Informationen 2013

 

Kontakt zu Le Vernet

Im Zusammenhang mit der Erarbeitung der virtuellen Ausstellung „Hugo Salzmann (1903 – 1979): Kommunist – Gewerkschafter – Künstler aus Bad Kreuznach“, die seit dem 18. November 2012 auf dieser Homepage zu sehen ist, haben Julianna Salzmann und Joachim Hennig Kontakt zur Lagergemeinschaft von Le Vernet, der Amicale, und speziell zu derem Vorsitzenden Raymond Cubells geknüpft. Anlass hierfür war, dass Hugo Salzmann nach seiner Flucht nach Frankreich und seiner Internierung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von Mitte Oktober 1939 bis Anfang Oktober 1941 in dem Lager Le Vernet in Südfrankreich, am Fuße der Pyrenäen interniert war (und von dort aus der deutschen Gestapo ausgeliefert wurde). Schon zu seinen Lebzeiten hatte Hugo Salzmann den Kontakt zu der Amicale aufgenommen, war deren Mitglied und hatte Le Vernet und ein Vorstandsmitglied dort besucht. Inzwischen hat seine Tochter Julianna den Kontakt nach Le Vernet selbst aufgenommen. Das Medium Internet macht heutzutage das ohne Weiteres möglich.

Dieser Kontakt und die Beziehung von Hugo Salzmann zu Le Vernet wie auch anderer Widerstandskämpfer aus dem Koblenzer Raum zu diesem Lager haben uns vom Förderverein jetzt veranlasst, hierüber und auch auf Französisch auf unserer Homepage zu berichten. Dazu haben wir eine Französin gewinnen können, Frau Marie-Odile Ronez, die die Texte übersetzt.

Beginnen möchten wir hier mit einem Text des Vorsitzenden der *Amicale Raymond Cubells.(Näheres zur Amicale am Ende des Beitrags). Er beschäftigt sich mit der Frage, ob das Lager Le Vernet ein Konzentrationslager war. Mit seiner ausdrücklichen Genehmigung wird der Text zunächst hier in der deutschen Übersetzung und dann im französischen Original präsentiert.

In der Folgezeit wollen wir weitere Texte auf Deutsch und auf Französisch hier wiedergeben. Zunächst werden es Biografien von NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung sein, die nach Frankreich emigrieren mussten und dann dort zum überwiegenden Teil ebenfalls interniert waren.

Wir hoffen sehr, dass wir mit diesem Thema und der gemeinsamen Wiedergabe deutscher und französischer Texte einen kleinen, aber interessanten und ausbaufähigen Beitrag zur grenzüberschreitenden Gedenkarbeit in Deutschland und Frankreich leisten können.


 

Contact avec Le Vernet

 

C’est dans le contexte de l’élaboration de l’exposition virtuelle « Hugo Salzmann » (1903-1979) : Communiste-Syndicaliste-Artiste originaire de Bad-Kreuznach, que l’ont peut consulter sur la page d’accueil depuis le 18 novembre 2012, que Julianna Salzmann et Joachim Hennig ont pris contact avec l’amicale du Vernet, et en particulier avec son président M. Raymond Cubells. La raison de cette prise de contact vient de ce que Hugo Salzmann, après avoir fuit en France et avoir été interné au début de la deuxième guerre mondiale, a été interné au Camp du Vernet d’Ariège dans le Sud de la France, aux pieds des Pyrénées (d’où il fut livré à la Gestapo), de mi-octobre 1939 à début octobre 1941. Déjà de son vivant, Hugo Salzmann avait pris contact avec l’amicale du Vernet, en était devenu membre, était retourné au camp et avait rendu visite à un membre du comité directeur. Entre temps, sa fille Julianna a repris elle-même le contact. Ce qui, grâce à l’internet ne pose aucune difficulté de nos jours.

 

Ce contact, la relation entre Hugo Salzmann et le Vernet, ainsi qu’avec d’autres résistants de la région de Coblence, nous ont amené (nous, de l’association) à mettre les textes également en Français sur notre page d’accueil. Pour ce faire nous avons pu gagner la participation de madame Marie-Odile Ronez, qui en fait la traduction.

 

Nous commençons par un texte du président de l’amicale M. Raymond Cubells. Il traite de l’utilisation du terme « camp de concentration » pour le camp du Vernet d’Ariège. C’est avec son autorisation explicite que nous présentons d’abord le texte en allemand, puis dans sa version française d’origine.

 

Nous avons l’intention de présenter d’autres textes en allemand et en français. Il s’agira tout d’abord de biographies de victimes du nazisme, originaires de Coblence et des environs, qui durent émigrer en France, où la plupart, furent par la suite également internées.

 

Nous espérons qu’avec ce sujet, et la diffusion des textes en allemand et en français, nous pourrons contribuer de façon modeste, mais intéressante et prometteuse, à un travail de mémoire et de souvenir, dépassant les frontières, tant en Allemagne qu’en France.


 

 

Ein Konzentrationslager in Le Vernet
von Raymond Cubells

 

Ein Konzentrationslager in Le Vernet? Im Departement Ariège? Während der III. Republik eingerichtet? Wo unerwünschte Ausländer absolut willkürlich interniert wurden? Wurden mindestens 4.679 verschleppt? Wurden jüdische Familien, die in den Departements Ariège und Gers waren, inhaftiert und übergangsweise in Le Vernet untergebracht?

JA ! Das alles hat zwischen 1939 und 1944 in Le Vernet, im Departement Ariège stattgefunden.

Das zeigt ein wahrer Einblick in der Geschichte des französischen Konzentrationslagers in Le Vernet im Departement Ariège.

Der Freundschaftskreis ehemaliger Gefangener (politisch Verfolgter und Widerstandskämpfer) im KZ von Le Vernet im Departement Ariège hat sich als Ziel gesetzt, die Wahrheit über die Geschichte des KZ von Le Vernet zu verteidigen. Er (Der Freundschaftskreis, Erg. d. Ü.) wird dieses Ziel nicht aufgeben. Wir sind ständig auf der Suche nach dem, was in diesem französischen KZ-Lager zwischen 1939 und 1944 passiert ist. So unterhalten wir Kontakte mit Überlebenden, ehemaligen Inhaftierten und deren Familien, mit Forschern, Studenten, Archivaren, Künstlern … schließlich mit jedem, der an besserer historischer Kenntnis dieser Zeit mitwirken möchte. Unsere Arbeit wird ständig weiter entwickelt. Jedes Mal wenn es nötig ist, wird unser Wissen aktualisiert, bevor wir die neuen Erkenntnisse weiter verbreiten.

Neulich stellten wir fest, dass der Begriff „Konzentrationslager“ von bestimmten Kreisen nicht anerkannt wird, weil das damit gekoppelte Bild zu negativ sei. Der Begriff „rutscht“ auf der semantischen Ebene und wird durch den milderen Begriff „Internierungslager“ ersetzt. Mit anderen Worten, der Begriff wird den „Nazis“ zugeschrieben, was eine Gleichsetzung verhindert.

Wir sind mit dieser Entschärfung der Geschichte nicht einverstanden.

Die Beschäftigung mit diesem dunklen Kapitel sollte ernsthaft betrieben werden, und sich auf Archivdokumente, Aussagen von Zeitzeugen, aus der Zeit verfassten Schriftstücke sowie Zeichnungen, Bilder, Gravuren und Skulpturen, die zur Zeit der Internierung oder danach von den Künstlern angefertigt wurden, stützen. Dies tun wir regelmäßig durch unsere Veranstaltungen, Ausstellungen oder Vorträge, die wir der Öffentlichkeit bieten.

