Adolf Reichwein (1898 – 1944) - Reformpädagoge und Widerständler aus Bad Ems.

Vortrag von Joachim Hennig am 12. Oktober 2005 im Kant-Gymnasium in Boppard

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
 
Ich danke Ihnen für die einleitenden Worte und für die freundliche Begrüßung. Nach mehr 38 Jahren – im Juni 1967 habe ich hier mein Abitur gemacht -  bin ich nun in diesen Tagen zum zweiten Mal hier am Gymnasium in Boppard. Vor zwei Wochen haben wir die Ausstellung „Widerstand gegen das NS-Regime in Koblenz und Umgebung“ eröffnet. Sie ist auch jetzt noch – bis zu den Herbstferien – in der Eingangshalle des neuen Trakts zu besichtigen. Das ist sicherlich ein gutes Omen für die heutige Veranstaltung, die man als eine Begleitveranstaltung zu der Ausstellung betrachten kann.

Als man bei mir als „Ehemaligem“ anfragte, ob ich zum Schuljubiläum einen Vortrag halten wollte, habe ich spontan zugesagt. Das Thema „Gedenkarbeit“ ist mir sehr wichtig und ich freute mich sogleich, darüber in der Schule hier einen Vortrag halten zu können. Beim konkreten Thema war ich erst noch schwankend: Sollte ich über den Reformpädagogen und Widerständler Adolf Reichwein aus Bad Ems oder über die in Boppard geborene Maria Terwiel reden,  Widerständlerin und Mitglied der sog. Roten Kapelle. Wir entschieden uns für Adolf Reichwein. Ich hoffe, es war eine richtige Entscheidung. Ich wollte keine „Eulen nach Athen tragen. Maria Terwiel ist ja nur einen Steinwurf von hier entfernt in der Mainzer Straße geboren, im Übrigen ist zum Gedenken an sie eine Straße nach ihr benannt. Da wollte ich nicht auch noch mit diesem Vortrag an diese sehr mutige und vorbildliche Frau, die aus christlichem Glauben mit dem Einsatz ihres Lebens Widerstand gegen das NS-Regime geleistet hat, erinnern.

Nicht so bekannt wie Maria Terwiel ist bei Ihnen vielleicht Adolf Reichwein. Deshalb und weil ich hier in einer Schule spreche, habe ich mich heute für die Erinnerung gerade an ihn entschieden.

Adolf Reichwein, 1898 zwanzig Kilometer von hier in Bad Ems an der Lahn geboren, war Reformpädagoge und Sozialist. Er war promoviert, hatte eine Professur inne und war Mitglied des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg. Vor ziemlich genau 61 Jahren, am 20. Oktober 1944 wurde er in einem Schauprozess vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am selben Tag im Hinrichtungsschuppen in Berlin-Plötzensee ermordet. Adolf Reichweins Gedanken, Ideen und Ideale konnten die Nazis aber nicht ermorden. Sie sind heute noch so aktuell wie damals. Und das ist für mich das Erstaunliche und Erschreckende zugleich: Dass Reichwein diese Vorstellungen schon vor mehr als 60 Jahren entwickelte und sogar teilweise realisierte und wir heute noch nicht viel weiter gekommen sind als Adolf Reichwein damals und das noch als Autodidakt. Lassen Sie mich aus der sehr wahrscheinlich von Adolf Reichwein stammenden Grundsatzerklärung über „Lehre und Erziehung in Schule und Hochschule“ zitieren, die für die zweite  Tagung des „Kreisauer Kreises“ vom 22. bis 25. Mai 1942 auf dem Gut Kreisau in Niederschlesien verfasst wurde.

Das dringendste Anliegen an Lehre und Erziehung wird die Begründung eines gesitteten Lebens sein... Es wird also nicht darauf ankommen, Formuliertes zu vermitteln, sondern vielmehr den jungen Menschen zu den elementarsten Selbstformulierungen zu verhelfen. Es ist wichtiger, sie gesittetes Leben erfahren und üben zu lassen, vor allem in der Arbeit selbst zum Erlebnis zu bringen, als ihnen Ethik zu dozieren... Es muss im Ansatz schon vermieden werden, dass Lehre und Erziehung auseinander fallen in einen innerlich ungerichteten Sachunterricht positivistischer Prägung und eine lehrmäßige Vermittlung der religiösen Gehalte... Eine pädagogische Arbeit, die auf der Mitbeteiligung des Schülers aufbaut, die Mobilisierung seiner Selbstkräfte anstrebt und ein Erziehungsleben will, an dem alle mitgestalten, verlangt einen Lehrer, der pädagogisch und psychologisch gründlich geschult ist und gelernt hat, dieses sein berufliches Grundwissen in die vielseitige stoffliche Arbeit seiner Schule zu übersetzen; es muss ein Lehrer sein, der denkerisch und wissenschaftlich auf eigenen Beinen stehen kann. Das soll nicht heißen, dass er selbst forschend oder im strengen Sinne wissenschaftlich arbeitet, aber es soll unter allen Umständen heißen, dass er eine saubere wissenschaftliche Methode  beherrsche und imstande ist, sich geistig selbst zu helfen... Das Sich wieder Finden in der pädagogischen Aufgabe kann nur von dem einzelnen Erzieher selbst geleistet werden und in dem Raum, in dem er selbst Herr und Gestalter ist, in seiner Schule. Es wird also notwendig sein, der Schule selbst wieder selbständige und freie Arbeit zu ermöglichen. Diese Belehnung mit Freiheit ist aber nur denkbar, wenn Vertrauen im Vorschuss gegeben wird. Das setzt einen Abbau der Schulaufsicht im Verwaltungsmäßigen voraus, eine Entlassung des Lehrers von einem überwuchernden bürokratischen Verkehr und die Schaffung einer lebendigen auf persönlicher Vertrauensbeziehung begründeten staatlichen Schulpflege.

