringen zu lassen, selbst unter Verfolgung. Er kann auch als Vorbild angesehen werden, wenn es darum geht, kritisch zu denken, denn er hat weder die Ideologie der Nazis noch die der DDR übernommen. Er hat sich nicht von Propaganda beeindrucken lassen, sondern sich seine eigene Meinung gebildet. Selbst unter Androhung der Todesstrafe weigerte er sich, den Krieg zu unterstützen. Er ging weder an die Front, noch arbeitete er in Rüstungsfabriken. Er hatte erkannt, dass es ein wichtiger ethischer Grundsatz ist, nicht zu töten und danach wollte er leben.

Während meiner Forschungsarbeit habe ich verstanden, dass Heldenmacher nur sehr selten objektiv handeln. Wer ein Held ist und wer nicht, ist meistens eine sehr subjektive Entscheidung. So schnell, wie sich die politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Verhältnisse ändern können, so schnell können auch die Helden wechseln.

Richard Rudolf handelte stets nach denselben Idealen: Menschlichkeit, Vorurteilslosigkeit, die Achtung der Würde anderer und des Lebens. Dennoch wurde sein Verhalten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich bewertet: als staatsfeindlich im NS-Regime, als heldenhaft in der SBZ und der frühen DDR, später aber auch in der DDR wieder als staatsfeindlich. Nach seiner Flucht in den Westen, war er der Öffentlichkeit dort gleichgültig.

Sicher gibt es Helden, deren Verhalten als beispielhaft gelten kann. Orientieren sich Menschen an dem Verhalten solcher Helden, kann eine Gesellschaft davon durchaus profitieren. Doch manche, die zu Helden erklärt wurden, bieten keine Motivation, Gutes zu tun. Diesen Helden nachzueifern wäre für eine Gesellschaft eher schädlich als nützlich.

Sollte man Richard Rudolf nun zum Helden erklären?

Da der Heldenbegriff so wandelbar ist, sollte man es Richard Rudolf ersparen ihn in seinem hohen Alter nochmals auf ein Heldenpodest zu hieven. Richard Rudolf hat sich gewiss durch heldenhaftes Verhalten ausgezeichnet. Dieses außergewöhnlich beispielhafte Verhalten hat er sein ganzes Leben an den Tag gelegt und das, wie ich bemerke, ohne eine umfangreiche Schulbildung oder großen Reichtum zu besitzen. Man gönnt es ihm, dass er seinen Lebensstil, auch noch in seinen letzten Lebensjahren beibehält. Zudem möchte er selbst kein Held sein, sodass man ihn jetzt nicht „zwangsweise“ zum Helden erklären sollte. Dennoch sollte das, was er getan hat, nicht in Vergessenheit geraten.

Ich komme daher zu dem Schluss:

Richard Rudolf ist kein Held. Richard Rudolf ist ein Vorbild.

IX. Arbeitsbericht

Durch ein Plakat in der Schule wurde ich im November 2008 – ziemlich spät also – auf den Wettbewerb aufmerksam. Das Thema „Helden: verehrt – verkannt – vergessen“ erregte sofort mein Interesse. Daher begann ich zu überlegen, was sich aus meinem Umfeld für dieses Thema verwenden lässt. Meine erste Idee war es, einen Beitrag über Jehovas Zeugen unter dem Nazi-Regime zu schreiben. Auf der Internetseite des Wettbewerbs informierte ich mich als Nächstes über die Teilnahmebedingungen. Dabei fiel mir auf, dass ein familiärer oder lokaler Bezug zu dem Thema eine Voraussetzung für die Teilnahme an dem Wettbewerb sei. Ich war davon überzeugt, dass die Zugehörigkeit zur selben Religionsgemeinschaft auch einen persönlichen Bezug darstellt, denn ich bin heute selbst eine getaufte Zeugin Jehovas. Als solche fühle ich mich mit allen meinen Glaubensbrüdern sehr eng verbunden. Doch zur Sicherheit fragte ich per E-Mail nach. Ich möchte an dieser Stelle Herrn Stefan Frindt danken, der alle meine Anfragen so schnell und freundlich beantwortet hat.

Nachdem ich die Zusicherung hatte, dass mein Thema die Teilnahmebedingungen erfüllt, machte ich mich auf die Suche nach geeigneten Zeitzeugen.

Dabei entstanden mehrere Probleme:

Erstens gab es in meinem unmittelbaren Umfeld zwischen 1933 und 1945 keine Zeugen Jehovas. Zweitens waren die Zeitzeugen häufig mit ihrem Schicksal nicht an die Öffentlichkeit getreten und somit unbekannt. Es erwies sich jedoch als nützlich, im gesamten
Bekannte
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und Freundeskreis danach zu fragen, ob jemand Zeitzeugen kenne. So fand ich „meine“ erste Zeitzeugin – Frau Lydia Rickal, geborene Michaelis. Mit ihr konnte ich am 05. Januar 2009 ein Zeitzeugeninterview führen.

