Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

 „Wir sind die Moorsoldaten ...“

Teil 2 der RZ-Serie über Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz vom 17. Nov. 2000 : Richard Christ

Kaum waren die Nazis an die Macht gekommen, verfolgten sie ihre politischen Gegner. Als erste, äußerst brutal und hartnäckig bekämpften sie die Kommunisten. Den Vorwand hierzu lieferte der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27./28. Februar 1933. Die daraufhin erlassene „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ („Reichstagsbrand-Verordnung“) war die scheinlegale Grundlage, um reichsweit Kommunisten in „Schutzhaft“ zu nehmen.

Die Koblenzer Polizei nahm etwa 80 „Funktionäre“ der KPD fest. Einer war der Koblenzer Buchhändler Richard Christ. Er war Kandidat der KPD für die Kommunalwahlen am 12. März 1933 und wurde auch zum Stadtverordneten gewählt. Sein Mandat konnte er aber nicht antreten, blieb er doch wie die anderen in Schutzhaft. Die Häftlinge wurden im damaligen Stadtgefängnis in der Karmeliterstraße festgehalten und mussten tagsüber renovieren -  im SA-Heim an der Pfaffendorfer Brücke, in der Langemarckkaserne oder in der SS-Kaserne am Schloßplatz.

Im Juni 1933 verschärfte sich ihre Lage. Zu Vernehmungen und Misshandlungen kamen sie in die SS-Kaserne.  Besonders brutal gebärdete sich der SS-Obersturmführer Emil Faust. Ein Schutzhäftling berichtet: „Nach 24-stündiger menschenunwürdiger Behandlung ... kam ... der SS-Mann Emil Faust, traktierte uns mit Gummiknüppel, Faustschlägen und Fußtritten und sprang zuletzt wie eine Hyäne auf Richard Christ mit den Worten: ‘Da ist er ja, der intellektuelle Vogel!’ Er schlug auf ihn stundenlang ein. Ich selbst war Augenzeuge dabei und kann beeiden, dass er Christ mit dem Gummiknüppel nicht nur auf die Brillengläser in der Absicht schlug, um ihm das Augenlicht auszulöschen, sondern auch fortgesetzt Nierenschläge versetzte (ebenfalls mit dem Gummiknüppel) wie es nur fachkundige Sadisten in den Konzentrationslagern und in den SS-Höhlen taten, die auf das Leben der Gefangenen es absahen.“  

Mitte August 1933 wurde Christ mit etwa 40 anderen Schutzhäftlingen aus Koblenz in das Konzentrationslager Esterwegen, einem der „Emslandlager“, verschleppt. Dort trafen sie erneut auf Emil Faust. Er begrüsste sie mit den Worten: „Wer sind die Koblenzer? Hände hoch!“, um sich gleich auf sie zu stürzen und zu verprügeln. Dann stellte er sich ihnen vor: „Das Herz im Leibe lacht mir, wenn ich euch sehe; ihr werdet die Heimat nie wiedersehen!“

Trotz aller oder gerade wegen dieser Drangsalierungen und Quälereien entstand in den Emslandlagern zu Weihnachten 1933 das „Lagerlied von Börgermoor“, das erste KZ-Lied überhaupt. Es ist ein Überlebenszeugnis aus den KZs der Nazis und in leicht veränderter Melodie als „Die Moorsoldaten“ und in Bearbeitung von Folkmusikern wie Pete Seeger ein Aufruf für Menschlichkeit, gegen Unterdrückung und Krieg. Die erste Strofe lautet im Original:

                          Wohin auch das Auge blicket,
                          Moor und Heide nur ringsum.
                          Vogelsang uns nicht erquicket,
                          Eichen stehen kahl und krumm.
                          Wir sind die Moorsoldaten
                          und ziehen mit dem Spaten
                          ins Moor.

