Urlaubsreise nach Riga/Lettland Teil 2

 

5. Deutsche Juden in Riga

a. Lager Jungfernhof („Jumpravmuiza“)

Die „Ermahnung“ Himmlers an Jeckeln, sich an die  „geltenden Richtlinien“ zu halten, hatte zur Folge, dass sich die Massenerschießungen bei den weiteren Transporten von „reichsdeutschen“ Juden nach Riga – bis Februar 1942 waren es 19 – nicht fortsetzten. Allerdings lag auch so vor ihnen ein sehr harter und auch todbringender Weg. Zunächst mussten sie die qualvolle Fahrt zu überleben. Dann galt es, die Ankunft in Riga auf dem Rangierbahnhof Skirotava im Südwesten Rigas (ca. 12. Kilometer von Stadtzentrum entfernt) zu überstehen. Dort wurden rund 2.000 ältere und kranke Menschen, die sich nicht selbständig fortbewegen konnten, umgebracht. Über ihre Gräber legten die Deutschen später ein neues Bahngleis, das noch heute existiert.

Die Überlebenden der nächsten vier Transporte, die in Riga zwischen dem 1. und 8. Dezember 1941 aus Nürnberg, Stuttgart, Wien und Hamburg eintrafen, wurden vom Rangierbahnhof Skirotava aus in eine 1 ½ südlich des Bahnhofs gelegene Ansammlung von Häusern getrieben. Das war das sog. Gut Jungfernhof („Jumpravmuiza“). Gut Jungfernhof war ein leer stehendes, heruntergekommenes und baufälliges Anwesen bestehend aus einem Gutshaus, drei Holzscheunen und fünf kleineren Häusern und Ställen. Die SS hatte es von der deutschen Zivilverwaltung gepachtet, wollte es instand setzen und dort einen SS-Gutsbetrieb einrichten. Nun, in der Situation, die ankommenden „Reichsjuden“ nicht sofort zu ermorden und sie stattdessen unterzubringen, wurde Jungfernhof ein behelfsmäßiges Lager.

Foto vom Jungfernhof zur NS-Zeit 


Für die fast 4.000 Menschen im Jungfernhof fehlte es an so gut wie allem, die Verhältnisse waren katastrophal. Die Räumlichkeiten waren ungeheizt, sanitäre Einrichtungen fehlten, die Menschen lagerten sich auf sechs- bis achtstöckigen Pritschengestellen. Nicht einmal Wachttürme oder auch nur eine Umzäunung gab es, sondern nur eine mobile Postenkette, bestehend aus 10 bis 15 lettischen Hilfspolizisten. Viele der Unglücklichen, die nach Jungfernhof verschleppt wurden, verhungerten oder erfroren oder wurden – weil sie krank waren und es keine Medikamente gab - in den umliegenden Wäldern erschossen. Ihre Zahl schätzt man auf 800 bis 900. Wer irgendwie arbeitsfähig war, wurde beim Aufbau des Konzentrationslagers Salaspils eingesetzt (dazu später) oder in Arbeitskommandos, wie im Steinbruch-Kommando, das für die dringend benötigten Steine zum Aufbau des Lagers sorgte.

Den Überlebenden des sehr strengen Winters 1941/42 drohte im März 1942 der Erschießungstod. Während 450 noch arbeitsfähige Männer selektiert wurden, transportierte man die anderen ca. 1.700 bis 1.800 Häftlinge am 26. März 1942 vom Jungfernhof in den Wald von Bikernieki, erschoss sie dort und verscharrte sie in Massengräbern. Die den Massenmord im Jungfernhof Überlebenden bauten auf Befehl das Lager aus. 1944 gaben es die deutschen Besatzer dann auf.

b. Großes „Deutschen“ Ghetto

Die „Reichsjuden“, die dann mit dem Transport aus Köln am 10. Dezember auf dem Rangierbahnhof Skirotava ankamen, wurden eingedenk der Ermahnung Himmlers ebenfalls nicht sofort ermordet. Sie kamen aber nicht zum Jungfernhof, sondern vielmehr in einen Teil des am 8. Dezember 1941 noch weiter geräumten „Großen Ghettos“ in Riga. In der Folgezeit verfuhr die SS mit den weiteren – bis Februar 1942 - in Riga eintreffenden Transporten in der Regel ebenso. Allerdings konnte es auch passieren, dass die Ankommenden sofort in den Wald von Bikernieki gebracht und dort erschossen, oder aber in das noch im Bau befindliche Konzentrationslager Salaspils überführt wurden.


