Informationen 2017

Der Holocaust-Überlebende Heinz Kahn aus Polch will erinnern und mahnen, aber niemals wieder Auschwitz sehen.

Seine Eltern und Schwester wurden sofort vergast.

Schmerzhaft Erinnerungen an das Vernichtungslager Auschwitz holen Heinz Kahn immer wieder ein. Dass er als Jude dem nationalsozialistischen Terror-Regime und der Todesmaschinerie entronnen ist, kann er manchmal selbst nicht fassen. „Ich bin einer der wenigen, die noch leben und nicht ausgewandert sind“, sagt der 82-Jährige, der trotz hohen Alters seine Tierarztpraxis in Polch bei Mayen und die jüdische Kultusgemeinde Koblenz weiter führt.
Der umtriebige Mann spürt die Nazi-Gräuel noch heute. Er überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust. Obwohl er alte Wunden dabei aufreißt, will er erinnern und mahnen. Noch habe er die Kraft, „den ewig gestrigen und irregeführten Neonazis“ die Stirn zu bieten, betont Kahn. Als einer der letzten Zeitzeugen berichtet er Jugendlichen und Erwachsenen von unglaublichen Schikanen, Judenhass und von Auschwitz, um den Blick für Menschenverachtung und Unrecht zu schärfen.
Pädagogen und Historiker wissen um den „unersetzlichen Verlust“ von Zeitzeugen. 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gebe es nur noch wenige Überlebende, die zur Nazi-Diktatur befragt werden könnten, sagen die beiden Leiter von Mahn- und Gedenkstätten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, Uwe Bader aus Osthofen und Angela Genger aus Düsseldorf.

Jede Chance nutzen
„Biografisches Lernen ist aber unverzichtbar“, so Uwe Bader. Deshalb müssten persönliche Dokumente von Zeitzeugen, Interview-Aufzeichnungen und Filme für die nachfolgenden Generationen sorgfältig und gewissenhaft zusammen getragen werden. Der rheinische Pfarrer und Schulreferent Rainer Möller aus Koblenz will jede Chance nutzen, um Schüler mit Zeitzeugen ins Gespräch zu bringen.
„Zudem muss jede Schülergeneration an die ehemaligen Orte der Barbarei geführt werden“, betont Rainer Möller. Für interessierte Religionslehrer plant er demnächst eine Studienfahrt zur heutigen Gedenkstätte Auschwitz bei Krakau.
Heinz Kahn, der am 3. März 1943 an der Todesrampe von Auschwitz aussteigen musste, will dagegen den Ort des Schreckens nie mehr wieder sehen. An jenem Abend hat er seine Eltern und seine Schwester Trude zum letzten Mal gesehen. „Sie kamen sofort in die Gaskammer“, sagt der 82-Jährige.
Nur eine Nummer
„Du kommst zur Arbeit. Du musst überleben“, hatte ihm sein Vater bei der Selektion der etwa 3000 Deportierten mit auf den Weg gegeben. In der gleichen Nacht „ging es dann rasiert, gebadet und desinfiziert bei minus 15 Grad nackt zum Abtrocknen auf den Appellplatz“, so Kahn.
Er kam in Block 7. Dort waren 250 Plätze kurz zuvor durch Vergasung der Häftlinge „geräumt“ worden. Ein rumänischer Mithäftling musste ihm dann die Nummer 105110 auf den linken Unterarm tätowieren.
„Ihr seid hier in einem Konzentrationslager, nicht in einem Sanatorium“, tönte es am nächsten Morgen auf dem ganzen Appellplatz. „Ihr seid hier nur, um zu verrecken. Wer flüchten will, an den Zaun geht oder stiehlt, wird sofort erschossen. Der einzige Weg aus diesem Lager ist durch den Kamin oder über den Rost.“ Doch Kahn überlebte – „mit Glück, Zufall und Frechheit“, wie er heute selbst sagt.

Bis zum Ende durchgehalten
Fast zwei Jahre hat Kahn in Auschwitz durchgehalten. Einige Tage vor der Befreiung des Vernichtungslagers durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945 wurde er von der SS „zur besonderen Verwendung“ ins Konzentrationslager Buchenwald verlegt. Der 22-Jährige musste Häftlinge pflegen, Leichen für den Lagerarzt sezieren und Tote aufeinander stapeln, weil den Nazis die Kohle zum Verbrennen der Leichen ausgegangen war.
Fast drei Monate später standen die Amerikaner dann vor Buchenwald. Die SS war geflohen, und es gab „wieder Massentote“, erinnert sich Heinz Kahn: Ausgehungerte Häftlinge starben an der ersten Suppe, die sie gierig verschlangen. Andere liefen verzweifelt davon.
Heinz Kahn blieb, begrub weiterhin die unzähligen Toten und pflegte die Zurückgebliebenen. Er wusste, dass von seiner Familie in Hermeskeil im Hunsrück und Trier niemand mehr lebte, aber sein Überlebenswille war stark genug.
Sabine Schmidt-Gerheim in: Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 25. Januar 2005

 

 
Lesen Sie folgende Dokumente betreffend Heinz Kahn:
 
 


Hier eine Bildersammlung zu Heinz Kahn
 
 

 
 
 
 
 
 

Weiterführende Hinweise :

  • Heinz Kahn: Erlebnisse eines jungen deutschen Juden in Hermeskeil. Trier, Auschwitz und Buchenwald in den Jahren 1933 bis 1945, in: Ein Eifler für Rheinland-Pfalz. Festschrift für Franz-Josef Heyen zum 75. Geburtstag am
    2. Mai 2003, Mainz 2003,
    S. 641 – 659,
  • Sabine Schmidt-Gerheim: Der Holocaust-Überlebende Heinz Kahn aus Polch will erinnern und mahnen, aber niemals wieder Auschwitz sehen - Seine Eltern und Schwester wurden sofort vergast.- in:
    Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz - vom 25. Januar 2005

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