Ich denke, dieses kurze Zitat und die wenigen erzählten Fakten deuten auf ein ungewöhnliches Leben und eine ungewöhnliche Persönlichkeit des zu Porträtierten hin. Beides, Leben und Persönlichkeit Adolf Reichweins möchte ich Ihnen nun beginnend in Bad Ems – zwanzig Kilometer von hier entfernt - im Einzelnen darstellen.

Geboren wird Adolf Reichwein am 3. Oktober 1898 als erstes von drei Kindern des Volksschullehrers Karl Reichwein und seiner Frau Anna Maria. Adolfs Vater stammt aus einer protestantischen Bauernfamilie in Heckholzhausen im Westerwald, Adolfs Mutter kommt aus einer katholischen Kaufmannsfamilie aus dem Rheingau. Sein Vater ist  Sozialdemokrat und bemüht sich um eine reformpädagogisch geprägte, von Pestalozzi geprägte Schularbeit. Schon bald fühlt er sich in der politischen Enge des wilhelminischen Nobelbades Bad Ems nicht recht wohl. Er lässt sich deshalb in einen Ort in der Nähe von Friedberg in Oberhessen versetzen. Als Adolf sechs Jahre alt ist, zieht die Familie von Bad Ems ins Oberhessische.

Vater Reichweins Schule ist eine einklassige Volksschule, neben seiner Tätigkeit als Lehrer spielt er auch die Orgel in der Dorfkirche. Adolf ist Schüler seines Vaters und wird so frühzeitig mit fortschrittlicher Schularbeit vertraut. Er hilft seinem Vater bald bei schulischen Aktivitäten und vertritt ihn sogar, als dieser zum Kriegsdienst eingezogen wird.

Von klein auf ist Adolf Reichwein naturverbunden. Wesentliche Impulse erhält er dabei durch die gerade erst entstandene Wandervogelbewegung. In scharfer Abgrenzung zur Erwachsenenwelt schaffen sich diese Jugendlichen, Schüler und Studenten, ihr eigenes „Jugendreich“. In der Abkehr und Auflehnung gegen das Alter und das Bürgertum, gegen Kastengeist und Muckertum der Wilhelminischen Ära entwickeln sie ein eigenes Lebensgefühl. Ausdruck dessen sind ein eigener Kleidungsstil, ein neues Naturverständnis und mannigfaltige kulturelle Ausdrucksformen. Man gibt sich herrlich frei und unbekümmert. Je wilder die Tracht, je rauer die Sitten, umso besser! Ihren Höhepunkt vor dem I. Weltkrieg erreicht die Jugendbewegung mit dem gemeinsamen Treffen auf dem Hohen Meißner in Nordhessen 1913. Hier gibt man sich den Namen „Freideutsche Jugend“ und verabschiedet die berühmt gewordene „Meißnerformel“:

Die Freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.

Trotz dieses programmatischen Bekenntnisses zu Autonomie und Selbsterziehung erfasst die allgemeine Kriegsbegeisterung auch große Teile der Jugend, auch der Jugendbewegung. Auch Adolf Reichwein lässt sich davon anstecken und meldet sich nach dem Notabitur Anfang 1917 als Kriegsfreiwilliger. Ab 1. April 1917 ist Adolf Reichwein Soldat. Ende 1917 wird er in Frankreich als Stoßtruppführer schwer verwundet. Sein Freund Ernst Fraenkel, der später als Jurist und Politologe bekannt wurde (von ihm stammt das Anfang der 40er Jahre in den USA geschriebene grundlegende Buch über den Nationalsozialismus „Der Doppelstaat“), rettet Reichwein das Leben. Dieses Kriegserlebnis traumatisiert ihn und lässt ihn sein Leben lang nicht mehr los.

Im Mai 1918 – also noch während des Krieges – beginnt Reichwein in Frankfurt/Main ein breit gefächertes Studium der Fächer Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie. Er studiert wie Ernst Fraenkel und Carlo Schmid bei Hugo Sinzheimer, dem „Vater des deutschen Arbeitsrechts“. Reichweins Ziel ist die Erwachsenenbildung. Er hat erkannt, dass nach der wilhelminischen Ära und dem verlorenen Ersten Weltkrieg soziale Reformen notwendig sind und dass diese auf einer grundlegenden Reform der Volksbildung fußen müssten.