Hier ist also die Chronik dieses Lagers, das sich auf die Internierung „unerwünschter Ausländer“ spezialisiert hatte.

Zwischen Februar 1939 und dem 30. Juni 1944 wurden ausländische Männer in einem Konzentrationslager im Ort Le Vernet im Departement Ariège inhaftiert. Sie waren Opfer einer „verwaltungstechnischen“ Inhaftierung. Das bedeutet, dass sie willkürlich verhaftet wurden – ohne Urteil und Widerspruchsmöglichkeit -, von Familie und Angehörigen getrennt, vollkommen isoliert. Ihr Horizont beschränkte sich auf Stacheldrahtreihen, die rund um das Lager angebracht waren.

Dieses Lager ist wohl ein Konzentrationslager gewesen; wie Sie aus der Zeichnung von Constantin Sikatchinsky entnehmen können.

Foto: Eine Zeichnung eines nicht bekannten Häftlings von dem Lager.

(Sikatchinsky) war ein russischer Maler, der am 12. Oktober 1939 ins Lager kam (er war aus dem Konzentrationslager „Roland Garros“ verschleppt worden). Aus seiner persönlichen Akte geht hervor, dass er als „politisch suspekt“ eingestuft war. Am 4. Juni 1941 wurde er den Deutschen übergeben. Was aus ihm wurde, wissen wir nicht.

Manche versuchen, diese Geschichte Frankreichs zu entschärfen, weil sie kein Aushängeschild für das Land, das als erstes die "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ verfasst hat, darstellt. Doch die Fakten sind da – als Schriftstücke –, sie können nicht geleugnet werden.

Dieses Konzentrationslager wurde 1938 während der III. Republik errichtet.

Ein Rundschreiben des Innenministers Albert Sarraut vom 14. April 1938 an alle Präfekten sagt:

Es ist notwendig, dass unter der ausländischen Bevölkerung des Landes (….) Personen entlarvt werden, derer Taten auf die eine oder andere Weise die Ruhe und die öffentliche Sicherheit stören könnten (….) aus Sorge für den Schutz und die Verteidigung der Nation. Dabei handelt es sich (….) um eine schnelle, energische und methodische Maßnahme, um unser Land von unerwünschten, viel zu zahlreichen Elementen zu befreien, die Bewegungsfreiheit genießen, obwohl sie Gesetze und Regeln missachten, oder sich in Streitigkeiten, in politische oder soziale Angelegenheiten einmischen, die uns alleine betreffen.

Nach der Verordnung vom 12. November 1938, ist eine „verwaltungstechnische“ Inhaftierung möglich; ohne dass die üblichen polizeilichen bzw. rechtlichen Verfahren stattfinden müssen. (Darin heißt es, Erg. d. Ü.):

Ausländer dürfen wegen ihrer strafrechtlicher Vergangenheit oder wegen ihrer für die nationale Sicherheit gefährlichen Aktivitäten nicht ohne Gefahr für die Öffentlichkeit, diese zu große Freiheit der Freibeweglichkeit genießen. Es erscheint uns also absolut erforderlich, dass diese Art von Ausländern in spezielle Einrichtungen gebracht werden in denen sie permanent beobachtet werden; wie es der ständigen, wiederholten Missachtung der Gastfreundschaftsregeln gebührt.

Zu diesem Zeitpunkt kannte Frankreich eine Welle von Ausländerfeindlichkeit. Die Regierung Daladier hat Sündenböcke gesucht und welche gefunden: „unerwünschte Ausländer“.


Allgemeine Feststellung zum Begriff
(Konzentrationslager, Erg. d. Ü.):

1939: Die Inhaftierten und die damalige Verwaltung benutzen ihn. Dies kann man leicht überprüfen, wenn man Zeugenaussagen liest oder hört, die von ehemaligen Internierten gemacht wurden; oder wenn man die Zeichnungen bewundert, die im Lager angefertigt wurden oder auch wenn man in den „Archives départementales“ in Foix liest. Foix liegt geradlinig nur 500 Meter vom Lager Le Vernet entfernt.

Semantische Feststellung :

Im Juli 1939 befinden sich 15.000 Internierte auf einer Lagerfläche von 50 Hektar; diese Zahl ist quasi mit der der Einwohnerzahl von Pamiers identisch. Pamiers liegt heute ca. 10 Km von Le Vernet im Departement Ariège entfernt. Dennoch besteht ein riesiger Unterschied. Pamiers - die Stadt mit der größten Einwohnerzahl im ganzen Departement - hat eine Fläche von etwa 5.000 Hektar. In diesem Fall ist die Semantik glasklar. „Konzentration“ im wahrsten Sinne des Wortes.


Foto: Die Baracken von Le Vernet

Am 3. September (1939, Erg. d. Ü.) erklärt Frankreich Deutschland den Krieg. Von da an dient Le Vernet im Departement Ariège als Internierungsort für alle ausländischen Männer, die sich auf unserem Territorium befinden. Insbesondere auch für die Deutschen, die vor Hitler geflohen waren. Es wäre klüger gewesen, bei diesen ersten Regimegegnern des Dritten Reiches, Informationen (über die Verhältnisse in Deutschland und die Verbrechen der Nazis, Erg. d. Ü.) einzuholen.

Feststellung im Bezug auf den offiziellen Willen, den Begriff zu benutzen.

Dies haben wir dem größten Spezialisten für die damaligen Konzentrationslager zu verdanken. Denn er machte davon Gebrauch und missbrauchte es. Ich will ihn benennen: Philippe Pétain, Ratsvorsitzender und

erster Faschist in Frankreich.

Foto: Der Eingang von Le Vernet „Camp concentration“

Am 10. Januar 1941 richtete der Innenminister der Vichy-Regierung ein Rundschreiben an alle Präfekten der „Freien Zone“, in dem er empfahl, die Bezeichnung „Konzentrationslager“ in „Internierungslager“ zu ändern. Mit Ausnahme von 3 Orten: Le Vernet im Departement Ariège, Rieucros im Departement Lozère und das Gefängnis „La petite Roquette“ in Paris.

Wieso eine Begriffsänderung? Weil schon zu dieser Zeit – Anfang 1941 - also eineinhalb Jahre bevor die Juden aus Frankreich in das „Reich“ deportiert wurden, also bevor die Todesmaschinerie des „Reiches“ in Gang gesetzt wurde, die französischen Konzentrationslager keine guten Schlagzeilen in der ausländischen Presse machten. Es gibt Archivdokumente – von Juni 1940, also bevor Petain an die Macht kam –, die Anzeigen gegen französische Konzentrationslager erhoben und es wurden Interventionsersuchen an amerikanische und mexikanische Regierungen, an den Vatikan sowie an humanitäre Verbände gerichtet. Zeugenaussagen von Internierten (Inhaftierten!) wurden in der Schweiz, in Großbritannien und in den USA veröffentlicht.

Andere Archivdokumente aus Vichy-Polizeiquellen, erwähnen Briefe, die vom Vorstand der „Movimiento Libertorio Espagnol“ verfasst wurden, und die an einen Korrespondenten aus New York gerichtet wurden, in denen die Brutalität, die in den französischen Konzentrationslagern herrschte, angeprangert wurde. Vor allem das Lager in Argeles-sur-Mer wurde unter Beschuss genommen.

Im Juli 1940 – nach Protestaktionen gegen Stockhiebe – begann eine Reihe von kollektiven Zwangsausweisungen in Richtung Spanien. Die Vichy-Regierung hatte keinerlei Interesse daran, dass sich die internationale öffentliche Meinung gegen sie richtete, insbesondere die öffentliche Meinung in den USA. (Im Januar 1941 befanden sich die USA noch nicht im Krieg).

