Maria Terwiel (1910 - 1943) - Eine Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus aus Boppard/Rhein
von Joachim Hennig

I. Einleitung

Das Thema „Widerstand und Verfolgung“ bzw. „Verfolgung und Widerstand“ ist in den nunmehr fast 60 Jahren seit der Befreiung vom Nationalsozialismus immer wieder unterschiedlich und zum Teil mit einem ganz bestimmten, oft politischen Erkenntnisinteresse angegangen worden. In der westdeutschen Geschichtsschreibung konzentrierte sich das Interesse schon bald auf den bürgerlichen und militärischen Widerstand, d.h. vor allem auf den Widerstand im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944, im Weiteren aber auch auf die „Weiße Rose“ sowie auf den Widerstand und die Verfolgung im Bereich der Bekennenden Kirche und der Katholischen Kirche. In den 70er Jahren erhielt die Thematik eine neue Dimension. Erforscht wurde nunmehr auch die eigene Geschichte während der NS-Zeit vor Ort. Es entstanden die ersten Regional- und Lokalstudien, etwa über den Widerstand im Bereich der Arbeiterschaft, über resistente Milieus - wie etwa im katholischen Rheinland -, über den Alltag im Nationalsozialismus wie auch über bestimmte Gruppen von Verfolgten. Dabei standen zunächst die Juden, deren Schicksal landesweit inzwischen große Aufmerksamkeit erregt hatte, im Vordergrund, dann aber auch die Sinti und Roma und später die Zwangsarbeiter. Vorläufiges Ergebnis dieser Entwicklung war und ist die Beschäftigung - auch und gerade „vor Ort“ - mit „dem“ Widerstand und „der“ Verfolgung „der Kirchen“, „der Parteien“, „der Gewerkschaften“ und anderer Großorganisationen sowie der Verfolgung „der Juden“ und „der Sinti“ u.a.
Diese Entwicklung ist aber nicht stehengeblieben. Inzwischen stellen sich Unternehmen ihrer in den Jahren 1933 bis 1945 nicht selten problematischen Firmengeschichte. Auch Einzelpersonen und Gruppen, hinter denen keine Großorganisation steht und die nicht allgemein anerkannt und akzeptiert sind, werden verstärkt von der Geschichtsforschung „entdeckt“. All dies findet nach und nach seinen Niederschlag auch in der regionalen und lokalen Geschichtsforschung.
Dabei ergeben sich vielfach neue Perspektiven. Gerade bei Generalstudien für einen bestimmten Ort bzw. eine bestimmte Region („Verfolgung und Widerstand in ...“) stößt man auf Einzelpersonen, die man als Widerstandskämpfer nur dem Namen nach oder von denen man gar nur die Organisation kannte, der sie angehörten. Diese „Entdeckungen vor Ort“ bereichern nicht nur solche Lokalstudien, sondern lassen auch Einblicke in die regionale oder lokale Herkunft, Prägung und Bedeutung dieser Personen zu.
Das heutige nördliche Rheinland-Pfalz kann nicht viele solcher Widerständler mit Bezügen hierher aufweisen. Hervorgehoben werden sollen aber vor allem drei: Der in Koblenz geborene Armeepfarrer und Professor der Philosophie Dr. Friedrich Erxleben, der Mitglied des so genannten Solf-Kreises war, der aus Bad Ems stammende Reformpädagoge und Sozialist Professor Dr. Adolf Reichwein, ein Mitglied des „Kreisauer Kreises“, und die in Boppard am Rhein geborene und auch eine zeitlang in Wittlich lebende Juristin Maria Terwiel, die Mitglied der (Berliner) „Roten Kapelle“ war.
Hier soll das Lebensbild Maria Terwiels nachgezeichnet werden. Besonderes Interesse weckt es vor allem deshalb, weil Frauen in Widerstandsgruppen generell die Ausnahme bildeten, eine „Halbjüdin“ wie Maria Terwiel als Widerstandskämpferin erst recht ungewöhnlich war, und die so genannte Rote Kapelle bis in die jüngste Zeit um ihre angemessene widerstandsgeschichtliche Anerkennung kämpfen musste.

II. Elternhaus und Kindheit

Maria Sibilla Sophia Terwiel kam am 7. Juni 1910 in Boppard am Rhein zur Welt. Sie war das älteste Kind des Seminarlehrers Dr. Johannes Terwiel und seiner Ehefrau Rosa, geb. Schild. Ihre Eltern wohnten damals in der Mainzer Straße 13 (heute Hausnummer 17). Beide waren keine gebürtigen Bopparder, sondern vielmehr erst ein Jahr zuvor durch den Beruf des Vaters nach Boppard gekommen.
Johannes Terwiel, im Jahre 1882 geboren, stammte aus dem niederrheinischen Rheinberg (Kreis Moers), die Mutter Rosa aus dem westfälischen Geseke. Nach seinem Abitur war der Vater zunächst Volksschullehrer in Neuß. Danach schrieb er sich als Student für das höhere Lehramt am Gymnasium an der Universität in Bonn ein. Nach bestandenem Examen erhielt er seine erste Anstellung zum 1. Juni 1909 in Boppard, und zwar als kommissarischer Verwalter einer Lehrerstelle am damaligen Lehrerseminar. Einen Monat später wurde Dr. Terwiel zum „Königlichen ordentlichen Seminarlehrer“ ernannt und es wurde ihm die Seminarlehrerstelle am Bopparder Lehrerseminar endgültig übertragen. Im selben Jahr - 1909 - hatten Maria Terwiels Eltern geheiratet. Ihr Vater war ein rheinischer Katholik, ihre Mutter war Jüdin. Kurz vor der Heirat war die Mutter zum katholischen Glauben übergetreten.