1920 verlässt Reichwein die Universität in Frankfurt und immatrikuliert sich in Marburg. Dort schließt er sich einer Jugend bewegten akademischen Vereinigung an. Mit 21 Jahren heiratet seine erste Frau Eva Hillmann. Diese Ehe geht dann aber bald in die Brüche. 1923 promoviert er in Marburg zum Doktor der Philosophie mit dem Thema „China und Europa im 18. Jahrhundert“. Schon nach der Abgabe seiner Dissertation engagiert er sich in der Erwachsenenbildung. Er ist Leiter einer Arbeitsgemeinschaft von Studenten und Jungarbeitern und dann Geschäftsführer des „Ausschusses der deutschen Volksbildungsvereinigungen“ in Berlin. Dieser Volkshochschularbeit und der Arbeiterbildung widmet er sich auch nach Abschluss des Promotionsverfahrens. Reichwein wird Geschäftsführer der überörtlich koordinierten Volkshochschule Thüringen in Jena und dann später der Volkshochschule Jena.

Das Jahr 1925 bringt für Reichwein schwere Rückschläge. Zunächst erkrankt er schwer an Diphterie und muss wochenlang seine Arbeit unterbrechen. Später stirbt kaum zwei Jahre sein Sohn durch einen Unfall. In diese Zeit fällt auch die Entfremdung der Eheleute Reichwein voneinander. Im Frühjahr 1926 trennen sich Adolf und seine erste Frau Eva voneinander.

Im gleichen Jahr gründet Adolf Reichwein mit Hilfe der Carl-Zeiss-Stiftung in Jena ein Jugendarbeiterwohnheim.  Dieses Volkshochschulheim für junge Arbeiter, dessen Leiter und Mitbewohner er wird, wird bald Kristallisationspunkt seines pädagogischen Engagements in Jena.

Im Sommer des gleichen Jahres begibt sich Adolf Reichwein auf eine fast einjährige Forschungsreise nach Nordamerika. Die Reise beginnt im August 1926 in New York. Mit einem eigens zu diesem Zweck umgebauten Ford durchquert er die USA von der Ost- zur Westküste. Auch zwei schwere Autounfälle können ihn nicht davon abhalten, schließlich in Seattle anzukommen. Anschließend bereist er Westkanada und Alaska. Seinen ursprünglichen Plan, mit dem Auto über Kalifornien nach Mexiko zu reisen, gibt er kurzfristig zu Gunsten einer Ostasienfahrt auf. Am Weihnachtsabend 1926 lässt er sich als Kadett auf einem amerikanischen Handelsschiff anheuern und begibt sich als „Senior Officer“ auf eine zweimonatige Seefahrt nach Japan, China und den Philippinen.

Im Juni 1927 kehrt Reichwein nach Jena zurück. Er übernimmt wieder die Leitung der Volkshochschule und des Volksschulheims. Als Resultat seiner Forschungsreise veröffentlicht er sein 600 Seiten umfassendes wissenschaftliches Hauptwerk „Die Rohstoffwirtschaft der Erde“. Bald darauf erscheinen der Erzählband „Erlebnisse mit Tieren und Menschen“ sowie die mehr historisch angelegten Bücher „Mexiko erwacht“ und „Blitzlicht über Amerika“ – insgesamt eine reiche Ernte eines vielseitigen und sachkundigen Wissenschaftlers ebenso wie eines abenteuerlustigen Globetrotters, der mit offenen Sinnen durch die Welt gereist ist.

Daneben intensiviert Reichwein die Arbeit mit seinen Jungarbeitern im Volkshochschulheim. Er gibt Strafgefangenen die Chance zur Rehabilitation, indem er sie in seine Schule aufnimmt und setzt sich bewusst dem „Wagnis der Bewährung“ aus. Er organisiert große, mehrwöchige Fahrten. Im Sommer 1928 unternimmt er mit zwölf jungen Arbeitern aus dem Heim eine achtwöchige Großfahrt nach Skandinavien. Höhepunkt der Fahrt war ein Fußmarsch quer durch das menschleere Lappland. Später, im Jahre 1941, veröffentlicht er darüber eine Erzählung mit dem Titel „Hungermarsch durch Lappland“. Einer der Kernsätze in dieser Erzählung lautet: „In der Entscheidung gibt es keine Umwege“ – das war sicherlich eine Art Lebensmotto für Adolf Reichwein, das in seiner letzten Lebensphase im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine letzte Konsequenz erlangen sollte.

Kaum von der Großfahrt nach Lappland zurückgekehrt, lässt sich Reichwein zum Sportpiloten ausbilden. Er kauft sich eine „Klemm 25“ und unternimmt jahrelang abenteuerliche Flüge. Dabei nutzt er sein fliegerisches Können auch, um als Referent schnell Anfang zu Tagungen zu gelangen. Er erwirbt sich den Ruf und die Bewunderung eines „fliegenden Professors“. Auch leitet Reichwein Lager mit Arbeitern, Bauern und Studenten in Niederschlesien. Dabei lernt er Männer wie Hellmuth James Graf von Moltke, Carl-Dietrich von Trotha und Horst von Einsiedel kennen, die später zusammen mit Reichwein den „Kreisauer Kreis“ bilden sollten.  

Schon bald stellt sich Reichwein neuen Aufgaben. Bis zum Sommer 1929 bleibt er zwar noch Leiter der Volkshochschule Jena, folgt aber bereits im März 1929  einem Ruf ins preußische Kultusministerium in Berlin. Dort wird er zunächst wissenschaftlicher Hilfsarbeiter und dann sehr bald persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker. Diesem geht es um die Erneuerung der Kulturpolitik, vor allem um eine grundlegende Reform des preußischen Bildungswesens im Sinne der Weimarer Republik. Kernstück wird die Neuordnung der Volksschullehrerbildung durch die Errichtung Pädagogischer Akademien, die die reformpädagogischen Ansätze vertiefen und in die Unterrichtspraxis umsetzen sollen. Angestrebt ist eine schnelle und vollständige Überwindung der wilhelminischen „Pauk- und Drillschule“. In den Akademien sollten Praxisbezug, methodisch-didaktische, künstlerisch-technische und fachwissenschaftliche Ausbildung sowie staatsbürgerliche Erziehung im Geiste der Weimarer Republik zusammenwirken.
   
