1942

 

20. Januar Auf Einladung des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich findet die sog. Wannsee-Konferenz in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin statt. Die 15 hohen Behördenvertreter und SS-Führer besprechen die Zusammenarbeit ihrer jeweiligen Behörden u.a. bei der bevorstehenden Deportation aller europäischen Juden in die eroberten Gebiete in Ost-Europa. Dabei geht es um die technische Realisierung des Völkermords, des Holocaust, der Shoa. Die "Endlösung der Judenfrage" als solche hat Hitler höchstwahrscheinlich einige Wochen vorher beschlossen.

In dem vom „Judenreferenten“ des Reichssicherheitshauptamtes Adolf Eichmann erstatteten Protokoll heißt es u.a.: „Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Juden kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht. (…) Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchkämmt. (…) Die evakuierten Juden werden zunächst Zug um Zug in so genannte Durchgangsghettos verbracht, um von dort weiter nach dem Osten transportiert zu werden.“ Der Vertreter des Generalgouvernements ist mit den Mordplänen völlig einverstanden und erklärt – ausweislich des Protokolls -, „dass das Generalgouvernement es begrüßen würde, wenn mit der Endlösung dieser Frage im Generalgouvernement begonnen würde, weil einmal hier das Transportproblem keine übergeordnete Rolle spielt und arbeitseinsatzmäßige Gründe den Lauf dieser Aktion nicht behindern würden.“

31. Januar Die dritte Deportationswelle von Juden aus dem „Altreich“ in den Distrikt Lublin im „Generalgouvernement“ wird geplant. Dazu schickt der „Judenreferent“ des Reichssicherheitshauptamtes Adolf Eichmann einen „Schnellbrief“ an alle Staatspolizei(leit)stellen. Mit den einleitenden Worten: „Die in der letzten Zeit in einzelnen Gebieten durchgeführte Evakuierung von Juden nach dem Osten stellen den Beginn der Endlösung der Judenfrage im Altreich, der Ostmark und im Protektorat Böhmen und Mähren dar.“ geht es in ihm um die „genaue Planung und Vorbereitung“ der weiteren Verbrechen. Dazu werden die Gestapostellen aufgefordert, die im Reichsgebiet noch lebenden Juden festzustellen und deren Zahl dem RSHA zu melden. Zugleich erlässt das RSHA „Richtlinien zur technischen Durchführung der Evakuierung von Juden in das Generalgouvernement“. Eingehend und sehr bürokratisch wird darin die Deportation zehntausender Menschen jüdischer Herkunft geregelt. Die Gestapostellen – auch die Gestapo in Koblenz – werden verpflichtet, die Juden zu erfassen, zu konzentrieren und dann für deren Abtransport zu sorgen – einschließlich der „Regelung der vermögensrechtlichen Angelegenheiten“, d.h. der Wegnahme der letzten ihnen noch verbliebenen Vermögenswerte.

Februar Die große kommunistisch-nationalrevolutionäre Widerstandsorganisation um Rudi Uhrig und Beppo Römer in Berlin, die auch enge Kontakte zu Mitgliedern der „Roten Kapelle“ hat, wird zerschlagen, als Uhrig, Römer und 200 weitere Mitglieder der Gruppe verhaftet werden. 2 ½ Jahre später werden u.a. Uhrig und Römer vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet.

17. März Das erste der drei Vernichtungslager im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ (Belzec, Sobibor, Treblinka), das Vernichtungslager Belzec, ist „betriebsbereit“. Es treffen die ersten Transporte mit einheimischen Juden aus den Ghettos von Lemberg und Lublin in Belzec ein.

22. März Mit der 1. Deportation von Menschen jüdischer Herkunft werden 337 namentlich bekannte Juden und ein namenloses Baby von Koblenz aus „nach dem Osten“ verschleppt. Am Tag zuvor mussten sich diese Menschen in der Stein-Schule (heute: Freiherr-vom-Stein-Grundschule in der Steinstraße in Koblenz-Rauental) einfinden. Dort sammelt die Koblenzer Gestapo die Juden aus Koblenz und dem ehemaligen Landkreis Koblenz für den Abtransport. Die Juden haben ein 16-seitiges Vermögensverzeichnis auszufüllen – wobei das ihnen verbliebene Vermögen rückwirkend zum 1. März 1942 zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt wird. Sämtliche „das Vermögen verkörpernde Urkunden (z.B. Wertpapiere)“ u.a. sind der Erklärung beizufügen. Diese Erklärungen, wie auch Versicherungskarten, Lohnsteuerkarten, Bezugsscheine, Personaldokumente und auch die Wohnungsschlüssel müssen sie abgeben. Auf dem Güterbahnhof in Koblenz-Lützel werden die 338 Juden aus Koblenz und Umgebung auf der Rampe in Personenwagen der 4. Klasse des Sonderzuges Da 17 der Deutschen Reichsbahn „verladen“. Diese Sonderzüge der Reichsbahn bilden eine eigene Kategorie „Da“ – das steht für „David“. Sie haben eigene Fahrpläne und sind meist „Russenzüge“, mit denen Russen, Ukrainer u.a. zur Zwangsarbeit in den Westen verschleppt werden. Mit den Juden fahren sie wieder zurück „nach dem Osten“. Der Sonderzug DA 17 fährt von Koblenz nach Köln, Düsseldorf und dann durch das Ruhrgebiet. Zielort ist das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin. (vgl. Familie Arthur Salomon – Personentafel Nr. 63 -, Hannelore Hermann – Personentafel Nr. 22).

24. März Während der Deportationszug Da 17 auch mit dem Juden aus Koblenz und Umgebung mehrere Tage auf der Fahrt in den Osten unterwegs ist, werden nach einer großen Razzia die ersten einheimischen Juden aus dem Ghetto Izbica in das Vernichtungslager Belzec transportiert. Sie machen den Juden Platz, die in den nächsten Tagen nach Izbica verschleppt werden.

26 / 27. März Der erste Deportationszug mit 338 Juden aus Koblenz und Umgebung trifft in Izbica ein. Man zwängt die Menschen in die teilweise frei gemachten Wohnungen und Häuser. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schreibt in sein Tagebuch: „Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach Osten abgeschoben. Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig.“

Frühjahr Den von Hitler-Deutschland begonnenen Luftkrieg weiten die britische (Royal Air Force – RAF) und dann auch die amerikanische Luftwaffe (United States Army Air Forces – USAAF) im Deutschen Reich aus. Entsprechend ihrer „Anweisung zu den Flächenbombardements“ („Area Bombing Directive“) beginnt die RAF mit ihren Flächenbombardements. Sie wird unterstützt von der USAAF, die vor allem Punktziele bombardiert (kriegswichtige Industrien, Brücken, Eisenbahnstrecken und andere Anlagen der Infrastruktur).