Ihre Eltern waren beide Bibelforscher und wurden in der Nazi-Zeit wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt. Ihr Vater starb im KZ Dachau. Sie selbst ist 1931 geboren und wurde als Kind ihren Eltern entrissen. Da die beiden in Haft waren, verbrachte sie ihre ersten Lebensjahre bei verschiedenen Pflegefamilien.

Als ich mit ihr Kontakt aufnahm, erzählte sie mir, Herr Joachim Hennig habe das Verfolgungsschicksal ihrer Familie bereits aufgearbeitet. Also kontaktierte ich auch Herrn Hennig. Er war gerne bereit, mir weiterzuhelfen und ließ mir einige Hintergrundinformationen zu Familie Michaelis und anderen verfolgten Bibelforschern zukommen. Außerdem machte er mich darauf aufmerksam, dass es sinnvoll wäre, sich mit der Doppelverfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland auseinander zu setzen, da auf diesem Gebiet noch Forschungsbedarf bestehe. Als Experten für die Situation von Jehovas Zeugen in der DDR verwies er mich an Herrn Dr. Hans-Hermann Dirksen.

Letzterer wiederum empfahl mir, die Doppelverfolgung am Beispiel von Herrn Richard Rudolf aufzuzeigen und erklärte, Herr Thomas Malessa sei dafür der richtige Ansprechpartner, da dieser sich bereits viel mit dem Leben Richard Rudolfs beschäftigt habe. Dr. Dirksen war auch bereit, mit mir am 18. Februar 2009 ein Experteninterview zu führen.

So war mein Thema gefunden: Richard Rudolf und die Doppelverfolgung der Zeugen Jehovas

Herr Thomas Malessa half mir nun, einen Termin für ein Gespräch mit Herrn Rudolf zu finden und organisierte die Fahrt zu ihm. Er konnte auch erreichen, dass ich einen Einblick in das Archiv der Gedenkstätte KZ Neuengamme erhalten durfte. Wir fuhren freitags 600 km bis in die Gedenkstätte Neuengamme und samstags weitere 200 km zu Richard Rudolf, der in der Nähe von Husum lebt. Am Samstag, dem 31. Januar 2009, konnte ich dann ein ganztägiges Zeitzeugeninterview mit Herrn Rudolf führen.

Diese Fahrt war äußerst informativ, doch zehrte sie auch an den Kräften. Auf Grund des Zeitdrucks war es jedoch nicht möglich, mehrere Fahrten, bei denen man die Stationen aufgeteilt hätte, zu unternehmen.

Meine Suche nach vorhandener Literatur gestaltete sich einfacher als die nach Zeitzeugen. In der Universitätsbibliothek Trier und im Internet konnte ich einiges an Monografien über die Verfolgung von Zeugen Jehovas in der NS- bzw. der DDR-Zeit finden – allerdings nur wenig vergleichendes Material, das die beiden Verfolgungen einander gegenüber stellte.

Ich habe auch versucht, Material für meine Arbeit aus verschiedenen Archiven zu bekommen. Wie bereits erwähnt, konnte ich im Archiv in Neuengamme das Material zu Richard Rudolf einsehen. Zwar ist sein Fall dort verhältnismäßig gut dokumentiert, doch gab es auch hier nicht viele Originaldokumente. Interessant war allerdings die Häftlingskarte, von der ich eine Kopie erhielt.

Im Kreisarchiv Bernkastel-Wittlich wurde ich leider nicht fündig. Ich hatte das Ziel, dort Zeitungsartikel aus den Jahren 1933 bis 1945 zu finden, die sich mit dem Thema Bibelforscher beschäftigten. Doch im Kreisarchiv gibt es im Moment noch keine Katalogisierung zur Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas in Wittlich. Zwar gab es zwischen 1933 und 1945 in Wittlich und Umgebung keine Zeugen Jehovas, doch war mindestens einer von ihnen im Wittlicher Gefängnis inhaftiert.

Die Häftlingsakten im Landeshauptarchiv in Koblenz ergaben leider auch keine weiteren Funde bezüglich in Wittlich inhaftierter Bibelforscher.

Aus dem Geschichtsarchiv der Wachtturmgesellschaft in Selters/ Taunus, erhielt ich auf meine schriftliche Anfrage hin einige interessante Originaldokumenten, wie zum Beispiel Kopien von dem Verbot in Preußen aus dem Jahr 1933 und dem Verbot in der DDR sowie Skizzen, die die Bibelforscher aus den Konzentrationslagern geschmuggelt hatten.

Weniger Probleme hatte ich beim Formulieren meiner Ergebnisse, da ich mich an den Fragen in den Wettbewerbsunterlagen orientieren konnte.

Dank möchte ich sagen an:

Herrn Richard Rudolf für sein ganzes Leben. Für das Vorbild, das er durch seine Standhaftigkeit gab und das Beispiel, das er durch seine Lebensfreude gibt.