Nach einem Ministerwechsel scheidet auch Reinwein aus dem Kultusministerium aus und wird 1930 von dem neuen preußischen Kultusminister, dem Sozialdemokraten Adolf Grimme, als Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an die neu gegründete Pädagogische Akademie in Halle an der Saale berufen. Die folgenden drei Jahre stellen zumindest äußerlich einen glanzvollen Höhepunkt in Reichweins Biografie dar. Reichwein wird in der Akademie „eine Art Zentralfigur“. Er gründete und belebte wöchentliche Diskussionsabende und führte in den Lehrbetrieb der Akademie die „Lager- und Wandererziehung“ ein. Er veranstaltete Ferienlager, im Winter Skilager in Berghütten im Riesengebirge, im Sommer Zeltlager an der See.  In dieser Zeit wird der angesichts des sensationellen Erfolgs der NSDAP bei den Septemberwahlen 1930 einen Monat später Mitglied der SPD. Vor dem Hintergrund seiner ethisch-humanitären Grundhaltung fühlt er sich einer Gruppe aktiver und meist jüngerer Reformsozialisten zugehörig, von denen einige die „Neuen Blätter für den Sozialismus“ herausgaben, sein Ziel ist die „gesellschaftspolitische Vorwärtsverteidigung“ der Weimarer Republik. Später sagte er zu dieser Entscheidung:

Für meinen Eintritt war als Voraussetzung entscheidend, dass ich meinen ganzen Berufsweg einschließlich meiner Berufung nach Halle bewusst und ausgesprochen ohne ‚Parteibuch’ gemacht hatte, und zweitens, dass im Herbst 1930 durch den Eintritt in diese Partei gewiss nichts mehr zu ‚gewinnen’ war. Warum trat ich trotzdem ein? Weil ich – in einer Arbeiterstadt wie Halle lebend – nicht mehr ansehen konnte, wie die organisierte Arbeiterschaft ohne zeitgemäße geistige Führung war... Wenn ich aber den erzieherischen Dienst an der gewerkschaftlichen Jugend, der Jugend der Naturfreunde und ähnlicher Gruppen aufnehmen wollte, brauchte ich das Vertrauen dieser ‚Organisierten’, ich musste selbst ‚organisiert’ sein. Darum bin ich in die erwähnte Partei eingetreten, nicht zu politischen, sondern zu ausgesprochenen Bildungszwecken.
 
Am 1. April 1933 heiratet Reichwein seine Dozentenkollegin Rosemarie Pallat. Während sie auf Hochzeitreise in Italien sind, wird das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 erlassen. Aus Italien zurückgekehrt werden Reichwein und auch seine Frau aufgrund dieses Gesetzes zwangsweise beurlaubt. Reichwein wird daraufhin eine Professur in Istanbul angeboten. Das frisch vermählte Paar erwägt eine Emigration in die Türkei, verwirft diese aber wieder.

Stattdessen stellt Reichwein den Antrag auf Versetzung in das Amt eines einfachen Volksschullehrers und bekommt zum 1. Oktober 1933 die einklassige Landschule in Tiefensee/Kreis Oberbarnim in der Mark Brandenburg gewissermaßen zur „Bewährung“ übertragen. Sein Flugzeug meldet er in diesem Jahr übrigens ab – Anlass hierfür war, dass er anderenfalls auf dem Flugzeug das Hakenkreuz als Hoheitszeichen hätte anbringen müssen.

In dieser auch für einen Lehrer sehr schwierigen Zeit bemüht sich Reichwein, sich selbst und seinen Idealen treu zu bleiben. Einerseits versucht er die Einflüsse der NS-Ideologie von seiner kleinen Dorfschule und auch dem kleinen Dorf fern zu halten und andererseits die eigenen menschlichen, pädagogischen und politischen Überzeugungen zu verwirklichen. Das gelingt ihm in einem ganz erstaunlichen Maße. Auf seiner pädagogischen Insel „Tiefensee“ entwickelt  der Kosmopolit Reichwein in den folgenden Jahren sein Konzept praktischen Lernens mit „Kopf, Herz und Hand“. Es ist das „Schulmodell Tiefensee“, ein Modell einer humanen und lebendigen Schule. Reichwein lässt die dreißig Kinder der kleinen Gemeinde bislang unbekannte, motivierende Formen des Unterrichts erleben. Er greift die Grundlinien Pestalozzis, die er bereits in der Schule seines Vaters kennen gelernt hatte, auf und entwickelt sie in Tiefensee weiter. Reichwein lehrt seine Kinder in Arbeitsgruppen die Welt durch Anschauung und Begreifen zu verstehen. Dabei erschaffen sie selbständig Gegenstände und benutzen diese, die sie bisher nur vom Sehen kannten. Anhand gemeinsam gebauter Modelle und in Versuchen, bei Arbeiten im Schulgarten, auf Streifzügen durch die Landschaft rund um Tiefensee, auf Ferienfahrten, durch Museumsbesuche und bei Werks- und Betriebsbesichtigungen erfahren sie die Welt und lernen dabei. Es ist kein Unterricht aus Schulbüchern, sondern sie lernen durch das Erleben der Praxis, durch Mitwirken und durch aktives Schaffen. Reichwein verbindet dieses praxisbezogene Lernen durch vielfältige gemeinsame musische Betätigungen, die an seine Wandervogelzeit anknüpfen und er beteiligt die Kinder an dörflichen Aktivitäten.

