GünterStern/JoeStirling

„Keine Tränen bis er weg ist.“

(Günters Vater zur Mutter beim Abschied)


Joe Stirling kommt am 18. Oktober 1924 in Nickenich, Kreis Mayen-Koblenz, als Günter Stern zur Welt. Sein Vater Alfred und seine Mutter Ida, geborene Salomon, sind Juden, geboren in Meudt bzw. in Kettig. Der Vater ist Viehhändler und „inoffizieller“ Tierarzt in Nickenich.

 

1933 Günter ist das einzige jüdische Kind in der Schule. Nach der Machtübernahme der Nazis ziehen sich seine Freunde und Schulkameraden von ihm zurück. Bald ist Günter isoliert.

 

10. November 1938 Im Zuge der Novemberpogrome wird Günters Vater in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Günter wird aus der Schule nach Hause geschickt. Es ist für ihn – wie für jüdische Schüler überhaupt – der allerletzte Schultag. Seine Mutter sieht für ihn und sich keine Perspektive auf dem Land und zieht mit ihm zu ihrem Vater nach Koblenz-Lützel.

 

Ende 1938 Günters Vater kommt aus dem KZ Dachau frei.

 

Juni 1939 Zur Untätigkeit verdammt, hält es Günter nicht mehr zu Hause. Er macht sich allein und ohne Hilfe zu Fuß auf den Weg nach England. In Holland rät ihm ein Polizist, beim englischen Flüchtlings-Komitee ein Visum für die britische Insel zu beantragen.

 

Juli 1939 Als der Antrag abgelehnt wird, kehrt er nach Deutschland zurück. Von hier aus verfolgt er seinen Ausreiseplan weiter. Es gelingt ihm, einen Platz in einem offiziellen Kindertransport zu erhalten. Auch die Pflegefamilie steht schon fest, eine Familie Free in Birmingham. Eine Woche später sitzt Günter in einem Sonderzug nach England. Wie alle Kinder hat auch er nichts bei sich als einen Koffer, eine Reichsmark und ein Foto – das Hochzeitsbild seiner Eltern von 1922. Seine Eltern stehen auf dem Bahnsteig und sagen ihm Lebewohl. Das letzte, was er hört, ist sein Vater, der zur Mutter sagt: „Keine Tränen bis er weg ist!“

 

Sommer 1939 Günter wird bei seinen Pflegeeltern herzlich aufgenommen. Seine Pflegemutter hat jüdische Wurzeln. Sie ist wie ihr Mann Absolventin der Universität von Oxford. Sie haben eine acht Jahre alte Tochter. Zunächst hält er durch die Post engen Kontakt zu seinen Eltern.

 

September 1939 Günter besucht die „Grammar School“ in Birmingham. Das ist eine große Umstellung, er beißt sich aber durch.
Der Briefkontakt zu seinen Eltern wird schwieriger und spärlicher.

 

März 1942 Im letzten Brief der Eltern liest er, dass sie in dem von Deutschland besetzten Polen angesiedelt werden sollen; sie würden sich wieder melden, wenn sie dort angekommen sind. Günter erhält nie mehr eine Nachricht von ihnen. Nach dem Krieg erfährt er, dass seine Eltern mit der 1. Deportation von Juden aus Koblenz und Umgebung am 22. März 1942 nach Izbica bei Lublin im Generalgouvernement deportiert und dann aller Voraussicht nach einige Wochen später in einem Vernichtungslager dort – wohl in Sobibor – ermordet wurden.

 

In England ist Günter sicher, macht dort sein Abitur und meldet sich freiwillig zum Militär.

Zum eigenen Schutz ändert er seinen Namen, erst den Nachnamen und dann auch den Vornamen. Er ist jetzt Joe Stirling.

Nach dem Krieg heiratet Joe und hat vier Kinder. Er engagiert sich in der Labour-Party und ist Parteivertreter mehrerer Wahlkreise. Bald gründet er zusammen mit seiner Frau das Reisebüro „Stirling Holidays“. Das Geschäft floriert. Die Familie zieht nach Norwich und Joe wird 1975 im Ehrenamt zum dortigen Sheriff ernannt. Noch im hohen Alter stellt er sich als Zeitzeuge in Schulen zur Verfügung und berichtet über sein Leben in Deutschland, über den Kindertransport und sein zweites Leben in England. In Koblenz erinnern heute zwei „Stolpersteine“ an seine Eltern Alfred und Ida Stern.

 


 

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