26. April Hitler erhält vom Reichstag allumfassende Vollmachten. Mit Hinweis auf den Krieg und seine Position als Führer, Oberbefehlshaber, Regierungschef und oberster Gerichtsherr hätte er - so der einmütige Beschluss des Reichstages - das Recht, „… jederzeit in der Lage (zu) sein, nötigenfalls jeden Deutschen – sei er einfacher Soldat oder Offizier, niedriger oder hoher Beamter oder Richter, leitender oder dienender Funktionär der Partei, Arbeiter oder Angestellter – mit allen ihm geeignet erscheinenden Mitteln zur Erfüllung seiner Pflichten anzuhalten und bei Verletzung dieser Pflichten nach gewissenhafter Prüfung ohne Rücksicht auf so genannte wohl erworbene Rechte mit der ihm gebührenden Sühne zu belegen, ihn im besonderen ohne Einleitung vorgeschriebener Verfahren aus seinem Amte, aus seinem Rang und seiner Stellung zu entfernen.“

30. April Ein zweiter Transport von Menschen jüdischer Herkunft, der Sonderzug Da 9, geht vom Güterbahnhof in Koblenz-Lützel ab. In ihm befinden sich fast ausschließlich Patienten der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn. Für diese Menschen ist das eine noch viel größere Strapaze, sind sie doch körperbehindert, psychisch krank und vielfach gebrechlich. Wegen ihres Zustandes deportiert sie die Reichsbahn schon „bevorzugt“ – mit “G-Wagen” (gedeckten Güterwaggons). Am 3. Mai 1942 treffen die Überlebenden des Transports an der Bahnstation in Krasnystaw in der Nähe von Izbica ein. Anschließend müssen sie noch in das Durchgangsghetto Krasniczyn. Einen Monat später, im Juni, liquidieren die deutschen Besatzer das Ghetto Krasniczyn. (vgl. Jakob van Hoddis – Personentafel Nr. 40 -, Manfred Moses Goldschmidt – Personentafel Nr. 119).

15. Juni Mit der 3. Deportation von Juden aus dem Koblenzer Raum werden 342 Juden „nach dem Osten“ verschleppt. Es sind vor allem wiederum Patienten und Pflegepersonal der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn. Der dort verbliebene leitende Arzt berichtet später: „Die Verladung der Patienten habe ich selbst erlebt. Zu 60 in einem Viehwagen wurden Schwerkranke und gesunde Angestellte verladen. Der Zug stand noch nachmittags unter polizeilicher Bewachung plombiert in glühender Hitze auf dem Bahnhof Sayn. Ich war etwas später als beratender Nervenarzt bei einem jüdischen Krankentransport in Düsseldorf. Dort hörte ich von der Jüdischen Gemeinde, dass der Transport durch Düsseldorf durchgekommen und mit Wasser versorgt worden sei. Der Kot sei aus den Wagen herausgelaufen. Zahlreiche Patienten sollen dort bereits tot gewesen sein.“ Der Transport geht nicht mehr in ein Durchgangsghetto im Raum Lublin, sondern in das Vernichtungslager Sobibor unmittelbar. Die dort ankommenden Menschen werden noch am selben Tag mit Motorabgasen ermordet. (vgl. Johanna (Hanna) Hellman – Personentafel Nr. 120).

Juni Die Massenvergasungen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau („Auschwitz II“) beginnen.

Mitte Juli Auch das dritte Vernichtungslager der "Aktion Reinhardt", Treblinka, ist fertig gestellt.

27. Juli 4. Deportation von 79 Menschen jüdischer Herkunft aus Koblenz und Umgebung. Betroffen davon sind vor allem ältere Menschen. Sie werden in das Konzerntrationslager („Altersghetto“) Theresienstadt verschleppt. (vgl. Georg Krämer – Personentafel Nr. 64 - und auch Familie Isaak Hein – Personentafel Nr. 50). Zahlreiche dorthin Deportierte werden dann weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort mit Giftgas ermordet. (vgl. Juristenfamilie Brasch – Personentafel Nr. 20 (Emma Brasch).

Sommer Nachdem seit Ende 1941 unter falschen Versprechungen Menschen in der Sowjetunion in das „Altreich“ gelockt bzw. dann zwangsweise hierher verschleppt werden, kommen sowjetische Zwangsarbeiter auch nach Koblenz und Umgebung. Sie stehen als „Untermenschen“ in der Hierarchie der Zwangsarbeiter an unterster Stelle. Von den anderen Zwangsarbeitern getrennt, werden sie in speziellen Ostarbeiterlagern, die mit Stacheldraht umzäunt sind, untergebracht. Sie werden durch viele Verbote schikaniert und müssen auf der linken Brustseite das Abzeichen „Ost“ tragen. Etwas besser geht es den in Privathaushalten beschäftigten jungen Zwangsarbeiterinnen. (vgl. Lydia Gritzenko – Personentafel Nr. 49 – und auch Warwara T. – Lesemappe Nr.32).

20. August Der Präsident des Volksgerichtshofs Otto Thierack wird zum neuen Reichsjustizminister ernannt. Neuer Präsident wird Roland Freisler. Unter Freisler steigt die Anzahl der Todesurteile stark an: Ungefähr 90 Prozent aller Verfahren enden mit einer oft bereits vor Prozessbeginn feststehenden Todesstrafe oder mit lebenslanger Haftstrafe. Zwischen 1942 und 1945 werden mehr als 5000 Todesurteile gefällt, davon über 2600 durch den von Freisler geführten Ersten Senat des Gerichts. Damit ist Freisler in den drei Jahren seines Wirkens am Volksgerichtshof für ebenso viele Todesurteile verantwortlich wie alle anderen Senate des Gerichts zusammen in der gesamten Zeit des Bestehens des Gerichts von 1934 bis 1945. Mit Recht erhält Friesler nach der Befreiung den Beinamen „Mörder in roter Robe“. Berüchtigt sind seine „Verhandlungsführung“ und seine „Blutjustiz“ besonders wegen der Verfahren gegen die Verschwörer vom 20. Juni 1944.

