Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Informationen von 2018

2. Artikel in der "Schängel"-Serie "Erinnerung an NS-Opfer"
 
In dem jetzt erschienenen Artikel der Serie im "Schängel" erinnert unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig an die Anfänge des Nationalsozialismus vor 85 Jahren. Hennig skizziert wie die Justiz - und das schon zu Zeiten der Weimarer Republik - Hitler und seinen Leuten den Weg an die Macht ebnete. Dabei wird deutlich, wie rasend schnell der Rechtsstaat und die Bürgerrechte demontiert wurden - weil nicht genug aufgepasst wurde und keiner sich dem braunen Terror machtvoll entgegengestellte. Keine anderthalb Jahre später konnten die Nazis die Morde an der SA-Führung u.a. als "Staatsnotwehr" für legal erklären ("Der Führer schützt das Recht.")
 
HIER den Artikel aus dem "Schängel" vom 10. Januar 2018 lesen

 


 

Gedenktag am 27. Januar 2018

Hier beginnen wir mit den Informationen zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018. Gerade in diesem Jahr gibt es dazu in Koblenz sehr zahlreiche und wichtige Veranstaltungen. Das Highlight ist die Sondersitzung des Landtages Rheinland-Pfalz am Gedenktag im Neuen Justizzentrum Koblenz. Aber auch die weiteren Veranstaltungen hier werden die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit auf den Gedenktag in Koblenz lenken.
 
Zur Einstimmung auf die Veranstaltungen hat unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig im Koblenzer LokalAnzeiger "Schängel" eine kleine Artikelserie begonnen. Den ersten Beitrag dokumentieren wir nachfolgend.
 
Den Artikel aus dem Schängel vom 3. Januar 2018 HIER lesen

 


 

Biografie über den kurzzeitigen Reichsarbeitsminister Dr. Friedrich Syrup

Syrup? Syrup? Wer war Syrup? Dr. Friedrich Syrup war der erste und einzige Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung und kurzzeitige Reichsarbeitsminister. Er ist wenig bekannt – und dabei war er in der NS-Zeit viele Jahre der Chef des gesamten Arbeitseinsatzes. Wahrscheinlich wäre er ganz in Vergessenheit geraten, wenn in Koblenz in der frühen Nachkriegszeit nicht eine Straße nach ihm benannt worden wäre und kritische Stimmen jetzt eine Umbenennung fordern.

Auslöser war der Gedenkgang in Erinnerung an die mit der 1. Deportation aus Koblenz verschleppten Juden „nach dem Osten“. An der Sammelstelle für den beginnenden Holocaust damals liegt heute die Friedrich-Syrup-Straße. Ein aufmerksamer Bürger nahm daran Anstoß, die Stadtratsfraktion der GRÜNEN/Bündnis 90 stellte dazu eine Kleine Anfrage im Stadtrat, der SWR berichtete darüber und unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig schrieb dazu zwei kleinere Aufsätze in der Heimatzeitung „Blick aktuell“.

Dann wurde es still zu diesem Thema. Damit es nicht weiter still blieb, schrieb Hennig nach langen Recherchen einen umfangreichen Aufsatz über „Dr. Friedrich Syrup, die Stadt Koblenz und die Erinnerungskultur“. Dieser ist jetzt im Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte erschienen. Vor wenigen Tagen wurde das Buch vorgestellt.

Lesen Sie HIER den Bericht von Blick aktuell Nr. 1 vom 4. Januar 2018

Man darf gespannt sein, ob die Stadt Koblenz nach vielen Jahren des Verdrängens und Beschweigens die Kraft aufbringt, die Straße umzubenennen – nicht mehr nach dem niemals in Koblenz lebenden Kriegsverbrecher Friedrich Syrup, sondern nach einem Opfer des Nationalsozialismus, etwa nach der wegen des Eintretens für ihren Glauben denunzierten und im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück umgekommenen einheimischen Anna Speckhahn. Unser Förderverein bleibt an diesem Thema dran. Das ist eine Nagelprobe, ob es die Stadt Koblenz wirklich mit der Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels unserer Geschichte ernst meint.

Lesen Sie weiter den Anfang des Aufsatzes von Joachim Hennig, nach einer angemessenen Wartezeit werden wir den Aufsatz auf dieser Webseite zur Verfügung stellen.

 

Es gibt sicher Wichtigeres und Dringlicheres
Dr. Friedrich Syrup, die Stadt Koblenz und die Erinnerungskultur, von Joachim Hennig

I. Eine Kleine Anfrage und die Reaktion darauf.
Im Koblenzer Stadtteil Rauental gibt es ein Viertel, dessen Straßen vielfach nach preußischen Beamten und Feldherren benannt sind: Blücherstraße, Scharnhorststraße, Gneisenaustraße, Yorckstraße, Boelckestraße, Steinstraße. Eine Straße trägt den Namen
Syrup – dies auch wohl zur besseren Identifizierung mit dem Vornamen Friedrich. Die Friedrich Syrup-Straße ist keine große Straße, auch keine Durchgangsstraße. An ihrem Anfang und Ende stehen neuere und größere Häuser, in ihrer Mitte kleine Einfamilienhäuser. Sie sind nach einem einheitlichen Entwurf in den 1930er Jahren entstanden, Siedlungshäuser wie sie damals üblich waren. Ein Schild am Straßennamen trägt den Zusatz: „Reichsarbeitsminister 1932-1933“.