Die junge Familie blieb nicht lange in Boppard. Kaum war Maria ein Jahr alt geworden, wurde ihr Vater an das bei Posen (im heutigen Polen) gelegene Lehrerseminar in Rawitsch versetzt. Dort wurde er sehr bald Seminaroberlehrer und während des Ersten Weltkrieges an einem anderen Lehrerseminar in der Provinz Posen Prorektor und stellvertretender Studiendirektor. Inzwischen hatte sich die Familie vergrößert. Im Jahre 1911 waren Marias Bruder Gerhard und im Jahre 1913 ihre Schwester Ursula geboren worden.
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg konnte Marias Vater infolge der polnischen Besetzung der Provinz Posen dort nicht mehr bleiben. Daraufhin versetzte man ihn an das Lehrerseminar in Wittlich. Auch dort blieb er nicht lange. Schon 1920 wurde er an die (Bezirks-)Regierung in Köln abgeordnet und dann 1921 als Regierungs- und Schulrat an die (Bezirks-)Regierung in Düsseldorf versetzt. Nach seinem Wechsel in die allgemeine innere Verwaltung und nach weiteren Beförderungen wurde Marias Vater im Jahre 1928 zum Vizepräsidenten des Oberpräsidiums in Stettin und damit zum Vertreter des Oberpräsidenten der damaligen preußischen Provinz Pommern in Stettin ernannt. Dabei muss man seinen beruflichen Werdegang vor dem Hintergrund sehen, dass er schon recht früh der SPD beigetreten war. Das war für einen rheinischen Katholiken im allgemeinen und für einen ehemaligen Angehörigen des Beamtenapparates aus der Kaiserzeit schon recht ungewöhnlich und hat seine Karriere sicherlich beflügelt. Denn die Weimarer Republik litt doch an einem Mangel an Demokraten gerade auch im Beamtenapparat, so dass demokratisch und republikanisch gesinnte Beamte wie Dr. Terwiel für die erste deutsche Republik außerordentlich wichtig waren.
Der häufige Wohnsitzwechsel war sicherlich auch für die kleine Maria nicht leicht, musste sie doch Schulen im Osten, in Wittlich, in Köln, in Düsseldorf und dann in Stettin besuchen, bis sie dann Ostern 1931 in Stettin das Abitur ablegen konnte. Das hat andererseits ihren Horizont auch erweitert. Geprägt hat sie vor allem aber ihre christliche Erziehung und die zu religiöser und politischer Toleranz sowie auch das Klima in einem Haushalt eines höheren Verwaltungsbeamten. Maria Terwiel verfügte über ein ungewöhnliches Maß an Allgemeinbildung, sie war interessiert an Fragen der Religion, der Philosophie, Kunst, Kultur und Politik. Ihre Liebe gehörte der Musik. Mit 14 Jahren spielte sie die Orgel in der Kirche. Auch später verging kaum ein Tag, an dem sie nicht am Flügel gesessen hätte.

III. Studium und Beruf

Daneben besaß Maria Terwiel - sicherlich auch gefördert durch das Elternhaus - einen ausgesprochenen Sinn für Recht und Gerechtigkeit. Dieser Neigung und Veranlagung folgend begann sie im Jahre 1931 mit dem Studium der Rechtswissenschaften, zunächst an der Universität in Freiburg i. Br., dann an der Universität in München.
Mittlerweile befand sich die Weimarer Republik in ihrer Auflösung. Die Reichskanzler hatten keine Mehrheit mehr im Parlament, sondern waren vom Wohlwollen und den Launen des greisen Reichspräsidenten und ehemaligen Generalfeldmarschalls des Ersten Weltkrieges Paul von Hindenburg abhängig. So wechselten sich die Präsidialkabinette in immer kürzerer Zeit ab. Als letzter und 21. Reichskanzler nach dem Ersten Weltkrieg wurde schließlich Adolf Hitler ernannt - war es ihm doch so wichtig, „legal“ an die Macht zu kommen, um sie dann in dem „Tausendjährigen Reich“ nie mehr abzugeben.
Bereits sieben Wochen nach der sog. Machtergreifung der Nazis kam für Maria Terwiels Vater das berufliche Aus. Im Zuge der „politischen Säuberung“ der höheren Beamtenschaft wurde er wie viele leitende Staatsbeamte, die Mitglieder demokratischer Parteien oder demokratisch gesonnen waren, aus dem Dienst entfernt. Dies geschah bereits vorab, indem man ihn am 22. März 1933 als Vizepräsidenten des Oberpräsidiums in den einstweiligen Ruhestand versetzte. Erst später erging das sog. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, aufgrund dessen er endgültig in den Ruhestand versetzt wurde. Daraufhin zog die Familie Terwiel nach Berlin.