In diesem Kontext wurde offiziell beschlossen, die Verwendung des Begriffes „Konzentrationslager“ zu reduzieren. Dennoch erscheint er 1944 im Briefkopf gewisser Dokumente, in denen von der „Generalinspektion der Konzentrationslager“ die Rede ist.

 

Historische Feststellung:

Ab dem 9. Juni 1944 unterstand das Konzentrationslager Le Vernet direkt den Nazis. Es wurde also für diese Zeit ein Lager des Dritten Reiches. Es war das einzige Lager, das von den Nazis wieder übernommen wurde, um dieses besondere Lager wieder leiten zu können. Nach der Landung (der Alliierten in der Normandie, Erg. d. Ü.) am 6. Juni (1944 (Erg. d. Ü.) hatten die Deutschen kein Vertrauen mehr in die französische Verwaltung.

Es ist also nur gerecht, wenn dieses französische Konzentrationslager den etablierten, historischen Begriff trägt.

Wir sollten diesen Mut besitzen und nicht nachlassen. Wenn auch nur, um unseren Brüdern und Vätern, die in dem Konzentrationslager von Le Vernet die Hölle erlebt haben, Respekt zu erweisen, wo dennoch die Hoffnung oft nur dank der Fernsicht auf die Pyrenäen blieb, als Symbol der Freiheit - so nah und doch unerreichbar.

Alle haben gelitten, alle haben Widerstand geleistet; manche bis zum letzten Atemzug – dort, hinter dem Stacheldraht, wo sie alle konzentriert waren.

 

Erinnern wir uns an die Worte (des französischen Schriftstellers Albert, Erg. d. Ü.) Camus:

Eine Sache falsch zu benennen, bedeutet das Unglück der Welt vergrößern.

Konzept und Ausführung : Raymond Cubells


Der französische Originaltext liegt nur als PDF-Datei vor und kann HIER heruntergeladen werden


 

 

 

Kleine Geschichte der Amicale und ihrer Aktivitäten

1971 wurde die Amicale, der Freundschaftskreis mit dem Zweck gegründet, die Erinnerung an die Zehntausenden von Internierten des Lagers le Vernet d’Ariège wachzuhalten.

Nachdem die erste Aufgabe des Vereins, nämlich den Friedhof vor dem Zerfall zu retten, erfüllt war, wurde ein kleines Museum im Rathaus des kleinen Dorfes le Vernet d’Ariège eingerichtet. Es kann heute besichtigt werden. Führungen werden durchgeführt, Informationen und Erlebnisberichte können angehört werden. Familien von Internierten, die nicht überlebten, können Nachforschungen anstellen lassen. Die Verwaltung dieses Freundschaftskreises unterhält auch Beziehungen zu Organisationen, die sich mit den Überlebenden aus anderen Lagern befassen.

DENKMAL PROJEKT

Eine Kommission hat für die Verwaltung und das Ministerium für die Belange der ehemaligen Kämpfer eine Studie fertiggestellt. Wir hoffen, dass ein lang gehegtes Projekt bald realisiert werden kann!

Ein Lehrpfad soll zwischen dem Bahnhof von le Vernet d’Ariège und dem Friedhof angelegt werden sowie ein Ausstellungsraum, welche die Zeit der Internierungslager in Südfrankreich, insbesondere das Lager le Vernet d’Ariège, in Erinnerung rufen.

Kontakt:

Amicale des Anciens Internés politiques et résistants du Camp du Vernet d’Ariège
AAI du Camp du Vernet d’Ariège
F 09700 Le Vernet d’Ariège
Frankreich

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8. Verlegeaktion von „Stolpersteinen“ in Koblenz

Am 13. November 2013 wurden in Koblenz wieder „Stolpersteine“ verlegt. Es war ein zusätzlicher, zunächst nicht vorgesehener Termin für die Steine, die an die Familie Dr. Hugo und Senta Bernd, geb. Fuchs, am Friedrich-Ebert-Ring 39 erinnern. Ursprünglich sollten diese beiden „Stolpersteine“ bei der letzten Aktion am 30. August 2013 verlegt werden. Dies wurde aber verschoben, weil sich kurzfristig Angehörige der Familie Bernd meldeten und gern bei der Aktion dabei sein wollten. Natürlich haben die Initiatoren diesem Wunsch entsprochen und im Einvernehmen mit den Angehörigen den 13. November 2013 festgelegt. Durch die Beteiligung der Familie wurde die Verlegeaktion noch um die Kinder der Eheleute Bernd erweitert. „Stolpersteine“ erhielten auch der Sohn Rolf (geb. 1913), die Tochter Beate (geb. 1915) und der Sohn Hans (geb. 1929), die inzwischen alle verstorben sind.

Hans, Beate, Hugo und Senta Bernd (1938)

Die Verlegung der „Stolpersteine“ war für die Familie ein großes und bewegendes Ereignis. Nicht nur die noch in Koblenz lebenden Angehörigen waren anwesend, sondern auch zahlreiche Familienmitglieder aus England. Dorthin haben die jüngeren Kinder Beate und Hans, letzterer mit einem Kindertransport der Quäker, im Frühjahr 1939 aus Deutschland fliehen können.

 


Die Bernd-Kinder: Beate, Hans und Rolf (1934)

 

 

Der Rahmen der Aktion war auch ohne die Teilnahme von Gunter Demnig sehr würdig. Oberbürgermeister Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig begrüßte die zahlreichen Teilnehmer, unter ihnen auch Vertreter der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz, des Fördervereins Mahnmal Koblenz, der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz und des Freundschaftskreises Koblenz – Petah Tikva. Die nächsten Familienmitglieder legten dann nacheinander die einzelnen Steine in das Pflaster. Zur Verlegung fügten sie den Steinen Fotografien ihrer toten Angehörigen und eine Rose zur Erinnerung bei. Die Zeremonie endete mit dem von Simon Burne gesprochenen jüdischen Totengebet, dem Kaddish.

 

 

Zur Erinnerung an diesen ganz besonderen Familientag stellten sich die Angehörigen dann auch noch zum Gruppenfoto auf.

 

 

Es war eine glückliche Fügung, dass der Verlegeort unmittelbar neben dem Koblenzer Studio des SWR lag. Dadurch war ein anschließendes Interview im SWR mit Simon Burne (Sohn von Hans Bernd, der sich später in England John Burne nannte) und seiner Cousine Cathy (der Tochter von Beate Bernd) möglich. Die Aufnahmen werden dazu dienen, über die Familie Bernd einen kleinen Beitrag von SWR2 im Rahmen der „Hörstolpersteine“ zu bereichern.

Herr Burne sagte noch zu, Fotos von der Verlegeaktion zur Verfügung zu stellen sowie auch Fotos der Familie Bernd aus der Koblenzer Zeit zuzusenden. Dieses Angebot nahm Joachim Hennig vom Förderverein Mahnmal Koblenz dankend an, denn er beabsichtigt, für die Ausstellung zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2014 Personentafeln für die Bernd-Kinder zu erarbeiten.

Bewegt von dem Interesse und dem Engagement in Koblenz für ihre Familie nahmen die Burnes Abschied. Durch das gemeinsame Erinnern an ihre Angehörigen war man man sich näher gekommen. Die „Engländer“ verließen Koblenz mit der Zusage, nächstes Jahr mit weiteren Angehörigen nach Koblenz zu kommen. Wir Koblenzer werden ihnen einen interessanten Aufenthalt bereiten.