August Die vor einem Jahr beendete Mordaktion an behinderten, psychisch kranken und sozial unangepassten Menschen („Aktion T4“) wird in anderer Form fortgesetzt. In den Tötungsanstalten, wie Hadamar, werden sie aber nicht mehr mit Giftgas, sondern durch überdosierte Medikamente und vorsätzliches Verhungernlassen von Ärzten und Pflegern getötet (sog. dezentrale oder auch (fälschlicherweise so genannte) „wilde Euthanasie“). (vgl. Karl-Heinz Spiegel – Personentafel Nr. 69 -, Felix K. – Personentafel Nr. 116 – und Elisabeth M. – Personentafel Nr. 115).

Ende August/September In Berlin hat sich eine große Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack gebildet. Viele Mitglieder dieser aus verschiedenen Freundeskreisen gehörenden Gruppe, die die Gestapo später Rote Kapelle nennt, sind Frauen. Eine von ihnen ist die in Boppard am Rhein geborene Maria Terwiel, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Helmut Himpel. Die Gruppe unternimmt zahlreiche auch öffentlichkeitswirksame Aktionen. Die wichtigste und größte Aktion ist die Verbreitung der Predigten des Bischofs von Galen gegen die „Euthanasie“-Aktion der Nazis. Nach der Entschlüsselung von Funksprüchen nimmt die Gestapo ab Ende August mehr als 100 Personen fest. Vielen von ihnen macht man den Prozess vor dem höchsten deutschen Militärgericht, dem Reichskriegsgericht in Berlin. Sie werden wegen Hoch- und Landesverrats zum Tode verurteilt und im Hinrichtungsschuppen des Gefängnisses Berlin-Plötzensee hingerichtet. (vgl. Maria Terwiel – Personentafel Nr. 12).

03. September Fast 200 luxemburger Schüler werden ohne Wissen ihrer Eltern zur „Umerziehung“ auf die Burg Stahleck bei Bacharach am Mittelrhein verschleppt. Dort will man sie mit militärischem Drill und Schikanen „umerziehen“, ihren Widerstandswillen brechen. Erst kurz vor Weihnachten kehren sie zu ihren Familien zurück.

02. Oktober Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) hebt die Wehrunwürdigkeit für die Dauer des Krieges auf. Männer, die z.B. zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte und damit „wehrunwürdig“ sind, können nun zum Wehrdienst herangezogen werden. Dafür werden im Heer Sonderverbände, „Bewährungseinheiten“, aufgestellt, z.B. das Strafbataillon 999. Die darin zum Dienst zwangsweise Rekrutierten sind meist Kriminelle oder politische Gegner der Nazi. Unter den politischen 999ern sind Angehörige aus fast allen Gruppierungen vertreten, die vom Nationalsozialismus als feindlich betrachtet werden: vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Geistliche und auch Zeugen Jehovas. Der erste Aufstellungsort des Verbands ist der Truppenübungsplatz Heuberg in der Nähe des Ortes Stetten am Kalten Markt. (vgl. Wilhelm Rott – Personentafel Nr. 62 – und Edgar Lohner – Personentafel Nr. 28).

11. November Deutsche Truppen besetzen den bisher noch nicht besetzten, südlichen Teil Frankreichs. In einer Sondermeldung des OKW heißt es dazu: „Deutsche Truppen haben am 11. November früh zum Schutze des französischen Territoriums gegenüber den bevorstehenden amerikanisch-britischen Landungsunternehmen in Südfrankreich die Demarkationslinie zum unbesetzten Frankreich überschritten.“

16. Dezember Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler erlässt den sog. Auschwitz-Erlass. Mit diesem ordnet er die Deportation von „Zigeunern“ aus ganz Europa in das Konzentrationslager Auschwitz an. „Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht-deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft“ sind nach bestimmten Richtlinien zu erfassen und innerhalb weniger Wochen in das Konzentrationslager Auschwitz einzuweisen.

1942 / 43 / 44 Die ins westliche Ausland geflohenen Menschen jüdischer Herkunft sind seit dem Überfall Hitler-Deutschland auch in diesen Ländern nicht sicher. Sie leben dort meist illegal und müssen untertauchen. Einheimische Nazis und „Sicherheitskräfte“ machen Jagd auf sie, verschleppen sie in Lager dieser Länder. Von dort aus werden sehr viele von ihnen in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Einer der ersten ist der Bad Kreuznacher Ausnahmesportler Hermann Baruch. Nach seiner Flucht nach Belgien führt sein Leidensweg über das südfranzösische Internierungslager Gurs in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. (vgl. Julius und Hermann Baruch – Personentafel Nr. 46). Die über das Elsaß nach Holland geflohenen Eheleute Walter und Irma Brasch und ihre beiden Kinder werden im holländischen Durchgangs-Konzentrationslager Westerbork gesammelt und dann in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. (vgl. Juristenfamilie Brasch – Personentafel Nr. 20). Ein ähnliches Schicksal erleidet die nach Holland geflohene Koblenzerin Eva Salier. Über das Konzentrationslager Herzogenbusch (Kamp Vught) wird sie nach Auschwitz-Birkenau verschleppt, anders als ihre Mutter und ihre Großmutter überlebt sie die Verfolgung. (vgl. Eva Salier, geb. Hellendag – Personentafel Nr. 45).

 

1943

 

31. Januar Kapitulation der 6. Armee der deutschen Wehrmacht in Stalingrad.

18. Februar In seiner „Sportpalastrede“ drängt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels nach dem Scheitern der Blitzkriegtaktik – der schnellen Unterwerfung der Sowjetunion - auf die Intensivierung der Kriegswirtschaft. Im Berliner Sportpalast ruft er zum „totalen Krieg“ auf:. Die Rede endet mit dem Appell: „Der Führer hat befohlen, wir werden ihm folgen. Wenn wir je treu und unverbrüchlich an den Sieg geglaubt haben, dann in dieser Stunde der nationalen Besinnung und der inneren Aufrichtung. Wir sehen ihn greifbar nahe vor uns liegen; wir müssen nur zufassen. Wir müssen nur die Entschlusskraft aufbringen, alles seinem Dienst unterzuordnen. Das ist das Gebot der Stunde. Und darum lautet von jetzt ab die Parole: Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!“
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl werden nach Flugblattaktionen seit Frühjahr 1942 in München von der Gestapo verhaftet. Die „Weiße Rose“, eine studentische Widerstandsgruppe aus katholisch-bündischer Tradition, wird zerschlagen. Fast alle ihre Mitglieder (Hans und Sophie Scholl, Willi Graf, Alexander Schmorell, Kurt Huber u.a.) werden zum Tode verurteilt und hingerichtet.