Während ihrer Studienzeit in Freiburg lernte Maria Terwiel Helmut Himpel kennen. Mit ihm verband sie bald eine enge Freundschaft und Liebe. Er war drei Jahre älter als sie und hatte zunächst Elektrotechnik studiert. Dann wechselte er das Studium und studierte Zahnmedizin, zunächst in Freiburg und später ebenfalls in München. Ihr Studium hatte Maria Terwiel zügig absolviert und 1935 eine Dissertation ausgearbeitet mit dem anspruchsvollen Thema „Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Banken, insbesondere die Pfandklausel“. Zur Abgabe dieser Doktorarbeit kam es aber ebenso wenig wie zum Abschluss des Studiums durch die Ablegung des ersten juristischen Staatsexamens.
Die Ursache hierfür lag in den Zeitläuften. Inzwischen hatten sich die Nationalsozialisten etabliert und ihre Machtstellung weiter ausgebaut. Im Zuge dessen erließen sie auf dem „Reichsparteitag der Freiheit“ im September 1935 in Nürnberg die sog. Nürnberger (Rassen-)Gesetze. Mit dem „Reichsbürgergesetz“ und seinen Ausführungsbestimmungen schuf man das Institut der „Reichsbürgerschaft“, die nur „Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ zuerkannt wurde. Die Juden konnten keine „Reichsbürger“ sein. Auch wurde definiert, wer Jude ist, wer als Jude galt und wer ein „jüdischer Mischling“ war. Für Juden gab es dann ein Berufsverbot: Sie konnten kein öffentliches Amt bekleiden; jüdische Beamte traten grundsätzlich mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand.
Mit Kenntnis dieser Vorschriften war Maria Terwiel klar, dass sie als „jüdischer Mischling ersten Grades“ in dem von ihr angestrebten Beruf einer Juristin nicht werde arbeiten können. Denn auf jeden Fall musste sie nach dem Studium eine Referendarzeit absolvieren und hierfür in das Beamtenverhältnis berufen werden. Schon der Weg zu dieser Ausbildung war ihr verbaut. Von dieser Erkenntnis bis zum Abbruch des Studiums war es dann nur noch ein kleiner, aber sehr schmerzlicher Schritt.
Die Nürnberger Rassengesetze hatten weiter zur Konsequenz, dass Maria Terwiel und Helmut Himpel - dieser war evangelischen Glaubens - nicht heiraten konnten. Denn in dem sog. Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre war ein Eheverbot geregelt. In § 1 Absatz 1 dieses Gesetzes hieß es: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Umgehung dieses Gesetzes im Ausland geschlossen sind.
Nach Helmut Himpels Promotion gingen beide nach Berlin. Dort eröffnete er etwa im Jahre 1937 eine Zahnarztpraxis. Ohne Hochschulabschluss und als „Halbjüdin“ war für Maria Terwiel die Arbeitssuche schwer. Immerhin fand sie alsbald eine Anstellung bei einem französisch-schweizerischen Textilunternehmen. Welche Tätigkeit sie dort genau ausübte, ist nicht bekannt. Ihre Beschäftigung dort war aber für die Nazis Anlass, sie später als „Stenotypistin“ und sogar „Telefonistin“ zu bezeichnen.
Auch ohne Trauschein war Helmut Himpel in der Familie Terwiel der akzeptierte und geliebte Schwiegersohn. Nach ihrer Verlobung zogen Maria Terwiel und Helmut Himpel in ihre gemeinsame Wohnung in Berlin-Charlottenburg.

IV. Im Widerstand

Das soziale Engagement der beiden und ihr Einsatz für Diskriminierte und Verfolgte nahm mit dem von Hitler-Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg weiter zu. Belegt ist dies etwa für Maria Terwiel. Als der französische Leiter der Firma, bei der sie beschäftigt war, auf Verlangen der Nazis als Kriegsgefangener behandelt werden musste, konnte sie mit Geschick und Umsicht erreichen, dass er seine Zwangsarbeit wenigstens in diesem Betrieb ableisten konnte.
Besondere Erwähnung verdient das Engagement von Maria Terwiel und Helmut Himpel für Juden. Deren Situation verschlechterte sich dramatisch im Herbst 1941 mit dem Erlass weiterer Rechtsverordnungen in Ausführung des sog. Reichsbürgergesetzes und mit der beginnenden Massendeportation. So behandelte Helmut Himpel weit entfernt wohnende jüdische Patienten, die seine Praxis nicht aufsuchen konnten, in ihren Wohnungen. Auch nutzte er seine Beziehungen, um Einfluss auf Wehrtauglichkeitsuntersuchungen zu nehmen und damit Wehrpflichtige vor dem Fronteinsatz zu bewahren. Maria Terwiel unterstützte Verfolgte, die sich versteckt halten mussten, mit Lebensmitteln und verschaffte gefährdeten Juden Pässe und andere Dokumente. Einmal entging sie nur ganz knapp der Verhaftung. Als sie wieder einmal einer jüdischen Familie Lebensmittel brachte, wurde diese von der anrückenden Gestapo verhaftet. In letzter Minute konnte sie sich hinter einem Vorhang verstecken und damit einer Verhaftung entgehen. Hautnah vom Schicksal der Juden betroffen war Maria Terwiel aber auch aus einem weiteren Grund, war doch ihre Mutter selbst Jüdin. Sie lebte zwar in einer sog. Mischehe, doch wurde - wie Maria Terwiel erkannte - die zunehmende Verfolgung auch für ihre Mutter immer besorgniserregender.