 

 


Siehe hierzu auch "Bilck Aktuell", Ausgabe Koblenz vom 30. November 2013, HIER als PDF lesen

 

 

 


 

Der Förderverein beim Tag der Demokratie in Remagen

Auf Einladung des „Bündnisses Remagen für Frieden und Demokratie“ beteiligt sich der Förderverein Mahnmal Koblenz am 23. November 2013 in Remagen mit einer Ausstellung über Kinder und Jugendliche als NS-Opfer sowie einem Vortrag des Stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins, Joachim Hennig, am diesjährigen Tag der Demokratie.

Zu diesem Tag heißt es in einer Erklärung des Bündnisses Remagen für Frieden und Demokratie:

Das Bündnis Remagen (will) den Rechtsextremen keinen Raum lassen, um ihre Heimatstadt zur Plattform für rechte Parolen zu machen. Jeweils am Tag vor Totensonntag marschieren die Rechtsextremen zum Gedenken an die Toten des Kriegsgefangenenlagers Goldene Meile auf. Dort wurden zwischen April und Juli 1945 mehr als 300.000 deutsche Soldaten inhaftiert. Die Rechtsextremisten nutzen diesen Tag, um die Täter-Opfer-Rolle umzukehren und für ihre Propagandazwecke zu nutzen. Und genau das will das 2010 gegründete Bündnis Remagen nicht akzeptieren.

Um das Ziel des Aufmarsches, die Friedenskapelle (Mahnmal am Ort der ehemaligen Rheinwiesenlager) vor Missbrauch zu schützen, wurde die Kapelle von den engagierten Initiatoren/-innen des Aktionsbündnisses erstmals im November 2010 in weiße Plastikplanen gehüllt. Der Zutritt war hierdurch nicht mehr möglich, der Blick auf den sonst offenen Innenraum war versperrt. 2011 wurde die Aktion wiederholt.

Im November 2012 gab es am Tag des geplanten Neonaziaufmarsches erstmals eine Veranstaltung mit Unterstützung des Bürgermeisters und des Stadtrates, die bisher nicht aktiv zu Gegenprotesten aufgerufen hatten. Die Verhüllung wurde von einem »Tag der Demokratie« mit einem inhaltlichen Rahmenprogramm begleitet.

Am 23. November 2013 findet der 2. „Tag der Demokratie“ in Remagen statt. In der Friedenskirche stehen die Veranstaltungen im Zeichen des Gedenkens:

12.00 Uhr

Eröffnung der Ausstellung „Kinder, Jugendliche und Jugendführer als Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz und Umgebung“ des Fördervereins Mahnmal Koblenz mit einer Einführung von Joachim Hennig

13.00 Uhr

Referat mit Präsentation von Wolfgang Gückelhorn „Das Lager Rebstock in Dernau“.

13.50 – 14.45 Uhr

Die Kirche bleibt geschlossen, um allen Teilnehmern am Tag der Demokratie Gelegenheit zu geben, die Rede von Ministerpräsidentin Malu Dreyer auf dem Marktplatz zu hören.

15.00 Uhr

Vortrag von Herrn Schankweiler: Die Kirche und ihr Verhältnis zum Judentum – Umkehr und Erneuerung.

Foto: Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie

Unser Stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig hat zur Begründung seiner Teilnahme folgende Erklärung abgegeben:

„Ich unterstütze den Tag der Demokratie, weil die NS-Diktatur unsägliches Leid für die Menschen in Deutschland und fast ganz Europa gebracht hat und wir alle aus der Geschichte lernen müssen, dass nur Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaat und Toleranz die Garanten für ein friedliches Zusammenleben sein können.“

 


 

 

 

Studien- und Recherchefahrt zu Stätten der Verfolgung in Oberösterreich (Gedenkstätte KZ Mauthausen, Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim und Gedenkstätte KZ Ebensee)

 

„Wer eine Reise tut, kann viel erzählen.“ Und deshalb wird hier über eine Fahrt zu Stätten der Verfolgung in Oberösterreich berichtet. Mit zahlreichen Fotografien wollen wir unseren Nutzern auch diese Stätten einmal etwas näher bringen.

Der nachfolgende Bericht stammt von unserem stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Hennig, der in der Zeit vom 31. Oktober bis zum 3. November 2013 an dieser vom Förderverein Gedenkstätte KZ Hinzert e.V. organisierten Fahrt teilgenommen hat:

„Studienfahrten zu Gedenkorten, an denen die nationalsozialistische (Terror-)Herrschaft ihre Spuren hinterlassen hat, sind ja „in“. Wenn auch die Zeitzeugen, die über die Verbrechen und die Unmenschlichkeit der Nazis berichten können, immer weniger werden, so sind die Stätten der Verfolgung stumme, aber doch „authentische“ Orte, an denen das Unrechtsregime und seine Untaten ansatzweise erfahrbar werden. Diese werden deshalb – ohne einem „Gedenktourismus“ das Wort reden zu wollen – immer wichtiger.

Konkreter Grund, um an dieser Fahrt des Fördervereins Gedenkstätte KZ Hinzert teilzunehmen, war für mich die Hoffnung, in Mauthausen und vor allem in Ebensee doch noch mehr über einen Bauzug der SS, den 12. SS-Eisenbahnbauzug, zu erfahren. Dieser Zug war an Heiligabend 1944 im KZ Sachsenhausen mit ca. 500 KZ-Häftlingen in Marsch gesetzt worden, um in unserer Region (in Kamp[-Bornhofen], Bad Kreuznach und Gießen) Eisenbahngleise wieder befahrbar zu machen. In den letzten Wochen des Krieges war er gleichsam auf der Flucht vor den Alliierten und fand seine letzten Stationen in Mauthausen und in Ebensee. Dort wurden die letzten KZ-Häftlinge auch befreit. Über die Geschichte dieses Zuges recherchiere ich zurzeit und hoffte über sein Ende in Oberösterreich doch noch etwas zu erfahren.

Zusammen mit mir machten sich 13 in der Gedenkarbeit engagierte Personen auf den Weg, unter ihnen auch der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit im heutigen Rheinland-Pfalz, Herr Dieter Burgard. Von ihm, der im „Hauptberuf“ Bürgerbeauftragter des Landes Rheinland-Pfalz ist, stammen auch die meisten der hier gezeigten Fotos.

„Begleitet“ war ich auch von der Autobiografie Joseph Drexels „Reise nach Mauthausen“. Der heute zu Unrecht weitgehend unbekannte Drexel war Mitglied des Widerstandskreises Ernst Niekisch, den man gern als „Nationalbolschewisten“ tituliert. Dr. Joseph Drexel, 1896 in München geboren, wurde 1937 verhaftet, 1939 vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung der Strafe aus Bayern ausgewiesen. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er aufs Neue verhaftet und mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt.

Er überlebte die KZ-Haft und schrieb das Erlebte in dem persönlichen Bericht ‚Reise nach Mauthausen’ nieder. Dieser Bericht wurde vor vielen Jahren von Wilhelm Raimund Beyer zusammen mit dem Urteil des Volksgerichtshofs sowie Berichten des Herausgebers über einschlägige Akten des Reichssicherheitshauptamtes u.a. veröffentlicht als ‚dtv-Dokument’ Nr. 2924 mit dem Titel: ‚Rückkehr unerwünscht. Joseph Drexels ‚Reise nach Mauthausen’ und der Widerstandskreis Ernst Niekisch’. Erwähnt werden soll noch, dass Drexel nach dem Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Publizist, Gründer und Mitinhaber der ‚Nürnberger Nachrichten’ war. Er starb im Jahr 1976.