Herrn Thomas Malessa, der dieses Projekt als Tutor betreut hat. Er half mir bei der Kontaktaufnahme mit Richard Rudolf sowie bei der Suche im Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Er las meine Arbeit außerdem Korrektur, lieferte weiterführende Informationen zu Richard Rudolf und half mir, an gewissen Formulierungen zu feilen.

Herrn Dr. Hans-Hermann Dirksen, der die Arbeit ebenfalls Korrektur las und wertvolle Tipps und Hinweise zu Ausdruck aber auch Inhalt gab. Ich möchte ihm auch für seine Bereitschaft danken, mit mir ein Experteninterview zu führen.

Frau Lydia Rickal für ihre Bereitschaft mir von ihren Erlebnissen zu berichten und ihre Erlaubnis, diese in meiner Arbeit zu verwenden.

Herrn Joachim Hennig, Richter am Oberverwaltungsgericht Koblenz und zweiter Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal Koblenz, der mich besonders in der Anfangsphase meiner Nachforschungen unterstützt hat.

Herrn Dr. Detlef Garbe, der es mir ermöglichte außerhalb der Öffnungszeiten der Gedenkstätte Neuengamme diese zu besichtigen und in deren Archiv zu forschen.

Herrn George Henshaw, der mir wertvolle Dokumente aus dem Geschichtsarchiv der Wachtturmgesellschaft in Selters/ Taunus zukommen ließ.

Besonders möchte ich auch meinen Eltern danken, die mir dieselben Grundsätze vermittelten, wie sie Richard Rudolf hat. Ich möchte – wie er – immer danach handeln.

X. Anlagen

Literatur- und Quellennachweis

Interviews:
Zeitzeugeninterview mit Richard Rudolf vom 31. Januar 2009
Zeitzeugeninterview mit Lydia Rickal vom 05. Januar 2009
Experteninterview mit Dr. Hans-Hermann Dirksen vom 18. Februar 2009
Originaldokumente:
Verfügung des preußischen Ministers des Innern vom 24. Juni 1933, Schreiben des Innenministers Steinhoff vom 31.August 1950 an die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft Deutsches Zweigbüro Magdeburg, Skizzen der KZ Sachsenhausen und Esterwegen, Erklärung: Wachtturm Gesellschaft Selters / Taunus
Entlassungsschein: Privat
Literatur:
Verfolgung in der NS-Zeit:
Zwischen Widerstand und Martyrium:
die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“
Detlef Garbe
2. Auflage
Oldenbourg Verlag GmbH, München, 1994
ISBN 3-486-56074- 3

Widerstand aus christlicher Überzeugung - Jehovas Zeugen im
Nationalsozialismus: Dokumentation einer Tagung
(Hrsg.: Kreismuseum Wewelsburg, Fritz Bauer Institut / Bundeszentrale für politische Bildung; Red.: Kirsten John-Stucke / Andreas Pflock)
Essen: Klartext-Verlag, 1998
ISBN 3-88474-670-7

„Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“:
Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Hans Hesse (Hrsg.)
Bremen: Edition Temmen, 1998
ISBN 3-86108-724-3

„Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müsste ...“
Die Zeuginnen Jehovas in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück
Hans Hesse/ Jürgen Harder
Klartext Verlag, Essen, 2001
ISBN 3-88474-935-8

Der Holocaust in Europa – Erzählt es euren Kindern
Bruchfeld, Stéphane/ Levine, Paul A.
ISBN 3-570-12531-9

12 Jahre – 12 Schicksale
Fallbeispiele zur NS-Opfergruppe Jehovas Zeugen in Nordrhein-Westfalen 1933-1945
Kirsten John-Stucke/ Michael Krenzer / Johannes Wrobel
Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in NRW e.V. [Hrsg.]
Münster, 2006

Der lila Winkel – die Familie Kusserow
KMS
ISBN 3-00-010572-7

Verfolgung in der DDR:
Zeugen Jehovas in der DDR
Verfolgung und Verhalten einer religiösen Minderheit
Gerald Hacke
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.
Dresden, 2000
ISBN 3- 931648-26-5

„Keine Gnade den Feinden unserer Republik“
Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der SBZ/ DDR 1945- 1990
Hans-Hermann Dirksen
Duncker & Humblot, Berlin, 2003
ISBN 3-428-11075-7
Doppelverfolgung:
Repression und Selbstbehauptung
Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur
Gerhard Besier / Clemens Vollnhals [Hrsg.]
Duncker & Humblot
Berlin, 2003
Entwicklung der Zeugen Jehovas vor 1933:
Jehovas Zeugen – Verkündiger des Königreiches Gottes
Watchtower Bible and Tract Society of New York, Inc., 1993
Bilder:
Titelseite, Bild Richard Rudolf: Privat
Seite 12, Flugblatt: KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Seite 14, Skizzen der KZSeite 15, Erklärung:Geschichtsarchiv Wachtturm Gesellschaft Selters / Taunus
Seite 16, 18 ,38, 42, 42, 45, Bilder Richard Rudolf, Seite 41, Entlassungssschein: Privat




Mahnmal in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
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