V. Mitglied der „Roten Kapelle“

Den entscheidenden Widerstand, der Maria Terwiel und Helmut Himpel jedenfalls inzwischen bekannt gemacht hat, leisteten die beiden indessen im Rahmen der Widerstandsorganisation um den Nationalökonomen und Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Dr. Arvid Harnack und den Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen, die von den Nationalsozialisten als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurde.
An der „Roten Kapelle“ haben sich früher „die Geister geschieden“ und auch heute noch mag dies für den einen oder anderen ein Reizbegriff sein. Der Grund dafür lag und liegt vornehmlich in der deutschen Nachkriegsgeschichte und der problematischen Aufarbeitung der NS-Zeit. Diese blieb zunächst nämlich dem seinerzeitigen NS-Chefankläger im Prozess gegen die „Rote Kapelle“ selbst vorbehalten, der schon aus Eigeninteresse die öffentliche Meinung über diese Widerstandsorganisation sehr negativ beeinflusst hatte. Auch tat die Konfrontation im Zeichen des „Kalten Krieges“ ihr übriges zur Verzeichnung dieser Widerstandsorganisation dazu. Auf die Geschichte der sog. Roten Kapelle und erst recht auf deren Rezeptionsgeschichte in der Nachkriegszeit kann hier nicht eingegangen werden. Erwähnung verdient es aber doch, um den Rahmen, in dem die Widerstandstätigkeit Maria Terwiels zu sehen ist, anzudeuten. Vielleicht ist andererseits die Beschäftigung mit Maria Terwiel ein Anlass, von ihr her das bisweilen klischeehafte Bild der „Roten Kapelle“ ein wenig zu korrigieren.
Maria Terwiel und Helmut Himpel kamen wie viele andere auch ganz unspektakulär zur sog. Roten Kapelle. Der Weg dahin führte über die Zahnarzt-Praxis Helmut Himpels. In ihr verkehrten auch Künstler und Angehörige des Diplomatischen Korps. Durch den Produktionsdirektor Dr. Engelsing und seine Ehefrau, die Patienten Himpels waren, lernten er und Maria Terwiel das Ehepaar Harro und Libertas Schulze-Boysen kennen. Die Zusammenarbeit mit Schulze-Boysen wurde dann durch einen weiteren Patienten Himpels, den Journalisten John Graudenz, wesentlich verstärkt und ist spätestens in das Jahr 1940 zu datieren.
Um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen hatte sich inzwischen eine mehr als 100 Personen umfassende Widerstandsorganisation gebildet - eine der grössten und bedeutendsten deutschen Widerstandsgruppen überhaupt. In ihr hatten sich Menschen aller Schichten und Altersstufen, aus unterschiedlichen politischen Überzeugungen und religiösen Bekenntnissen zusammengefunden. Diese Gruppierung war nicht straff organisiert, sondern setzte sich - entsprechend den bestehenden familiären und sozialen Kontakten - aus einer größeren Zahl von (Unter-) Gruppen, Freundeskreisen und Freizeitgemeinschaften zusammen. Dem entsprach es, dass Maria Terwiel und Helmut Himpel sowie der Journalist John Graudenz und später der von Himpel für die Widerstandsarbeit gewonnene Pianist Helmut Roloff eng kooperierten. Einen Eindruck von dieser Gruppe vermittelt die Schilderung des Pianisten Helmut Roloff wie er zur Gruppe gekommen ist:
Dann kam der Krieg. Und da lernte ich bei einem Mann, in dessen Haus ich viel musizierte, der selbst auch musizierte, einen Zahnarzt kennen, der hieß Helmut Himpel. Das war auch so einer, da merkte man gleich an der Nasenspitze nach ein paar Sätzen, was der sich so dachte. Wir kamen dann immer sehr gut ins Gespräch. Er hatte eine Freundin, Marie Terwiel, und wer etwas von der „Roten Kapelle“ weiss, der kennt diese Namen schon. Und dann sagte der eines Tages zu mir, ob wir zusammenarbeiten wollten? Ich wusste im ersten Moment nicht, was er meinte. Und da sagte er: „Ich gebe ja meinen Kopf in Ihre Hand mit dieser Frage.“ Und da wusste ich dann, was er meinte, und da habe ich gesagt: „Gut, das können wir ja mal machen.“[...] Und dann haben wir uns ein bißchen näher besprochen darüber und haben verschiedene Dinge gemacht [...]. Diese Sachen haben uns sehr beschäftigt, und dabei saßen dann eben Helmut Himpel und seine Freundin Marie Terwiel, sie war eine „Halbjüdin“ und durfte deshalb nicht weiter Jura studieren, und schlug sich durch mit Sekretärsarbeiten. Sie bestand im Grunde nur aus Nazi-Haß, möchte ich mal sagen, so waren wir eigentlich alle. Dann war noch ein Älterer dabei, der hieß John Graudenz, das war ein Kommunist. Wir waren keine Kommunisten, wir waren einfach, na, wie soll ich das nennen, liberale Bürger, die nicht das Dritte Reich hinnehmen wollten, und deshalb alles versuchten. Nicht etwa, daß wir sagen wollten: „Mit den Kommunisten arbeiten wir nicht“, sondern wir arbeiteten alle zusammen, jeder, der dagegen war und helfen wollte, war willkommen [...].