 Ende 1937 wird dann Reichweins klassischer Schulbericht „Schaffendes Schulvolk“ publiziert, in dem er seine Erfahrungen und Reflexionen während der mehrjährigen Unterrichtsarbeit zusammenfasst. Ein halbes Jahr erscheint Reichweins zweiter Praxisbericht. Er trägt den Titel „Film in der Landschule“ und ist eine Pionierarbeit auf dem noch jungen Gebiet der Medienpädagogik.

Ausgangspunkt von Reichweins Pädagogik ist die Mobilisierung der Selbstkraft, die Weckung der geistigen Spontaneität des Kindes. Die zukünftige Gesellschaft – so Reichwein – brauche keinen passiv-reproduktiven, durch blinden „soldatischen Gehorsam“ gedrillten Schüler, der „wie eine genormte Form (...) überall in das mechanische Gefüge passt“, sondern gefordert seien von ihm in den „wechselnden und immer wieder neuen ‚Lagen’“ einer modernen Industriegesellschaft „geistige Bereitschaft, Können und das Bewusstsein einer eigenen Verantwortung“. Die Schüler in Reichweins Landschule sind nicht in Jahrgangsklassen eingeteilt, sondern in Arbeitsgruppen, zu denen Kinder verschiedener Jahrgänge und unterschiedlicher Leistungsstufen gehören. „Jedes Kind soll nach seinem eigenen Rhythmus wachsen können“ – so Reichweins Devise. Die Schüler sollen zu einer sich wechselseitig helfenden Schülergemeinschaft zusammen wachsen, die auf die Ausbildung und Pflege sozialer Verhaltensweisen wie Solidarität, Kooperationsfähigkeit und mitmenschliches Verantwortungsgefühl gegründet ist. Ziel der Erziehung war das typisch sozial-humanistische Bildungsideal der „voll entfalteten Persönlichkeit im Dienst der Gemeinschaft“. Dabei sollten auch die manuellen Tätigkeiten nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil. Die handwerkliche Arbeit  bildet den Kern der Tiefenseer Schularbeit, begleitet und krönt die Vorhabengestaltung. „Was die Hand geschaffen hat, begreift der Kopf umso leichter“, lautet Reichweins pädagogischer Grundsatz.

Trotz alledem oder gerade deshalb führt Reichwein auch ein Doppelleben. Auch er muss gewisse NS-Rituale einhalten, um überleben zu können. Einem Freund gesteht Reichwein einmal ganz niedergeschlagen: „Heute habe ich zum ersten Mal wirklich gelogen. Ich habe einen Schulrat mit Hitlergruß begrüßt.“ Bei seinen Schülern und dessen Eltern erfährt dieser strafversetzte, „politisch unzuverlässige“, ehemalige Akademieprofessor zunehmend Achtung und Anerkennung. Ein Vater, nach Reichwein befragt, hat einmal gesagt: „Der Professor? Wissen Sie, der hat unsere Kinder frei gemacht.“

Im Jahre 1938 – Adolf Reichwein ist inzwischen dreifacher Familienvater – entwickelt sich ein Freundeskreis um Hellmuth James Graf von Moltke, aus dem sich alsbald der so genannte Kreisauer Kreis bildet. Von Moltke und andere Mitglieder kennt Reichwein von Lagern mit Arbeitern, Bauern und Studenten, die er Ende der 20er Jahre in Niederschlesien geleitet hat. Von Moltke geht es darum, sich in diesem Freundeskreis darüber auszutauschen, wie der deutsche Staat und die deutsche Regierung nach Hitler aussehen müssten. Zu diesem Kreis erhält Reichwein Kontakt durch seinen Freund Horst von Einsiedel. Reichwein ist auch weiterhin auf Vortragsreisen unterwegs. Beispielsweise ist er vier Wochen in England und referiert über das Thema „Ländliches Erziehungswesen in Deutschland“.
    
Reichweins Zeit in der Dorfschule in Tiefensee geht im Frühjahr 1939 zu Ende. Im Mai 1939 lässt er sich für eine Tätigkeit an den Staatlichen Museen Berlin beurlauben und wird Leiter der Abteilung „Schule und Museum“ am Staatlichen Museum für deutsche Volkskunde“.

Zum Abschied von den Tiefenseer Schulkindern schreibt er jedem Kind einen selbst gedichteten ganz persönlichen Spruch in deren Poesiealbum. Eine dieser Losungen lautet:
            
            Richte immer die Gedanken
            Fest und ohne schwaches Schwanken
            Auf das selbst gewählte Ziel!
            Hilft das Herz als Kompass viel,
            Weist die Richtung in der Stille,
            Soll der selbst gestählte Wille
            Doch Dich stärken, fest zu halten
            Und Dein Leben zu gestalten
            Nach den großen Tugendbildern,
            die des Lebens Härte mildern:
            Güte allen Menschen zeigen
            Wahrheit gegen jedermann,
            Über andrer Fehler schweigen,
            Und nur wollen, was man kann.