Drexels ‚Reise’ ist im Folgenden auszugsweise zitiert. Als er erfuhr, dass er ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt werden sollte, schrieb er dazu:

‚Mauthausen’ – ich wusste so viel wie nichts über dieses Lager. Nicht einmal die genaue Lage hätte ich angeben können. Erst später erfuhr ich, dass es sich um eine kleine Stadt am nördlichen Donauufer, ziemlich genau an der Einmündung der Enns in die Donau, handelte, eben dort, wo die Eisenbahn gegen Norden nach Budweis ins Tschechische abzweigt. Heute heißt Mauthausen im Volksmund ‚Mordhausen’ – und in der Tat, dieser Name begriff auf einfältige und drastische Weise alles in sich, was über das Lager zu sagen war. Es war ein ausgesprochenes Vernichtungslager, wie die berühmten Lager von Auschwitz und Treblinka, von welch letzterem nach seiner durch den Vormarsch der Russen erzwungenen Auflösung viele Häftlinge, vor allem aber ein großer Teil des berüchtigten SS-Personals, nach Mauthausen gekommen waren.

Und weiter beschrieb Drexel den Personenzug mit den Häftlingen – sich eingeschlossen -:

Ich war durch viele Gefangenenanstalten und Zuchthäuser gegangen und hatte, wenn auch nur kurz, in Dachau Gelegenheit gehabt, sehr dezimierte Häftlinge zu sehen, dies hier aber übertraf alles bisher Geschaute.

Es war ein Zug nicht mehr von Menschen, sondern von Gespenstern, von menschlichen Schatten aus einem unbegreiflichen Totenreiche, abgemagert bis zum Skelett, die gestreiften Sträflingsanzüge um angedeutete Gerüste von Knochen schlotternd, hohlwangig und ausgemergelt. Eine Sammlung von rasierten Totenköpfen, abstehende Ohren, glanzlose Augen, schmale, verbitterte Münder, halbgeöffnet wie in einem unausgesetzten Schrei nach menschlichem Erbarmen.(…)

Dies alles vollzog sich in voller Öffentlichkeit am helllichten Tage. Aber weder von den Menschen auf dem vollbesetzten Bahnsteig noch von denen im Zuge nahm irgendjemand verabscheuende Notiz. Auf keinem Gesichte ein Ausdruck von Entsetzen oder doch wenigstens von Scham und Trauer. (…) Aus den Fenstern des Zuges blickten die Menschen so teilnahmslos, als wohnten sie einem Transport von Schlachtvieh bei. (…)

Wut und Verzweiflung stritten in mir und pressten mir das Wasser in die Augen, aber gleichzeitig, mit der Erkenntnis meiner völligen Hilflosigkeit überfiel mich auch – das sei nicht verschwiegen – eine nackte und entsetzliche Angst vor dem, was mir bevorstehen mochte…

Einen Eindruck hiervon bekam Drexel schon in der kurzen Unterhaltung mit einem ihn bewachenden SS-Mann, der sich Gedanken über seine Rückkehr machte. Darauf der SS-Mann zu Drexel:

‚Mensch, wenn ich an deiner Stelle wäre, bräuchte ich mir darüber keine Gedanken zu machen. Du hast es leicht, Du brauchst nicht zurückzulaufen, bei Dir ist es ganz einfach: Du gehst beim Tor hinein und kommst beim Schlot wieder heraus.’ (…) Immerhin, seine Antwort war nicht ohne Schlagfertigkeit und die zwar zynische, aber treffsichere Formulierung umschrieb einen Sachverhalt grausigster Wirklichkeit auf vollkommene Weise. (…) Das war also mehr oder weniger verblümt ein Todesurteil.

Mit diesen Gedanken stieg Joseph Drexel vom Städtchen Mauthausen hoch zum Konzentrationslager. Auf Joseph Drexel machte es seinerzeit einen starken Eindruck:

Da erhob sich vor uns der gewaltige, granitene Hauptbau des Lagers mit einem mächtigen Eingangstor, über dem ein riesiger Hoheitsadler seine mächtigen Flügel breitete. Dreifache Stacheldrahtzäune, von denen der mittlere, auf Isolatoren montiert, elektrisch geladen war, hohe steinerne Wachtürme, mit schwerer Maschinengewehrbestückung und Scheinwerfern, einige lang gestreckte Steingebäude, von denen eines, der Zellenbau für Einzelhäftlinge, der so genannte ‚Bunker’, und eines das Krematorium war und dahinter, von breiten Lagerstraßen durchzogen, auf denen ein geschäftiges Treiben herrschte, das Heer der Baracken. (…)

An den Steinbauten arbeiteten noch Häftlinge als Maurer und Steinmetzen. Viele Gebäude waren noch in halbfertigem Zustand. An dieser Stadt – denn um nichts weniger als eine solche handelte es sich – wurde nun schon Jahre gebaut und würde wahrscheinlich noch Jahre gebaut werden, wie am Turm von Babel. Und vielleicht würde überhaupt nie aufgehört werden, die Strafanstalten und Zuchthäuser und Konzentrationslager zu erweitern und baulich zu vervollkommnen, bis eines Tages nach dem Muster dieser ‚Repräsentativbauten’ Hitlers, des größten Baumeisters aller Zeiten, auch das Reich fertig gebaut sein würde. Und es würde nach seinem hohen Willen das vollendeste Zuchthaus der Welt sein, abgeschlossen ringsum durch dreifache Stacheldrähte, mit einem ausgeklügelten System von Verboten und Geboten, ein waffenstarrendes Trappistenkloster, ein Reich von Millionen Arbeitssklaven, von einer handvoll Sklavenhaltern in ockerfarbenen Uniformen gedrillt, ein potenziertes Sparta mit Einheitskleidung und Einheitsfressen, der Schrecken und der Abscheu seiner Nachbarn.

Wenn unsere Gruppe doch auch unter ganz anderen Umständen (nach einem sehr angenehmen und opulenten Frühstücksbüfett und mit dem Bus) die Örtlichkeit erreichte, so wirkte das ehemalige Lager auf uns ganz ähnlich: wie eine Zwingburg, wie eine Stein gewordene Anmaßung der Nazis. Welchen Eindruck muss sie erst auf die dorthin verschleppten, ausgemergelten und erschöpften Häftlinge gemacht haben.

Nach einer kurzen Besprechung im Besucherzentrum begaben wir uns zuerst zum so genannten Russenlager oder auch Krankenlager – noch vor dem mächtigen Gebäudekomplex. Es war ursprünglich zur Aufnahme sowjetischer Kriegsgefangener gedacht. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, ebenso wenig wie von dem daneben liegenden Fußballplatz der SS.

 

 

Bald kamen wir auch an das Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers, das noch immer den Eindruck einer Zwingburg verstärkte.

 

Hinter dem Eingangstor erstreckte sich dann die breite ehemalige Lagerstraße mit Baracken links und rechts und dem anschließenden Appellplatz.

Die Wirkung des Ortes war für uns sehr zwiespältig. Natürlich war es beklemmend, an einem Ort zu stehen, an dem Menschen gequält wurden und gelitten haben – und das im Namen des deutschen Volkes. Man geht davon aus, dass es an die 200.000 Häftlinge waren, die unter unmenschlichen Bedingungen hier leben, arbeiten und sterben mussten. Mehr als 105.000 Häftlinge beiderlei Geschlechts – zuletzt gab es dort auch ein Frauenlager – sind hier zu Tode gekommen.