Richard Christ wurde 1934 aus dem KZ Esterwegen entlassen. Er emigrierte dann nach Frankreich und starb bald darauf in Toulouse an Nierenblutungen. Zeitzeugen führen dies auf die Misshandlungen durch Faust zurück. Faust selbst wurde - als einer der wenigen Täter - zu lebenslanger Haft verurteilt.
                                                                                       

 

 

 


 

„Tue recht und scheue niemand!“

 Teil 1 der RZ-Serie über Opfer des Nationalsozialisamus in Koblenz  vom 9.Nov. 2000 : Dr. Ernst Biesten

Eines der ersten Opfer der am 30. Januar 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten war der Koblenzer Polizeipräsident Biesten. Schon Anfang Februar gestalteten sie die Polizei um: Die SA, die SS und der Bund der Frontsoldaten „Stahlhelm“ ernannte man auf Anweisung Görings zur „Hilfspolizei“ und entfernte demokratische und republikanisch gesinnte Beamte  aus ihren Ämtern. Keine zwei Wochen nach der so genannten Machtergreifung wurde der Polizeipräsident Biesten, der der Zentrumspartei angehörte, wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Amt vertrieben. Damit hatten die Nazis einen unerschrockenen Demokraten und entschiedenen Gegner beseitigt.

Der 1884 in Niederlahnstein geborene Biesten war seit 1914 besoldeter Beigeordneter der Stadt Koblenz und seit 1919 Dezernent und damit Chef der damals noch kommunalen Polizei in Koblenz. In dieser Eigenschaft hatte er sich  u.a. große Verdienste im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus erworben. Stationen in diesen Auseinandersetzungen - gerade auch mit dem Gauleiter Ley und dem nationalsozialistischen „Westdeutschen Beobachter“ - waren die Demonstration der Nazis gegen die jüdischen Kaufleute Weihnachten 1926, der „Schwarze Sonntag von Nastätten“ 1926 (mit der Verhaftung von 69 Nazis, darunter auch Ley) und die Diffamierungen im Zusammenhang mit dem Lützeler Unglück 1930. Dieser ständige und harte Kampf gegen die Nazis nahm dann noch zu, nachdem Biesten - nach Verstaatlichung der Koblenzer Polizei - ab Januar 1930 erster Polizeipräsident von Koblenz geworden war.

Welch wichtiger Gegner der Nazis Biesten war, macht der Kommentar des Redakteurs des „Westdeutschen Beobachters“ zu dessen Entlassung deutlich: „In der Zeit meines jetzt rund zwölfjährigen Kampfes für Hitlers Bewegung stand ich mehr als 200 mal vor den Gerichten des Novembersystems, und nur selten hat sich ein Gegner hinterhältiger benommen wie Herr Dr. Biesten!“

Aufgrund seiner Entlassung wegen politischer Unzuverlässigkeit schaffte es Biesten jahrelang nicht, beruflich wieder Fuß zu fassen. Schließlich wurde er Prokurist und später geschäftsführender Gesellschafter einer zunächst jüdischen Schuhgroßhandlung in Frankfurt/Main.

Nach der Befreiung holten ihn die Amerikaner nach Koblenz zurück. Er wurde Polizeipräsident für den Regierungsbezirk Koblenz und war zugleich Vorsitzender der Bereinigungskommission, die im Regierungsbezirk Koblenz zunächst für die Entnazifizierung zuständig war. Biesten war Mitbegründer der CDU in Koblenz, Neuorganisator der Polizei und wäre fast Regierungspräsident von Montabaur geworden, um dann statt dessen Chef und Organisator der Rheinischen Verwaltungsschule in Cochem und  kommissarischer Landrat von Cochem zu werden. Neben Prof. Dr. Adolf Süsterhenn war Biesten maßgeblich an den Vorarbeiten für die Verfassung des Landes Rheinland-Pfalz beteiligt. Schließlich war er erster Präsident des Landesverwaltungsgerichts (Oberverwaltungsgerichts) in Koblenz und erster Vorsitzender (Präsident) des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz.

Ernst Biesten, dessen Lebensmotto lautete „Tue recht und scheue niemand“, starb 1953. Er ist auf dem Koblenzer Hauptfriedhof beigesetzt, seit einiger Zeit ist sein Grab auf dem Lageplan des Friedhofs verzeichnet. 1996 erschien über diesen „Demokraten in vier Epochen“ eine  umfangreiche Biografie.
                                                                                                   

 

 




 


      


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