Seine vordringliche Aufgabe als Leiter der Abteilung „Schule und Museum“ sieht er darin, „eine umfassende Museumspädagogik praktisch zu erproben und auszubilden“, d.h. die Museen „als Anschauungs- und Arbeitsstätten“ für eine „erzieherisch gelenkte Schularbeit“ fruchtbar zu machen. „Die gegenständlichen Sammlungen unserer Museen sollen dem Unterricht als eine Welt lebendiger Anschauung erschlossen werden und es dem Lehrer ermöglichen, mit seinen Kindern jenen Weg zu gehen, der sich noch immer als der ergiebigste, kürzeste, unbeschwerteste und kindgemäße erwiesen hat, und der gelegentlich als der Weg von der Anschauung zum Begriff bezeichnet wurde.“

Zur eigentlichen Museumsarbeit konzipiert und organisiert Reichwein vier große Schulausstellungen zu handwerklichen Themen; außerdem unternimmt er mehr als einhundert Reisen zu museums- und werkpädagogischen Vorträgen und Kursen im gesamten Reichsgebiet.   
    
Unterdessen intensiviert Reichwein seinen Kontakt zu dem Freundeskreis um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf York von Wartenburg, dem „Kreisauer Kreis“. Er wird der „Verbindungsmann“ der „Kreisauer“ zu den verschiedensten Widerstandsorganisationen in Deutschland und im benachbarten Ausland. Dabei nutzt er seine beruflichen Aktivitäten, um mit Personen in Kontakt zu kommen, die dem herrschenden Regime kritisch gegenüber standen. So war es insbesondere Reichwein zu verdanken, dass Vertreter der Arbeiterbewegung wie Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Wilhelm Leuschner und vor allem Julius Leber für die „Kreisauer“ gewonnen werden konnten.

Der „Kreisauer Kreis“ ist in den Jahren ab 1939 bis 1942 auf der Basis persönlicher Kontakte allmählich zusammen gewachsen. Er umfasste in seinem Kern etwa 20 Personen, Menschen verschiedener politischer Richtungen, sozialer Herkunft und geistiger Verwurzelung. Konservative, Liberale und Sozialdemokraten, Jesuitenpatres und evangelische Pfarrer gehörten ihm an und fanden mit Angehörigen des preußischen Adels zusammen, „um gemeinsam aus einem tiefen moralischen Antrieb heraus für die Überwindung des herrschenden Unrechtssystems und den Aufbau einer neuen, freiheitlichen Ordnung zu arbeiten“.

Adolf Reichwein gehört zum engsten Kreis der „Kreisauer“. Allein die Briefe von Moltkes verzeichnen in den Jahren bis 1944 rund 40 Begegnungen mit Adolf Reichwein. Reichwein ist der einzige „Schulfachmann“ im „Kreisauer Kreis“. Er selbst gilt als Kultusministerkandidat für eine Regierung nach Hitler. Auf der ersten großen Tagung in Kreisau Zu Pfingsten, vom 22. bis 25. Mai 1942, trägt er seine Gedanken zu Fragen der Erziehung im Allgemeinen und der Schule im Besonderen vor. Zu Beginn meines Vortrages habe ich Ihnen daraus einige Passagen zitiert. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang, dass sich Reichwein in den wichtigen Fragen der Lehrerbildung und des Religionsunterrichts als verpflichtendes Lehrfach nicht durchsetzen konnte. Auch in dem letzten Memorandum des „Kreisauer Kreises“, den „Grundsätzen für die Neuordnung“ vom 9. August 1943 – finden sich diese prononcierten Vorstellungen Reichweins nicht wieder.

In dieser Zeit - im August 1943 – kommt es dann zu wesentlichen Veränderungen. Zum einen wird die Wohnung der Reichweins in Berlin durch einen Luftangriff zerstört. Daraufhin zieht Adolf Reichwein zusammen mit seiner Frau und den gemeinsamen – inzwischen vier – Kindern auf das Hofgut der von Moltkes in Kreisau. Zum anderen gelingt es Reichwein, den sozialdemokratischen Arbeiterführer Julius Leber näher an den „Kreisauer Kreis“ heranzuführen. Wenig später, im Herbst 1943, wird auch die Verbindung der „Kreisauer“ mit Claus Graf Schenk von Stauffenberg enger. Beide, Leber und Stauffenberg, sollten in der Folgezeit eine immer größere Bedeutung nicht nur für den „Kreisauer Kreis“, sondern für den deutschen Widerstand überhaupt erlangen.  

Bald gibt es aber auch sehr wesentliche Rückschläge. Der erste ist mit dem Sozialdemokraten Carlo Mierendorff verbunden. Er wird im Dezember 1943 bei einem Luftangriff der Alliierten in Leipzig getötet. Mit Januar 1944 wird dann Moltke von der Gestapo verhaftet. Der Anlass ist eher nichtig, die Festnahme trifft aber das Nervenzentrum der „Kreisauer“ und reißt eine empfindliche Lücke. „...ein Wintergewitter, und der Blitz hat dicht neben uns eingeschlagen“, schreibt Reichwein erregt an einen Freund.