Wie hält man – auch nur als engagierter Besucher – solche Untaten und Verbrechen aus? Wie reagiert man darauf? Manchmal braucht man eine Entlastung von diesen beklemmenden Gefühlen. Auch dies gab es in der heutigen Gedenkstätte: Spuren von Ästhetik.


 

Sehr bedrückend war der Besuch des Bunkers, des Gefängnisses des Konzentrationslager. Joseph Drexel hat während seiner ganzen Haftzeit in Mauthausen den „Bunker“ nicht verlassen dürfen.

Ich befand mich in einer der berüchtigten Dunkelzellen, in denen missliebige Häftlinge bis zu mehreren Wochen und ohne Nahrung manchmal auch tagelang ohne den sonst üblichen Trank von einem Becher Wasser blieben, sofern sie nicht vorher ihr Leben freiwillig oder mit leichter Nachhilfe beendet hatten.

Besonders schlimm für die Häftlinge war der Winter. Dazu berichtete Joseph Drexel:

Der Winter war früh gekommen. Ein Leichentuch von Schnee hatte dem Lager das ihm angemessene Gewand gegeben. Noch immer trugen wir nichts auf unseren ausgemergelten Leibern als Hemd und Hose. Es war, namentlich nachts, bitterkalt in unseren Zellen. In meiner und in den benachbarten Zellen war es vielleicht nicht so bitterkalt wie in den weiter abgelegenen, denn die unsrigen lagen genau über dem Krematorium. Das Feuer, das die Leichen unserer Kameraden in Asche verwandelte, schützte uns vor Erfrierung. Schwer – sehr schwer – diesen makabren Vorgang nicht zynisch zu kommentieren. Die Welt wird vom Wahnsinn regiert. Wir sind nur im normalen Zustand nicht hellsichtig genug, es zu erkennen.

Wir näherten uns dem Ort durch den ehemaligen Krankenbau am Ende des ehemaligen Hauptlagers. Dort ist heute ein Museum untergebracht. Sehr eindrucksvoll war ein Raum der Stille installiert – mit den Namen der im Konzentrationslager ums Leben gekommenen Menschen. Ausgelegt war auch das Totenbuch von Mauthausen.

Dort fanden wir auch die Eintragung über Nikolaus Thielen. Thielen war gebürtig aus St. Sebastian bei Koblenz und lebte zuletzt mit seiner Familie in Vallendar. Als Reichstagsabgeordneter der KPD musste er unmittelbar nach dem Reichstagsbrand aus Deutschland fliehen und emigrierte in das damals noch unter der Verwaltung des Völkerbundes stehende Saargebiet. Er wurde aber von seiner Partei zurückbeordert, um die KPD illegal wieder aufzubauen. Bei seinem ersten konspirativen Kontakt wurde er verhaftet. Es folgten eine Anklage wegen Hochverrats und eine Verurteilung durch den Volksgerichtshof zu 15 Jahren Zuchthaus. Er verbüßte einen Teil der Strafe im Zuchthaus und wurde dann ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt. Auch er erhielt den Vermerk „R.u.“ („Rückkehr unerwünscht“) und kam Anfang 1944 zu Tode.

 

An den ehemaligen Krankenbau (heute Museum) schlossen sich die Gaskammer und die Krematoriumsanlagen an, in denen heute noch ein Krematoriumsofen zu sehen ist. Daneben befindet sich – wie von Drexel beschrieben – der Zellenbau, in dem der „Bunker“ untergebracht war.

Andere Bereiche des ehemaligen Lagers waren nicht mehr vorhanden, wie etwa das Zeltlager. Dort befanden sich zuletzt vor allem ungarische Juden, für die es nicht die geringsten hygienischen Einrichtungen gab.

Ebenfass verschwunden ist der frühere Todesblock 20. Er war vor allem mit sowjetischen Offizieren belegt, sog. K-Häftlingen. „K“ war das Kürzel für „Kugel“ und bedeutete Hinrichtung durch Genickschuss. Etwa 500 dieser Häftlinge flüchteten Anfang Februar 1945. Dies löste eine große Suchaktion aus („Mühlvierteler Hasenjagd“), der nur wenige von ihnen entkommen konnten.

Weithin sichtbar waren aber auch heute noch die zahlreichen Wachttürme von Mauthausen.

 

 

Außerhalb des KZ-Lagers befindet sich noch heute der „Wiener Graben“, ein Steinbruch. Er war einer der Hauptgründe für das Anlegen des Lagers gerade an diesem Ort. Dort mussten tausende Häftlinge unter schwersten Bedingungen arbeiten und sterben. Das Ziel war – neben der Gewinnung von Granit für die Protzbauten der Nazis – die „Vernichtung durch Arbeit“. Zum Steinbruch führte eine 186-stufige Stiege, die „Todesstiege“. Hier wurden tausende Häftlinge erschossen oder von herunterrollenden Steinen erschlagen. Ein anderer Todesort waren die steilen Wände des Steinbruchs. Dort wurden viele Häftlinge herunter gestoßen oder sie sprangen aus Verzweiflung in den Tod. Zynisch nannte die SS diese Wand „Fallschirmspringerwand“.

 

 

Unter dem Eindruck dieser Qualen und Unmenschlichkeit kamen wir dann auch zu den Denkmälern der Nationen. Dort stehen Mahnmale von 18 Nationen, die an die Verfolgung und Ermordung deren Angehöriger im Konzentrationslager Mauthausen erinnern. Ein solcher „Park“ von Denkmälern an einem ehemaligen KZ-Lager war für uns alle eine ganz neue Erfahrung. Sie befremdete auch. Das galt vor allem für die Denkmäler, die das „Heldische“ der Opfer dokumentieren sollen.

 

Foto: Denkmal für die jüdischen Opfer


Foto: Denkmal der früheren DDR

 

Foto: Denkmal der früheren Tschechoslowakei

 

Foto: Denkmal für den sowjetischen Armeegeneral Karbyschew

 

Wie weit waren diese Denkmäler entfernt von den Erfahrungen und Gefühlen des Zeitzeugen Joseph Drexel. Er schrieb nach seiner Entlassung:

Heute, der Hölle entronnen, frage ich mich oft, woher der Mensch die unwahrscheinliche Kraft nimmt, alle diese hündischen Erniedrigungen seelischer und körperlicher Art zu bestehen, denen er an solchen Schinderstätten auf eine im Voraus unberechenbare Zeit hinaus täglich und stündlich ausgesetzt ist. Vergeblich suche ich nach einer Antwort, die sich nicht als eine nachträgliche Interpretation erweisen könnte.

Ist es der Wille zum Überleben? Das wäre nichts als billige Aufschneiderei, denn der Vorsatz, um jeden Preis durchzuhalten, komme was wolle, ist längst kraftlos geworden. (…)

Oder war es ein Rest von religiösem Bewusstsein? Sei es in der Form der Hingabe an einen Gott oder an eine Idee? Nichts davon. Die Ehrlichkeit gebietet zu gestehen: Der Vorrat an religiösen oder auch pseudoreligiösen Gehalten mag so groß sein wie er will, er ist nicht und in keinem Menschen, nicht einmal in einem Priester, wie ich erlebt habe, unerschöpflich. Er ist wohl anfangs und je nach den Umständen kürzer oder länger eine gewaltige Spende und eine nicht hoch genug einzuschätzende Kraftquelle, aber er verbraucht sich in dem Maße, wie der Mensch nach und nach unter das Niveau eines Tieres herabgedrückt wird.

 

Mit diesen zum Teil sehr nahe gehenden, aber auch unterschiedlichen, teilweise sich widersprechenden Eindrücken verließen wir die Gedenkstätte KZ Mauthausen.