Für die am 10. Dezember 1941 in Riga  eintreffenden Juden muss die Verbringung in das kurz zuvor geräumte Große Ghetto ein besonderer Schock gewesen sein. Denn die von den einheimischen Juden verlassenen Häuser wirkten gespenstisch. Die Türen standen offen, in den ungeheizten Räumen war die strenge Winterkälte eingedrungen, Wasser- und Kanalisationsrohre waren geplatzt. An den Wänden und auf den Fußböden sah man braune Flecken von eingetrocknetem Blut. Reste von Mahlzeiten lagen auf den Tischen, Überbleibsel von Esswaren fanden sich in den Vorratskammern. Offensichtlich waren die früheren Bewohner ganz überstürzt und unter Anwendung von Gewalt aus den Wohnungen vertrieben worden. Damit waren die Ankommenden aller Illusionen beraubt, hatte man ihnen doch in ihrer Heimat erzählt, sie kämen in den Osten zur Arbeit. Außerdem bekamen sie in den ersten beiden Wochen keine Lebensmittel und mussten sich deshalb mit den Resten ernähren, die die verschleppten und ermordeten einheimischen Juden zurückgelassen hatten.

Das Leben der „Reichsjuden“ im Ghetto war sehr hart. Die deutschen Besatzer und die lettischen Wachmannschaften schikanierten sie ebenso wie zuvor die lettischen Juden. Zudem hatten sie noch weniger Kontakt(möglichkeiten) zu den einheimischen Letten. Einen gewissen Schutz suchten sie bei ihren „Landsleuten“, indem sie sich gruppenweise, nach ihren Herkunftsorten Berlin, Nürnberg, Stuttgart, Wien, Hamburg, Köln, Kassel, Düsseldorf, Bielefeld, Hannover, Theresienstadt, Leipzig, Dortmund und Prag organisierten.


c. Konzentrationslager Sasalpils

Auch die im Großen „Deutschen“ Ghetto eingesperrten deutschen und österreichischen Juden mussten wie zuvor die Einheimischen im „Großen Ghetto“ und die Bewohner des „Kleinen Ghettos“ in Kommandos außerhalb des Ghettos arbeiten. Darüber hinaus wurden die „reichsdeutschen“ Ghettobewohner auch an anderen Arbeitsstellen eingesetzt. So schickte man bereits im Dezember 1941 - nach einer Quelle 500 und nach einer anderen 200 - junge deutsche und österreichische  Juden nach Salaspils. Dort waren schon 500 andere deutsche Juden (etwa aus den Transporten Anfang Dezember 1941, die für Salaspils bereits bei der Ankunft auf dem Bahnhof Skirotava oder dann auf dem Jungfernhof selektiert worden waren.). Sie sollten das Konzentrationslager Salaspils aufbauen helfen.

Mit der Errichtung des Lagers Salaspils hatte man im Oktober 1941 begonnen. Es lag 18 Kilometer südöstlich vom Stadtkern Rigas an der Bahnstrecke nach Dünaburg (Daugavpils), außerdem war eine größere nach Salaspils führende Straße nicht weit. Für das Lager hatte man eine abgelegene, von Wald umgebene Schonung ausgewählt.  

Die (Über)Lebensbedingungen waren in Salaspils sehr schwer, die Sterblichkeit sehr hoch. Dabei kamen mehrere katastrophale Umstände zusammen. Das war einmal der sehr harte Winter 1941/42, dann die mangelnde Hygiene und die daraus resultierenden Krankheiten, weiter die sehr schmalen und eintönigen Essensrationen die harte Arbeit unter schweren Bedingungen und schließlich die brutalen Lagerstrafen. Die zahlreichen Toten wurden von einem Häftlingskommando in Gruben beerdigt. Arbeitsunfähige erschoss man in den Wäldern von Riga, neue Arbeitskräfte besorgte man sich aus dem Ghetto.

