Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Bündischer Mythos als Hochverrat

Teil 6 der RZ-Serie über Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz vom 14. Dezember 2000: E. L.

Der totalitäre NS-Staat ließ keine autonomen Instanzen und Organisationen zu, nicht einmal nonkonformes Verhalten einzelner. Dies galt auch und gerade im Bereich der Jugend. Schon 1933 gab der Reichsjugendführer von Schirach das Ziel vor: „Wie die NSDAP nunmehr die einzige Partei ist, so muss die HJ (Hitler-Jugend) die einzige Jugendorganisation sein.“ Deshalb verboten die Nazis erst den kommunistischen Jugendverband und dann die Sozialistische Arbeiterjugend. Die Jugendorganisationen der bürgerlichen Parteien lösten sich selbst auf. Dann schränkten die Nazis die Arbeit der konfessionellen Jugendverbände und der bündischen Jugendgruppen ein. 1936 folgte das Verbot der Bündischen Jugend. Das waren Gruppen, Freundeskreise bürgerlicher Jugendlicher, die ein Recht auf Selbstbestimmung und Selbsterziehung in Anspruch nahmen und eine Gegenkultur pflegten: die autonome Fahrt, das Zelten in Kothen, das Gruppenerlebnis, die Erfahrung mit Gleichaltrigen.

Trotz Verbot bildete sich in Bonn eine illegale Gruppe von Schülern, zu der auch der Andernacher E. L. gehörte. Sie veranstalteten Lager und Fahrten „nach bündischer Art“. In den Sommerferien 1937 - E. L. war 17 Jahre alt - fuhr er mit einem Freund zur Weltausstellung nach Paris. Dort lernten sie zwei jüdische Mädchen kennen, die zum Kreis um den Schriftsteller Karl Otto Paetel gehörten. Paetel war früher ein Führer der Bündischen Jugend gewesen, der wegen seiner sozialrevolutionären Ideen hatte emigrieren müssen. Er war in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, blieb aber in Paris weiter aktiv. 1938 und  nach dem Abitur 1939 fuhren E. L. und andere Schüler der Bonner Gruppe wieder nach Frankreich. Sie vertieften die Kontakte zu Paetel sowie zu den beiden Jüdinnen. Tagsüber führten sie mit Paetel politische Diskussionen und ließen sich von ihm politisch unterweisen. Abends wurde „ein bündischer Betrieb aufgezogen“ und am Lagerfeuer wurden bündische Lieder gesungen. Man kam sich näher und E. L. schlief wiederholt mit einer der beiden Jüdinnen. Nach der Rückkehr ins „Reich“ veranstalteten die Bonner weitere Fahrten und Lager  in der näheren Umgebung. Auch hielten sie brieflichen Kontakt zu Gleichgesinnten. Durch die Briefe wurde die Gruppe entdeckt, ihre Mitglieder kamen in Untersuchungshaft.

Die Folge davon waren zwei Prozesse gegen E. L. und gegen andere Mitglieder der Bonner Gruppe. Zunächst verurteilte sie das Landgericht Koblenz, E. L. u.a. wegen „Rassenschande“ zu neun Monaten Gefängnis. Das Gericht setzte sich dabei darüber hinweg, dass die „Rassenschande“ in Paris zu einer Zeit begangen worden war, in der sie im Ausland noch gar nicht strafbar war. Damit verstießen die Richter gegen den Grundsatz „Keine Strafe ohne Gesetz“ („nulla poena sine lege“), getreu dem NS-Prinzip, dass der Satz „Kein Verbrechen ohne Strafe“ die höhere und stärkere Rechtswahrheit sei. Dann verhängte der Volksgerichtshof in Berlin gegen E. L. eine dreijährige Zuchthausstrafe und gegen den „Kopf“ der Bonner Gruppe sechs Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Bestraft wurde damit der Kontakt zu dem Emigranten Paetel und die „Förderung seiner politischen Pläne“.