Im Frühjahr 2017 ist diese Namensgebung wieder einmal in das Bewusstsein aufmerksamer Koblenzer Bürger geraten. Auslöser war der Gedenkgang am 22. März 2017 zur Erinnerung an die erste Deportation von 338 Menschen jüdischer Herkunft aus Koblenz
und Umgebung. Wie 75 Jahre zuvor trafen sich Koblenzer Bürger in der heutigen Freiherr vom Stein-Schule in der Steinstraße und gingen den Weg, den die 338 Menschen damals zum Abtransport vom Lützeler Bahnhof und damit in den Holocaust gehen mussten. Auf dem Weg dorthin machten sie Halt an der Synagoge, wo Totengebete gesprochen wurden. Dabei passierten sie auch die Friedrich Syrup-Straße. Nicht wenige fragten sich: Wer war dieser Friedrich Syrup – „Reichsarbeitsminister 1932-1933“? Einige gingen auf Spurensuche. Einer von ihnen wandte sich wegen der Umbenennung der Straße an den Oberbürgermeister der Stadt. Er antwortete ihm prompt: „Es ist Sache des Arbeitskreises Straßenbenennungen, sich mit den Straßennamen auseinander zu setzen. (…) Umbenennungen sind besonders schwierig, weil sie für die Anwohnerschaft mit hohem Aufwand
verbunden sind.“ Abschließend verwies er auf die (vermeintliche?) Volkesstimme: „Ich glaube nicht, dass sich die Bürgerschaft wünscht, diese Diskussionen und vor allem die damit verbunden(en) Aufwände nunmehr, Jahrzehnte nach dem Krieg, wieder neu
zu entfachen.“
Die Fraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN begnügte sich nicht mit dieser „Basta“- Auskunft und stellte zur Umbenennung der Straße eine Kleine Anfrage im Koblenzer Stadtrat. Diese löste eine Berichterstattung in den Medien aus: einen Radiobeitrag des
Koblenzer Studios des SWR, einen Fernsehbericht der Landesschau aktuell des SWR, einen Artikel in der „Rhein-Zeitung“ – Ausgabe Koblenz – vom 12. April 2017, zwei Artikel des Autors dieses Beitrages in der Heimatzeitung „Blick aktuell“ – Ausgabe
Koblenz – vom 6. April und vom 20. April 2017 sowie zwei in der Rhein-Zeitung – Ausgabe Koblenz – vom 19. April 2017 veröffentlichte Leserbriefe. Beide Schreiber äußerten sich kritisch zu einer Straßenumbenennung. Einer lieferte das Motto für diesen
Beitrag: „Es gibt sicher Wichtigeres und Dringenderes, was in meiner Heimatstadt zu erledigen ist und in Ordnung gebracht werden muss, als die Umbenennung (unglücklich) gewählter Straßennamen.“
Da war er, geradezu typisch: der Widerstand gegen Umbenennungen. Sie sind im Allgemeinen nicht sonderlich beliebt, erzeugen vielmehr regelmäßig ein erhebliches Protestpotenzial.

Einer, der das wissenschaftlich aufgearbeitet hat. hat die Einwände gegen Umbenennungen systematisiert. Es gibt sechs typische Argumente dagegen. Die von Koblenzern publizierten Einwände bemühen die von ihm so genannten funktionalistischen
Argumente: „Bei diesen Argumenten werden praktische Gründe gegen eine Umbenennung ins Feld geführt. Insbesondere das Kostenargument spielt eine Rolle, wobei häufig auch Wertigkeiten hergestellt werden. ‚Erst sollten einmal die Straßen in Ordnung
gebracht werden, bevor man sich um die Namensgebung kümmert.’ Die Vermischung verschiedener Ebenen führt dazu, dass die Benennung als vermeintlich nachrangig erscheint. Dies ist auch bei der oft geäußerten Frage der Fall, ob man ‚nichts Besseres’
zu tun habe als sich um Benennungen zu kümmern. Derartige Argumente wehren die Auseinandersetzung mit dem Thema der Erinnerungskultur ab, indem sie es scheinbar marginalisieren.“ Man sieht: Die in Koblenz, der „Stadt zum Bleiben“ (Werbeslogan
der Stadt) ganz herrschende Meinung blockt mit den sattsam bekannten Argumenten eine inhaltliche Beschäftigung mit der Geschichtspolitik und der Erinnerungskultur der Stadt ab.
Damit das aber nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist, soll hier der Frage nachgegangen werden, was damit abgewehrt werden soll – ohne sich überhaupt Gedanken über den Namensgeber, die Motive der seinerzeitigen Straßenbenennung und über den Sinn, Zweck und Bedeutung von Straßenbenennungen zu machen........

 


 

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