Als das Lager im Sommer 1942 eingerichtet war, nahm die Zahl der jüdischen Männer immer mehr ab. „Belegt“ wurde das Konzentrationslager mit Letten, Russen und anderen. Das waren vor allem politische Gegner der deutschen Besatzer und andere Letten, die sich der von der deutschen Besetzung befohlenen Zwangsarbeit in kriegswichtigen Betrieben widersetzt hatten. Anfang 1943 stieg die Zahl der Häftlinge, der Frauen und Kinder, sprunghaft an. Auslöser war das Unternehmen „Winterzauber“ der Deutschen, das angeblich der Partisanenbekämpfung dienen sollte. Dabei wurden Frauen und Kinder nach Salaspils verschleppt. Die Männer zwischen 16 und 50 Jahren hatten SS-Leute als vermeintliche Partisanen schon in den Dörfern vor Ort umgebracht.

In das Lager kamen auch tausende Flüchtlinge aus den Frontgebieten, die nach Westen weiterziehen sollten. Sie verursachten katastrophale Verhältnisse im Lager, die Fleckfieber und andere Krankheiten ausbrechen ließen. Ihnen fielen vor allem die Frauen und Kinder der angeblichen Partisanen zum Opfer. Für sie war Salaspils ohnehin nur eine Durchgangsstation. Die Frauen kamen, soweit sie überlebten, zur Zwangsarbeit nach Deutschland und ihre Kinder wurden an die lettische Bevölkerung verteilt.

Heute ist das ehemalige Konzentrationslager Salaspils eine Gedenkstätte. Sie liegt südöstlich von Riga auf dem Weg nach Salaspils und ist gut erreichbar mit dem Auto und mit dem Zug. Mit dem Zug fährt man in Richtung Salaspils und Daugavpils bis zur Station Darzini. In Fahrtrichtung links geht es dann in den Wald und auf einem ausgeschilderten Weg ca. zwei Kilometer zu der Gedenkstätte.

 

 

Mit dem Auto fährt man auf einer gut ausgebauten Straße in dieselbe Richtung. Zwischen den Stationen Darzini und Dole biegt man links ab, fährt an einem Friedhof vorbei, überquert die Bahngleise und erreicht nach ca. 500 Metern die Gedenkstätte.

 

 



Die 1967 errichtete Gedenkstätte ist ziemlich heroisch und monumental angelegt. Die Informationen über den historischen Ort sind demgegenüber sehr dürftig. Die Gedenkstätte betritt man durch ein ca. zehn Meter hohes Betonbauwerk mit der Aufschrift: „Hinter diesen Mauern weint die Erde“. Dann weitet sich der Blick auf ein Wiesengelände und fällt auf ein großes Standbild. Das zeigt einen heroischen Mann, der seine Faust zum sozialistischen Gruß in den Himmel reckt. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken wird er von weiteren Skulpturen flankiert. Das sind zum einen „Der Unbeugsame“ und zum anderen ein Mann, der eine zusammengesackte Frau in seinen Armen hält. Die beiden tragen den Namen „Solidarität, Schwur, Rotfront“. Es gibt noch einige weitere bauliche Anlagen in Stahlbeton, die sich dem Betrachter nicht erschließen. Bei unserem Besuch war an einer Anlage  eine Vielzahl von Kuscheltieren abgelegt, die jedenfalls für eine KZ-Gedenkstätte ziemlich befremdlich wirkten. Das eingangs erwähnte Betonbauwerk ist von der Rückseite begehbar. Dort befinden sich einige Schaukästen mit Informationen, die aber insgesamt nicht sehr erhellend sind. Über die Opfer und die Hintergründe ihrer Haft und ihres Todes erfährt man nichts.

 


d. Konzentrationslager Kaiserwald

 Das Konzentrationslager Kaiserwald in Riga markierte den Endpunkt der nationalsozialistischen Judenpolitik in Lettland. Schon im Frühjahr 1943 hatte die SS mit der Errichtung eines Konzentrationslagers im Vorort Kaiserwald (Mezaparks) in Riga durch ca. 500 kriminelle und politische Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen begonnen. Es war in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich. Das galt zunächst für den Standort. Denn der Vorort Kaiserwald war ein gern besuchtes Erholungsgebiet, in dem vor allem gutsituierte Letten lebten; allerdings war das KZ verhältnismäßig gut abgeschirmt. Zudem hatte das Konzentrationslager Kaiserwald nur wenig mit den im Deutschen Reich bestehenden Konzentrationslagern – die auch unser gegenwärtiges Bild eines KZ prägen - gemeinsam. Denn das KZ Kaiserwald war weniger der Ort, wo politische Gegner und andere „Gemeinschaftsfremde“ der Nationalsozialisten weggesperrt, erniedrigt und zu Tode gebracht wurden. Vielmehr war es ein Sammel- und Durchgangslager mit ganz überwiegend jüdischen Häftlingen. Es war eine Art Schaltzentrale aller in Lettland lebenden Juden sowie für die dort betriebenen Außenlager und damit eine wichtige Institution für den Judenmord in Lettland.