Dadurch rückt nun Peter Graf Yorck von Wartenburg an die Spitze des „Kreisauer Kreises“. Er kann aber den „spiritus rector“ des Kreises, der Moltke war, nicht ersetzen. Eugen Gerstenmaier, der ebenfalls zum „Kreisauer Kreis“ gehörte, sagte später, nach Moltkes Verhaftung habe es keinen „Kreisauer Kreis“ mehr gegeben, sondern nur noch „Kreisauer“. Nun wird immer stärker auf die Staatsstreichaktion mit dem Attentat hingearbeitet. Julius Leber tritt mehr und mehr in den Vordergrund und die Zusammenarbeit mit Stauffenberg wird immer intensiver. Julius Leber und gerade auch Adolf Reichwein unternehmen große Anstrengungen, um das im Untergrund noch vorhandene Netz von Widerstandszellen unter alten Sozialisten und Gewerkschaftern zu verdichten. Es geht ihnen darum, dass der Militärputsch auch von unten von breiter Basis unterstützt wird. Zu Pfingsten 1944 kann Adolf Reichwein seiner Frau und Freya von Moltke - die Reichweins wohnen seit einigen Monaten ja auf dem Gut Kreisau – berichten:

Jetzt habe ich Kontakt zu den Kommunisten aufgenommen. Wenn das schief geht, kostet es das Leben.

Als eine Art Vermächtnis – wie man im Nachhinein meinen könnte – schreibt Adolf Reichwein Ende Juni 1944:

Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muss es sein. Es ist schon sehr, sehr spät, aber noch nicht zu spät.
 
Am 21. Juni 1944 kommen dann Yorck, Leber, Reichwein, Haubach, van Husen, Lukaschek und von Trott zu Solms in Berlin zusammen. Dies dient der Vorbereitung eines ersten Treffens mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe, zu der u.a. Anton Saefkow, Franz Jakob und Bästlein gehören.    

Mit Wissen und Billigung Stauffenbergs und Yorcks kommt es dann am Abend des 22. Juni 1944 zu einem Treffen Reichweins und Lebers mit führenden kommunistischen Funktionären. Der eine der beiden Kommunisten ist Franz Jacob, der andere Anton Saefkow. Der dritte ist – wie sich erst später herausstellt – kein kommunistischer Funktionär – sondern ein Gestapoagent namens Ernst Rambow. Er hatte sich in das Vertrauen des Zentralkomitees der illegalen KPD eingeschlichen und wird bei Treffs als Begleiter verwendet. Bei diesem Gespräch stellt sich heraus, dass die Kommunisten den Anschauungen des „Kreisauer Kreises“ viel weiter entgegen kommen, als Leber und Reichwein es erwartet haben. Für den 4. Juli 1944 vereinbart man eine weitere Zusammenkunft. Es treffen sich dann Reichwein, Jacob und Saefkow, Leber kommt - aus welchen Gründen auch immer – nicht. Die drei vereinbaren ein neues Treffen am nächsten Tag. Doch dazu kommt es nicht. Beim Verlassen des Treffpunkts werden Reichwein, Jacob und Saefkow von der Gestapo verhaftet. Sie sind von dem Gestapospitzel verraten worden. Am nächsten Tag wird auch Leber verhaftet.

Auch dies ist ein schwerer Schlag für die „Kreisauer“ und in gewisser Weise auch für Stauffenberg und seine Attentatspläne. Vermutlich ist die Verhaftung Reichweins und Lebers am 4. bzw. 5. Juli 1944 ein wichtiger Grund dafür, dass Stauffenberg seine Attentatspläne nun mit Hochdruck verfolgt und dann am 20. Juli 1944 ausführt.

Adolf Reichwein wird zunächst in das Zuchthaus Brandenburg-Goerden gebracht, im September in das Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin und zum Prozess in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8. Die Haft ist für ihn eine Qual. Mithäftlinge berichten, dass er zur Erzwingung von Aussagen bei Verhören schwer misshandelt und nachts sogar mit einer Kette an Beinen und Armen gefesselt wird. Am 25. September 1944 wird er aus dem Beamtenverhältnis ausgestoßen.

Am 20. Oktober 1944 findet im Saal des Kammergerichts in Berlin-Schöneberg der Prozess vor dem Volksgerichtshof statt.  Angeklagt sind vier Sozialdemokraten: Adolf Reichwein, Julius Leber, Hermann Maass und Gustav Dahrendorf (der Vater von Ralf Dahrendorf). Den Vorsitz beim Volksgerichtshof führt dessen Präsident Roland Freisler. Er ist der Prototyp des „Blutrichters“, später nannte man ihn auch den „Mörder in roter Robe“.

Von Reichwein sind während des Prozesses einige Standfotos gemacht worden. Trotz aller Misshandlungen und Demütigungen zeigen sie ihn ungebeugt und aufrecht. Der einzige Überlebende dieser vier Angeklagten, Gustav Dahrendorf, hat später den Verlauf der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof wie folgt geschildert:

Die Verhandlung trug alle Züge eines Schau- und Tendenz-Prozesses. (...) Freisler schrie, gestikulierte. Keine Formulierung ohne entsetzliche Bosheit oder Brutalität, kein Fünkchen Menschlichkeit, keine Andeutung auch nur formalen Rechts.(...)