28. Februar Nach den vier großen Deportationen von Koblenz aus (in der Zeit vom 22. März bis 27. Juli 1942) werden nun auch die letzten Juden aus Koblenz „nach dem Osten“ – in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau - verschleppt. Von dieser 5. Deportation von Koblenz aus sind die Menschen betroffen, die - von den Nazis gezwungen - den Deportierten in den letzten Stunden in Koblenz beigestanden haben: der Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Hugo Bernd, der sie medizinisch betreut hat, und seine Frau Senta und das Ehepaar Sally und Flora Hermann, das bis zuletzt das Sekretariat der Jüdischen Kultusgemeinde verwaltet hat.(vgl. Familie Hugo Bernd – Personentafel Nr. 41).

01. März Die Deportationen von Menschen jüdischer Herkunft gehen auch in anderen Städten und Gegenden des „Altreichs“ weiter. So wird der Lehrling Heinz Kahn mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Gertrud von Trier aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Die Familie wird selektiert. Heinz Kahn überlebt als einziger und wird viele Jahre später der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz. Auch der Koblenzer Addie Bernd, der nach Köln ausgewichen ist, wird von dort nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Er überlebt den Holocaust ebenfalls und ist nach der Befreiung der erste Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz. (vgl. Heinz Kahn – Personentafel Nr. 43 – und Addie Bernd – Personentafel Nr. 44).

10. März Aufgrund des „Auschwitz-Erlasses vom 16. Dezember 1942 werden mit der 1. (und großen) Deportation 149 Sinti aus Koblenz und Umgebung in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Die Menschen, Männer, Frauen und Kinder, werden familienweise am Tag zuvor in der Hilda-Schule (in der Kurfürstenstraße)  gesammelt. Am Tag der Deportation führt man sie zum Hauptbahnhof und verlädt die Menschen in Personenwagen, wohl 4. Klasse. Kriminalpolizeibeamte begleiten sie nach Auschwitz-Birkenau. Dort bringt man sie in einen besonderen Bereich des Lagers, in das sog. Zigeunerfamilienlager (Lager B II e). (vgl. Familie Karl Reinhardt – Personentafel Nr. 47 und Daweli Reinhardt – Personentafel Nr. 21).

15. April In der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar wird auf Anweisung des Reichsministeriums des Innern ein vorgebliches „Erziehungsheim für minderjährige jüdische Mischlingskinder“ (Kinder mit einem jüdischen Elternteil) aus staatlichen Fürsorgeeinrichtungen der Verwaltungsbezirke Hessen, Nassau und der Rheinprovinz  eingerichtet. Nach und nach werden 39 jüdische Mischlingskinder nach Hadamar eingewiesen und die meisten mit Giftinjektionen ermordet. (vgl. die Brüder Willy und Horst Strauß – Personentafel Nr. 23).

19. April Das Mitte 1940 von der deutschen Besatzungsmacht im Stadtzentrum Warschaus errichtete Ghetto ist das mit Abstand größte Sammellager dieser Art. Auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingung werden vor allem Juden aus ganz Warschau, aus anderen unter deutscher Kontrolle stehenden polnischen Regionen sowie aus dem deutschen Reichsgebiet und den besetzten Ländern eingeschlossen. Am 19. April beginnt der Warschauer Ghetto-Aufstand, die größte jüdische Widerstandsaktion gegen den Holocaust. Bis zum 16. Mai leisten die Menschen erbitterten Widerstand, der dann von der SS unter Leitung des Generals Jürgen Stroop blutig niedergeschlagen wird. Das gesamte Ghetto wird niedergebrannt. Die Überlebenden werden im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort mit Gas ermordet. (vgl. dazu die Ausstellung … von Teofila Reich-Ranicki, die Ende Oktober/Anfang November 2008 in Koblenz gezeigt wurde, sowie die Stätten der Verfolgung  Vernichtungslager Treblinka und „Aktion Reinhardt“.)

16. Juni Als vorletzte Juden aus Koblenz – die letzten sind die in „privilegierter Mischehe“ lebenden – werden der Rechtsanwalt Dr. Isidor Treidel, der nach der Entziehung seiner Zulassung nur noch als jüdischer Rechtskonsulent tätig sein durfte, und seine Ehefrau Erna „nach dem Osten“ deportiert. Sie sind bisher verschont geblieben, weil die Nazis Dr. Treidel zur Abwicklung der Vermögensverhältnisse der anderen deportierten und ermordeten Juden brauchten. Als jetzt alles abgewickelt ist, wird er mit seiner Frau bei der 6. Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. (vgl. Eheleute Isidor und Erna Treidel – Personentafel Nr. 42).

01. Juli Die 13. Verordnung zum Reichsbürgergesetz setzt den „juristischen Schlusspunkt“ unter die Entrechtung der Menschen jüdischer Herkunft. Sie entzieht ihnen den Rechtsschutz durch die ordentlichen Gerichte. Strafbare Handlungen von ihnen werden fortan durch die Polizei geahndet. Damit sind sie der Willkür durch die Gestapo ausgeliefert. Außerdem regelt sie, dass ihr Vermögen nach ihrem Tod dem Deutschen Reich verfällt.  Bedeutung hat diese Regelung nur noch für den kleinen Personenkreis der in Deutschland verbliebenen, in „privilegierter Mischehe“ lebenden Juden. Sie allein sind bisher von den Deportationen noch ausgenommen.

Juli Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ wird in der Sowjetunion von Emigranten gegründet. Präsident wird Erich Weinert, wichtige Mitglieder sind Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und auch Friedrich Wolf. Wolf wird Frontbeauftragter des Nationalkomitees. (vgl. Friedrich Wolf – Personentafel Nr. 52).

August Die Gestapo Koblenz entdeckt die Michaelstruppe. Die im November 1942 entstandene konfessionell gebundene Jugendgruppe ist ungewöhnlich militant. Es ist eine verschworene Gemeinschaft von 50 – 60 Mitgliedern. Gleichwohl wird sie aufgespürt und die führenden Mitglieder werden verhaftet. Bald bringt die Gestapo die Anführer auf die Burg Stahleck bei Bacharach, wo u.a. ein „Jugenddienstlager“ eingerichtet ist. Nach einigen Wochen dort verschleppt man sie in das Jugend-Konzentrationslager Moringen bei Göttingen. (vgl. Willi Lohner und Hans-Clemens Weiler – Personentafel Nr. 26).