Riga - KZ Kaiserwald


In die Aufbauphase kam der Befehl des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei Heinrich Himmler an seinen Repräsentanten vor Ort, den Höheren SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln. Darin ordnete Himmler an, „dass alle im Gebiet Ostland noch in Ghettos vorhandenen Juden in Konzentrationslager zusammenzufassen“ seien. Weiter verbot er  „jedes Herausbringen von Juden aus dem KZ zu Arbeiten“. Weiter hieß es: „In der Nähe von Riga ist ein Konzentrationslager zu errichten, in das die gesamten Bekleidungs- und Ausrüstungsfertigungen, die die Wehrmacht heute außerhalb hat, zu verlegen sind. Alle privaten (Firmen, Erg. d.A.) sind auszuschalten. Die Betriebe werden reine Konzentrationslager-Betriebe. (…) Die nicht benötigten Angehörigen der jüdischen Ghettos sind nach Osten zu evakuieren. Termin für die Umorganisation der Konzentrationslager ist der 1.8.1943.“

Damit mussten im gesamten Reichskommissariat Ostland und damit auch im Generalkommissariat Lettland und auch in Riga die beiden Ghettos – das „Kleine Ghetto“ und das „Große Deutschen Ghetto“ - bis zum 1. August 1943 aufgelöst werden. Dies sollte gleichzeitig mit der Verlegungen der „Bekleidungs- und Ausrüstungsfertigungen“ in das neue KZ erfolgen. Hintergrund dafür war, dass viele Betriebe und Einrichtungen, vor allem im Lebensmittel- und im Bekleidungssektor, die die Versorgung der Truppen an der Ostfront sicherten, sehr viele Bewohner aus den Ghettos beschäftigten. Das geschah teilweise als Arbeitskommandos, die nach der Arbeit abends in die Ghettos zurückkehrten, teilweise auch als „Kasernierungen“, wobei die Arbeiter in und bei den Arbeitsstellen selbst untergebracht wurden. Das sollte jetzt in veränderter Form beibehalten werden. Allerdings musste das Ghetto dazu aufgelöst und die Bewohner und die ganzen Arbeitsstellen, bei denen sie beschäftigt waren, mussten in das neue Konzentrationslager Kaiserwald überführt werden. Das hatte – was am Rande erwähnt werden soll – zur weiteren Folge, dass die Zivilverwaltung gänzlich die Verfügungsmacht über die Menschen und auch die Arbeitsstellen verlor. Zuständig für alles war nur noch die SS, die SS vor Ort und das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) in Berlin.

Der Lagerkomplex bestand aus drei Bereichen: dem Verwaltungs- und Versorgungsbereich (mit Kommandantur, Schreibstube, Küche, Kleiderkammer usw.), dem Männerlager mit vier Unterkunftsbaracken und dem Frauenlager mit ebenfalls vier Unterkunftsbaracken. Jeder Bereich war durch einen doppelten Stacheldrahtzaun vom nächsten Abschnitt getrennt. Das ganze Lager war von einem elektrisch geladenen, teilweise doppelten Stacheldrahtzaun und von vier Wachttürmen (an jeder der vier Ecken des rechteckig angelegten KZs) umgeben.

Der „Umzug“ der Ghettobewohner aus der Moskauer Vorstadt in das im Norden Rigas gelegene KZ Kaiserwald begann im Juli 1943. Ihm ging eine Selektion der Ghettobewohner voraus, der vor allem Alte und Kranke zum Opfer fielen. Die Überlebenden kamen zu Fuß oder mit dem Lkw und in mehreren Etappen ins KZ Kaiserwald. Im November 1943 war der Umzug abgeschlossen. Durchschnittlich waren dort schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Männer und Frauen inhaftiert.