Maria Terwiel und Helmut Himpel nahmen an zahlreichen Aktionen der „Roten Kapelle“ teil. Im Vordergrund Maria Terwiels illegaler Arbeit für die „Rote Kapelle“ stand die Aufklärung des Volkes über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Aussichtslosigkeit des von Hitler angezettelten Zweiten Weltkrieges.
Eine ihrer ersten und zugleich wichtigsten und grössten Aktionen war die Verbreitung der Predigten des Bischofs von Münster von Galen. Dieser hatte in seinen Predigten im Juli und August 1941 die Unterdrückung der katholischen Kirche und die Morde an psychisch Kranken angeprangert. Speziell in der Predigt vom 3. August 1941 wandte sich von Galen gegen die von Hitler insgeheim in sechs Tötungsanstalten reichsweit angeordneten Morde, die er unter den verharmlosenden Begriffen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ und „Euthanasie“ hatte durchführen lassen. Die Predigten schrieb Maria Terwiel zu Hause auf der Schreibmaschine mit mehreren Durchschlägen ab und organisierte mit Helmut Himpel und John Graudenz die Verbreitung des Textes in vielen hundert, wahrscheinlich sogar weit über tausend Exemplaren an Adressen aus dem Telefonbuch und auch an die Front. Diese und die folgenden Aktionen waren unter den schwierigen Bedingungen der Hitler-Diktatur so erfolgreich, dass hierüber wiederholt in den „Meldungen wichtiger staatspolitischer Ereignisse“ des Reichssicherheitshauptamtes berichtet wurde. Der Protest gegen die „Euthanasie-Morde“ führte schließlich sogar zu ihrer Einstellung. Allerdings wurden sie nach einer längeren Pause in anderer Form doch wieder verübt.
Alsbald nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 intensivierte die Harnack/Schulze-Boysen-Organisation ihre Widerstandsarbeit; sie trat dann in ihre entscheidende Phase ein.
Wissenschaftlich nicht völlig gesichert ist allerdings, ob die weitere Flugschrift Napoleon Bonaparte nach dem Überfall entstanden ist und diese dann auch von Maria Terwiel und Helmut Himpel vervielfältigt und versandt wurde. Wichtig ist sie aber für das Verständnis der „Roten Kapelle“, hatte sie doch Harro Schulze-Boysen verfasst und Worte und Taten Napoleons mit solchen Hitlers gegenübergestellt.
Anders ist die Quellenlage bei dem wichtigsten Zeugnis der Harnack/Schulze-Boysen-Organisation, der im Winter 1941/42 ebenfalls von Harro Schulze-Boysen verfassten Flugschrift Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk. Hierbei steht fest, dass Maria Terwiel auf ihrer Schreibmaschine die Flugschrift geschrieben hat und dass diese dann im Abzugsverfahren Ende Januar/Anfang Februar vervielfältigt wurde. An ihrer Verbreitung in mehreren hundert, wenn nicht weit über tausend Exemplaren beteiligt waren wiederum neben Maria Terwiel Helmut Himpel, John Graudenz u.a. Sie versandten diese im Februar 1942 an aus Telefon- und Adressenverzeichnissen in Berlin und dem ganzen Reich ausgewählte Personen, deren Position ein Interesse für die regimekritischen Informationen der Gruppe erwarten ließ. Das Ziel der insgesamt sechs Seiten langen Flugschrift war es, die bürgerliche Opposition zu erreichen und auf sie mit Vorstellungen zur Beendigung des Krieges und einer politischen Neuordnung Deutschlands einzuwirken. Dies geschah zu einer Zeit, in der im Osten ein lang andauernder Zermürbungskrieg absehbar war und Hitler auch noch den USA den Krieg erklärt hatte, so dass sehr Hellsichtige schon am „Endsieg“ zweifeln mussten. Die AGIS genannte Flugschrift forderte u.a. auf, sich angesichts der Verbrechen Hitlers nicht mehr alles gefallen und sich nicht mehr einschüchtern zu lassen. Wir retten uns und das Land nur dadurch, wenn wir den Mut finden, uns in die Kampffront gegen Hitler einzureihen. Die Flugschrift endete dann mit dem Zuspruch: Ihr seid nicht allein! Kämpft zunächst auf eigene Faust, dann gruppenweise. Morgen gehört uns Deutschland!
Eine weitere spektakuläre Aktion der „Roten Kapelle“, an der Maria Terwiel ebenfalls beteiligt war, war die Klebeaktion im Mai 1942. Sie richtete sich konkret gegen die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“. Als Satire hierauf hatten Mitglieder der Organisation Klebezettel angefertigt mit der Aufschrift Ständige Ausstellung: Das Naziparadies - Krieg - Hunger - Lüge - Gestapo - wie lange noch? Wie andere auch schlenderte Maria Terwiel mit einem weiteren Mitglied der Gruppe als angebliches Liebespaar getarnt in der Nacht zum 18. Mai 1942 auf den Straßen Berlins entlang und klebte vor allem auf dem Kurfürstendamm mehr als 80 Zettel.