Herbst Nach dem Vorbild des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ gründet sich in Frankreich das Komitee „Freies Deutschland“ für den Westen (Comité „Allemagne libre“ pour l’Ouest, Calpo). Mitglieder des Calpo arbeiten in der französischen Résistance und kämpfen gegen die deutsche Besatzung in Frankreich. (vgl. Alphonse Kahn – Personentafel Nr. 54 – und Ernst Buschmann – Personentafel Nr. 53).

Oktober Mit zunehmender Kriegsdauer reagiert der NS-Staat mit seinen Organen Justiz und Gestapo immer härter und brutaler gegen an sich harmlose Meinungsäußerungen und Kritik. Sie sind „defätistische Äußerungen“, „Zersetzung der Wehrkraft“ u.a., die zu Strafverfahren und zur „Schutzhaft“ in einem Konzentrationslager führen können. (vgl. Anna Speckhahn – Personentafel Nr. 8 -, Elisabeth Müller – Personentafel Nr. 6 – und Gertrud Roos – Personentafel Nr. 9).

03. November Unter der Tarnbezeichnung "Aktion Erntefest“ beendet die SS zusammen mit dem Reserve-Polizei-Bataillon 101 mit Massenerschießungen die „Aktion Reinhardt“. Allein an diesem Tag werden ca. 40.000 Juden im „Generalgouvernement“ ermordet.

28. November – 01. Dezember In Teheran beraten die Großen Drei (der US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Staatschef Josef Stalin). Auf dieser ersten Konferenz der drei Hauptalliierten verständigen sie sich trotz unterschiedlicher Pläne grundsätzlich auf eine Aufteilung Deutschlands nach dem Krieg.

 

1944

 

März Zwischen den auf der rechten Moselseite  gelegenen Orten Treis und Bruttig wird ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler im Elsaß eingerichtet. Es entsteht in einem nie genutzten Eisenbahntunnel, der nach dem Ersten Weltkrieg in den Berg getrieben wurde. In diesem „Außenlager Kochem“ mit dem Decknamen „Zeisig“ soll eine Produktionsstätte entstehen, in dem die Firma Bosch Zündkerzen für Flugzeuge herstellen lassen will. Etwa 2.000 Häftlinge aus Natzweiler werden bei den vorbereitenden Maßnahmen eingesetzt. Viele von ihnen sterben entkräftet und ausgezehrt. Zu einer Produktion von Zündkerzen kommt es nicht. Das Lager wird im September beim Vorrücken der Alliierten aufgegeben.

25. April Es kommt zu einer zweiten (und kleineren) Deportation von Sinti aus Koblenz und Umgebung. Betroffen sind 13 Kinder und Jugendliche – darunter auch sechs Kinder der Familie Hugo W. Sie werden im Polizeipräsidium in Koblenz „gesammelt“ und am selben Tag von Koblenz aus in das „Zigeunerlager“ des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau verschleppt. (vgl. Familie Hugo W. – Personentafel Nr. 48).

Mai Schon vor dem Krieg hat sich eine Gruppe von Regimegegnern im Haus des früheren Diplomaten Wilhelm Solf und seiner Frau Hanna in Berlin gebildet. Es ist eine Teegesellschaft teils liberaler, teils konservativer Diplomaten, Politiker, Wissenschaftlicher, Schriftsteller und Künstler. Zu ihm gehören u.a. Theodor Heuss, Carl Zuckmayer, Otto Kiep, André Francois-Poncet, Herbert Mumm von Schwarzenstein, Lagi von Ballestrem, Elisabeth von Thadden und Friedrich Erxleben. Im September 1943 wird ein Spitzel in den Kreis eingeschleust. Nach und nach werden viele Mitglieder des Kreises verhaftet und vor dem Volksgerichtshof angeklagt. Im Mai nimmt die Gestapo den Koblenzer Armeeoberpfarrer Friedrich Erxleben fest. (vgl. Friedrich Erxleben – Personentafel Nr. 37).

06. Juni Die alliierten Truppen beginnen mit der Landung in der Normandie und eröffnen damit eine lange geplante Westfront der Anti-Hitler-Koalition. Die französischen Widerstandsbewegungen (Résistance) verstärken ihre Aktionen gegen die deutschen Besatzer. Aus Frauen und Jugendlichen bestehende Sabotagekommandos sprengen Brücken, Eisenbahntunnel, Telegrafenmasten. Einer dieser sehr militanten Jugendlichen ist Roger Detournay (vgl. Roger Detournay – Personentafel Nr. 71). In den französischen Bergen operiert die Résistance vom Maquis aus. Unter den Widerstandskämpfern sind auch Deutsche – vor allem Kommunisten wie Ernst Buschmann. (vgl. Ernst Buschmann  - Personentafel Nr. 53).

4. Juli Seit 1940 hat sich eine bürgerliche Widerstandsgruppe um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg gebildet. Sie trifft sich auf Moltkes Gut Kreisau in Schlesien und wird deshalb „Kreisauer Kreis“ genannt. Es gibt drei große Zusammenkünfte, auf denen  Pläne über die politisch-gesellschaftliche Neuordnung „nach Hitler“ diskutiert und entworfen werden. Als erster aus dem Kreis wird von Moltke Anfang 1944 verhaftet. Anfang Juli werden der in Bad Ems geborene Adolf Reichwein und Julius Leber festgenommen, als sie Kontakt mit den ehemaligen KPD-Funktionären und Widerstandskämpfern  Anton Saefkow und Franz Jakob aufnehmen. (vgl. Adolf Reichwein – Personentafel Nr. 33).

20. Juli Nach zahlreichen fehlgeschlagenen Attentatsversuchen und nach mehreren Anläufen versucht Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Hitler bei einer Besprechung im Führerhauptquartier in der Wolfschanze bei Rastenburg in Ostpreußen zu töten. Die Sprengladung verletzt Hitler aber nur leicht. Das Attentat sollte der Beginn der Operation Walküre, der Umsturz des NS-Regimes sein. Auch dieser Plan zum Staatsstreich führt nicht zum Erfolg. An der Verschwörung, dem bedeutendsten Umsturzversuch des militärischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus, sind vor allem Mitglieder des Adels, der Wehrmacht und der Verwaltung beteiligt, vielfach mit Kontakten zum Kreisauer Kreis. Unter den mehr als 200 später wegen des Attentats- und Umsturzversuchs Hingerichteten sind Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, 19 Generäle, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre sowie der Chef des Reichskriminalpolizeiamts; des Weiteren mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten und Regierungspräsidenten. Zum engen Kreis der Verschwörer gehören die Freiherren Georg und Philipp von Boeselager (vgl. Philipp Freiherr von Boeselager – Personentafel Nr. 108),  der General der Artillerie Fritz Lindemann (vgl. Lina Lindemann – Personentafel Nr. 13) und Adolf Friedrich Graf von Schack (vgl. Adolf Friedrich Graf von Schack – Personentafel Nr. 106) sowie Karl Sack (Karl Sack - Personentafel Nr. 110) und Hermann Freiherr von Lüninck (Hermann Freiherr von Lüninck – Personentafel Nr. 109).
25. Juli Hitler ernennt den Propagandaminister Goebbels zum „Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz“ und unterzeichnet einen Erlass, nach dem „das gesamte öffentliche Leben den Erfordernissen des totalen Kriegseinsatzes in jeder Beziehung anzupassen (ist)“.