In dieser Situation kamen noch einmal fünf Transporte mit „Reichsjuden“ nach Riga. Das waren vier Transporte aus Berlin (vom 18. und 8. September sowie vom 22. und 29. Oktober 1941) und ein Transport aus Theresienstadt (vom 20. August 1942). Sie konnten nicht mehr im Ghetto Platz finden, denn es war ja aufgelöst. Sie gelangten aber auch nicht in das KZ Kaiserwald. Vielmehr wurden die ca. 5.000 Deportierten bis auf wenige, die die Sicherheitspolizei als Handwerker selektierte, unmittelbar nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof Skirotava in die Wälder von Rumbula und Bikernieki verschleppt und dort  erschossen.

Die Situation im KZ-Alltag bestimmten wesentlich die Funktionshäftlinge, die Kapos und andere mit Aufsichtsfunktion ausgestattete Gefangene. Das waren meist Kriminelle, die anfangs aus dem KZ Sachsenhausen zum Aufbau des KZ Kaiserwald gekommen waren und dann blieben. Sie waren für die anderen Häftlinge die eigentliche und tägliche Gefahr im Lager. Viele von ihnen waren brutal und machten den Häftlingen das (Über-)Leben noch schwerer als es ohnehin schon war.

Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten. Das geschah in Kommandos innerhalb des KZ, in den sog. Innenkommandos, etwa in kleinen Werkstätten und Büros, in der Kleiderkammer und in kleinen Handwerkerstätten. Ein großes Kommando war die „Anode“, das der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) unterstand, und Batterien in winzige Einzelteile zu zerlegen hatte.

Außerdem arbeiteten die Häftlinge in Außenkommandos und auch in Außenlagern des Stammlagers KZ Kaiserwald. Diese ergaben sich, weil es – aus welchen Gründen auch immer – nicht gelang, den Befehl Himmlers umzusetzen, wonach die gesamten Bekleidungs- und Ausrüstungsfertigungen der Wehrmacht in das KZ zu verlegen waren. Deshalb blieben viele Einrichtungen  vor den Ghettotoren bestehen und wurden, um dem Befehl Himmlers Genüge zu tun, „kleine Konzentrationslager“ – Außenlager des Stammlagers Kaiserwald. Insgesamt existierten sieben Außenlager außerhalb von Riga und neun Lager in direkter Umgebung des Stammlagers Kaiserwald. Da, wie geschildert, viele in das Stammlager Verschleppte in den Außenlagern arbeiten mussten, blieben diese Häftlinge – wenn überhaupt - nur wenige Tage oder Wochen in Kaiserwald, um dann in ein Außenlager überführt zu werden.

Anders war es mit dem Befehl Himmlers, „die nicht benötigten Angehörigen der jüdischen Ghettos nach Osten zu evakuieren“. Den führte die SS strikt aus. Am 2. November 1942 wurden ca. 2.000 Alte, Kranke und Kinder im KZ Kaiserwald selektiert, in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort bei der Ankunft mit Giftgas ermordet.

In den nächsten Wochen und Monaten gab es im Stammlager Kaiserwald weitere Selektionen. Die dabei als arbeitsunfähig ausgewählten Menschen verschleppten die deutschen Besatzer – inzwischen waren die lettischen Selbstschutztruppen Ende 1941 in Polizeieinheiten umgewandelt und es war sogar eine Lettische SS-Legion gebildet worden - in die Wälder in der Umgebung und erschossen sie.

Ein ganz spezielles Arbeitskommando war das Sonderkommando SK-1005, das den Decknamen „Kommando Stützpunkt“ hatte. Es war ein sog. Enterdungskommando. Als die deutschen Truppen Anfang 1944 immer mehr in die Defensive gerieten, dachten die SS-Führer über die Endlichkeit ihrer Zeit in den besetzten Gebieten nach. Dazu gehörte auch, aus den Ereignissen um das Massaker von Katyn Lehren zu ziehen. Dort, unweit von Smolensk, hatten Angehörige des sowjetischen Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) im April und Mai 1940 etwa 4400 gefangene Polen, größtenteils Offiziere, ermordet. Nachdem man die Massengräber entdeckt und Hitler-Deutschland sie publik gemacht hatte, setzte darum eine Propagandaschlacht ein, bei der die Sowjetunion sie Hitler-Deutschland anlasten wollte. Um von vornherein auszuschließen, dass die Russen die  Massenmorde zur Propaganda gegen Hitler-Deutschland verwenden konnten, ging die SS-Führung an die Spurenbeseitigung ihrer eigenen Massenmorde. Beginnend mit den Vernichtungslagern im Generalgouvernement – in Belzec, Sobibor und Treblinka – ließ die SS die dort ermordeten und verscharrten Juden wieder ausgraben und verbrennen.