 

Am Nachmittag besuchten wir den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim. – in Alkoven in der Nähe von Mauthausen. Die unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Gefühle hatten wir auch hier. Als wir aus dem Bus ausstiegen, sahen wir ein schönes Renaissance-Schloss mit einem mächtigen Turm.

 


 

Im Inneren umfing uns ein Innenhof mit Säulenumgängen in mehreren Etagen. Es war schön anzusehen, doch es fröstelte einen. Denn man wusste, dass in diesem Schloss von 1940 bis 1944 eine von insgesamt sechs NS-Euthanasie-Anstalten untergebracht war. In ihr wurden nahezu 30.000 körperlich und geistig beeinträchtigte, psychisch kranke Menschen aus Landesheil- und -pflegeanstalten sowie arbeitsunfähige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen ermordet.

Unter den Opfern waren auch viele KZ-Häftlinge aus Mauthausen, die unter der Tarnbezeichnung „13f14“ dorthin zum Töten gebracht wurden. Schon Joseph Drexel kannte – wenn auch erst später – diesen Zusammenhang:

Bei Mauthausen war eine jener Großvernichtungsstätten im Rahmen der Vernichtungsaktion geistig Erkrankter, und viele der Angehörigen dieser Unglücklichen mögen sich heute daran erinnern, dass das kleine Paket mit der Asche ihrer Toten den Aufgabestempel Linz trug. Und nun wissen sie auch, wo ihre unglücklichen Väter, Mütter, Geschwister, Frauen und Kinder ermordet wurden.

Deshalb war man nicht lange gefangen von dem schönen Schlossbau. Konfrontiert mit dieser Geschichte wird der Besucher zudem gleich am Anfang des Innenhofs, dort wo sehr zahlreiche Gedenktäfelchen von Angehörigen der Opfer an diese erinnern.

Wir hatten eine sehr interessante Führung durch die von der ehemaligen NS-Euthanasieanstalt genutzten Räume und die beiden Ausstellungen (eine zur Geschichte der Eugenik und der Geschehnisse im Nationalsozialismus und die andere „Wert des Lebens“, die die Entwicklung der Situation behinderter Menschen von der Industrialisierung bis zur Gegenwart zeigt). Dies kann hier im Einzelnen nicht wiedergegeben werden.

Erwähnt werden soll nur, dass die Verhältnisse in Hartheim zum Teil anders waren und sind als in den bekannten NS-Euthanasie-Anstalten im „Altreich“ und den Gedenkstätten heute. So gab es in Österreich keine sog. Zwischenanstalten, in die die Patienten von den Heil- und Pflegeanstalten aus Tarnungsgründen zunächst verlegt wurden, um von da aus dann in die Tötungsanstalten verschleppt zu werden. Die Hartheimer Mordopfer kamen vielmehr unmittelbar aus den Landesheil- und -pflegeanstalten.

Zudem gab es in Hartheim in der Vernichtung dieser Menschen keinen „Bruch“ wie im "Altreich". Bekanntlich wurde die sog. T 4-Aktion im Altreich – vor allem wohl aufgrund der Predigten des Bischofs von Münster Clemens Graf von Galen, Ende August 1941 beendet; hieran schloss sich nach einiger Zeit die zweite Phase der Krankenmorde, die sog. wilde Euthanasie an. Dabei ließ man die Menschen verhungern oder brachte sie mit Injektionen um. Diese Unterbrechung hat es in Hartheim nicht gegeben. Dort wurde die ganze Zeit über mit Giftgas gemordet. Der Grund lag auch daran, dass Hartheim keine „Pflegeanstalt“ war, sondern „reine Tötungsanstalt“. Die Patienten wurden an einem Tag nach Hartheim verschleppt und dann am selben Tag dort auch ermordet.

In Hartheim gibt es deshalb(?) auch keine Krankenakten wie in anderen Tötungsanstalten (etwa in Hadamar). Die Transportlisten enthalten aber die Namen der Opfer. Mit diesen geht die Gedenkstätte sehr zurückhaltend um. In der Ausstellung werden diese Namen dokumentiert – aber nur die bloßen Namen, keine Geburtsdaten und Wohnorte; im Übrigen sind die Namen nicht alphabetisch aufgeführt sondern willkürlich. Das erschwert eine Recherche ganz beträchtlich. Im Wesentlichen gibt es weiterführende Angaben nur durch die Angehörigen der Opfer, die sich an die Gedenkstätte gewandt haben und mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Das ist eine Situation, wie wir sie für die NS-Euthanasieopfer inzwischen überwunden haben. Heutzutage ist es hier eher so, dass sich die Angehörigen der Opfer an die Gedenkstätten und Initiativen wenden, wenn sie durch deren Arbeit von dem – oft bisher unbekannten – Schicksal der Opfer erfahren haben.

Foto: „Raum der Stille“

 

Am nächsten Tag fuhren wir nach Ebensee, der letzten Station unserer Studien- und Gedenkstättenfahrt. Ebensee liegt am Südufer des Traunsees in Oberösterreich. In Ebensee angekommen, wurde die Straße immer schmaler. Wir fuhren durch einen steinernen Torbogen und entlang eines kleinen Baugebiets. Bald sahen wir einen Friedhof und dann das Parkschild „ KZ-Friedhof“. Da waren wir richtig.

Begrüßt wurden wir von dem Leiter der Gedenkstätte Wolfgang Quartember.

Foto: Wolfgang Quartember erläutert die Lage der einzelnen KZ-Bereiche

 

Wir erfuhren, dass wir uns auf dem Grund und Boden des Konzentrationslagers Ebensee befanden. Hier gab es 28 Baracken mit Unterkünften und weitere Funktionsbaracken. Kurz nach dem Krieg wurden die Baracken des KZ abgerissen und eine Siedlungsgesellschaft bebaute das Gelände. So entstand auf dem Lager des ehemaligen KZ ein neuer, kleiner Ortsteil des Ortes Ebensee.

Das mutete uns schon ein wenig befremdlich an. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als wir die Ortsstraße zurück gingen und wieder an den steinernen Torbogen kamen. Dieser Torbogen ist noch der ursprüngliche Eingang des Konzentrationslagers. Heute befindet sich an einem Pfosten eine kleine Erinnerungstafel. Drumherum liegen dann die Häuser. Nach Angaben von Herrn Quartember stört dies die Bewohner nicht wirklich.

 

Foto: Eingang KZ Ebensee

 

Wir gingen dann einen ansteigenden Weg entlang und sahen schon bald die Öffnungen im Gestein. Das waren Eingänge zu Stollen. Es gab zwei Stollensysteme: die Stollenanlage „A“ und die Stollenanlage „B“. Wir erfuhren, dass das KZ Ebensee ein typisches Baulager zur Errichtung zweier Stollenanlagen war. Es bestand von Mitte November 1943 bis zur Befreiung am 6. Mai 1945. Die Stollenanlagen waren eines der ersten Bauprojekte des Sonderstabes Kammler. Sie waren für die Raketenversuchsanstalt Peenemünde bestimmt. Das „Altwerk“ Peenemünde sollte ausgelagert werden, einmal in das „Nordwerk“ im Konzentrationslager Mittelbau-Dora und zum anderen in das „Südwerk“ in Ebensee. Hier in der Stollenanlage „B“ waren Prüfstände für die A4-Raketen (die sog. Wunderwaffen V2) vorgesehen. Dazu kam es aber letztlich wegen verschiedener Probleme nicht. Stattdessen wurde in der Stollenanlage „A“ eine Raffinerie eingerichtet, die noch teilweise in Betrieb ging. Teile der Stollenanlage „B“ wurde von dem Steyr-Daimler-Puch-Konzern für die Produktion von Motorteilen für Lastkraftwagen und Panzer genutzt.