Ende Juli Die fieberhafte Suche nach den Mitverschwörern verbinden die Nazis (und vor allem die „Sonderkommission 20. Juli 1944“ des Reichssicherheitshauptamtes) mit dem Aufspüren und Drangsalieren von Angehörigen der am 20. Juli Beteiligten. Sie werden festgenommen und verhört, um von ihnen den Aufenthaltsort der Verschwörer zu erfahren oder zu erreichen, dass sich diese von sich aus der Gestapo stellen. Die Nazis nennen das „Sippenhaft“. „Sippenhäftlinge“ nach dem General der Artillerie Fritz Lindemann sind seine Ehefrau Lina und ihre Tochter Marie-Luise. Beide sind bei Lina Lindemanns Schwester und Schwager, dem Prinzen Albrecht von Hohenzollern-Sigmaringen) auf Burg Namedy bei Andernach. Beide werden von der Gestapo Koblenz festgenommen. Auf der anderen Seite des Rheins, in Irlich (heute: Neuwied-Irlich), erleiden Therese Kaiser  und ihre Tochter Elisabeth dasselbe Schicksal. Als Ehefrau bzw. Tochter des Gewerkschaftsfunktionärs Jakob Kaiser sind sie in das Visier der Gestapo geraten. In Irlich sind sie  zu Besuch bei Therese Kaisers Bruder Sepp Mohr und dessen Ehefrau Käthe. Auch die Eheleute Mohr kommen alsbald in Sippenhaft nach Jakob Kaiser. Die erwachsenen „Sippenhäftlinge“ beginnen von Koblenz aus eine Odyssee durch Gefängnisse und Konzentrationslager. (vgl. Lina Lindemann, geb. von Friedeburg  – Personentafel Nr. 13 – und Sepp und Käthe Mohr – Personentafel Nr. 107 - sowie Therese Kaiser – Lesemappe Nr. 46).

01. August Die Polnische Heimatarmee (Armia Krajowa – AK) erhebt sich mit ca. 25.000 nur unzureichend bewaffneten Männern und Frauen gegen die deutschen Besatzungstruppen im besetzten Warschau. Die AK beginnt den Warschauer Aufstand, weil sie hofft, dass die in der Nähe liegenden Einheiten der Roten Armee ihr zu Hilfe kommen. Hitler befiehlt, „Warschau dem Erdboden gleichzumachen und die Bevölkerung zu ‚liquidieren’“. Weil die Rote Armee die Aufständischen nicht unterstützt, kapitulieren sie nach 63 Tagen in aussichtsloser Situation. Die deutschen Truppen begehen Massenmorde an der Zivilbevölkerung Warschau wird fast vollständig zerstört. Zahlreiche Überlebende werden in Konzentrationslager verschleppt.

02./03. August Nachdem am 16. Mai 1944 ein erster Versuch, das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau  zu räumen, am Widerstand der Häftlinge gescheitert ist, kommt es in der Nacht zur endgültigen „Liquidierung“. Die nach Selektionen verbliebenen 2.897 Männer, Frauen und Kinder werden in den Gaskammern ermordet.

22./23. August Auf Befehle des Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei Heinrich Himmler kommt es zur „Aktion Gewitter“ (auch „Aktion Gitter“ genannt). Sie richtet sich zunächst gegen ehemalige Funktionäre und Mandatsträger der KPD und der SPD sowie der Gewerkschaften, dann aber auch gegen Mitglieder des Zentrum und anderer ehemaliger Parteien. In Koblenz werden die frühere SPD-Politikerin Maria Detzel und die Zentrumspolitikerin Helene Rothländer und in Montabaur der ehemalige Zentrumspolitiker Heinrich Roth einige Wochen inhaftiert. (vgl. Maria Detzel, geb. Rath – Personentafel Nr. 57 -, Helene Rothländer – Personentafel Nr. 56 – und Heinrich Roth – Personentafel Nr. 58).

August Im Deutschen Reich befinden sich mehr als 7,6 Millionen Zwangsarbeiter, davon sind 1,9 Millionen Kriegsgefangene und 5,7 Millionen „Zivilarbeiter“, allein 2,8 Millionen Sowjetbürger. Sie werden zu immer härterer Zwangsarbeit gepresst. Auf der anderen Seite wird deren Überwachung durch die militärische Lage (vor allem durch den Luftkrieg) immer schwieriger. Viele entziehen sich der Zwangsarbeit durch Flucht. Für die Nazis ist das „Arbeitsvertragsbruch“ und führt oft zu einer Maßnahme der „Arbeitserziehung“, sie wird vielfach im SS-Sonderlager/KZ Hinzert vollstreckt. (vgl. Henryk K – Personentafel Nr. 82 -, Valentin G. – Personentafel Nr. 87 -, Stanislaus Kowalski – Personentafel Nr. 88 – und Edward C. – Personentafel Nr. 93).