Diese Aktionen, die sie „Enterdung“ nannte, setzte die SS  Anfang 1944 auch bei den Massengräbern in und um Riga fort. Die „Arbeit“ ließ sie von russischen Kriegsgefangenen und von jüdischen Häftlingen aus dem KZ Kaiserwald ausführen. Das „Enterdungskommando“/“Kommando Stützpunkt“ war ganz abgesehen von der zu verrichtenden Arbeit das Todesurteil für diese Menschen. Denn wenn das Kommando seine Arbeit verrichtet hatte, wurden die Arbeiter zur Vertuschung der Verbrechen ebenfalls erschossen. Nachdem einem Häftling des Sonderkommandos die Flucht gelungen war, wurden die anderen Arbeiter an den Füßen zusammengekettet. Dann mussten sie die „Arbeit“ in Ketten verrichten und darin auch im Winter auf dem blanken Waldboden nächtigen.

Parallel zu diesen Aktionen und zur Auflösung der Außenlager begannen im August 1944 die Räumung des Stammlagers Kaiserwald und die Verschleppung der zum Überleben bestimmten Häftlinge. Die meisten von ihnen wurden in das KZ Stutthof bei Danzig gebracht. Die Frauen blieben dort und leisteten Zwangsarbeit. Die Männer blieben nur kurz in Stutthof – es war ja ein Frauenlager -, um dann anschließend in das KZ Buchenwald und andere kleinere KZ transportiert zu werden.


Der letzte Transport mit KZ-Häftlingen verließ Riga am 11. Oktober 1944. Zwei Tage später räumten die deutschen Truppen Riga und Einheiten der Roten Armee nahmen die Stadt ein. Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Kaiserwald errichteten sie ein Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten.

Heute erinnert nur ein Denkmal an das ehemalige KZ Kaiserwald in Stadtteil Mezaparks von Riga.

memorial to victims of nazi concentration camp riga kaiserwald in sarkandaugava (Wikipedia. en.)


6. Verfolgung im ganzen Land

Die Juden wurden nicht nur in ihrem Zentrum Riga, sondern überall in Lettland verfolgt. In Lettlands zweitgrößter, südöstlich von Riga, an der Grenze zu Weißrussland gelegenen Stadt Dünaburg (Daugavpils) bestand in der Zeit der deutschen Besetzung ebenfalls ein Ghetto. Es hatte die amtliche Bezeichnung „Judenkonzentrationslager der Wehrmacht in Dünaburg“. Um die zur Festung erklärte Stadt verteidigungsfähig zu machen, wurde das jüdische Ghetto völlig zerstört. Dadurch wurde praktisch die gesamte jüdische Bevölkerung Daugavpils umgebracht. Die Stadt war die zweitgrößte Mordstätte für Juden in Lettland..

In der drittgrößten Stadt Lettlands, Liepaja (Libau), verübten Wehrmacht und SS bei sog. Geiselerschießungen Massaker, bei denen die meisten der über 7.000 jüdischen Einwohner getötet wurden. Allein bei der Aktion vom 15. bis 17. Dezember 1941 im Vorort  Šķēde wurden mehr als 3.000 Juden ermordet. Später richteten die deutschen Besatzer dort auch noch ein Ghetto ein.

Die Juden Lettlands wurden aber nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Kleinstädten, Dörfern und auf dem Land umgebracht. Eine durch Augenzeugenberichte sehr eindringlich geschilderte Verfolgung fand in dem im Norden Lettlands gelegenen Städtchen Smiltene/Smilten statt. In dem von Rita Bogdanowa zusammengestellten Bericht: „Die Vernichtung der Juden in Zemgale und Vidzeme“, veröffentlicht in: Menachem Barkahan (Hg.): Vernichtung der Juden in Lettland. Eine Vortragsreihe, Riga 2008, S. 134 – 157 heißt es auf den Seiten 152 f. dazu:

Nach der Volkszählung von 1935 lebten in Smiltene 221 Juden (5,9 % der Stadtbevölkerung).
Mit der deutschen Besetzung begannen die Judenverfolgungen. Die Juden mussten den Bürgersteig verlassen, wenn ihnen ein deutscher oder ein Lette entgegenkam. An der Oberkleidung hatten sie einen gelben Davidstern zu tragen. Deshalb versuchten sie, möglichst wenig auf der Straße aufzutauchen. Am 16. Juli (1941) wurde die Synagoge in Brand gesetzt. Die Feuerwehr, die nur auf die Nachbarhäuser aufpasste, ließ das zweistöckige Gebäude in Flammen aufgehen.
Alle Juden Smiltenes und Umgebung wurden eingesammelt und ins Gefängnis gesteckt. P. Kalkis, ein ehemaliger Häftling aus Smiltene, erinnert sich, wie sie „am frühen Morgen vom Geschrei der besoffenen Schutzmänner und Gewehrgerassel im Gang geweckt wurden. Die Henker holten ihre Opfer, die am Vorabend aus verschiedenen Zellen in die Todeszelle im Erdgeschoss geworfen wurden (…) Man hörte das Herz zerreißende Weinen der Frauen. Die Todgeweihten, die vor Aufregung weder selbständig zur Hinrichtung gehen noch sich auf den Beinen halten konnten, wurden von den Schutzmännern mit Knüppeln geschlagen und mit den Füßen getreten. Wenn auch das nicht half, wurden sie halbtot auf Fuhrwerke geworfen, die für solche Fälle vorgesehen waren. Verprügelte Eltern lagen stöhnend auf dem Fuhrwerk, und ihre Kinder, die noch größeres Unheil erwarteten, liefen weinend zum Hinrichtungsort hinterher. Als der unheimliche Zug am Gefängnis um die Ecke gebogen war, hörte man kurz darauf lautes Geschrei, das sich mit Feuerstößen abwechselte. Nachdem das Geschrei und die Feuerstöße verstummt waren, hallten noch Einzelschüsse. Die Henker töteten also alle Menschen, die noch Lebenszeichen von sich gaben. Solche Aktionen hielt man für eine ganz gewöhnliche Sache, weil sie so oft stattfanden. Es gab aber auch Sonderaktionen. Dabei brachte man die Gefangenen mit Lkws zum städtischen Stadion oder zum Niedraji-See. Augenzeugen dieser Massenmordaktionen berichteten, dass die Henker dabei besonders brutal mit ihren Opfern umgingen. Manchmal waren die am Grubenrand aufgestellten Frauen und Kinder nach den ersten Salven nur verwundet. Sie liefen dann schreiend und betend in Richtung Wald. Sie wurden von den Nazis wie von einem Rudel Wölfe gehetzt, mit Gewehrkolben zusammengeschlagen und an den Füßen wieder zur Grube geschleppt, wo im Massengrab noch halbtote Menschen stöhnten.“ Auch am alten Friedhof von Certene fanden Mordaktionen statt.
Kurz nach dieser blutigen „Arbeit“ erschoss sich August Abolins aus Smiltene. Er hinterließ einen Abschiedsbrief: „…ich kann nirgendwo meine Ruhe finden. Nachts träume ich nur von den erschossenen Kindern, die im Gebet ihre Händchen falteten…“
Eine schöne jüdische Frau namens Sarah Sacharowa, die sich auf einem Einzelgehöft versteckt hatte, wurde etwas später von den Deutschen gefangen, gefoltert und in der Kiesgrube am Einzelgehöft Kaiki erschossen. Ein junger Mann namens Salomo Kurschan konnte sich retten.


7. Gedenkstätten und Gedenkarbeit heute

Die Juden des kleinen Lettlands hatten in den etwas mehr als 3 ½ Jahren der deutschen Besatzung unvorstellbares Leid erfahren. Von den 70.000 bis 80.000/85.000 lettischen Juden hatten nur wenige tausend, nach manchen Darstellungen nur ein tausend Juden die Schreckensherrschaft Hitler-Deutschlands überlebt. Die meisten von ihnen wurden unter maßgeblicher Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung umgebracht.

Dann, mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, waren Lettland und seine Bevölkerung wieder einmal „befreit“. Die Herrschaft der Sowjets, die mit dem Überfall auf Lettland im Juni 1940 begonnen hatte, setzten sie fort bzw. erneuerten sie. Lettland wurde die Lettische Sozialistische Sowjetrepublik, die dann bis 1990/91 bestand.