Die Tragik der „Roten Kapelle“ lag in dem tatsächlichen bzw. vermeintlichen Funkverkehr von und nach Moskau. Die sich daran rankenden und von der Gestapo gestreuten Legenden brachten der Organisation ihren Namen ein. Aufgrund der inzwischen gesicherten und ausgewerteten Quellen steht so viel fest:
In der Tat erhielt ein Mitglied der „Roten Kapelle“ im Juni 1941 von einem sowjetischen Botschaftssekretär in Berlin zwei Funkgeräte ausgehändigt. Keines von beiden hat jedoch je einen Normalbetrieb aufgenommen. Lediglich ein Probefunkspruch erreichte Moskau. Er lautete: Tausend Grüße allen Freunden. Dann waren beide Geräte defekt. Als weitere Nachrichten aus Berlin ausblieben, wandte sich der sowjetische Geheimdienst Ende August 1941 - nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion - an die in Belgien arbeitende Abteilung der sowjetischen Militäraufklärung. In einem chiffrierten Funkspruch gab die Moskauer Zentrale der belgischen Einheit den Auftrag, sich mit bestimmten Personen in Berlin in Verbindung zu setzen. Sie wurden namentlich genannt und auch ihre Adresse wurde mitgeteilt. Diese höchst unvorsichtige Information war zunächst noch folgenlos, weil die deutsche Funkabwehr den Code nicht dechiffrieren konnte. Das gelang später aber doch noch. Dadurch wurde die Widerstandsorganisation enttarnt und ihre Mitglieder wurden - beginnend mit der Festnahme von Harro Schulze-Boysen am 31. August 1942 - nach und nach verhaftet.

VI. Verhaftung, Prozess und Hinrichtung

Auch Maria Terwiel widerfuhr dieses Schicksal. Am 17. September 1942 nahm die Gestapo sie und Helmut Himpel in ihrer Wohnung in Berlin fest. Sie kam in die Frauenabteilung des Polizeigefängnisses am Alexanderplatz. Wie andere Mitglieder der „Roten Kapelle“ auch wurde sie wiederholt von dort in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht, um u.a. verhört und „erkennungsdienstlich behandelt“ zu werden.
Im Gefängnis war Maria Terwiel längere Zeit in Einzelhaft und erkrankte schwer. Erst im Dezember 1942 erhielt sie die polnische Widerstandskämpferin Krystyna Wituska als Zellengefährtin. Zwischen beiden entwickelte sich sehr bald eine ganz enge Freundschaft. Davon und von Maria Terwiels Situation wissen wir aus den Briefen Krystyna Wituskas, die sie teils offiziell teils als Kassiber an ihre Angehörigen und Maria Terwiels Geschwister geschrieben hat. So heisst es etwa in einem Brief:
Als mich eine Beamtin in ihre Zelle reingeschoben hat, hat sie mich gleich unter ihren Schutz genommen. Ich war damals ein Neuling im Gefängnis, frisch aus Warschau gebracht, von meinen polnischen Kameradinnen das erste Mal getrennt, erschrocken und dem Weinen nahe. Aber bei Marie hieß es gleich, den Kopf hoch halten.
Und in einem anderen Brief:
Ja, die Freundschaft mit Mimi(gemeint ist Maria Terwiel, d. Verf.) war eine helle Karte in diesem elenden Gefängnisleben und jeder, der sie kannte, wird sie nicht so leicht vergessen. Sie war in jeder Beziehung ein feiner Kerl, vielseitig begabt, humorvoll und immer hilfsbereit. Sie war Juristin von Beruf und hatte sehr große musikalische Begabung. Sie ließ sich nie klein kriegen.[...]
Unterdessen hatten Mitte Dezember 1942 die Prozesse gegen Mitglieder der „Roten Kapelle“ vor dem höchsten deutschen Kriegsgericht, dem Reichskriegsgericht in Berlin, begonnen. Der Hauptprozess gegen Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack und zehn weitere Mitglieder wegen Hochverrats, Feindbegünstigung, Spionage u.a. endete am 19. Dezember 1942 mit zehn Todesurteilen. Nachdem Hitler tags zuvor für die Hauptbeschuldigten den Tod durch Erhängen angeordnet hatte, wurden sie am Abend des 22. Dezember 1942 in dem gerade mit Fleischerhaken neu ausgestatteten Hinrichtungsschuppen des Gefängnisses in Berlin-Plötzensee ermordet.
In einem der Folgeprozesse verhandelte das Reichskriegsgericht am 25. und 26. Januar 1943 gegen Maria Terwiel, Helmut Himpel, das Ehepaar Husemann und die Tänzerin Oda Schottmüller.