Ende August Schon seit einiger Zeit hat die Stettiner Firma Gollnow & Sohn, die in Koblenz lediglich ein Postfach unterhält, in zwei - von fünf - leer stehenden Eisenbahntunneln zwischen Dernau und Marienthal an der Ahr ein Lager („Lager Rebstock“) eingerichtet. In dem Kuxberg- und Trotzenbergtunnel müssen Dienstverpflichtete und ausländische Zwangsarbeiter Bodenabschussanlagen für die „Wunderwaffe“ V2 produzieren. Ende August wird die Produktion deutlich ausgeweitet. Dazu werden über 200 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald dem Lager Rebstock überstellt. Ausgewählt werden vor allem Polen und Franzosen mit spezieller Ausbildung und besonderen technischen Fähigkeiten. Das sind u.a. die polnischen Elektroingenieure Franciszek Skoczen und Stanislaw Studzinski und der französische Dreher Roger Detournay. Die beiden Polen sind beim Warschauer Aufstand festgenommen, dann ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und von dort aus weiter ins Lager Rebstock überführt worden. (vgl. Franciszek Skoczen – Personentafel Nr. 91 – und  Stanislaw Studzinski – Personentafel Nr. 86). Roger Detournay ist ein junger Widerständler, der gegen die deutschen Besatzer im nördlichen Frankreich gekämpft hat. Sein Leidensweg führt über Paris und Buchenwald an die Ahr. (vgl. Roger Detournay – Personentafel Nr. 71).

ab 8. September Die Nazis setzen „Vergeltungswaffen“ („V-Waffen“) ein. Sie schießen die V2-Raketen gegen London und Antwerpen ab. Sie sollen als „Wunderwaffen“ eine entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg bringen,  doch ist ihre militärisch-strategische Wirkung sehr gering. Von ihnen gibt es viel zu wenige und außerdem sind sie nicht zielgenau.

15. Oktober Als nach der geglückten Landung der Alliierten in der Normandie Anfang Juni entgegen ihrer Erwartungen das NS-Regime nicht zusammenbricht, intensivieren die RAF und die USAAF ihre strategischen Luftangriffe auf Industrie- und Bevölkerungszentren. Beim Rückflug nach einem solchen Angriff wird ein Flugzeug der USAAF über Langenlonsheim an der Nahe abgeschossen. Die meisten Besatzungsmitglieder können sich mit dem Fallschirm retten. Ein in Laubenheim/Nahe gefangen genommener Flieger wird von dem SS-Obersturmführer Kurt Tesch aus Langenlonsheim hinterrücks ermordet.

18. Oktober Der Öffentlichkeit wird der Erlass Hitlers vom 25. September 1944 über die Bildung des „Deutschen Volkssturms“ bekannt gegeben. Eingangs heißt es: „Nach fünfjährigem schwersten Kampf steht infolge des Versagens aller unserer europäischen Verbündeten der Feind an einigen Fronten in der Nähe oder an den deutschen Grenzen.“ Deshalb werden alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren zum „Deutschen Volkssturm“ einberufen. Ihre Ausbildung und ihre Ausrüstung sind unzureichend.

21. Oktober Aachen wird als erste deutsche Großstadt von den Amerikanern befreit.

06. November Bei einem schweren Angriff der RAF wird das Zentrum von Koblenz voll getroffen und brennt teilweise nieder. Schwer getroffen wird auch das Gerichtsgefängnis in der Karmeliterstraße („Karmelitergefängnis“) und auch die Gestapo-Zentrale im Vogelsang. Gefangene können aus dem Gefängnis fliehen. Viele tun das, andere lassen es, weil sie Repressalien für ihre Angehörigen fürchten. Die Gestapo Koblenz muss in ein anderes Quartier ausweichen.

16. Dezember Hitler beginnt die letzte große Offensive des Zweiten Weltkrieges, die Ardennenoffensive. Bereits an den Weihnachtstagen ist sie gescheitert.

24. Dezember Das Konzentrationslager Sachsenhausen stellt die 12. SS-Eisenbahnbaubrigade auf. 500 KZ-Häftlinge werden mit einer Bewachungsmannschaft der SS und mit Reichsbahnern in einem Eisenbahnbauzug nach Westen geschickt. Sie sollen – wie andere SS-Eisenbahnbaubrigaden auch – die von den Luftangriffen der Alliierten zerstörten Gleise und Brücken reparieren und wichtige Bahnstrecken wieder befahrbar machen. Noch vor Silvester erreicht der Zug seinen ersten Standort in Kamp am Rhein (heute: Kamp-Bornhofen). Von dort aus wird er in Lahnstein (heute: Ober- und Niederlahnstein) eingesetzt. Ca. drei Wochen später verlegt er seinen Standort nach Bad Kreuznach und wird bei der Instandsetzung der Brücke über die Nahe nach Bad Münster am Stein (heute ein Stadtteil von Bad Kreuznach) eingesetzt

1945

 

27. Januar An diesem Tag wird „Auschwitz“ befreit. Es gibt drei „Auschwitz“: Das so genannte Stammlager Auschwitz (das Konzentrationslager „Auschwitz I“), das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau („Auschwitz II“) und das Konzentrationslager Monowitz, die Buna-Werke in Auschwitz („Auschwitz III“). Alle drei Lager gehören zu einem Gesamtkomplex der SS. Sie liegen in dem – offiziell so genannten -  „SS-Interessengebiet Auschwitz“ – etwa 50 Kilometer westlich der polnischen Stadt Krakau. Der Auschwitzkomplex war das größte der etwa 2.000 Konzentrations- und Arbeitslager und auch das größte Vernichtungslager.
Die Befreiung des KZ Auschwitz verläuft vergleichsweise unspektakulär. Am Nachmittag des 27. Januar 1945 betreten Soldaten der Roten Armee Auschwitz. Die Lager sind von den Wachmannschaften verlassen. In Birkenau findet die Rote Armee die Leichen von 600 Gefangenen, die nur Stunden vor der Befreiung des Lagers getötet worden sind. 7.650 kranke und erschöpfte Gefangene werden fürs erste gerettet: 1.200 im Stammlager Auschwitz, 5.800 in Auschwitz-Birkenau und 650 in Auschwitz III, in Monowitz. In den Lagerhäusern finden die Befreier 350.000 Männeranzüge, 837.000 Frauenkleider und große Mengen an Kinder- und Babykleidung. Zusätzlich entdecken sie Zehntausende Paar Schuhe und 7,7 Tonnen menschliches Haar in Papiertüten, fertig für den Transport verpackt.
Auschwitz ist der größte Friedhof in der Geschichte der Menschheit. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 1,1 Millionen Menschen, vor allem Juden aus ganz Europa, in Auschwitz umgebracht wurden. Eine der wenigen Überlebenden und in Auschwitz befreiten Häftlinge ist die Winninger Pfarrerstochter Elisabeth Müller. Sie ist aber so krank und geschwächt, dass sie nur noch zwei Monate dort überlebt. (Vgl. Elisabeth Müller – Personentafel Nr. 6).

4. – 11. Februar In Jalta/Krim findet die Konferenz mit Stalin, Churchill und Roosevelt statt. Auf ihr werden die militärischen Operationen der Alliierten koordiniert. In der Deutschland-Frage vereinbaren die Großen Drei die Hinzuziehung Frankreichs als vierter Besatzungsmacht mit eigener Zone (zu Lasten der britischen und der amerikanischen).