Im Nachkriegsdeutschland gingen die Gruppenmitglieder doch noch ihren Weg. E. L. hatte bald promoviert und war Dozent. Der „Kopf“ der Gruppe war gar Legationsrat im Auswärtigen Dienst geworden. Seine Doktorarbeit hatte das Thema „Jugendbewegung und Nationalsozialismus. Zusammenhänge und Gegensätze.“
                                                                                             

 

 


 

Ein Kuss als „Rassenschande“

 Teil 5 der RZ-Serie über Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz vom 7. Dezember 2000: Max Kaufmann

Die „Rassereinheit des deutschen Volkes“ war ein zentrales Anliegen der NSDAP und wurde die wichtigste Aufgabe der frühen NS-Rechtspolitik. Das zeigen nicht nur die vielen  Zwangssterilisationen aus „Rassenhygiene“ nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sondern auch das (Nürnberger) „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ von 1935. Es untersagte Ehen zwischen Juden und „Deutschblütigen“ und verbot außereheliche sexuelle Beziehungen zwischen den beiden Menschengruppen u.a.m. Täter konnte nur der Mann sein, egal ob Jude oder „Deutschblütiger“. Die Frau blieb straflos und sollte als Zeugin zur Verfügung stehen. Das Gesetz traf sehr viel mehr Juden als „Deutschblütige“ und isolierte diese schon sehr bald.

Einer von ihnen war der damals 57jährige jüdische Kaufmann Max Kaufmann. Er lebte in Koblenz, war durch die Inflation verarmt und Witwer. 1937 zog er zur Untermiete, zur gleichen Zeit bezog eine „Deutschblütige“ das Zimmer gegenüber. Eines Abends passt er sie im dunklen Flur ab und gibt ihr einen Kuss. Nach Angaben der Frau, die sich ihm dann entzogen hat, soll er sie von hinten  mit den Armen angefasst und die linke Brust fest gedrückt haben. Es kommt zur Anklage wegen „versuchter Rassenschande“. Der jüdische Rechtsanwalt Dr. Treidel setzt sich sehr für ihn ein.  Er macht geltend, die Zeugin sei schwachsinnig und deswegen vom Erbgesundheitsgericht zwangssterilisiert. Das hilft alles nichts. Die große Strafkammer des Landgerichts Koblenz glaubt der Zeugin und verurteilt Kaufmann wegen versuchter Rassenschande zu einem Jahr und drei Monaten Zuchthaus sowie zu drei Jahren Ehrverlust.

RA Dr. Treidel lässt nicht locker. Er legt gegen das Urteil Revision u.a. mit der Begründung ein, es liege hier kein Versuch sondern eine noch straflose Vorbereitungshandlung vor. Die Revision wird verworfen: Kaufmanns Verhalten sei darauf hinausgelaufen, die Frau zum Geschlechtsverkehr zu bewegen. Das sei schon der Anfang der Ausführung und damit strafbarer Versuch gewesen. Dafür reiche eine Handlung des Täters, die tatsächlich oder doch wenigstens nach seiner Vorstellung darauf gerichtet sei, den beabsichtigten Geschlechtsverkehr unmittelbar zu verwirklichen. So sei es aber hier gewesen - auch unabhängig davon, dass die Frau damit nicht einverstanden gewesen sei. Denn das geschützte Rechtsgut sei nicht nur das deutsche Blut sondern die deutsche Ehre, und zwar die Rassenehre des ganzen deutschen Volkes. Als Treidel von Kaufmanns „arischem“ Nachmieter erfährt, dass die gleiche Frau auch diesen Mann ohne Grund der sexuellen Belästigung bezichtigt,  stellt er noch einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Auch das lehnt die Strafkammer ab: Immerhin habe Kaufmannn den Kuss zugegeben, allein dieser rechtfertige die Verurteilung wegen  versuchter Rassenschande. Die Zuchthausstrafe wegen des Kusses hat er bis auf den letzten Tag im Zuchthaus Butzbach/Hessen verbüßt. Am 9. März 1939 wurde er entlassen. Zur Ruhe kam Max Kaufmann aber nicht mehr: 1940 musste er als Vorbestrafter von Koblenz nach Berlin, von dort deportierte man ihn in den Osten...    
                                                                                                    

 

 

 

 

 


 

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