Die Akten aus diesem Verfahren sind bisher noch nicht entdeckt worden, sie müssen als vernichtet gelten. Aus einem Kassiber der Mitangeklagten Oda Schottmüller lässt sich aber ein gewisser Eindruck von dem Verfahren gewinnen. Darin heisst es u.a.:
Wir fuhren erst(in das Gefängnis, d.Verf.) nach Spandau und holten die beiden Männer ab. Walter Husemann und Helmut Himpel. Beide waren heiter und gut gelaunt. Wir konnten uns unterhalten - nur ich saß ein bißchen als fünftes Rad dabei [...] Wie die Verhandlung bei den anderen war - weiß ich nicht. Ich kam als letzte dran und die Herren machten alle schon einen recht abgespannten Eindruck... Daß nichts mehr zu machen war, darüber waren Behse (Oda Schottmüllers Verteidiger, d. Verf.) und ich uns schon am Sonnabend einig. Der Anwalt von Marie Terwiel, Dr. Heinz Bergmann, hat es fertig bekommen, Belastendes, das nicht einmal die Anklage erwähnt hatte, noch heranzuholen - sonst war er ganz farblos und uninteressiert, sein Gehalt war ihm ja sicher [...] Nun zu Roeder (dem Chefankläger, d. Verf.) [...] das ist ein ganz flotter Bursche, und was hatte er für eine muntere, geschniegelte Redewendung als Einleitung: Heute haben wir hier eine rote Kapelle von 5 Mann, wovon 2 allerdings Demokraten sind (gemeint sind Maria Terwiel und Helmut Himpel, d. Verf.) und eine politisch farblos (c'est moi!) [...] Walter und Marta (Husemann, d. Verf.) haben einen hervorragenden Eindruck bei den Richtern gemacht. Terwiel etwas weniger gut - Himpel mäßig - ich ganz schlecht - na, das ist meine kleinste Sorge.
Mit Ausnahme von Marta Husemann wurden alle vier zum Tode verurteilt - Maria Terwiel und Helmut Himpel wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“. Oda Schottmüller spricht in dem Kassiber von einer erheuchelten Justitia. Weiter heisst es:
Von Gerechtigkeit kann man beim besten Willen nicht reden. Das Kräfteverhältnis ist in keiner Weise ausbalanciert und die Rechtsprechung geschieht in dem Sinne von: Wer die Macht hat, hat das Recht. Sich schützen und wehren muss jeder Staat. Aber was ich in meinem Fall erlebt habe, sind Desperadomanieren einer Tyrannis, die sich verzweifelt wehrt.
Wenige Tage später schreibt Maria Terwiel an ihre beiden jüngeren Geschwister Gerd und Ursula:
Seid tapfer im Leben und laßt Euch nicht immer an die Seite drücken wie bisher. Schade, daß ich nicht Euren Werdegang miterlebe, aber ich werde von oben aufpassen und versuchen, Euch zu helfen [...] Seit Wochen hatte ich mich auf den Prozeß gefreut, nicht des Prozesses wegen, der mich übrigens nicht weiter berührte, sondern weil ich hoffte, Helmut noch einmal zu sprechen. Und es hat tatsächlich geklappt! Nur hatte ich für ihn einen anderen Ausgang erwartet. Helmut, der wie ich nicht eine Spur aufgeregt war, war vergnügt wie immer, und das war für mich eine große Beruhigung, denn ich fürchtete, daß er nicht informiert wäre. - Ich bedauere sehr, daß man mir nicht ein einziges Mal Sprecherlaubnis gegeben hat, so daß wir uns nicht ein einziges Mal mehr sehen konnten. Aber einmal sehen wir uns ja alle wieder. Und glaubt mir, Gerd und Urselchen, ich habe absolut keine Angst vor dem Tode und schon gar nicht vor der göttlichen Gerechtigkeit, denn die brauchen wir jedenfalls nicht zu fürchten. Bleibt Euren Grundsätzen treu und haltet immer und ewig zusammen.
Diesen Grundsätzen ist auch Maria Terwiel selbst treu geblieben und hat auch wirklich keine Angst vor dem Tode gehabt. Dazu schreibt die Mitgefangene Krystyna Wituska:
Als wir noch am Alex waren und sie zum Tode verurteilt wurde, kamen oft Gestapokommissare und sagten, sie seien gekommen, um sie nach Plötzensee abzuholen. Das sollte natürlich nur ein guter Witz sein und sie wollten sich auf Mimis(Maria Terwiels, d. Verf.) Schreck (er)freuen, sie hat ihnen aber nie eine Spur von Aufregung gezeigt und sie sind jedes Mal sehr enttäuscht weggegangen!
Am Abend des 13. Mai 1943 wurde Helmut Himpel in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet. Er war eines von insgesamt 13 Mitgliedern der „Roten Kapelle“, die alle innerhalb von 36 Minuten umgebracht wurden.
Der Tod Helmut Himpels hat Maria Terwiel sehr schwer getroffen. In ihrem Leid versuchte sie, sich das Leben zu nehmen, konnte dann aber ihre Haltung wiedergewinnen. Krystyna Wituska, die in jener Zeit nicht mehr zusammen mit Maria Terwiel in einer Zelle, wohl aber im selben Gefängnis war, berichtet darüber:
[...] hier im Moabit ist sie wirklich sehr unglücklich geworden, als sie ihren Verlobten umgebracht haben. Sie hat ihn so wahnsinnig lieb gehabt, und was selten vorkommt, der Mann war dieser großen Liebe wert. In diesem Augenblick habe ich sehr Angst für sie gehabt, ich dachte, sie tut sich in der Verzweiflung was an. Ich weiß nur alleine, was sie in dieser Zeit durchgemacht hat, sonst niemand. Als sie aus ihrer Zelle rauskam, bewunderte ich immer ihr lächelndes Gesicht. Sie war zu stolz, um allen ihr Leid zu zeigen. Ich frage mich oft, was aus einem Volk wird, das alles, was es Wertvolles an Menschen besitzt, um die Ecke bringt?