15. Februar Reichsjustizminister Thierack erlässt die „Verordnung über die Errichtung von Standgerichten“. Danach sollen in allen „Feind bedrohten Reichsverteidigungsbezirken“ Standgerichte geschaffen werden. Sie sind zuständig für alle Straftaten, „durch die die deutsche Kampfkraft und Kampfentschlossenheit gefährdet (wird)“. Damit sind nicht mehr nur Soldaten, sondern auch alle Zivilisten dem Urteil des Standgerichtes unterworfen.

07. März Ein wichtiger Übergang über den Rhein ist die „Ludendorff-Brücke“, die Eisenbahnbrücke über den Rhein zwischen Remagen und Erpel. Die „Brücke von Remagen“ soll von den Deutschen vor den heranrückenden US-Truppen gesprengt werden. Dazu kommt es aber nicht. Vielmehr können die Amerikaner mit vielen Regimentern die völlig intakte Brücke überqueren. Das von Hitler eingesetzte Fliegende Standgericht West verurteilt fünf Offiziere, die für das Unterbleiben der Sprengung als verantwortlich angesehen werden,  wegen „Feigheit“ und „Dienstpflichtverletzung“ zum Tode; vier von ihnen werden am Tage der Urteilsverkündung im Westerwald erschossen.

Mitte März Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus in Koblenz und Umgebung.

16./19. März Ein amerikanischer Soldat holt mit einem gezielten Schuss einer Granate das Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. vom Sockel am Deutschen Eck. US-Infanteristen bringen dem linksrheinischen Koblenz das Kriegsende und die Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur.

19. März Adolf Hitler erlässt den „Nerobefehl“, den Befehl betreffend Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet. Ihm zufolge sollen vor den heranrückenden Alliierten alle für sie nutzbaren Industrie- und Versorgungsanlagen zerstört werden. Der Befehl wird nur in geringem Umfang tatsächlich ausgeführt.

11. April Das Konzentrationslager Buchenwald wird befreit. Es ist die wohl spektakulärste und bekannteste Aktion dieser Art. Sie wird maßgeblich mitgeprägt von vielfältigen und organisierten Widerstandshandlungen des internationalen Illegalen Lagerkomitees. Das kann aber letztlich nicht verhindern, dass in den Tagen zuvor die SS-Lagerleitung mit der Evakuierung des Lagers beginnt und 28.000 Häftlinge auf den Todesmarsch in westliche und südliche Konzentrationslager treibt. Die Befreiung der ca. 21.000 im Lager noch verbliebenen Gefangenen durch Soldaten der US-Army geht einher mit Selbstbefreiungshandlungen vieler Häftlinge. Eine Woche nach der Befreiung versammeln sich die überlebenden Häftlinge auf dem Appellplatz und schwören den „Schwur von Buchenwald“. (vgl. Alfred Knieper – Personentafel Nr. 59  – und Hans Bauer – Personentafel Nr. 38).

21. April Die Räumung des KZ Sachsenhausen beginnt. 33.000 der noch verbliebenen 36.000 Häftlinge werden in Gruppen von 500 Häftlingen auf den Todesmarsch in Richtung Ostsee getrieben. Die überlebenden Häftlinge erreichen auf unterschiedlichen Wegen den Raum zwischen Parchim und Schwerin. Dort sind sie dann frei. (vgl. Johann Dötsch – Personentafel Nr. 18 – und Daweli Reinhardt – Personentafel Nr. 21).

22./23. April Im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit, das auch der Gestapo als Untersuchungshaftanstalt dient, werden in der Nacht 16 Häftlinge, die auf ihren Prozess vor dem Volksgerichtshof warten, durch SS-Männer „hingerichtet“. Der dort inhaftierte Koblenzer Armeeoberpfarrer und Widerständler Friedrich Erxleben ergeht nur knapp dieser Mordaktion. (vgl. Friedrich Erxleben – Personentafel Nr. 37).

30. April Der „Führer“ Adolf Hitler begeht im Bunker unter der Reichskanzlei in Berlin Selbstmord, seine Geliebte Eva Braun, die er am Tag zuvor geheiratet hat, folgt ihm in den Tod.

Ende April Die „Sippenhäftlinge“ und andere meist prominente Geiseln der SS („Sonder“- und „Ehrenhäftlinge“) gelangen nach einer Odyssee durch mehrere Konzentrationslager nach Niederdorf am Pragser Wildsee in Südtirol. Dort werden sie befreit. (vgl. Lina Lindemann – Personentafel Nr. 13 - und Peter und Käthe Mohr - Personentafel Nr. 107).

02. Mai Die Schlacht um Berlin, die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkrieges in Europa, endet mit der Befreiung der Hauptstadt des Deutschen Reiches durch die Rote Armee der Sowjetunion.

06. Mai Das in der Nähe von Salzburg gelegene Konzentrationslager Ebensee ist die letzte Station des 12. SS-Eisenbahnbauzugs (und auch des 11. SS-Eisenbahnbauzugs). Amerikanische Soldaten befreien die Häftlinge des KZ und auch die Häftlinge der beiden SS-Eisenbahnbauzüge.

07./09. Mai Der Chef des Wehrmachtführungsstabes Generaloberst Jodl unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims. Die Kapitulationserklärung wird aus protokollarischen Gründen in Berlin-Karlshorst im Hauptquartier der sowjetischen Armee wiederholt. Der Zweite Weltkrieg ist in Europa beendet.
Durch die Kriegshandlungen sind schätzungsweise 50 bis 55 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Die weiteren von den Nationalsozialisten durch Verbrechen während des Krieges getöteten Menschen werden auf 13 Millionen geschätzt. Dazu gehören – nach inzwischen gesicherten Schätzungen – allein 5,7 bis 6,3 Millionen Opfer jüdischer Herkunft.

 

Weiterführende Hinweise:

 
Zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema können empfohlen werden (diese wurden auch  für die vorstehende Zusammenstellung maßgeblich benutzt):

  • Martin Broszat/Norbert Frei (Hg.): Das Dritte Reich im Überblick. Chronik – Ereignisse – Zusammenhänge, 3. Auflage, München/Zürich 1996 und
  • Manfred Overesch (Hg.): Das III. Reich. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur, Band 1: 1933 – 1939, Band 2: 1939 – 1945, Augsburg 1991.

 

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