 

Foto: Wolfgang Quartember erklärt vor dem Stollen

 

In dem von uns besuchten Stollen hatten die Opferverbände und Angehörigen einen Gedenkort eingerichtet. Hier gedachte man vor allem der polnischen Häftlinge. Sie waren nach dem Warschauer Aufstand vielfach festgenommen und verschleppt worden. In Mauthausen bildeten sie die mit Abstand größte nationale Opfergruppe. Viele von ihnen wurden dann weiter nach Ebensee gebracht.

 

Foto: Gedenkort im Stollen

 

In diesem Stollen war auch eine Ausstellung über das KZ Ebensee eingerichtet. Dort war das Zugangsbuch dokumentiert. Für die Recherche nach dem 12. SS-Eisenbahnbauzug war interessant zu sehen, dass unter dem 4. Mai einmal ein Zugang „SS-Baubrigade“ von 206 Häftlingen (Häftlingsstärke daraufhin: 16.254) und ein weiterer Zugang „Neuengamme“ von 214 Häftlingen (Häftlingsstärke daraufhin: 16.468) verzeichnet ist. Bei dem Zugang von 206 Häftlingen dürfte es sich um den gesuchten 12. SS-Eisenbahnbauzug handeln. Diese Häftlinge wurden in Ebensee registriert, eine förmliche Aufnahme in das KZ gab es ebenso wenig wie Häftlingsnummern. Immerhin erklärte mir Herr Quartember, dass es Listen mit den Häftlingen ohne Häftlingsnummern gibt. Diese könnte man durchsehen und dann die Herkunft der Häftlinge feststellen. Das wäre aber eine mühsame Arbeit, deren Erfolg nicht sicher sei.

Interessant war noch zu erfahren, dass es seinerzeit in Ebensee einen Verschubbahnhof gab, der seinerzeit für das Zementwerk angelegt bzw. erweitert worden war. Er war an das überörtliche Streckennetz angeschlossen. Von daher konnte der 12. SS-Eisenbahnbauzug, dessentwegen ich in Ebensee recherchieren wollte, gut über Mauthausen gefahren sein und seine Odyssee hier in Ebensee beendet haben.

 

Foto: Ausgang Stollen

 

Zum Abschluss besuchten wir noch den „KZ-Friedhof“ von Ebensee. Dort liegen sehr viele KZ-Häftlinge bestattet, teilweise in Einzelgräbern, aber auch in zwei Massengräbern. Hier sahen wir ebenfalls kleine Gedenktafeln für einzelne Opfer und auch Denkmäler von Nationen. Besonders auffällig war das sowjetische Denkmal. Das polnische Denkmal war mit Blumen geschmückt. Auch hier hatte offenbar eine Delegation polnischer Offizieller oder Angehöriger Blumenschmuck niedergelegt. Gleiches hatten wir schon am Tag zuvor an dem Denkmal Polens in der Gedenkstätte Mauthausen gesehen. Für die katholischen Polen ist Allerheiligen (1. November) der Tag zur Erinnerung an die Toten. In dieses Gedenken schließen sie auch KZ-Häftlinge, die in der Erde anderer Staaten ruhen, mit ein.

 

Foto: Denkmal auf dem Friedhof KZ-Ebensee

 

Abschließend noch ein Literaturhinweis für die Konzentrationslager Mauthausen und Ebensee:

Zur Vertiefung empfiehlt sich die Lektüre des Bandes 4 des von Wolfgang Benz und Barbara Distel herausgegebenen Werkes: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2006 mit den Beiträgen von Florian Freund/Bertrand Perz: Mauthausen – Stammlager (S. 293 – 346) und Florian Freund: Außenlager Ebensee (S. 354 – 360).

 


 

 

Erinnerung an den 9. November

Immer wieder sind es die Gedenktage, die Anlass zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sind. Ein sehr wichtiger Gedenktag ist der 9. November. In diesem Jahr ist er in besonderem Maße denkwürdig, jährt sich doch der Novemberpogrom 1938 („Reichspogromnacht“) zum 75. Mal.

Aus diesem Anlass war der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig in der Dr. Zimmermannschen Wirtschaftsschule in Koblenz. Sein Vortrag am 6. November zum Thema „Menschen, Rechte und ihre Vernichtung - Die jüdische Juristenfamilie Brasch“ stand am Ende einer intensiven Beschäftigung der Schülerinnen und Schüler mit dem Nationalsozialismus und gerade mit dem Schicksal der Familie Brasch. Hierzu hatten die Schülerinnen und Schüler mit Unterstützung ihres Religions- und Geschichtslehrers Edwin Müller auch eine kleine Ausstellung im Foyer der Schule erarbeitet und diese der Schulgemeinschaft vorgestellt.

Foto: Lehrer Edwin Müller und Joachim Hennig beim Betrachten der kleinen Ausstellung

 

Mit dieser Ausstellung und den einführenden Worten der Schulleiterin, Frau Corinna Gahl-Haupt, und des Lehrers Edwin Müller fand der Referent eine sehr freundliche Aufnahme. Ehe Joachim Hennig zum eigentlichen Thema seines Vortrages kam, sprach er die Bedeutung des kommenden 9. November an, des wohl wichtigsten Datums in der jüngeren deutschen Geschichte. Denn am 9. November veranlassten die Nationalsozialisten nicht nur reichsweit den Novemberpogrom 1938, sondern der 9. November steht für drei weitere sehr wichtige Ereignisse: für die Ausrufung der ersten deutschen Republik („Weimarer Republik“) am 9. November 1918 – also vor 95 Jahren -, für den sog. Hitlerputsch beim „Marsch auf die Feldherrnhalle“ in München am 9. November 1923 – also vor 90 Jahren – und für die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 – also vor 24 Jahren. Hennigs Anliegen war es, die geschichtlichen Dimensionen aufzuzeigen. Dabei kam er insbesondere auf die Initiierung der „Reichspogromnacht“ bei einem Treffen von Nazis am 9. November 1938 im Bürgerbräukeller in München zu sprechen, das zur Erinnerung mit der „Alten Garde“ vom Hitler-Putsch am 9. November 1923 jedes Jahr dort abgehalten wurde. Damit wollte der Referent Bezüge herstellen und deutlich machen, dass politisches Leben ein sich entwickelnder, dynamischer Prozess ist und die sich daraus ergebende Geschichte so – im wahrsten Sinne des Wortes – „begriffen“ werden muss.

Foto: Joachim Hennig beim Vortrag

 

Im Folgenden referierte Joachim Hennig dann anhand von Familienfotos, Dokumenten, Zeitungsberichten und Gesetzestexten über die Geschichte der jüdischen Familie Brasch in der Zeit von 1864 bis 1944. Dabei zeigte er anhand dieses Zeitraums von 80 Jahren die Emanzipation der Juden in Deutschland (1869 – 1932) und dann deren Diskriminierung, Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus auf. Die Stationen dieser Lebens- und Leidenswege finden Sie auch auf dieser Homepage unter

Siehe auch Dauerausstellung/Personentafeln/juristenfamilie-brasch-juedische-rechtsanwaelte-aus-mayen-koblenz




Foto: Abschlussfoto mit der Klasse, der Schulleiterin Corinna Gahl-Haupt, dem Lehrer Edwin Müller und dem Referenten Joachim Hennig. (Sämtliche Fotos: Lothar Spurzem)

 

Einen Artikel der Rhein-Zeitung vom 29. November 2013 zur Veranstaltung HIER lesen

 


 

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