Im Ablauf der Verhandlung gegen Adolf Reichwein gab es einen großen und erschütternden Abschnitt. Reichweins Offizial-Verteidiger, dem jeder Versuch eines Einwands zu den „Tatbeständen“ abgeschnitten worden war, bat schließlich, das Gericht möge doch die außerordentlichen Qualitäten seines Mandanten berücksichtigen. Es schien, als wolle Freisler Adolf Reichwein sprechen lassen.

Reichwein begann mit ganz leiser Stimme. Er konnte nicht lauter sprechen. Die Haft mit ihren seelischen Erregungen und körperlichen Misshandlungen hatte ihm die Stimmkraft genommen. Ich konnte seine Stimme kaum vernehmen. Für Sekunden nur waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Mich packte eine tiefe Sympathie für diesen Mann. So wie er da stand, war er das Symbol alles Menschlichen, von dem selbst in diesem Augenblick alle Qual des Leidens abfiel.

Er begann von seiner Arbeit zu sprechen. Er begann ... und einer Meute gleich brach es aus Freisler heraus: Menschlichkeit, menschliche Werte? Wer das große Vertrauen so sehr geschändet habe wie Reichwein, habe das Recht verwirkt, menschlich bewertet zu werden. Schluss, Schluss – kein Wort mehr. Verbrecher, Verbrecher ... Ein Orkan von brutalsten Formulierungen unterbrach die Stille, die sich für einen Augenblick – nicht mehr war es – um diesen Menschen gebreitet hatte. – Reichwein sprach später kein Schlusswort.   
   
Noch am selben Tag werden die Angeklagten verurteilt. Julius Leber, Adolf Reichwein und Hermann Maass wegen Landesverrats zum Tode und Gustav Dahrendorf wegen Nichtanzeige dieses „Verbrechens“ zu sieben Jahren Zuchthaus. Das sog. Urteil für drei Todesurteile und sieben Jahre Zuchthaus ist noch nicht einmal zwei Seiten lang. Die Form ist genauso unangemessen wie das Strafmaß.

Während Julius Leber anschließend noch monatelang in Haft gehalten wird, um von ihm noch Informationen über Mitwisser, Hintermänner u.a. herauszupressen und er erst dann Anfang 1945 hingerichtet wird, werden Reichwein und Maass noch am selben Tag, am 20. Oktober 1944, aus dem Gerichtssaal  direkt zur Hinrichtungsstätte im Gefängnis Plötzensee verbracht.

Der Jesuitenpater Alfred Delp, ebenfalls ein „Kreisauer“ und ebenfalls vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet, hat kurz vor seinem Tod gesagt, dass sie sterben, „damit andere einmal besser und glücklicher leben“ dürfen. Dieses Vermächtnis gilt auch für Adolf Reichwein.  

Der Vollständigkeit halber sei noch folgendes erwähnt:

Der „Blutrichter“ Roland Freisler wurde Anfang Februar 1945 bei einem Bombenangriff in seinem Büro im Volksgerichtshof erschlagen. In einer Verhandlungspause war er in sein Büro zurückgekehrt, um noch Akten für weitere Prozesse durchzuarbeiten. Dabei kam er ums Leben. Der Gestapospitzel Ernst Rambow wurde 1945 von den Sowjets verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Adolf Reichsweins Ehefrau Rosemarie und die vier Kinder überlebten die Nazi-Diktatur. Zuletzt waren sie mit einem Treck auf der Flucht vor den russischen Truppen. Nach dem Krieg zogen sie wieder nach Berlin. Rosemarie Reichwein kehrte in ihren früheren Beruf als Krankengymnastin zurück. Neben der Erziehung der Kinder eröffnete und leitete sie eine Krankengymnastik-Praxis und leistete Pionierarbeit bei der Behandlung von zerebral geschädigten und spastisch gelähmten Menschen. Außerdem hat sie viele, viele Jahre dazu beigetragen,  die Erinnerung an ihren Mann wach zu halten. Für ihre immense Arbeitsleistung bis ins hohe Alter wurde ihr 1974 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Am Ende ihres langen, erfüllten und arbeitsreichen Lebens,  im Alter von 94 Jahren, veröffentlichte sie zusammen mit ihrer Tochter Sabine die Autobiografie: „Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. Ein Buch der Erinnerung“. Mit dem Buch blickt sie auf die zwölf Jahre gemeinsamen Lebens mit ihrem Mann zurück, die sie so sehr geprägt hatten. Rosemarie Reichwein ist dann am 5. August 2002 im Alter von 98 Jahren in Berlin gestorben.

Adolf Reichwein war einer der wenigen Widerständler, an den die beiden deutschen Staaten, Bundesrepublik Deutschland und DDR, gleichermaßen erinnerten. In Deutschland Ost und Deutschland West gab es vor der Wiedervereinigung mehr als 30 Schulen, die den Namen dieses großen Pädagogen und Sozialisten trugen. Auch Straßen sind nach Adolf Reichwein benannt. U.a. eine ganz in der Nähe der Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee, der Adolf-Reichwein-Damm. Auf den Adolf-Reichwein-Damm trifft übrigens eine kleine Straße, der Maria-Terwiel-Steig. Ist das Zufall? – Wie auch immer. Damit sind wir von Berlin-Plötzensee wieder bei Maria Terwiel und damit wieder zurück hier in Boppard am Rhein. Es schließt sich der Kreis über Widerständler aus der hiesigen Region.
 


 

 


 

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