Nach dem Krieg erklärten die sowjetischen Gerichte nur etwa 150 Personen der Judenvernichtung für schuldig. Die Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit änderte nichts Wesentliches am Umgang mit dieser Geschichte. Von 1991 bis 2008 wurde kein einziger Prozess gegen die vielen Täter angestrengt, obwohl etliche von ihnen noch leben und solche Verbrechen nicht verjähren.
 
Die Erinnerung an diese Verfolgungsgeschichte und an die Menschen ist auch heute noch nicht angemessen. Wir Deutschen wissen nur wenig von diesen Verbrechen, die auch ein Teil unserer eigenen Geschichte sind. Lettland hat sich – als es noch Teil der UdSSR war – nur sehr zögerlich mit dieser Geschichte beschäftigt. Erst Mitte der 1960er Jahre hat man mit der Einrichtung einzelner Gedenkstätten begonnen. Zudem war das Erinnern sehr selektiv und staatskonform. Es gab keine wirkliche und unvoreingenommene Aufarbeitung der Geschichte, sondern nur ein heroisches Gedenken an die heldenhaften Sowjetmenschen, die dem Faschismus der Deutschen widerstanden hatten. Verschwiegen wurde dabei ganz bewusst, dass die allermeisten Opfer Juden waren und dass die Einheimischen dabei schwere Schuld auf sich geladen hatten.

Auch nach 1990 hat sich daran nicht viel geändert. Die Republik Lettland hat gewiss einiges zur Erinnerung an diese Zeit, an ihre Verbrechen und die Opfer unternommen. Aber es war nicht viel, auch manchmal sehr unglücklich und auch nicht sonderlich nachhaltig. Es gab und gibt keine engagierte Gedenkarbeit wie wir sie seit langem bei uns kennen. Die Gedenkstätten sind – soweit überhaupt an die Stätten der Verfolgung erinnert wird – wenig informativ, manchmal sogar desinformierend. Begleitmaterial dazu gibt es offensichtlich nicht, jedenfalls ist es für den interessierten Besucher nicht zugänglich.  

Der ersichtlich schwer fallende Umgang der staatlichen lettischen Stellen mit ihrer Geschichte findet seine Entsprechung im Verhalten der Bevölkerung. Immer wieder war festzustellen, dass man nur widerwillig über die nationalsozialistische Herrschaft in Lettland zu sprechen bereit ist. Fragte man nach den Stätten der Verfolgung und den Gedenkstätten heute, so fiel den Stadtführern und anderen Auskunftsstellen schon eine sachdienliche Antwort schwer. Spürbar war eine  – wohlwollend ausgedrückt – Unwilligkeit bei dieser Thematik. Sicherlich steht es uns Deutschen, dessen vormaliges Deutsches Reich so viel Leid über die Menschheit gebracht hat, nicht an, andere Völker wegen der unzulänglichen Aufarbeitung der Geschichte zu kritisieren. Aber es bleibt für den in der Gedenkarbeit Engagierten eine sehr deutliche Diskrepanz zwischen der Gedenkarbeit hier und der in Lettland, einschließlich des Verhaltens der Bevölkerung im Allgemeinen.

Der jüdische Deutsch-Lette Bernhard Press, der den Holocaust in Riga überlebte und 1995 ein Buch über sein Schicksal und das vieler ihm persönlich bekannter Leidensgenossen veröffentlichte, schrieb über seine Motivation dazu (S. 160):
„Damals wollten wir nicht, dass Rache geübt werde, sondern dass den Ermordeten Gerechtigkeit widerfahre. Heute können wir nur noch fordern, dass die Wahrheit offenbart wird. Aber auch darauf warten wir wohl vergebens.“

Möge endlich – nach mehr als 70 Jahren – die Hoffnung der lettischen Holocaust-Opfer in Erfüllung gehen!
 

Benutzte und weiterführende Literatur u.a.:

Bernhard Press: Judenmord in Lettland 1941 – 1945, 2. Aufl., Berlin 1995

Franziska Jahn: Riga-Kaiserwald – Stammlager, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 8,  S. 17 – 63.

Franziska Jahn: Außenlager, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 8, S. 65 - 87

Franziska Jahn: Salaspils, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9, S. 548 – 556

Menachem Barkahan (Hg.): Vernichtung der Juden in Lettland 1941 – 1945. Eine Vortragsreihe, Riga 2008

Website des Riga Ghetto and Latvian Holocaust Museum (Maskavas 14a, Riga):  http://www.rgm.lv

 

 

 

 


 

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