Alle Versuche, auch die der Familie Maria Terwiels, ihr Leben zu retten, blieben erfolglos. Unter dem 21. Juli 1943 lehnte Hitler persönlich die Begnadigung von 17 zum Tode verurteilten Mitgliedern der „Roten Kapelle“ ab.
Am 5. August 1943 wird dann Maria Terwiel im Hinrichtungsschuppen in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil umgebracht. Mit ihr sterben 15 weitere Mitglieder der „Roten Kapelle“. Um 19.15 Uhr wird sie getötet, schon drei Minuten später stirbt Oda Schottmüller ebenfalls durch das Fallbeil. - Später wird sich der Chefankläger in diesen Prozessen damit brüsten, es sei ihm gelungen, rund hundert Intellektuellen und Arbeitern den Kopf vor die Füße zu legen.
Einen Monat später schreibt Krystyna Wituska an Maria Terwiels jüngere Geschwister:
Ich bin auch nicht schwächer durch Maries Tod geworden, im Gegenteil. Als das erste schwere Leid und [die] Betäubung vorüber war[en], habe ich mir fest vorgenommen, meiner lieben Freundin gleich zu sein und jeden Schlag des Schicksals so tapfer zu ertragen, wie sie es getan hat. Mit den Tränen helfe ich niemandem und sie braucht kein Mitleid mehr, nur Bewunderung, weil sie wie eine Heldin für ihre Idee gestorben ist [...] Ich bedauere manchmal so sehr, wenn mir meine Lage hoffnungslos zu sein scheint, daß es mir nicht gegönnt war, zusammen mit Marie zu sterben. Dann wären wir lachend dem Tod entgegen gegangen und [hätten] ihnen gezeigt, wie sehr wir unsere Richter und Henker und den Tod selbst verachten. Leider muss jeder von uns wie Helmut und Marie den letzten grausamen Weg allein und verlassen gehen. Wir sterben - aber mit der tröstenden Gewißheit, daß der Sieg unser ist, daß wir nicht umsonst um die Befreiung gekämpft haben.
Krystyna Wituska war schon im April 1943 vom Reichskriegsgericht wegen Spionage und Mittäterschaft am Hochverrat zum Tode verurteilt worden, am 26. Juni 1944 wurde sie ebenfalls hingerichtet.
Maria Terwiels Vater war bereits ein halbes Jahr vor ihrer Verhaftung, also Anfang 1942, verstorben. Ihre Mutter wusste bis zuletzt nichts von Marias Schicksal. Noch nach dem Todesurteil gegen sie hatte sie ihre Geschwister gebeten, ihr zu erzählen, sie sei zusammen mit Helmut Himpel bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. Noch im selben Jahr wie Maria Terwiel, im Dezember 1943, kamen ihre Mutter und ihr Bruder Gerd bei einem Bombenangriff auf Berlin ums Leben. Allein Maria Terwiels jüngere Schwester Ursula hat die Nazi-Zeit überlebt. Sie lebt im hohen Alter und zurückgezogen in Berlin.

VII. Schlussbetrachtung

Maria Terwiel ist gerade heutzutage unvergessen. Inzwischen gibt es einige wichtige kürzere Biografien über sie und auch über Helmut Himpel. In Berlin trägt eine kleine Straße, der "Terwielsteig", im Stadtteil Charlottenburg ihren Namen. Und in Boppard am Rhein erinnert die Maria-Terwiel-Straße an sie. Die Namensgebung in Boppard geht massgeblich auf eine kleine Biografie des früheren Leiters der Sparkasse C. M. Ternes in der Lokalzeitung „Rund um Boppard“ aus dem Jahre 1959 zurück. Dessen Beitrag schliesst mit den Worten, die heute noch - auch nach der Namensgebung für die Maria-Terwiel-Straße in Boppard - nichts an Aktualität eingebüßt haben:
„Die Stadt Boppard und ihre Bürgerschaft, vor allem aber ihre junge Generation, verneigen sich in Ehrfurcht vor dem großen Opfer, das Maria Terwiel mit ihrem jungen, unerfüllten Leben ihrem Glauben und ihrem Volke brachte. Aber auch vor der tapferen, in einem seltenen Idealismus und einem unerschütterlichen Willen fundierten Haltung, die selbst den Tod nicht fürchtete.
Die Stadtverwaltung Boppard sollte sich angelegen sein lassen, die Erinnerung an Maria Terwiel in geeigneter Form lebendig zu erhalten. Als ernste Mahnung aus der Vergangenheit und eindringliche Warnung für die Zukunft, aber auch als leuchtendes Beispiel edler, lauterer Menschlichkeit. Und nicht zuletzt als Vorbild echter christlicher Nächstenliebe, das in der Stille wirkte und diente, opferte und litt.“